Damir Imamović

Ein Geburtstag mit Folgen

3. Oktober 2022

Lesezeit: 5 Minute(n)

Wer immer dann, wenn von Balkanmusik die Rede ist, an schmetternde Blechblasorchester denkt, hat etwas verpasst. In Bosnien steht die alte Tradition der sehnsuchtsvollen Sevdalinka oder Sevdah-Musik in frischer Blüte und zeigt eine andere Seite des Balkans. Einer ihrer aktuellen Stars ist der 41-jährige Sänger Damir Imamović aus Sarajevo.
Text: Guido Diesing; Fotos: Samir Cerić Kovačević

Er hätte es sich leicht machen können. Blickt man auf seine Familiengeschichte, ist es wenig überraschend, dass Damir Imamović heute ein erfolgreicher Sänger ist. Sein Großvater Zaim gehörte zu den bekanntesten Sevdalinka-Interpreten seiner Zeit, auch sein Vater war Musiker. Doch gerade deswegen wollte Damir eigentlich andere Wege gehen. „Es ist schon komisch. Inzwischen habe ich auch noch herausgefunden, dass die Schwester meines Großvaters eine der wichtigsten Sevdah-Sängerinnen vor dem Zweiten Weltkrieg war. Er selbst war ein großer Radiostar. Dann mein Vater. Mein älterer Bruder ist auch Musiker, und ich habe Gitarre gelernt. Irgendwann war mir das alles zu viel, wenn jeder erwartet, dass du in seine Fußstapfen trittst. Ich habe andere Dinge gemacht, Philosophie studiert und mich dabei in die deutsche Sprache und deutsche Philosophen verliebt. Erst als ich schon 26 oder 27 war, ist mir klar geworden, wie schön diese Musik ist und dass ich wirklich etwas darin zu sagen habe. Dieses Genre hat so viel zu bieten, eine monumentale Geschichte und Tradition.“

Diese Tradition ist bis ins fünfzehnte Jahrhundert zurückzuverfolgen und besteht aus ursprünglich unbegleitet gesungenen Liedern, in deren ornamentierten Melodien orientalische und sephardische Einflüsse deutliche Spuren hinterlassen haben. Sevdalinka gilt wegen ihrer melancholischen Grundstimmung und ihrer schwermütigen Texte über unerfüllte Liebe als der Blues des Balkans und wird häufig mit dem portugiesischen Fado verglichen.

Damir Imamovićs gefühlvoll sanfte Stimme passt bestens zu den alten Liedern, doch er belässt es nicht dabei, Traditionen zu reproduzieren, sondern sucht nach neuen Ausdrucksformen. „Ich denke, wir müssen immer unseren eigenen Weg finden. Natürlich bin ich kritisiert worden, weil man von mir erwartet hat, einfach fortzusetzen, was mein Großvater gemacht hat, aber das war nie mein Ziel. Es wäre zu einfach und auch abgedroschen gewesen.“ Zunächst arbeitete er im Trio, später solo, bevor er 2012 die Band Sevdah Takht gründete, die mit Gitarre/Tambur, E-Bass, Geige und Percussion moderne Töne anschlug und ein neu erwachtes Sevdah-Interesse auch der jüngeren Generation befeuerte. „Ich bin glücklich, dass ich mit meinem Ansatz Erfolg hatte und in den letzten vierzehn oder fünfzehn Jahren dazu beitragen konnte, mit vielen anderen Musikern ein Revival dieser Musik zu beginnen.“ Dass dabei die Übergänge zwischen Tradition und Moderne verschwimmen, ist ganz in Imamovićs Sinn. „Es ist ein großes Kompliment, wenn selbst Bosnier nicht sagen können, welche Songs von mir sind und bei welchen es sich um Klassiker handelt, die ich überarbeitet und neu arrangiert habe.“

„Ich denke, wir müssen immer unseren eigenen Weg finden.“

Mit seinem neuen Album Singer Of Tales veröffentlicht Damir Imamović nun sein bisheriges Meisterstück. Ein echter Coup ist schon die internationale Besetzung des darauf zu hörenden Quartetts. Der virtuose türkische Kemençe-Spieler Derya Türkan, mit dem sich Imamović einst bei Ross Dalys Labyrinth Musical Workshop auf Kreta angefreundet hat, umspielt mit kunstvollen Verzierungen die Gesangslinien und trägt viel zur einnehmenden Atmosphäre der Einspielung bei.

