Von Tune zu Tune

Musikalisch pilgern von Europas Folkcamps bis in die Appalachen

14. Januar 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Kurswochenenden und Folkcamps, die sich gezielt einzelnen Folktraditionen widmen, erleben derzeit spürbaren Zulauf. Immer mehr Menschen wollen nicht nur zuhören, sondern selbst spielen und lernen. So wächst eine Szene, die Menschen über Ländergrenzen hinweg verbindet. Von den Old-Time-Camps Englands über den Keltischen Frühling im Wendland bis zu den Festivals der Appalachen in den USA: Eine Musikerin berichtet von Begegnungen, Tanz und unvergesslichen Sessions.

Text: Eléna Samulowski

Der Winter liegt noch in den letzten Zügen, als ich meinen Rucksack über die Schulter werfe, in der einen Hand das Banjo, in der anderen die Fiddle und das Tanzbrett. Mein Ziel: ein Frühling voller Musik, Workshops, Sessions und Begegnungen. Über Wochen hinweg will ich von Camp zu Camp reisen, von England bis ins Wendland. Was ich suche, ist nicht nur Musik, sondern das, was sie auslöst: Inspiration, Verbindung, Lebensfreude, Ruhe und Frieden. All das und noch mehr finde ich schließlich an ganz besonderen Orten.

„Langsam wächst das Gefühl einer weltweiten Community.“

Zuerst geht es Anfang April zum Mandoree im Münsterland – klein, fein und familiär, ein musikalisches Zuhause auf Zeit. Ins Leben gerufen von den Musikern Stefan Bussemas und Markus Spielbrink, die als Pickin’ Twins auftreten. Workshops gibt es, aber keine Verpflichtungen. Stattdessen entstehen unzählige kleine Sessions, es klimpert und klingt aus allen Ecken – eine Atmosphäre, die an ein kleines musikalisches Dorf erinnert, in dem man sich sofort willkommen fühlt.

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Danach führt mich die Reise über die Fähre von Calais nach Dover weiter durch das südenglische Hügelland nach Oxfordshire. In der Kingham Hill School, einem alten, zwischen kleinen Cottages gelegenen Internat mit Blick auf weite Felder, findet Mitte April alljährlich die Sore Fingers Week statt. Jahr für Jahr zieht diese Kurswoche Musikschaffende aus ganz Europa an. Hier kommen alle Erfahrungsstufen zusammen, um sich von einigen der renommiertesten Lehrenden der Szene unterrichten zu lassen. Das Angebot reicht von Banjo, Mandoline und Gitarre über Bass, Gesang bis hin zur Fiddle. Viele der Dozentinnen und Dozenten reisen direkt aus den USA an, dem Mutterland dieser Musik, in das ich später selbst noch eintauchen werde.

Beim Hannover Hoedown, die Autorin links im Bild

Foto: Sonja Teubler

Rund zweihundert Teilnehmende füllen die alte Schule mit Leben. Der Tagesablauf ist eng getaktet: vormittags Workshops, dann Mittagessen, Scratch-Band-Probe, weitere Workshops, Abendessen, anschließend Konzerte und davor, danach, dazwischen wird gejammt, so oft es geht. Überall Musik. Müde Augen von kurzen Nächten, aber glückliche Gesichter, die zeigen, worum es hier wirklich geht: gemeinsam spielen, voneinander lernen, sich inspirieren lassen. Ich belege einen Kurs bei dem amerikanischen Fiddler Sammy Lind, Old-Time-Geiger und Mitbegründer der Foghorn Stringband aus Portland, Oregon. Mit seiner Band hat er zahlreiche Alben veröffentlicht. Mein persönlicher Tipp: Devil In The Seat.

Jamsession beim Clifftop Appalachian String Band Music Festival in West Virginia

Foto: Eléna Samulowski

Zurück aus England geht es in die Stadt, und doch fühlt sich der Hannover Hoedown alles andere als städtisch an. Eingebettet ins gemütliche Naturfreundehaus, treffe sich zum dritten Mal die deutsche Old-Time-Szene. Organisiert wird das Wochenende von einem kleinen, engagierten Team: Lars Dahl, Sonja und Tobias Teubler, und auch ich bin Teil davon. Nach gefühlten fünfzehn Stunden Spielen falle ich nur noch ins Bett. Alles andere – Essen, Schlafen, Trinken – wird zur Nebensache. Hauptsache, keinen Tune verpassen. Tagsüber Workshops, abends Jams und Tanz bis tief in die Nacht. Ich gebe einen kleinen Crashkurs im Flatfooting – ein paar Tanzschritte, die ich über die Jahre auf Camps in den USA und Großbritannien gelernt habe.

