Anne de Wolff

Gefühlsverstärkerin

11. Dezember 2023

Lesezeit: 5 Minute(n)

Als Multiinstrumentalistin bezeichnet sich Anne de Wolff selbst. Von Violine über Posaune bis Akkordeon spielte sie für BAP, Stoppok, Calexico oder Poems for Laila – und steuerte dabei immer wieder Folksounds bei. Gerne ist sie Musikerin der zweiten Reihe. Doch mit The Joni Project und dem Album Shades Of Blue tritt sie jetzt mehr ins Bühnenlicht.
Interview: Udo Hinz

Woher kommt deine Offenheit für unterschiedliche Instrumente?

Seit ich sieben Jahre alt bin, spiele ich Geige, was im Sinne meiner Eltern einen klassischen Weg vorschrieb. Als ich mit zwanzig Jahren begann, in Bands zu spielen, war das Geigengeräusch oft nicht passend, oder ich hatte das Gefühl, es könnte sich für die Hörer auf Dauer erschöpfen. So habe ich neue Instrumente dazugelernt. Erst kam Bratsche, dann Akkordeon, Percussion, Posaune, Mandoline, Harmonium, Vibrafon, Cello. Es macht mir Spaß, nach passenden Klängen für Songs zu suchen und live die Sets spannend und farbenreich zu gestalten.

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„Es macht Spaß, nach passenden Klängen für Songs zu suchen.“

Gab es Impulse für die Instrumente?

Akkordeon begann ich für Poems for Laila zu lernen, die erste Band, mit der ich richtig Geld verdienen konnte. Bei Rosenstolz fehlte Percussion, so nahm ich etwas Unterricht. Mark Forster fand das Cello toll. So übte ich das für seine Tour. Oft bin ich durch einen großen Vertrauensvorschuss mit einem neuen Instrument quasi ins kalte Wasser gesprungen. Am meisten hat mich mein Mann Ulrich Rode inspiriert: Bis heute schenken wir uns gegenseitig Instrumente.

Wie gehst du bei einem Song bei der Auswahl der Instrumente vor?

Ich versuche herauszufinden, was die jeweiligen Künstler und Künstlerinnen besonders macht, was sie möchten, und dies so gut wie möglich zu unterstützen. Meine Instrumente, besonders Geige, Bratsche und Cello, sind oft „Gefühlsverstärker“, die den emotionalen Aspekt unterstreichen. Ich bin sehr textaffin und liebe es, durch Klänge die Geschichten mit zu erzählen.

Wie entscheidest du schließlich, welches Instrument du spielst?

Erst einmal horche ich, in welchen Frequenzen überhaupt Raum ist. Dann kommt die Frage, wie dicht mein Zutun sein darf. Soll es eher tupfig, mit Attack sein, rhythmisch oder gelegt? Braucht die Gesangsstimme eher Raum oder kann sie ein spezielles Element gebrauchen? Soll etwas Weite ins Gefühl kommen, nehme ich zum Beispiel das Vibrafon oder die Geige mit Delay. Für warme, gefühlvolle Songs passt oft das Cello. Es ist eine Art Gefühl, den Song zu etwas Ganzem zu machen. Dazu kommen Absprachen mit den Bandmitgliedern. Ich bin glücklich, in vielen Bands mit meinem Mann zu spielen. Wir sind meist in ähnlichen Frequenzbereichen unterwegs und können schon zu Hause herausfinden, wie wir uns ergänzen und uns nicht gegenseitig die Räume streitig machen – das üben wir ja auch schon im echten Leben.

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Bist du die Musikerin, die für Folkklänge zuständig ist?

Ja, bei BAP spiele ich zum Beispiel immer in den folkigeren oder dylanesken Songs Geige oder Mandoline. Auch bei Tokunbo, die eigentlich eher Jazz macht, rücken meine Instrumente manche Lieder in eine Folkrichtung.

Hast du dich mal in Folktraditionen eingearbeitet beziehungsweise für Folk begeistert?

Mit Folkmusik habe ich mich irgendwie nie so richtig tief befasst, weil ich nie in reinen Folkbands gespielt habe. Aber ich liebe die Einflüsse von Folk, die es in so vielen Genres wie zum Beispiel Americana gibt. Ich bin auch ein großer Bluegrassfan. Oft denke ich, ich sollte mich mehr damit beschäftigen und mein musikalisches Vokabular hier erweitern.

