Musiktherapie bei Long Covid (2)

Ein Update

25. November 2022

Lesezeit: 3 Minute(n)

In der Septemberausgabe 2022 berichtete folker-Autorin Ines Körver über ihre positiven Erfahrungen mit Blasinstrumenten zur Behandlungsunterstützung bei Long Covid. Einige Monate später zieht sie noch einmal Bilanz.
Text und Foto: Ines Körver

Nach meinem Telefongespräch mit Professor Bernhard Schieffer, in dem er mir das Klarinettenspiel anempfahl, habe ich zu meinem Clarineo gegriffen, einer Art günstigen C-Klarinette aus Plastik. Darauf habe ich nach und nach immer mehr geübt. Tatsächlich braucht man dafür erheblich mehr Luft. Zu Trainingszwecken bei Long Covid ist das Clarineo durchaus geeignet, auch weil es ultraleicht ist. Das ist bei einer Fatigue sehr vorteilhaft, denn man hat kaum Kraft, um etwas Schweres längere Zeit zu heben. Allerdings fand ich das Instrument nach einer Weile musikalisch nicht sehr befriedigend, auch weil etwas daran kaputtging. Zum Geburtstag im Juli gönnte ich mir daher eine professionelle C-Klarinette – im Fachhandel vor Ort, was sich wegen diverser Rückfragen und Optimierungswünsche als Segen erwies. Der Klarinettenhändler erzählte mir bei einem meiner Besuche von einem Arzt, der all seinen altersasthmatischen Patienten eine Klarinette „verordne“, um damit deren Atmung zu normalisieren, was auch regelmäßig gelänge.

Die Wahl der C-Klarinette war eine bewusste Entscheidung: Sie ist erheblich leichter zu heben als eine B-Klarinette und man braucht keine speziellen B-Noten, wenn man mit anderen zusammenspielen will. Allerdings liegen die Klappen auch enger beieinander, was in den Händen Erwachsener manchmal zu Krämpfen führt. Inzwischen spiele ich meist morgens eine Stunde Klarinette und nachmittags eine Stunde Querflöte, um deren Griffweise nicht zu verlernen. Ich verfüge über volle drei Oktaven und spiele dasselbe Repertoire wie auf der Querflöte, also vornehmlich Choro. Natürlich geht das weniger flüssig und schnell, bei der Querflöte habe ich schließlich 45 Jahre Vorsprung. Zudem ist die Konzentration beim Notenlesen noch nicht auf dem alten Niveau, ich verspiele mich erheblich häufiger.

Professor Stefan Kölsch bekräftigte im Mailaustausch noch einmal, dass er meine Hypothesen für sehr wahrscheinlich hält. Er will Forschungsgelder beantragen, um dem Effekt von Blasmusik auf Long Covid nachzugehen.

In Marburg bei Professor Bernhard Schieffer war ich zweimal. Es wurden umfangreiche Bluttests gemacht, die ein paar Auffälligkeiten und jede Menge Ausschlussdiagnosen ergaben. Mir wurden Medikamente verschrieben, die immunmodulierend wirken sollen, sowie zu einer histaminarmen Ernährung und der Einnahme von Vitamin D geraten.

Mein Maßnahmenkatalog setzt sich weiter vielfältig zusammen. Er reicht von spezieller Ernährung über Atemtherapie bis zu Konzentrationsübungen. Mein Radius hat sich nicht sonderlich vergrößert und liegt bei maximal vier Kilometern auf dem Fahrrad oder zwei bis zweieinhalb Kilometern zu Fuß – an einem guten Tag. Allmählich lässt aber die Post-Exertional Malaise, also das völlige Fertigsein nach Aktivität nach. Ich muss mich nach der Hälfte der Strecke nicht mehr zwangsläufig hinsetzen oder nach der vollen Strecke hinlegen. Der Brain Fog ist geringer als früher.

In jüngster Zeit beschäftige ich mich zunehmend mit Kälteanwendungen und positiven Visualisierungen. Diverse Menschen berichten mir, mit diesen Methoden jeweils beachtliche Erfolge erzielt zu haben. Darunter ist auch eine Bekannte. Sie hat es dank Visualisierungen innerhalb von fünf Wochen von wenigen Hundert Metern zu Fuß am Tag zu bis zu sechs Kilometern auf dem Fahrrad geschafft. Die Idee hinter ihrer speziellen Visualisierungsmethode: Das Nervensystem hat durch Corona einen Schock bekommen und macht nun Blödsinn, indem es alle möglichen Systeme durcheinanderbringt, insbesondere die, für die das Stammhirn zuständig ist. Da das Hirn aber plastisch, also veränderbar ist, hilft es, wenn man ihm mittels Visualisierungen suggeriert, dass alles in Ordnung ist und es sein Chaosprogramm nun wieder beenden kann. Ob diese Theorie stimmt, wird sich vielleicht nie verifizieren oder falsifizieren lassen. Für mich ist es aber schon allein ein wunderbares Erlebnis, wenn ich mir intensiv vorstelle, auf dem Blasmusikfestival in Guča, bei einer Roda de Choro in Rio oder auf einem Fährschiff auf dem Bosporus zu sein. Meine Eigenprognose: Irgendwann Anfang 2023 geht es zurück an den Schreibtisch. Ich freue mich drauf.

 

Hier geht es zu Teil 1 des Artikels.

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