Balfolk ist innerhalb der Folkszene ein etabliertes Konzept, aber was ist Queering Balfolk? Zwei der Pionierinnen dieses Ansatzes in Deutschland, Line Kracht und Mara Menzel, erzählen von kleinen Tanztreffs und großen Festivals, Inklusivität, unterschiedlichen Generationen und den Freuden beim Rollenwechsel.
Text: Peggy Luck
Dass es hier bei aller Tanz- und Musikfreude nicht nur darum geht, dass jede und jeder vor sich hin tanzt, merkt man Line und Mara sofort an. „Ich denke immer, alle haben eigentlich eine Oma, die vielleicht auch mal wieder tanzen würde oder vielleicht ein Kind mit einer Beeinträchtigung oder eine Freundin, die die Sprache nicht spricht, und es wäre so viel schöner und leichter für uns alle, wenn wir diese Menschen mitnehmen könnten und sie nicht komisch angeschaut werden“, sagt Line. „Und dieses ganz wache, aufmerksame Dasein beim Tanzen, diese Glücksgefühle in einer Gruppe, die miteinander tanzt, mehr Verbindung miteinander – davon können wir gerade eigentlich gar nicht genug haben“, ergänzt Mara, „das schafft Frieden.“
Doch von vorne. An Line Kracht und Mara Menzel kommt man in der jüngeren Balfolkszene kaum vorbei – als Workshopleiterinnen und Organisatorinnen machen sie sich seit zehn Jahren einen Namen, und seit einigen Jahren steht Mara auch selbst als Tanzmusikerin und Künstlerin auf der Bühne, als Solokünstlerin oder mit der Band Lunesk.
„Im Balfolk ist wenig Perfektionismus – das macht das Ganze so menschlich und frei.“
Balfolkifiziert wurden sie nicht gemeinsam, aber auf ähnliche Weise: Jeweils mit zwölf Jahren fuhren sie mit ihren Familien erstmals nach Gennetines, zum legendären Grand bal d’Europe, einem französischen Festival, bei dem eine Woche lang Tausende Menschen aus ganz Europa und der Welt miteinander tanzen, voneinander lernen, ein großes Fest der akustischen Musik feiern. Für beide war nach dem Einstieg klar: Das wollen wir wieder! Wenngleich es ein Feld war, in das sie naturgemäß erst hineinwachsen mussten, wie Mara erzählt. „Am Anfang war ich mit zwei Friends ein Trio, mit denen ich hauptsächlich unterwegs war, außerhalb unserer Gruppe hatten wir fast gar keine Interaktion. Wenn uns jemand zum Tanzen aufgefordert hat, sind wir schreiend aus dem Zelt gerannt. Später wurde es leichter, sich zu öffnen.“ Line, die unter anderem eine Ausbildung als Tanztherapeutin absolviert hat, betont das persönliche Wachstumspotenzial, das diese Räume bieten. „In Bewegung zu sein, aber auch zu lernen, sich in dieser Gemeinschaft zurechtzufinden, führt zu enormem Wachstum und Community Building. Es ist ein guter Ort, um etwas über sich selbst und andere Menschen zu lernen.“ Gerade in der heutigen Zeit sind Räume rar gesät, in denen sich Menschen nicht mental-sprachlich begegnen und anders orientieren müssen. „Das Körperliche ist da etwas ganz Wichtiges, und im Balfolk ist so wenig Perfektionismus – wenn ein Schritt anders ist lachen beide, das macht das Ganze so menschlich und frei.“
