Es funkt in England

Takeshi’s Cashew schießt Brighton in den Kosmos

1. September 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Es ist so verrückt, dass wir heute hier spielen können“, sagt Luk Zettl, während er seine Portion Fish and Chips verschlingt. Hinter ihm stolpern dickgeschminkte Jugendliche über Brightons Strandpromenade Richtung Sonnenuntergang. Gleich findet Takeshi’s Cashews erstes Konzert in England statt – die erste Bewährungsprobe außerhalb des europäischen Festlandes. Ich kenne die Band aus Wien und begleite sie ein paar Tage auf diesem Abenteuer.
Text und Fotos: Laura Helene May

Die sechs Musiker sind ehrfürchtig gespannt vor dem Auftritt – in der Heimat von Fatboy Slim, The Kooks oder Passenger. Die Küstenstadt ist bekannt für ihre pulsierende Kunstszene.

Geduldig perfektioniert Tontechniker Werner Thenmayer den Klang der fast zwanzig Blas-, Schlag-, Saiten- und Tasteninstrumente. Es ist Soundcheck im ersten Stock des Hope and Ruin, Queens Road, Nummer 11. Im Erdgeschoss: Zwei glatzköpfige Briten schreien das Barpublikum durch ihre Mikros an. Freie Oberkörper, wummernde Bässe, Pogo, geleerte Pints.

Die selbsternannte Psychedelic-Cosmofunk-Band Takeshis’s Cashew ist seit zehn Tagen auf ihrer ersten Europatour zum Debütalbum Humans In A Pool unterwegs – jeden Tag ein Konzert, jeden Tag eine andere Stadt, bisher mit Stopps in Deutschland, Belgien und Frankreich. Danach geht es nach Luxemburg. Aber das hier ist England, Baby!

Bevor es losgeht, sind die Cashews konzentriert und hibbelig. „Es gibt immer so ein Vakuum vor dem Soundcheck – danach geht’s allen besser“, sagt Gitarrist Jassin Bshary. Auch ich bin etwas nervös, ich sehe meine Freunde das erste Mal in einem Auswärtsspiel.

Die Londoner Vorband Karma Sheen füllt den Raum schnell mit Menschen, Tanz, Hindustani Psychedelic Rock und der sanften Stimme des Frontsängers Sameer Khan. Gäste wagen zaghaft erste wippende Tanzschritte.

Die Stimmung heizt sich auf, die Bandmitglieder wuseln herum, klären letzte Details – kurzfristig wird noch eine traditionell mongolische Tanzeinlage zum ersten Lied „Sterndüne“ geplant. „Das passt perfekt“, sagt die Tänzerin, die ein langes ultramarinblaues Kleid und glitzernden Kopfschmuck trägt.

Dann geht es los. Das Intro erklingt. Die sechs Musiker kommen auf die Bühne, greifen zu Shakuhachi-Flöte, Bongo, Schlagzeug, Bass, Gitarre und Synthesizer. Die Tänzerin steigt auf den wackeligen Subwoofer vor der Bühne und schwebt mit rhythmischen Drehungen in ihrem wirbelnden Kleid. Im Raum ist inzwischen kaum mehr ein Meter frei. Gäste haben ihre Augen geschlossen, aus den zaghaften Tanzschritten werden langsam wilde Sprünge. Alle schwitzen zu den treibenden psychedelischen Rhythmen.

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„Eine der tanzbarsten Bands, die ich in den letzten Jahren gesehen habe.“

Gesang gibt es bei Takeshi’s Cashew nicht, dafür übernimmt Florian Feit mit seinen sieben Blasinstrumenten eine Art Frontmanrolle: Querflöte, Tenorsaxofon, E-Dudelsack, Fujara (slowakische Obertonflöte), Bansuri, Panflöte und die bereits genannte Shakuhachi. Atreju Fiedler und Tobias Blessing erden die Melodien mit Bongo, Darbuka, Djembe, Udu, Shaker, Guiro und Schlagzeug. Sie sind das rhythmische Herz der Band. Den klanglichen Bogen spannen Lukas „Luk“ Zettl, Jassin Bhary und Benjamin Zsak mit Bouzouki, Bass, Gitarren und Synthesizer.