Mal ökonomisch gefragt: Bekommst du als Musikerin mehr Anfragen, weil du von den Instrumenten her flexibel bist?

Ja, ich glaube, dass es schon gut ist, so viel anbieten zu können. Natürlich helfen auch meine Erfahrung und mein gesamtmusikalischer Überblick. Ich habe gelernt, das Gesamtarrangement möglichst schnell zu erfassen, um meinen Platz und das richtige Instrument zu finden.

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Welche Rolle spielen Führungspersonen einer Band bei der Instrumentenwahl?

Ich bin in der glücklichen Lage, dass mir immer allergrößtes Vertrauen entgegengebracht wird. Ich kann meistens selbst entscheiden, was ich spiele. Manchmal gibt es eine Idee beim Proben oder eine Vorgabe aus einem bereits aufgenommenen Song. Meistens biete ich selbst etwas an. Ich kann gut auch erst im letzten Refrain einsetzen. Oder wie bei BAP oft nur Tamburin spielen, weil ich dem Song so am meisten nutze.

Welche Qualitäten braucht man, wenn man einem Bandleader wie Wolfgang Niedecken zuarbeitet?

Bei BAP bin ich nicht nur Sidewoman. Zusammen mit meinem Mann bereite ich seit 2014 die Touren musikalisch vor und produziere die Alben. Es ist wichtig die Musiker und Musikerinnen zu kennen, die Wolfgang geprägt haben, aber auch die Tradition von BAP. Es ist spannend, den Spagat zu finden zwischen dem, was BAP für viele Menschen seit Jahren bedeutet, und der musikalischen Gegenwart der Band. Dies authentisch und mit liebevollstem Respekt zu verbinden, ist eine schöne Herausforderung.

Fühlst du dich als Sidewoman wohler oder wenn du im Zentrum der Aufmerksamkeit bist?

Grundsätzlich bin ich auf jeden Fall am liebsten in der zweiten Reihe. Momentan rücke ich bei meiner Band The Joni Project etwas mehr nach vorn, aber da sind wir zu dritt – Iris Romen und besonders Stefanie Hempel erzählen als geübte Frontpersonen wesentlich mehr als ich.

Bitte erzähle etwas vom Joni Project.

Mit unseren Arrangements möchten wir die Songs von Joni Mitchell greifbarer machen, ohne deren Grundgefühl zu verlieren. Die Originale, vor allem die frühen Alben, sind ja eher sparsam, fast spröde inszeniert. Mithilfe unseres dreistimmigen Gesangs kann man Jonis ungewöhnliche Harmonik besser verstehen. Wir stehen mit sechzehn Instrumenten auf der Bühne und gestalten die Songs sehr farbig und abwechslungsreich. Dabei nehmen wir musikalisch großen emotionalen Bezug auf ihre Texte, die uns sehr wichtig sind. In den Konzerten erzählen wir kleine Geschichten und Anekdoten zu Joni Mitchell, ihrem Leben und ihrer Musik.

Gibt es die Songs schon als Album?

Ja, Shades Of Blue erschien am 3. November – kurz vor Joni Mitchells achtzigstem Geburtstag. Wir haben es fast so aufgenommen, wie wir es auch live spielen. Erdig, warm und ehrlich, ohne viele Overdubs. Bei einigen Songs habe ich zusätzlich ein Streichertrio, -quartett oder großes Orchester arrangiert und gespielt. So kann man emotional noch einen Schritt weitergehen, dem Text und der Stimme ein breiteres Bett bereiten, sie liebevoll umhüllen.

www.annedewolff.de
www.thejoniproject.net

 

Aktuelles Album:

The Joni Project, Shades Of Blue (BluHouseMusic, 2023)

 

Videolinks:
The Joni Project spielen „A Case Of You“ von Joni Mitchell im Granny’s-House-Studio in Hamburg: www.youtube.com/watch?v=kH-324PakEM
The Joni Project, eine Hommage an Joni Mitchell, Hamburg Journal im NDR: www.youtube.com/watch?v=GbZQYpOyhSM
BAP feat. Anne de Wolff, „Jupp“: www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/rockpalast/video-bap—jupp-feat-anne-de-wolff-100.html

 

Aufmacherfoto:

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