Meine letzte Station im europäischen Frühling liegt tief im Wendland, irgendwo zwischen Wiesen, Kopfsteinpflaster und alten Bauernhöfen. Hier schlägt das Herz einer anderen musikalischen Welt. Während Old-Time mit seiner amerikanischen Prägung aus dem Appalachen-Gebirge stammt, öffnet der Keltische Frühling in der Proitzer Mühle Türen zu einer Melodiewelt aus Irland und Schottland. Das Konzept funktioniert ähnlich wie bei den zuvor besuchten Camps: intensive Workshops, Tanzabende – sogenannte Ceilidhs – und viel Raum für Sessions. Da ich bereits in England mit dem Fiddeln begonnen habe, nutze ich die Gelegenheit, hier einen Anfängerkurs bei Mich Neumaier zu besuchen und die Unterschiede in der Spieltechnik zu entdecken. Abends sitzen wir in kleinen Runden, wo Fiddles, Banjos, Harfen, Whistles und Bodhráns miteinander harmonieren.

Flatfooting auf einem Tanzbrett, Swannanoa Gathering

Foto: Eléna Samulowski

Als ich wieder zu Hause ankomme, ist der Frühling längst in vollem Gange. Die Bäume grün, die Wiesen lebendig und in meinem Kopf klingen noch immer die Melodien nach, die ich in England, im Münsterland, in Hannover und im Wendland aufgeschnappt habe. Ich höre ein ständiges Fiddeln in der Ferne. Diese Reise war mehr als nur eine Aneinanderreihung von Camps – sie war eine musikalische Pilgerfahrt. Jeder Ort, jeder Mensch, jeder Tune ein Gefühl, das bleibt und sich fortsetzt.

„Überall klingen Fiddles, Banjos, Gitarren, Tag und Nacht, rund um die Uhr.“

In diesem Sinne soll es nicht beim Frühling bleiben. Kaum bin ich angekommen, geht die Reise direkt weiter. Der Festivalsommer rollt an und mit ihm die nächste Etappe, eine ganze Saison voller Musik, die mich bis nach Amerika führen soll. Der Rucksack liegt noch in der Ecke, nicht einmal ganz ausgepackt, da klimpert das Banjo schon wieder ungeduldig in seinem Koffer. Das Grevengrass Festival im nordrhein-westfälischen Greven eröffnet im Juni die Sommersaison – ein Open-Air-Festival mit Bluegrass, Konzerten, Jams und familiärem Flair. Bevor es mich über den Atlantik zieht, mache ich noch kurz Halt in Belgien, um dort mit dem italienischen Old-Time-Duo Cuttin’ at the point eine kleine Tour zu spielen – unter anderem beim Festival Cowboy Up Music Revival, einer guten Adresse für Folk- und Countryfans.

Willkommensjam beim Hannover Hoedown

Foto: Eléna Samulowski

Ein Monat USA steht bevor – ein Traum für alle, die Old-Time-Musik lieben. Das Swannanoa Gathering in North Carolina bildet den Auftakt. Ich volontiere dort und bekomme im Austausch eine Woche intensiven Unterricht: Banjo mit Joe Newberry, Fiddle mit Rosie Newton, Clogging mit Rodney Sutton. Sutton, einer der Gründer der legendären Green Grass Cloggers, ist eine Institution des Appalachian Dance. Clogging, eine rhythmische Tanzform zu Old-Time Music, ist eng verwandt mit dem Flatfooting und erinnert teilweise an amerikanischen Stepptanz. Beim Flatfooting bleibt der Fuß meist flach auf dem Boden, es entstehen Rutschsounds, die den Beat der Musik mitprägen. Oft liegt bei einer Jamsession ein Tanzbrett aus, auf dem abwechselnd Tanzende ihre Schritte als Percussion in den Groove integrieren. Die Green Grass Cloggers haben daraus eine Performancekunst entwickelt, eine tanzende Hommage an die Musik der Appalachen.