Vor der Bühne gibt sich Vorbandsänger Khan der penibel arrangierten Fusion von Afro- und Cumbia-Beats, Siebziger-Psychedelic-Rock und elektronischen Bässen hin. Mit seiner getönten Brille, seinen langen dunklen Haaren und seinem bunten Hemd hüpft er wie ein Flummi schwitzend, schnipsend und schreiend in der ersten Reihe herum. „Takeshi’s Cashew ist eine der tanzbarsten Bands, die ich in den letzten Jahren gesehen habe“, schwärmt er nach dem Konzert. Nach drei Zugaben und Applaus springen die sechs Cashews schnaufend von der Bühne. Ihre Körper entspannen sich, alle Bandmitglieder grinsen. Jetzt können sie durchatmen und genießen. Morgen ist der einzige freie Tag der Tour.

Neue Bekanntschaften wie Promoterin Polly Miles eröffnen plötzlich neue Räume zu einer Szene aus Bookingmenschen, Musikschaffenden und Nachtikonen. „Jemand muss unser Ego wieder runterholen“, sagt Jassin Bshary, während Tontechniker Thenmayer ihm beteuert, er habe noch nie so gute Resonanz bei einer Tour erlebt. Heute gewinnt das Ego.

Der Hype ist wie eine beschleunigte Zeitkapsel: Ausnahmezustand. Cut. Alles wieder normal. Die sechs Jungs aus Österreich und Deutschland erleben zum ersten Mal, wie es sein könnte, so was wie Stars zu sein. Ekstase wechselt sich ab mit einem Spiralprogramm aus langen Autofahrten im silbernen VW-Bus, dem Wippen des kleinen Plastikgorillas, der an einem Stück Zahnseide vom Rückspiegel baumelt, immer neuen Betten, dem Auf- und Abbau der Instrumente auf täglich neuen Bühnen. „Das Schlimmste ist, dass immer alles gleichzeitig passiert“, stellt Luk Zettl fest.

Die Bandgeschichte fing 2019 in Wien an. Auf eine Jamsession folgten erste Songs, auf den ersten Gig ein Vertrag mit dem Kölner Label Laut & Luise – der ersten Tour folgten fünfhunderttausend Klicks des Songs „Akihi“ auf Spotify.

Die Gruppe muss plötzlich auch unternehmerische Entscheidungen treffen. Wie viele Singles müssen sie herausbringen? An wen gehen die Rechte an Kompositionen? Was passiert juristisch, sollte sich die Band auflösen?

Lange können sie nicht über diese Fragen nachdenken, weil wir schon wieder auf dem Weg sind. Das heutige Venue ist das Shacklewell Arms im Londoner Stadtteil Dalston, ein charmant runtergerockter Pub mit abgewetztem Parkett, klassischen Barhockern und einer wunderschön bunten Bühne im Hinterzimmer. Auch Sameer Khan ist wieder da. „Nach dem Gig in Brighton musste ich die Jungs einfach noch mal sehen“, sagt er. „Ihre Musik hat so viele verschiedene Qualitäten und Genres. Sie kreiert etwas, dass ich noch nie zuvor gehört habe.“ Er steigt auf die Bühne, stellt die Band vor und animiert das Publikum zu knallendem Applaus. Spätestens als das Londoner Publikum bei „Akihi“ die Melodie mitsingt, obwohl es keinen Text gibt, fällt allen in der Band ein bisschen die Kinnlade runter. Vor der Bühne rasten zwei Männer mit freien Oberkörpern aus, als wären sie auf einem Punkkonzert. „Ich habe das Shacklewell Arms noch nie so beben sehen“, freut sich Sameer Khan später.

www.facebook.com/takeshiscashew

www.instagram.com/takeshiscashew

 

Aktuelles Album:

Humans In A Pool (Laut & Luise, 2021)

Videolinks:

 „Akihi“: www.youtube.com/watch?v=fyCs-ZBN-YY

Instagram:

Insta Reel Takeshis Cashew

 

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