Das italienische Lied hat eine jahrhundertealte Tradition. Lange vor der Achtundsechziger-Bewegung sangen Geschichtenerzählerinnen und -erzähler über das Schicksal ihrer armen Landsleute. Einige dieser Cantastorie gehören mehr denn je zu den wichtigsten Vorbildern und Inspirationsquellen aktueller Liedschaffender.
Text: Martin Steiner
Matera, Apulien, 1990. Die Menschen des Städtchens leben in ihren dem Zerfall preisgegebenen, in den Fels gemeißelten Höhlen. Es herrscht bittere Armut. Der junge Koch des kleinen Restaurants der Unterstadt trällert italienische Schmachtfetzen. Die Musik der Cantautori hat den tiefsten Zipfel des Landes nicht erreicht. Christus kam nur bis nach Eboli – bis nach Matera, wo das gleichnamige Buch Carlo Levis verfilmt wurde, schaffte er es nicht.
Am Anfang des Erfolgs der Cantautori der Achtundsechziger-Generation stand Fabrizio De André. Fragt man aktuelle Liedschaffende Italiens, wer sie in ihrer Karriere am meisten beeinflusst hat, wird fast immer sein Name genannt. De André ist und bleibt die Ikone am italienischen Liederhimmel. Wo die Schnulzensänger ausschließlich über die Liebe trällerten, sang er über ein Leben voller Schatten und Licht. Der Genovese war ein Poet, der seine Worte in wunderschöne Melodien kleidete. Mit „Rimini“ landete er sogar einen internationalen Hit, der im einfachen Refrain „Rimini, Rimini“ begründet war. Das Lied versprühte eine Italianità, die nach Sonnenschein und Urlaub duftete. Die vieldeutigen, poetischen Textzeilen gingen dabei unter. De André wurde stark vom französischen Chanson beeinflusst. So sang er auf seinem ersten Album Brassens’ Lied „Le Gorille“. Auch der Apulier Matteo Salvatore übte einen starken Einfluss auf ihn aus. Der 1925 geborene, in bitterer Armut aufgewachsene Liedermacher entführte sein Publikum mit seinem hellen Tenor und magisch realistischen Worten in eine Welt der Armut, der Namenlosen und Bettler.
„Gestern sang ich über die Verlierer. Heute singe ich über die künftigen Gewinner – die Fahrenden, verkannten Prinzessinnen, über all diejenigen, die ihre Verschiedenheit mit Würde und Mut kultivieren, um die Widrigkeiten der Ausgrenzung zu überwinden. Ihr Ziel ist es, sie selbst zu sein. Damit sind sie an sich schon die Gewinner“
Fabrizio De André
Salvatore war praktisch Analphabet, was Intellektuelle wie Italo Calvino nicht daran hinderte, den schüchternen Mann zu bewundern. Salvatores Partnerin, die Sängerin Adriana Doriani, stammte aus gutem Hause, war belesen und bewegte sich mit Leichtigkeit in der erlauchten Gesellschaft. Der verunsicherte, krankhaft eifersüchtige Sänger brachte seine Geliebte eines Nachts in einem Hotelzimmer um. Seine ungewöhnliche Erfolgskarriere kam abrupt zum Stillstand. 2005 starb er verarmt in seiner Heimat. Auch seitdem berief sich und beruft sich eine Vielzahl von Liedermachern wie Lucio Dalla, Daniele Sepe oder Vinicio Capossela auf das Werk Matteo Salvatores.
Auch Fabrizio De André wurde Opfer eines Verbrechens. Als er mit seiner Partnerin Dori Ghezzi 1979 in Sardinien Urlaub machte, wurden sie von Unbekannten entführt. Vier Monate später kamen sie gegen ein hohes Lösegeld frei. Die Geiselnahme verarbeitete er im Lied „Hotel Supramonte“.
