Canzoniere Grecanico Salentino

Treibende Rhythmen und erdige Stimmen

25. Juli 2022

Lesezeit: 5 Minute(n)

Die Region von Salento, der Stiefelabsatz Apuliens, besitzt eine der lebendigsten Musikszenen Italiens. Das Ensemble Canzoniere Grecanico Salentino hat es wie kaum eine andere Gruppe der Region geschafft, diese in der restlichen Welt bekannt zu machen. 2018 erhielt das Septett mit dem Album Canzoniere den Songlines Award für eine der vier besten Produktionen Europas. Frucht der Auszeichnung war ihr Auftritt in der Royal Albert Hall.
Text: Martin Steiner

„Heute tanzt und singt der ganze Saal.“

Salento ist die Heimat der Pizzica. Ihr Ursprung ist nicht genau bekannt. Es wird vermutet, dass der Tanz auf das vierzehnte Jahrhundert zurückgeht. Gewöhnlich unterscheidet man drei Varianten. Die bekannteste ist die Pizzica Taranta, ein heilender Ritualtanz, bei dem die Männer mit Rahmentrommeln die von der Tarantel gestochene Frau in Trance spielen. Ihr frenetischer Tanz soll helfen, das Gift der Spinne aus ihrem Körper auszutreiben. Bei der Pizzica Pizzica tanzen Paare abwechselnd in der Mitte eines Kreises von Tanzenden. Diese Form kommt vorwiegend bei festlichen Anlässen zum Tragen. Am 15./16. August wird zu Ehren des heiligen Rochus im Pilgerort San Rocco die Pizzica Scherma getanzt. Dabei ahmen zwei Männer ein Duell nach. Der Gegner wird mit den Fingern erstochen. Wer den anderen zuerst berührt, hat gewonnen und stellt sich einem neuen Widersacher.

Die Geschichte des Canzoniere Grecanico Salentino reicht zurück bis in die Zeit des Folkrevivals Mitte der Siebzigerjahre. Ein Freund informierte Daniele Durante, den späteren Gründer der Gruppe, dass seine Kusine Rina Durante plane, eine Musikgruppe zu gründen. Sie war weder Sängerin noch Musikerin. Ihr Interesse galt der Suche nach dem traditionellen Liedgut der Gegend und dessen Ursprüngen. So gründete Daniele Durante 1975 mit Freunden den Canzoniere Grecanico Salentino. „Als wir anfingen, hatte die Pizzica kaum einen Stellenwert. Niemand wusste so recht, wie man mit der richtigen Handbewegung das Tamburello, die Rahmentrommel, zum Klingen bringt. Per Zufall stieß ich auf Cosimino Surdu, einen alten Mann aus Kalimera, der noch wusste, wie das geht. Ebenso wenige Leute konnten die Pizzica tanzen. In unseren Anfängen standen wir auf der Bühne, das Publikum saß unten und hörte uns still zu. Heute tanzt und singt der ganze Saal“, erzählte der Musiker dem Journalisten Antonio Iovane in einem Interview. 2007 verließ Durante die Gruppe und übergab die musikalische Leitung seinem damals 26-jährigen Sohn Mauro.

Salento ist die Heimat der Pizzica. Ihr Ursprung ist nicht genau bekannt. Es wird vermutet, dass der Tanz auf das vierzehnte Jahrhundert zurückgeht. Gewöhnlich unterscheidet man drei Varianten. Die bekannteste ist die Pizzica Taranta, ein heilender Ritualtanz, bei dem die Männer mit Rahmentrommeln die von der Tarantel gestochene Frau in Trance spielen. Ihr frenetischer Tanz soll helfen, das Gift der Spinne aus ihrem Körper auszutreiben. Bei der Pizzica Pizzica tanzen Paare abwechselnd in der Mitte eines Kreises von Tanzenden. Diese Form kommt vorwiegend bei festlichen Anlässen zum Tragen. Am 15./16. August wird zu Ehren des heiligen Rochus im Pilgerort San Rocco die Pizzica Scherma getanzt. Dabei ahmen zwei Männer ein Duell nach. Der Gegner wird mit den Fingern erstochen. Wer den anderen zuerst berührt, hat gewonnen und stellt sich einem neuen Widersacher.

Die Geschichte des Canzoniere Grecanico Salentino reicht zurück bis in die Zeit des Folkrevivals Mitte der Siebzigerjahre. Ein Freund informierte Daniele Durante, den späteren Gründer der Gruppe, dass seine Kusine Rina Durante plane, eine Musikgruppe zu gründen. Sie war weder Sängerin noch Musikerin. Ihr Interesse galt der Suche nach dem traditionellen Liedgut der Gegend und dessen Ursprüngen. So gründete Daniele Durante 1975 mit Freunden den Canzoniere Grecanico Salentino. „Als wir anfingen, hatte die Pizzica kaum einen Stellenwert. Niemand wusste so recht, wie man mit der richtigen Handbewegung das Tamburello, die Rahmentrommel, zum Klingen bringt. Per Zufall stieß ich auf Cosimino Surdu, einen alten Mann aus Kalimera, der noch wusste, wie das geht. Ebenso wenige Leute konnten die Pizzica tanzen. In unseren Anfängen standen wir auf der Bühne, das Publikum saß unten und hörte uns still zu. Heute tanzt und singt der ganze Saal“, erzählte der Musiker dem Journalisten Antonio Iovane in einem Interview. 2007 verließ Durante die Gruppe und übergab die musikalische Leitung seinem damals 26-jährigen Sohn Mauro.

