Michael Freerix

* 18.6.1961 Emden
† 12.1.2026 Berlin

1. Juni 2026

Lesezeit: 2 Minute(n)

Ich kann gar nicht mehr sagen, wann wir uns das erste Mal intensiver per Mail austauschten, aber die Korrespondenz mit Michael „Michel“ Freerix beschränkte sich selten auf das Nötigste im Hinblick auf Artikel oder Rezensionen. Michel schaute gern hinter die musikalischen, medialen und gesellschaftlichen Entwicklungen, hatte immer auch das Grundlegende im Blick und vor allem das gern Übersehene. In der Hinsicht konnte der Mailverkehr fast philosophische oder zumindest zeitkritische Gestalt annehmen. Tatsächlich getroffen haben wir uns leider nur einmal, Ende der Zehnerjahre beim Rudolstadt-Festival, aber ich erinnere mich an gegenseitige Sympathie, ähnliche Wellenlänge und den Austausch tiefergehender Gedanken, auch im Analogen.

Sein Einstieg beim folker fand in der zweiten Jahreshälfte 2011 statt, als Michel zunächst als Rezensent insbesondere obskurer oder gerne übersehener Spielarten von Americana seinen besonderen Blick auf Musik und Welt zum Magazin beizutragen begann. Es folgten zusätzlich Labelporträts in ähnlicher Richtung, aber auch Artikel über Künstlerinnen und Künstler, die die Redaktion nicht immer auf dem Schirm hatte. Mochten seine Themenvorschläge vielleicht nicht immer den Kern des folker-Spektrums treffen, so waren sie doch stets fundiert und im Geiste der im Heft vorgestellten Musik. Künstlerischer Wert ging ihm vor kommerziellem Erfolg. Seine eigentliche Berufung konnte er dann ab Mitte 2018 ausleben, als er mit der Rubrik „Cinesounds“ seine eigene Spielwiese erhielt, auf der er bis zur coronabedingten folker-Pause seine als gelernter Filmemacher und Schauspieler brachliegende Expertise im Bereich filmischer Auseinandersetzung mit dem Medium Musik in lesenswerten Beiträgen zur Geltung bringen konnte.

Die Filmkarriere blieb ihm, dem frühen Vertreter der „Berliner Schule“, dem das Vermarkten der eigenen Person und die Welt der Filmförderungen und Fernsehredaktionen nicht lagen, verwehrt. Und dennoch bezeichnete der Filmwissenschaftler Olaf Möller Michels Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, „Chronik des Regens“, als den „vielleicht wichtigste[n] unbekannte[n] bundesdeutsche[n] Film der 90er-Jahre“. Außer für den folker schrieb Michel auch für andere Magazine und Zeitungen in den Bereichen Film, Kultur und Musik, etwa für die taz. Und verfolgte darüber hinaus noch viele weitere Aktivitäten oder Interessen, ob als Kurator, Radiomacher, DJ – immer im Dienst der Kunst. Und auch nach dem Neustart des folker 2021 blieb er dem Magazin als Rezensent und Autor erhalten – zuletzt entwickelte er ein kleines Faible für Musik aus Österreich, dem spannende Artikel entsprangen etwa über Sibylle Kefer oder den Nino aus Wien.

Kurz vor seinem viel zu frühen Tod verhandelten wir neue Themenvorschläge, nach einem kurzen Routineaufenthalt im Krankenhaus wollte er sich melden. Leider konnte er das nicht mehr, und die folker-Redaktion nimmt traurig Abschied von einem geschätzten Kollegen und Mitarbeiter, dem das Magazin zahlreiche lesenswerte Beiträge zu verdanken hat, die dessen buntes Spektrum erweitert und bereichert haben. Michels letzter Text für den folker war traurigerweise ebenfalls ein Nachruf: der auf Gertrude Degenhardt in der Ausgabe #1.26 – dessen Abdruck im Heft er bedauerlicherweise nicht mehr erlebte.

Stefan Backes

Foto: Alexander du Prel

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