Kronos Quartet

Globale Streicherphilosophie

21. Oktober 2022

Lesezeit: 5 Minute(n)

„Man hört vier vernünftige Leute sich unterhalten, glaubt ihren Diskursen etwas abzugewinnen und die Eigentümlichkeiten der Instrumente kennen zu lernen.“ So beschrieb schon Johann Wolfgang von Goethe das Spiel eines Streichquartetts im Jahre 1829. Fast zweihundert Jahre später gilt das Urteil des Dichters immer noch – auch wenn 1973 als ein entscheidendes Datum angesehen werden muss, ab dem sich vieles für das kammermusikalische Genre änderte. Denn mit der Gründung des Kronos Quartet wurde die Philosophie des Streichquartetts eine globale.
Text: Stefan Franzen

Bis heute sind die vier Musiker um David Harrington aus San Francisco das wahrscheinlich bekannteste String Quartet der Welt, ganz sicher aber das experimentierfreudigste. Mehr als sechzig Alben und tausend Werke – das ist die Bilanz aus 47 Jahren stil- und weltumspannender Arbeit. Es gibt kaum eine Klangkultur, in die Harrington und seine Kollegen und Kollegin John Sherba, Hank Dutt und Sunny Yang (die den Kronos-Cellobogen seit 2013 schwingt) nicht eingetaucht wären. Wenn sie im Juli zum Rudolstadt-Festival kommen, können sie aus einem Repertoire schöpfen, das schier grenzenlos ist.

„Ich fühle mich in jeder Musik der Erde daheim“, bestätigt David Harrington im Interview. „Wenn wir ein Konzert mit einem Stück von Omar Souleyman eröffnen, dann bekomme ich Lust, zu einer syrischen Hochzeit zu gehen, spiele ich eine Komposition einer indischen Geigerin, dann bin ich schnell in Indien, obwohl ich physisch nie dort war. Musik ist für mich eine Gelegenheit, die Zahl der Orte zu erhöhen, die ich mein Zuhause nennen kann.“ Nur ein paar dieser „Zuhause-Orte“ aus den letzten Jahrzehnten seien aufgezählt: 1989 verhalfen sie der Minimal Music zu einem Popularitätsschub, als sie Steve Reichs Different Trains mit gesampelten Eisenbahngeräuschen aus den USA und Europa aufnahmen. Als ein früher Weltmusik-Meilenstein gelten die Pieces Of Africa von 1992, mit dem sie Werke von Komponisten zwischen Mali und Südafrika vorstellten; 2002 stürmten sie auf Nuevo die Welt der mexikanischen Mariachi- und Ranchera-Musik; drei Jahre später tauchten sie mit Bollywood-Diva Asha Bhosle tief in den Klangkatalog der indischen Filmindustrie ein.

„Je tiefer ich ins Detail gehe, desto mehr Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen finde ich.“
David Harrington

Während all der Jahrzehnte ist das Kronos Quartet auch immer seiner ersten Liebe, der Neuen Musik verpflichtet geblieben, wirkt bis heute regelmäßig an Uraufführungen mit. Gerade wer mit diesem Genre fremdelt, sollte sich einmal ein solches Konzert gönnen. Wie an einem denkwürdigen Abend Anfang 2017, den ich in der Roy Thomson Hall in Toronto beim New Creations Festival miterlebte: Eingebettet in Orchester- und Elektronikklänge sowie Videoprojektionen legen die Kronos-Mitglieder immer wieder die Geigen, Bratsche und das Cello zur Seite, spielen singende Schläuche, schnurrende Rappelkästen, stampfen mit den Füßen auf den Boden. Die Weltpremiere von „Black MIDI“ aus der Werkstatt der kanadischen Komponistin Nicole Lizée ist dem Quartett wie auf den Leib geschneidert. Diese geradezu anarchische Lust kam dem wandlungsfähigen Vierer, der nur wenige Umbesetzungen erfahren hat, von Beginn an nicht abhanden. Schaut man allerdings auf drei der neuesten Werke, stellt man schnell fest, dass es auch ganz reduziert und fast dienend geht.

Da sind etwa die Folk Songs: Die Idee der Platte geht auf den ehemaligen Nonesuch-Chef Bob Hurwitz zurück, der den Fünfzigsten des Labels mit einer Reihe von Konzerten feiern wollte. Für Kronos schlug er eine Begegnung mit Sängerinnen und Sängern aus dem Verlagsrepertoire vor: Hipster-Folkie Sam Amidon aus Vermont, Rhiannon Giddens, einer der herausragenden Persönlichkeiten der aktuellen Americana-Szene, das alte Indie-Schlachtross Natalie Merchant und die preisgekrönte Britfolkerin Olivia Chaney. Vier Instrumentalisten, vier Vokalisten, zweimal vier Gesangsstücke. Die magische Vier ist überall präsent. Zufall? „Die Quartetness des Universums ist enorm wichtig für uns“, sagt Harrington mit fast britischem Humor. Um dann nüchtern fortzufahren: „Über eine Arbeitsphase von Monaten filterten wir die Songs heraus, die am schönsten waren, und überlegten uns bei den Arrangements dann, wie wir unsere Möglichkeiten als Streichquartett in die Charakteristika einer jeden Stimme übersetzen könnten. Einfach da sein, ein komfortables Heim für jeden Song bereiten“, nennt Harrington das. „Wir hatten nicht das Bedürfnis, die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.“

