Nora Guthrie und das Woody-Guthrie-Archiv

Viel mehr als nur Folk

19. März 2023

Lesezeit: 6 Minute(n)

Seit nunmehr fast dreißig Jahren bietet das 1994 gegründete Woody-Guthrie-Archiv mit einer Sammlung von inzwischen über zehntausend Archivalien wie Notizbüchern, Manuskripten, Zeichnungen, Fotos und Tondokumenten eine Fundgrube für Interessierte aus Wissenschaft, Journalismus und Musik, die sich mit dem Werk des einflussreichen US-amerikanischen Singer/Songwriters beschäftigen.
Text: Ulrich Joosten

Dass es heute ein Woody-Guthrie-Archiv gibt, ist Marjorie Mazia Guthrie, der zweiten Ehefrau des American Troubadour und ihrer gemeinsamen Tochter Nora Lee zu verdanken. Die Mutter sammelt unermüdlich Tagebucheinträge, Prosa- und Liedtexte, Gedichte, Notizen, Fotos und Schriftstücke des Vielschreibers und bewahrt sie zunächst zu Hause auf. Als die Kellerräume während einer Sturmflut überschwemmt werden, bringt sie das gesamte Material in Kisten verpackt in das Büro Harold Leventhals in Sicherheit – die Geschäftsräume des Managers und guten Freundes Woody Guthries liegen im siebzehnten Stock eines Hauses in Manhattan. Dort bleiben die Unterlagen unbeachtet für die nächsten zehn, fünfzehn Jahre. Bis sich die jüngste Tochter der Guthries, Nora Lee, Anfang der Neunziger, in die Texte ihres Vaters verliebt.

In den Vierzigern arbeitet ihre Mutter als Solotänzerin in der renommierten Martha Graham Dance Company. „Aber als mein Vater erkrankte, konnte sie nicht mehr auftreten, weil sie ihre Familie ernähren musste. Sie gab 35 Jahre lang Tanzunterricht, um alles bezahlen zu können. Wir wohnten in einem Kellergeschossapartment mit nur einem Schlafzimmer. Darin hatten wir drei Kinder, Arlo, Joady und ich, unsere Betten. Die Eltern schliefen auf einer Couch im Wohnzimmer. Ich war praktisch noch ein Baby, als Anfang der Fünfzigerjahre bei Woody Huntington’s Disease diagnostiziert wurde. Ich kannte ihn nur als einen sehr kranken Mann. Meine Beziehung zu ihm fand meist im Krankenhaus statt – fünfzehn Jahre lang!“ Sonntags bringt die Familie Woody vom Hospital nach Hause. „Zu Besuch kommen durften nur seine engsten Freunde wie Pete Seeger, Sonny Terry und Brownie McGhee und Ramblin’ Jack Elliott, um ihm Musik vorzuspielen. Mutter wollte nicht, dass sonst jemand meinen Vater so sah, denn es war eine sehr hässliche Krankheit.“ Zu dieser Zeit ist der Musiker „lediglich einer kleinen Gruppe von Folkies bekannt“, sagt seine Tochter. Woody Guthrie stirbt am 3. Oktober 1967.

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„Ich fand es verrückt, dass niemand dieses Material kannte.“