Am Kontrabass steht mit Greg Cohen ein Musiker, in dessen Vita sich Namen wie Tom Waits und Donovan, Laurie Anderson und Bob Dylan, John Zorn und Ornette Coleman aneinanderreihen und den man kaum auf einem Sevdah-Album erwartet hätte. Imamović lernte den Bassisten eher zufällig nach einem Auftritt im kroatischen Pula kennen. „Ein Typ kam nach dem Konzert zu uns, als wir CDs signierten. Er sagte, das Konzert habe ihm gefallen, kaufte eine CD und ich signierte sie für ihn, als mich mein Bassist mit dem Ellbogen anstieß und mir zuraunte: ,Hey, das ist Greg Cohen. Mein Gott!‘ Es war lustig: Ich habe ihn nicht erkannt, obwohl ich seine Musik aus so vielen unterschiedlichen Kontexten kenne. Er ist ein genialer Musiker und ein großartiger Mensch.“ Die beiden blieben in Kontakt und trafen sich später erneut in Berlin, wo Cohen seit 2009 einen Lehrauftrag am Jazz-Institut innehat. Die Fähigkeit des US-Amerikaners, sich in die Balkanmusik einzufühlen, wunderte Imamović nicht. „Er hat viel mit Masada und in anderen John-Zorn-Projekten gespielt und kennt sich dadurch gut in osteuropäischer Musik aus, mit einem experimentellen Ansatz und Einflüssen aus jüdischer Musik.“

Damir Imamović; Foto: Samir Cerić Kovačević

Zur Feier seines vierzigsten Geburtstags, der 2018 mit einem Konzert in Sarajevo begangen werden sollte, kam dem Bosnier dann die Idee, ein gemeinsames Projekt mit Türkan und Cohen auf die Bühne zu bringen. Zu den Proben lud er noch Ivana Đurić, die Geigerin seiner Gruppe Sevdah Takht, ein. „Greg und Derya wollten gerne die typische Sevdah-Geige kennenlernen. Einer der magischsten Momente war dann, wie Derya und Ivana als Streicher harmoniert haben. Sie spielten dieselben Melodien, jeder im eigenen Stil, und ich musste es nicht einmal arrangieren. Ich habe Melodien gesungen und sie haben einfach von selbst ihren jeweiligen Weg gefunden.“ Alle Beteiligten, auch die im Publikum anwesenden Produzenten Joe Boyd (Fairport Convention, Nick Drake, June Tabor u. v. a.) und Andrea Goertler waren sich einig, dass diese Besetzung zusammen ins Studio gehen sollte. „Es war zu gut, um es nicht zu tun“, fasst der Sänger zusammen.

Eine Besonderheit auf einem Album ohne Ausfälle ist eine in Ladino gesungene Version des sephardischen Liebeslieds „Adio Kerida“, mit dem Imamović die enge Verbindung zwischen Sevdah und der Liedkultur der sephardischen Juden hervorheben will. „Diese alte Musik in Ladino war der Sevdah-Musik historisch gesehen immer nah. Sie wurde in denselben Musikerkreisen gesungen. Gerade dieses Lied ist besonders, weil es nicht nur international bekannt ist, sondern die letzte Strophe auch noch von jemandem aus Sarajevo geschrieben wurde. Man hört in der Musik, dass diese Gemeinsamkeit lange existiert hat.“

Den Schlusspunkt bildet das von Imamović geschriebene „Čovjeku Moje Zemlje“ („To The People Of My Country“), in dem er sich Gedanken über die Lage in seinem Heimatland macht. Er hat die idealistische Hoffnung, dass die Musik mit ihrer gemeinschaftsbildenden Kraft dazu beitragen kann, die vom Balkankrieg immer noch vernarbte Seele des Landes zu heilen. „Dieser Song ist mir wirklich wichtig. Ich hatte die Melodie und einzelne Textfragmente schon lange im Kopf. Es ist eine Art Gespräch mit den Menschen in meinem Land. Diese Musik hatte immer – wie alle traditionelle Musik – etwas mit Identität zu tun. Sie bedeutet den Leuten sehr viel – Bosniern, Serben, Kroaten, die wegen des Kriegs in den Neunzigern den Balkan verlassen haben und heute überall in der Welt verstreut leben. Ich habe das Gefühl, dass Sevdah-Musik immer noch zu ihnen spricht, auf vielen Ebenen.“

Und wenn neben seinen Landsleuten auch die übrige Welt die etwas andere Balkanmusik entdeckt – umso besser. „Früher kannte man im Westen nur die großen Trompeten-Orkestras von Goran Bregović und anderen. Das war so populär, dass die ganze Region allein mit diesem Klang assoziiert wurde. Ich erinnere mich an meine ersten Festivals in Italien und Deutschland vor etwa zwölf Jahren. Die Leute waren überrascht, denn von einer Band aus Sarajevo erwarteten sie Trompeten. Wo ist der Balkan-Beat, wo ist der Raki-Schnaps auf der Bühne, wo sind die Gypsys, die durchdrehen? In der Zeit war Balkanmusik gleichbedeutend mit Partymusik. Es hat lange gedauert für mich und meine Generation, dass auch eine andere Seite der Musik dieser Region gesehen wird. Aber so langsam kommen wir dahin.“

Cover Singer of Tales

damirimamovic.com

Aktuelles Album:
Singer Of Tales (Wrasse Records, 2020)

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