Alogte Oho

Kumasi-Berlin-Connection

22. Oktober 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Der deutsche Schlagzeuger und Produzent Max Weissenfeldt baute sich in den vergangenen Jahren in Ghana ein reges Netzwerk an Musikern auf. Daraus entstand nun die begeisternde Produktion Mam Yinne Wa des Frafra-Gospel-Künstlers Alogte Oho und seines kraftvollen Frauenchor Sounds of Joy.
Text: Olaf Maikopf

Als Jugendlicher verfiel Max Weissenfeldt der afroamerikanischen Musik, hörte Hip-Hop und ergründete die Ursprünge von Samples. Bald darauf formierte der Schlagzeuger gemeinsam mit seinem Bruder Jan die Poets of Rhythm. Eine Gruppe, die klang, als würde eine originale Funkband der späten Sechzigerjahre spielen. Ihr Album Practice What You Preach brachte 1993 eine weltweite Neo-Funk- und Soul-Bewegung in Gang. Doch Max war da schon weiter, spielte mit den Ethnojazzern Embryo und ergänzte das Funkspektrum seiner Bands The Whitefield Brothers und Polyversal Souls um äthiopische Skalen und westafrikanische Polyrhythmik, für deren Studium er extra nach Ghana gereist war. Ab 2007 kamen dann Einladungen zu Plattenaufnahmen von The Heliocentrics, Dan Auerbach, Dr. John, Bombino und Lana Del Rey.

Seit ein paar Jahren hat Max Weissenfeldt mit Philophon ein eigenes Plattenlabel, veröffentlicht dort den ghanaischen Griot Guy One, Finnlands Afro-Kraut-Visionär Jimi Tenor, den kalifornischen Afrobeat von Idris Ackamoor & The Pyramids, Vinylsingles der Poetrykünstlerin Bajka und ganz aktuell das Album Mam Yinne Wa des ghanaischen Sängers Alogte Oho.

„In Kumasi bin ich wirklich in Ghana.“

Dass es zu dem Album von Alogte Oho kam, hat einen ganz speziellen Hintergrund. Denn Max Weissenfeldt verlegte im vergangenen Jahr nicht nur seinen Wohnsitz, sondern auch sein Blütenring-Tonstudio nach Ghana, in die Provinzhauptstadt Kumasi der Ashanti-Region. „Ausschlaggebend war die immense Mieterhöhung meines Kreuzberger Studios und der Philophon-Büros durch den neuen Hauseigentümer, eine riesige Immobiliengesellschaft. Ich hatte dort paradiesische Zustände, auch die Miete betreffend. Im Mai 2019 fuhr ich dann nach Ghana, um letzte Aufnahmen für ein Album zu machen. In der Zeit fand ich in einer ruhigen Gegend Kumasis ein wunderschönes Haus mit Garten, das locker Platz für meine Regie, den Aufnahmeraum und einen Haufen Zimmer für mein engstes Umfeld und mich zur Verfügung stellt. Wenn ich will, setze ich mich in den Garten unter die Palmen und lese. Oder ich fahre gleich morgens das Studio hoch und feile an neuen Veröffentlichungen.“

Aber warum Kumasi und nicht die geschäftige Hauptstadt Accra? „Genau das fragte mich auch ein dortiger Musiker. Ich antwortete, weil hier die Quelle des Highlife ist. Tatsächlich kommen die meisten Musiker in Accra ursprünglich aus Kumasi. Das war auch schon in der Vergangenheit so. Kumasi ist einfach die kulturelle Hauptstadt des Landes. Sie ist in Jahrhunderten gewachsen. Accra war im Gegensatz die Administrationszentrale der Briten und wurde vor nicht einmal hundert Jahren aus dem Boden gestampft. Für mich ist Accra nur Flughafen. In Kumasi, da bin ich wirklich in Ghana. Es wäre wunderbar, wenn ich mithelfen könnte, Kumasis Musikszene mehr nach vorne zu bringen. Während eines früheren Aufenthalts wollte ich mal eine Highlife-Band in Kumasi aufnehmen. Es fand sich allerdings kein Studio, in dem eine komplette Liveband hätte spielen können. Alles ist hier inzwischen auf Midiproduktion mit Gesangskabine ausgerichtet. Das habe ich potenziell nun geändert“, freut sich Max Weissenfeldt.