1971 macht Nora Guthrie ihren Abschluss an der NYU Tisch School of the Arts. Sie folgt dem Beispiel ihrer Mutter, startet eine erfolgreiche Karriere im modernen Tanz und gründet eine eigene Dance Company. Zu Beginn der Neunzigerjahre erhält sie einen Anruf von Harold Leventhal, der ihr mitteilt, dass er sich zur Ruhe setzen werde. Jemand von der Familie möge in sein Büro kommen, die Hinterlassenschaft Woodys sichten und überlegen, was damit geschehen solle.
Als Erstes schaut sich Nora Guthrie eine Kiste mit Tonbandkassetten an. Darauf sind Interviews des Journalisten Joe Klein für seine 1980 erschienene Biografie Woody Guthrie: A Life, die er mit Persönlichkeiten geführt hat, die im Leben des Politsängers eine wichtige Rolle spielten. „Die Gespräche mit Woodys erster Ehefrau Mary, mit Folklore- und Musikforscher Alan Lomax oder mit musikalischen Weggefährten wie Ramblin’ Jack Elliott und vielen anderen waren für mich eine Art Einführung. Ich war damals bereits über vierzig Jahre alt und hatte mir vorher diese Unterlagen nie angeschaut. Angesichts der Schriften und Verse fühlte ich mich, als sei ich auf einem fremden Planeten. Es gab in diesen Kisten unzählige neue Ideen, die so viel mehr als nur Folkmusik sind. Philosophie über das Leben und die Liebe und alle Arten von Politik. Ich fand es interessant, inspirierend und verrückt, dass niemand dieses Material kannte.“

1992 wird Nora Guthrie Präsidentin der von Harold Leventhal in den frühen Siebzigern gegründeten Woody Guthrie Publications und der Woody Guthrie Foundation. Ihr erstes Projekt ist die Veröffentlichung eines Kinderliederbuchs mit Originaltexten und Illustrationen, Woody’s 20 Grow Big Songs. Im Anschluss produziert sie mit ihrem Bruder, dem Singer/Songwriter und Folkmusiker Arlo Guthrie, das Begleitalbum mit gleichem Titel, das in der Kategorie „Bestes Kinderalbum“ für den Grammy nominiert wird.

„Wenn ich auf einen Liedtext stieß, der für mich bedeutungsvoll war, versuchte ich jemanden zu finden, der ihn aufnehmen konnte.“

1994 gründet sie zusammen mit Leventhal und unter Mitwirkung des Musikwissenschaftlers Jorge Arévalo Mateus das Woody-Guthrie-Archiv. „Jorge lehrte mich, wie man Schriftstücke organisiert und aufbewahrt. Als sämtliche Unterlagen gesichtet und sortiert waren, kamen wir auf dreitausend Songtexte, die niemals aufgenommen worden waren. Woody schrieb in den Dreißiger- bis Fünfzigerjahren drei bis fünf Songs am Tag, über alles, was um ihn herum vorging, als mit der gewerkschaftlichen Organisation, den Bürgerrechten und den Arbeiterrechten Geschichte geschrieben wurde. Aber er verfasste auch Liebes- und Kinderlieder. Und wenn ich auf einen Liedtext stieß, der für mich bedeutungsvoll war, versuchte ich jemanden zu finden, der ihn aufnehmen konnte. Jemand, der auf Augenhöhe steht.“

Neben der Bewahrung des Materials sieht Nora Guthrie ihre Aufgabe darin, neue Stimmen zu Texten ihres Vaters mit unterschiedlichen und breit gefächerten Themen ausfindig zu machen und Projekte zu entwickeln, die sein kulturelles Erbe weiter ausbauen. So kommt es 1998 zur Zusammenarbeit mit dem britischen Singer/Songwriter Billy Bragg und der US-amerikanischen Alternative-Rock-Band Wilco. Mit Nora Guthrie als ausführender Produzentin spielen die Künstler die Alben Mermaid Avenue (1998) und Mermaid Avenue Vol. II (2000) ein, mit neuer Musik zu unbekannten Guthrie-Texten, die von der Kritik hochgelobt und jeweils für den Grammy nominiert werden.