Kronos Quartet mit Mahsa Vahdat; Foto: Evan Neff

Ähnlich ist das auf zwei anderen Produktionen aus jüngster Zeit. Ladilikan führt das Kronos Quartet in die Sahelzone, mitten hinein in die jahrhundertealte Tradition der malischen Griots. Die Amerikaner sind hier nicht die Hauptpersonen wie noch auf Pieces Of Africa, sondern sie liefern eher delikate Texturen für Gesang, Balafon und Ngoni-Laute. Die kräftigen Vocals von Hawa Kassé Mady Diabaté paaren sich mit schwebenden Liegetönen und sanfter Chromatik der Streicher, ganz gelegentlich auch mit majestätischen Bordunen. David Harrington sagt, von allen Kronos-Kollaborationen sei diese seine liebste, Balafonspieler Fodé Lassana Diabaté dagegen gibt zu: „Als das Kronos Quartet mir eine Zusammenarbeit vorschlug, hatte ich Angst. Das Balafon ist ja ein melodienspielendes Percussioninstrument, wie soll das mit Streichern aus der klassischen Musik des Westens funktionieren?“ Dass es funktionierte, ist wiederum ein Zeichen für die Einfühlsamkeit der vier Amerikaner. „Als wäre es ihre eigene Musik“, attestierte Diabaté fast ehrfürchtig, als die Sessions im Kasten waren.

Für Placeless, das neueste Teamwork, ging das Quartett mit den bekannten iranischen Schwestern Mahsa und Marjan Vahdat in die Kulturkirken Jakob in Oslo, um ihre in einem langen Prozess erarbeiteten Gemeinsamkeiten für das Label KKV einzufangen. „Die Chemie stimmte bei uns einfach“, sagt Vahdat, die seit 2016 mit dem Kronos Quartet arbeitet. „Natürlich gab es auch Herausforderungen. Gerade bei den Avaz, den langsamen, rhythmisch freien Eingangssequenzen der persischen Musik, mussten wir sehr detailliert vorgehen. Vom ersten bis zum letzten Treffen vor Aufnahmebeginn vergingen zwei Jahre. Zeit und Reife spielten eine große Rolle.“ Dies liegt auch ganz zentral daran, dass die delikaten Resonanzen der bis zu achthundert Jahre alten Poesie der Mystiker Rumi und Hafez, aber auch der neuen zeitgenössischen Gedichte in der Musik erhorcht werden mussten – schließlich beherrscht keiner der vier Amerikaner das Farsi. Rauchige, obertonreiche Liegetöne bis hin zum fast romantischen Quartettsatz sind die Settings, in denen die persische Lyrik jetzt neu erblüht. Eine intensive Zwiesprache zweier Völker, die im politischen Tagesgeschäft Erzfeinde sind, ist das Resultat. Welcher Klangkörper des heutigen schnelllebigen klassischen Musikbetriebs würde sich auf so eine kulturübergreifende Puzzlearbeit noch einlassen? Das Kronos Quartet dürfte auch hier eine Ausnahmestellung besitzen.

Wenn die vier in Rudolstadt am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, auf die Bühne gehen wird, kann man sicher sein, dass falscher Patriotismus in keinem Takt vorhanden sein wird. Bevor er zur nächsten Probe mit seinen drei Mitmusikern eilt, fasst David Harrington die Kronos-Philosophie nochmals zusammen: „Je tiefer ich ins Detail gehe, desto mehr Ähnlichkeiten statt Unterschiede zwischen den Kulturen finde ich. Wir stellen uns der ganzen Welt der Musik, saugen alles auf, was wir wunderbar finden, und versuchen, unsere Zuhörer zu einer aktiven Entdeckungsreise zu ermuntern, ihnen zu zeigen, wie die Musik allein das Denken verjüngen kann. Und wie sie uns erlaubt, neue Dinge über andere Menschen herauszufinden. Mit John, Hank und Sunny jeden Tag spielen zu dürfen, ist eines der größten Vergnügen. Ich genieße es heute mehr, als ich es in meinem ganzen Leben getan habe.“

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kronosquartet.org

Aktuelle Alben:

Placeless (mit Mahsa & Marjan Vahdat; KKV/Indigo, 2019)
Folk Songs (Nonesuch/Warner, 2017)
Ladilikan (mit Trio Da Kali; World Circuit/Warner, 2017)

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