So kam es auch zur Platte mit Alogte Oho. Von ihm hatte Weissenfeldt bei seinem ersten Aufenthalt in Bolgatanga, der im Norden Ghanas liegenden Hauptstadt der Frafra, ein Stück im Radio gehört. Guy One kannte Alogte Oho und arrangierte ein erstes Treffen. „Wir haben dann auch gleich gemeinsam das Stück ‚Zota Yinne‘ aufgenommen, das die zweite Singleveröffentlichung auf Philophon wurde und inzwischen eine gesuchte Rarität ist“, berichtet Weissenfeldt. Alogte Oho hatte bereits eine Reihe an Kassetten auf dem heimischen Markt, aber die waren eher schlecht produziert. Darum war er froh, als Weissenfeldt anbot, mit ihm zu arbeiten.

Sarah Lesch; Foto: Sandra Ludewig

Alogte Oho ist ein Kind der Frafra, eines Volkes in Ghana, das einen markanten Gesang zu seinem Kulturgut zählt. Was sind dessen Charakteristiken? „Frafra-Gesang ist fast ausnahmslos pentatonisch. Der lokale Rhythmus ist immer im Zwölfachteltakt. Erst in neuerer Zeit sind der Reggae- und Highlife-Rhythmus hinzugekommen. Ursprünglich wurde zum Gesang nur geklatscht. In den Kirchen werden heute oft noch eine Trommel und Rasseln hinzugenommen“, erläutert Alogte Oho den Background der Frafra-Musik. Seine Texte haben meist einen religiösen Inhalt, der Sänger ist römisch-katholischer Christ, so wie die Mehrzahl in der Frafra-Region. „Das ist im Vergleich zum restlichen Ghana eine Ausnahme, da sonst eher protestantisch-amerikanische Kirchen wie Pentekostale, Methodisten oder Baptisten verbreitet sind. Yinne heißt ‚Gott‘ und um Yinne geht es meist in den Texten. Inhaltlich kann man sie wohl gut mit Bach-Chorälen vergleichen: ‚Gott, du liebst mich; Gott, du mein Hirte …“, erklärt Alogte Oho.

Den Großteil von Mam Yinne Wa produzierte Max allerdings noch während seiner letzten Zeit in Berlin. Die jeweiligen Ergebnisse übermittelte er dann an den Sänger, von dem dann auch direkt Feedbacks kamen wie: „Es gibt einen deutlichen Unterschied zu meinen zuvor aufgenommenen einfachen Midiproduktionen. Die neuen Stücke hören sich viel besser an.“ Im Zuge ihrer Arbeit fingen die beiden dann an, gemeinsam Stücke zu entwickeln, noch einen B- und manchmal sogar einen C-Teil zu einem Lied zu ergänzen. „So entwickelten wir peu à peu größere Formen mit Gegenmelodien, Pre-Chorus, Middle-Eight-Teilen und den ganzen Spielereien. Diese Anregungen hat Alogte Oho nun fest in seinen Stil übernommen und dadurch sogar eine kleine Neuerungswelle in der Gospelszene vor Ort angestoßen“, sagt Max Weissenfeldt.

Musik ist eine Sprache, die nonverbal funktioniert, und wenn der Rhythmus stimmt, wie bei der Kooperation des Ghanaers Alogte Oho mit seinem deutschen Produzenten, dann ist sie universell, jeder versteht sie und es wird ein Gemeinschaftsgefühl geweckt. Anders als bei simplen sogenannten Weltmusikprojekten, wo es lediglich darum geht, einen in Afrika lokal bekannten Musiker mit Hilfe westlicher Produktionstechnik für den hiesigen Markt kompatibel zu machen. „Ich reibe mich sehr an dem Begriff oder Konzept ‚Weltmusik‘. Da wird aus einer Perspektive der westlichen Musikindustrie alles, was außerhalb ihrer Hemisphäre stattfindet, plötzlich Weltmusik. Das überzeugt mich nicht, weil natürlich auch häufig die Ernsthaftigkeit dahinter fehlt. Die Sachen sollten behutsam zusammenfügt und nicht irgendwie als ein Eintopf zusammengemanscht werden“, gibt der Produzent Max Weissenfeldt deutlich aufgewühlt zu Protokoll.

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alogteohoandhissoundsofjoy.bandcamp.com
facebook.com/alogteoho
philophon.com

Aktuelles Album:

Alogte Oho and his Sounds of Joy, Mam Yinne Wa (Philophon/Groove Attack, 2019)

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