Woody Guthries Tochter sieht sich als eine Art „Heiratsvermittlerin“. „Ich las die Liedtexte meines Vaters und versuchte zu verstehen, was er sagen und welche Emotionen er ausdrücken wollte. Bei ‚Ease My Revolutionary Mind‘ wusste ich sofort, das ist kein Folksong. Es geht um einen Typen, der zornig ist und regelrecht herausschreit: ‚Ich brauche eine progressive Frau, / Ich brauche eine verdammt liberale Frau, / … / Um meinen revolutionären Geist zu beruhigen‘. Für einen solchen Song brauchte ich jemanden, der schreien konnte. Und das war Tom Morello von Rage Against the Machine. Es muss immer eine Person sein, die klingt, als habe sie selbst den Song geschrieben, auch, wenn es sich dann nicht wie ein Woody-Guthrie-Song anhört.“

2003 vertonen die Arbeiter-Punkrocker Dropkick Murphys aus Massachusetts den Text „Gonna Be A Blackout Tonight“ und machen ihn zum Titelsong ihres Albums Blackout. Zwei Jahre später folgt „I’m Shipping Up To Boston“, ebenfalls von Guthrie, der in den USA ein großer Hit wird, als Regisseur Martin Scorsese ihn 2006 für seinen Film Departed – Unter Feinden einsetzt. 2022 greifen die Dropkick Murphys den berühmten Slogan auf, der Woody Guthries Gitarre zierte, und veröffentlichen mit This Machine Still Kills Fascists ein ganzes Album ausschließlich mit Lyrics des Singer/Songwriters (Rezension in dieser Ausgabe).

Es gibt inzwischen eine Vielzahl an Songs und Albumprojekten, die aus der Zusammenarbeit Nora Guthries mit Musikschaffenden und Bands entstanden sind, darunter die New Yorker Crossoverformation The Klezmatics (deren Album Wonder Wheel 2007 mit dem Grammy prämiert wird) oder der Berliner Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel, der mit Ticky Tok ein Album mit Guthrie Texten in zwei Versionen, sowohl auf Deutsch als auch im englischen Original veröffentlicht.

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Andere Werke ihres Vaters bedürfen statt der musikalischen der visuellen Form. „Es gibt Texte“, sagt Nora Guthrie, „die müssen gesungen werden, andere müssen gelesen werden. Woody war weit mehr als nur ein politischer Liedermacher und Aktivist. Er war Philosoph und Dichter, aber auch Maler und Zeichner. Das brachte mich darauf, auch Bücher zu veröffentlichen. Ein neues ist 2021 herausgekommen.“ Dieses zusammen mit dem Musikhistoriker Robert Santelli kuratierte opulente Coffee Table Book Woody Guthrie: Songs And Art – Words and Wisdom (Rezension siehe folker #1.22) ist von der ASCAP Foundation mit dem Deems Taylor/Virgil Thomson Book Award als herausragende Popmusikbuchpublikation ausgezeichnet worden. Es ermöglicht einen nie dagewesenen Zugang zu seinen Texten, seiner Kunst und seiner Korrespondenz und zeigt, wie zeitlos und aktuell Woody Guthries Werke sind.

Ende 2011 erwirbt die Wohltätigkeitsorganisation George Kaiser Family Foundation das Woody-Guthrie-Archiv, das anlässlich des hundertsten Geburtstags des American Troubadours im Jahr 2013 eine neue Heimat in der Stadt Tulsa in seinem Geburtsstaat Oklahoma findet. Die Organisation lässt Nora Guthrie freie Hand in der Auswahl eines Gebäudes und der Gestaltung des neu geschaffenen Woody Guthrie Centers. Es ist mit einem Forschungsraum, einem klima- und sicherheitskontrollierten Archivtresor mit Kompaktregalen, einem Stickstofffeuerlöschsystem sowie einem Büro ausgestattet. „Ich war in der Lage, das Archiv dorthin umzuziehen und das Center aufzubauen, mit einem Museum, einem Theater und einem Unterrichtsraum. Es gibt das Guthrie Green, einen Außenbereich für Konzerte mit Plätzen für dreitausend bis fünfttausend Leute. 2016 folgte uns das Bob-Dylan-Archiv und liegt jetzt direkt nebenan. Ich hatte einen Traum“, sagt sie, „und die George Kaiser Family Foundation ließ ihn wahr werden.“

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Aufmacherfoto:

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