Bei einem Sessionabend im Jack-of-the-Wood-Pub in Asheville, North Carolina, höre ich Musikschaffende von Earl Whites Fiddler’s Jam erzählen. White ist seit fast fünfzig Jahren eine feste Größe in der Old-Time-Szene und ebenfalls Gründungsmitglied der Green Grass Cloggers. Spontan beschließe ich, dorthin zu fahren. Eine Woche lang Tunes im Nirgendwo, mitten in Virginia. Pure Musik, pure Gemeinschaft. So langsam wächst das Gefühl einer weltweiten Community: Überall tauchen bekannte Gesichter auf, denn viele reisen das ganze Jahr von einem Old-Time-Event zum nächsten.

Sore Fingers Week, beim Workshop mit Sammy Lindt

Foto: Eléna Samulowski

Schon kurz danach, Ende Juli, geht es zu einem meiner Highlights dieser Reise: zum legendären Appalachian String Band Music Festival in Clifftop, West Virginia, dem vielleicht schönsten Geheimtipp der Szene. Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal dort, und seitdem habe ich keinen vergleichbaren Ort mehr gefunden. Mit Pre-Camp dauert das Ganze gut zehn Tage. Menschen aus aller Welt treffen sich hier, um zu spielen, zu tanzen, zu singen und gemeinsam in Campgruppen zu leben. Neben ein paar Workshops – etwa täglich um 13.00 Uhr Flatfooting – gibt es Albumreleases, Wettbewerbe für Bands, Tanz und Einzelinstrumente. Überall klingen Fiddles, Banjos, Gitarren, Tag und Nacht, rund um die Uhr. Ich zelte mitten im Wald, im geistigen Zentrum des Festivals. Tag für Tag wird es sumpfiger, es gibt heftige Schauer, tropft durch die Zeltwand in mein Gesicht, und trotzdem wache ich mit einem Lächeln auf. Hier, mitten in West Virginia, habe ich das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein – getragen von der Musik und den Menschen, die sie lieben.

Zum Abschluss meiner Reise verbringe ich noch eine Woche in New York City. Inspiriert von James Mangolds Bob-Dylan-Film besuche ich die alten Clubs des Greenwich Village, Orte voller Musikgeschichte, und finde über die Sommerkontakte schnell Anschluss an neue Jams und Sessions.

Mitte August zurück in Deutschland gibt es keine lange Pause, bevor es zum Banjoree geht, wo für mich vor etwa acht Jahren der Einstieg in die Musikleidenschaft begann. Das Camp findet am selben Ort statt wie der Keltische Frühling, diesmal liegt der Fokus auf Bluegrass und Old-Time. Letzte Station des Spätsommers ist dann Anfang September Old-Time in the Alps, ein von Andrea Plötz, Caspar Noetzli und Elizabeth Lamberti organisiertes Camp in den bayerischen Alpen. Dort spüre ich einmal mehr, wie eng diese Szene miteinander verwoben ist. Es spielt keine Rolle, wo auf der Welt wir uns treffen, wir kennen dieselben Leute, dieselben Tunes, dasselbe Gefühl.

Und am Ende dieses Sommers weiß ich: Diese Reise war keine Flucht und kein Urlaub, sie war ein Kreislauf aus Begegnung, Bewegung und Musik. Vom Frühling in Europa bis in den Sommer Amerikas, vom ersten Tune bis zum letzten Jam, vom Lernen zum Teilen. Und irgendwo zwischen Banjo, Fiddle und Tanzbrett wurde mir klar: Man kann nicht fertig pilgern, wenn der Weg selbst Musik ist.

Linktipps:

www.banjoree.eu

www.cowboyup.be/cowboy-up-music-revival

www.grevengrass.de

https://hannover-hoedown.jimdofree.com

www.mandoree.com

www.oldtimemusic.ch

www.proitzer-muehle.de

www.sorefingers.co.uk

www.swangathering.com

www.wvculture.org/explore/camp-washington-carver/string-band-music-festival

Zur Autorin: Eléna Samulowski ist Musikerin und Tänzerin mit Schwerpunkt auf Old-Time Music und Folk. Sie spielt Banjo und Fiddle, unterrichtet Flatfooting und ist regelmäßig auf internationalen Folkcamps und Festivals unterwegs. Ihre momentanen musikalischen Projekte sind Wings on Strings und Cuttin’ at the point.

Aufmacher:

Eléna Samulowski in den Appalachen

Foto: Ryan Oslance

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