Wer das Debütalbum aus dem Jahr 1977, Canti Di Terra E Della Grecia Salentina, mit dem neuen Album Meridiana vergleicht, hört eine andere Band. Für die Anfänge stehen Lieder und Balladen mit klaren, hellen Frauenstimmen, gesungen zu einfacher Gitarrenbegleitung. Die aktuelle Formation zeichnet sich durch treibende Pizzicarhythmen mit Geige, Akkordeon, Zupfinstrumenten, elektrischem Bass, Tamburinen, Rahmentrommeln und dem erdigen, rauen Gesang der Frauen- und Männerstimmen aus. Hinzugekommen sind mit Synthesizer erzeugte Bassdrones, die eine hypnotische Stimmung erzeugen. Das Album wurde von Justin Adams produziert, der unter anderem für den Sound von Robert Plants Mighty Rearranger oder Aman Iman von Tinariwen verantwortlich zeichnete. Beim ersten Anhören muss man sich an die intensiven Bässe gewöhnen. Bei wiederholtem Abspielen erschließt sich einem die Klangwelt von Meridiana in voller Breite. Noch nie klangen die Stimmen der Gruppe so eindringlich und intensiv. Jeder Ton der Instrumente hat auf dem glasklar abgemischten Album seinen Platz. Und wie immer beweist der Canzoniere die Offenheit gegenüber Musikeinflüssen anderer Kulturen. Auf „Pizzica Bhangra“ spielen sie sich mit den Trommlern der US-amerikanisch-indischen Bhangra Band Red Baraat in Ekstase. Und da ist auch noch der neapolitanische Liedermacher, Sänger und Multiinstrumentalist Enzo Avitabile, der die Texte zu „Tic E Tac“ geschrieben hat.

Musikalisch bietet Meridiana – zu Deutsch „Sonnenuhr“ – weit mehr als nur Pizzica. Die zwölf Lieder des Konzeptalbums stehen für den zwölfstündigen Tag der Sonnenuhr. Mauro Durante und seine Gruppe schufen ein Werk, das den Ablauf der Zeit dokumentieren will. Die Texte umspannen das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod, die mythische Vergangenheit der Orpheussage bis zu heutigen Umweltkatastrophen. „Ninnarella“, ein traditionelles Schlaflied im nordsalentinischen Dialekt, dürfte jedem Kind eine schlaflose Nacht bereiten. Da reißt der Wolf ein Lamm und ein Kobold lauert darauf, mit dem Kleinen Schabernack zu treiben, wäre da nicht die Jungfrau Maria, die es beschützt. Alpträume anderer Art verursacht das neu geschriebene „Vulía“. Dort hofft ein Vater für seinen Sohn, dass endlich etwas geschieht, damit dieser nicht in einem Land aufwachsen muss, in dem die Olivenbäume absterben und das Stahlwerk Ilva die Luft von Taranto mit Dioxin verseucht.

Bei den salentinischen Dialekten und Sprachen, in denen die Lieder gesungen werden, bleibt der Canzoniere seinen Anfängen treu. Eines der Stücke, das traditionelle Liebeslied „Quannu Camini Tie“, singt Emanuele Licci in Griko, einer altgriechisch-byzantinischen Sprache mit italienischen Elementen. Die Sprache geht auf die Feldzüge der Truppen der Makedonischen Dynastie im frühen Mittelalter zurück, die große Teile Süditaliens eroberten. Heute sprechen in Zentralsalento noch etwa zwanzigtausend Personen Griko. Wer mehr über die Hintergründe der Entstehung des Albums wissen möchte, findet die ins Italienische und Englische übersetzten Liedtexte, Interviews mit einem Astrophysiker, einem Musikethnologen und anderen Intellektuellen auf meridiana-cgs.it.

Der Canzionere Grecanico Salentino schuf mit Meridiana ein Album, das musikalisch und textlich Tradition und Moderne verbindet. Die geballte Energie ihrer Pizzica kontrastiert hervorragend mit der Melancholie der Balladen. Live verführt die Tänzerin Silvia Perrone mit Gefühl und Können das Publikum. Dieses tanzt unten auf dem Parkett, als wäre es von einer Tarantel gestochen, die Freude injiziert.

 

canzonieregrecanicosalentino.net

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Aktuelles Album:

Meridiana (Ponderosa, 2021)

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