Dass es im Balfolk allerdings nicht nur aufmerksam und gleichberechtigt zugeht, war Anlass für Line und Mara, Queering Balfolk voranzubringen. 2014 begannen sie, selbst Tanzkurse anzubieten, und gründeten Tortuga in Berlin – einen Tanztreff, der den Wegzug der beiden nach Leipzig überstand und noch immer existiert. Line: „Es ist keine abgeschottete Bubble – manchmal denken Menschen, hier greifen verschiedene patriarchale Diskriminierungsstrukturen nicht, aber es ist nicht das Paradies.“ Die beiden erlebten beim Tanzen immer mehr Ecken und Kanten, an denen sie Anstoß nahmen, führten feministische Diskurse und entwickelten ihre eigenen Vorstellungen. Noch mal Line: „Auch im Balfolk ist die Gesellschaft nicht abgebildet, wie sie ist – sehr viele weiße Menschen, kaum Menschen mit Beeinträchtigungen, es ist oft unklar, ob Kinder willkommen sind. Dazu kommen persönliche Erfahrungen mit dem Wunsch nach Rollenwechseln, der abgeschmettert wird, oder männlich gelesene Freunde, die in einem Mixer [Gruppentanz, bei dem die Rollen unabhängig vom gelesenen Geschlecht durchgewechselt werden; Anm. d. Verf.] einfach stehengelassen werden, weil sie in der anderen Rolle tanzen.“
Line und Mara entsprachen tanzend und im Leben von Anfang an nicht dem heteronormativen Bild. „Das wurde oft als defizitär betrachtet und kommentiert mit ‚Habt ihr keinen Mann gefunden?‘ oder ‚Ach ja, gibt zu wenig Männer hier, ne?‘.“ Beim Tanzen in den früher klassischen Rollen fiel ihnen auf, dass insbesondere ältere Männer oft nicht sehr einfühlsam tanzten und nicht bemerkten, wenn ihre Tanzpartnerinnen verunsichert waren und eigentlich etwas anderes brauchten. In ihren Workshops – auch ergänzt durch Methoden aus Lines Tanztherapie-Werkzeugkoffer – gibt es zwischen den Tanzeinheiten daher Raum für Austausch: Wie ging es mir mit diesem Tanz? Was hat sich gut angefühlt? Wo bin ich an meine Grenzen gekommen oder sogar darübergegangen?
Und natürlich wird nicht vorausgesetzt, dass männlich gelesene Personen führen und weiblich gelesene Personen folgen. „Mir war von Anfang an klar, dass ich möchte, dass die Menschen in meinen Workshops beide Rollen lernen“, erinnert sich Line. In Queering-Balfolk-Workshops heißt es irgendwann: Und jetzt Führungswechsel! „Es gibt Tanzlehrer:innen die überzeugt sind, dass Menschen am Anfang nicht beide Rollen lernen können und damit überfordert wären. Wir haben es so gemacht und sind aus Erfahrung überzeugt, dass es funktioniert!“ In den Jahren ihres Tanzanleiterinnen-Daseins durften sie viele Menschen und auch Paare dabei begleiten, Altbekanntes tanzend zu hinterfragen. Einen Lieblingsmoment beschreibt Mara: „Bei einem Workshop in Hannover, wo vorwieged die ältere Balfolkszene da war, haben wir das sehr stark erlebt, es war wie eine Verjüngungskur für die älteren Paare, so schön zu beobachten, wie plötzlich Unsicherheiten auf allen Seiten waren und manche sofort zurücktauschen wollten, weil es so ungewohnt war. Auf der anderen Seite haben sie auch gemerkt: Wow, das ist ja was, wenn ich mal geführt werde! Das ist so toll, mitzukriegen, wie Menschen das erleben.“
Vieles durften sich die beiden selbst aneignen, einiges lernten sie im internationalen Austausch, beispielsweise bei den Folk-Temporary-Seminaren und beim Prager Balfolkfestival. Dieses Jahr durften Line und Mara in Gennetines beim Grand Bal, wo sie ihre ersten Schritte tanzten, erstmals selbst workshoppen, und Mara stand zusätzlich auf der Bühne: „Das war ein echter Ritterinnenschlag!“
Veranstaltungstipp:
Alle zwei Wochen dienstags findet in Leipzig der Tanztreff Balibalosch statt, Teilnahme gegen Spende – www.balibalosch.wordpress.com







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