De André zeigte Verständnis für die Entführer (einer von ihnen ein Priester), weil alle aus Geldnot die Tat begangen hatten. Ihren Auftraggebern hingegen, einem Toskaner und einem Sarden, die sich bereichern wollten, konnte er nie verzeihen. In späteren Jahren verfiel De André mehr und mehr dem Alkohol, rauchte drei Päckchen Zigaretten pro Tag und starb 1999 an Lungenkrebs.
Zwei Jahrzehnte später beklagte sich Gianmaria Testa, Bahnhofvorsteher der piemontesischen Stadt Cuneo und Liedermacher, dass ihn seine große Inspirationsquelle viel zu früh verlassen habe. Testa konnte wie De André mit wenigen Worten seine Gefühle zum Ausdruck bringen. Wenn er in „Le Donne Nelle Stazioni“ den Frauen nachschaut, die mit dem Zug den Bahnhof verlassen und nie wieder zurückkehren, ist man sofort in einem Schwarzweißfilm eines italienischen Neorealisten. Stilistisch ließe sich Testa mit Paolo Conte vergleichen. Wie dieser liebte er den Jazz, doch bei ihm war alles filigraner, die feine Gitarre, die brüchige Stimme, die plötzlich anschwoll, um sich mit rauen, wilden Jazzeinlagen zu verschmelzen. Gianmaria Testa war ein feinfühliger Mensch ohne Allüren. Das bewies er eindrücklich auf dem 2006 erschienen Album Da Questa Parte Del Mare, wo er das Schicksal von Flucht und Migration betroffener Menschen besingt. Die Idee kam ihm im Urlaub in Apulien, wo die Crew eines Frachtschiffs vor der Küste zwei blinde Passagiere in einem Schlauchboot aussetzte. Niemand kam ihnen zu Hilfe, bis endlich einer der Männer von einem Fischerboot aufgegriffen wurde. Für den anderen kam jede Hilfe zu spät. „Ich habe die Lieder nicht für die Flüchtlinge geschrieben, das konnte ich nicht. Ich habe die Lieder für mich geschrieben und alle, die wie ich auf dieser Seite des Meeres leben“, sagte Testa. Er starb am 30. März 2016 im Alter von nur 57 Jahren an einem Hirntumor.
Auch der Apulier Massimo Donno singt auf seinem aktuellen, 2025 erschienenen Album La Spada E L’Incanto über das Schicksal der Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken. Wie viele Liedermacher zuvor bezieht er sich auf seinem neuen Konzeptalbum auf den „Sonnengesang“ von Franz von Assisi. Das Gebet ist ein Lobpreis der Schöpfung, in der die Menschen im Einklang mit der Natur Teil eines Ganzen sind. Doch Donno verfällt nicht in eine esoterisch aufgeladene Hingabe an Franziskus. Für den Cantautore ist das Werk vielmehr der Aufruf, gegen die Zerstörung der Umwelt und die Ausgrenzung der Menschen auf der Schattenseite des Lebens anzusingen. Wie Fabrizio de André und Gianmaria Testa ist auch Massimo Donno überzeugter Pazifist. Da erstaunt es nicht, dass er neben Konzerten mit seinen eigenen Kompositionen in einem abendfüllenden Programm über De Andrés Leben erzählt und dessen Lieder singt.
So viele Liedermacher. Alles Männer. Die meisten aus Mittel- und Norditalien. Wo bleiben die Liedermacherinnen? In Italien brauchte es recht lange, bis Frauen sich in der Liedszene durchsetzen konnten. Dem kamen wohl der fest verankerte Katholizismus, das traditionelle Frauenbild und der Machismo in die Quere. Kirchliche Traditionen und das Leid Christi sind noch heute Thema im Werk Liedschaffender, wenn auch mit einem völlig anderen Ansatz als demjenigen der katholischen Kirche.
Lange bevor junge italienische Liedermacherinnen ihre Stimme erhoben, sorgte Rosa Balistreri für Aufsehen. Die 1927 in ärmlichen Verhältnissen geborene Sizilianerin sang schon als Teenager in den Kneipen ihres Heimatdorfes. Als Sechzehnjährige wurde sie mit Gioacchino Torregrossa verheiratet. Dieser war ein Säufer und Tunichtgut. Nachdem er Balistreris Mitgift verspielt hatte, ging sie mit einer Feile auf ihn los. Sie glaubte, dass sie ihn umgebracht hätte und meldete ihre Tat der Polizei, die sie aufgrund versuchten Totschlags zu sechs Monaten Gefängnis verurteilte. Später arbeitete sie als Haushaltshilfe bei reichen Leuten, die ihr Lesen und Schreiben beibrachten, etwas, das sie schon lange gewollt hatte. Sie verliebte sich in den Sohn der Familie, wurde schwanger und hatte eine Fehlgeburt. Darauf meldeten die Herrschaften der Polizei, dass sie Geld gestohlen hätte, was ihr erneut sechs Monate Haft einbrachte. Nicht besser erging es ihr als Kirchendienerin. Nachdem der Priester sie missbraucht hatte, floh sie nach Florenz. Dort wurden die Kunstaffinen – unter ihnen der Regisseur und spätere Literaturnobelpreisträger Dario Fo – auf Rosa Balisteri aufmerksam. Wie kaum eine andere schilderte sie ihre leidvolle Geschichte und das Schicksal der kleinen Leute. 1973 wurde sie zum Festival von San Remo eingeladen und kurz vor dem Auftritt wieder ausgeladen. Ihr Beitrag „Terra Ca Nun Senti“, eine bittere Anklage an die Gleichgültigkeit der Menschen ihrer Heimat, die die Grausamkeiten ihrer Peiniger einfach so hinnehmen, sollte dem Publikum nicht zugemutet werden.
„Die Armen wie wir haben uns gegeben, was sie konnten. Die Reichen nicht einmal ein Krümchen Brot. Ach, Jesus! Du musst ihnen den Tod geben.“
Matteo Salvatore
Dafür haben viele Sängerinnen, Liedschaffende, Folk- und Rockbands die Lieder der sizilianischen Cantastorie in ihr Repertoire aufgenommen. So auch Carmen Consoli aus Catania, ihr neues Album Amuri Luci ist ein in ihrer Muttersprache gesungenes, schwärmerisches, schmerzlich zerstörerisches Liebeslied an die Heimat der Sängerin. „Sizilianisch ist für mich wie der Blues. Ich kann damit meine Seele ausschütten und meine Gedanken über die sozialen und politischen Ungerechtigkeiten besser zum Ausdruck bringen“, sagt sie. Neben „Terra Ca Nun Senti“ singt Consoli zwei Stücke, die sie für den Soundtrack von Paolo Licatas Film über Rosa Balistreri schrieb. In „La Terra Di Hamdis“ bringt sie zusammen mit dem Sänger Mahmood die Einflüsse der arabischen Kultur auf Sizilien zum Ausdruck. Im Titelstück singt Consoli über das Leben des Journalisten Guiseppe Impastato, der 1978 von der Mafia ermordet wurde. Das Album endet passend mit einer Eloge auf die von der Geschichte vergessene Poetin und Feministin Graziosa Casella. Carmen Consolis Mitmusiker begleiten ihren ausdruckstarken Sopran mit einer oft rauen, kraftvollen Melange aus Lied, Folk und Indierock.
Bevor Italienisch zur Lingua franca wurde, sprachen die Leute der verschiedenen Regionen ausschließlich in ihren eigenen Sprachen. Fabrizio De André singt auf dem 1984 erschienenen Album Crêuza De Mä Genuesisch, der Folk- und Rocksänger Davide Van De Sfroos aus Como ausschließlich Lombardisch, und die Liedermacherin Rachele Andrioli glänzt auf Leuca im apulischen Dialekt Salentos. Vor allem in Süditalien, Sizilien und Sardinien sind Lieder in heimischen Sprachen und Dialekten beliebt.
Auch ein in Deutschland geborener Cantautore kann in der italienischen Musikszene populär werden. Der bereits erwähnte, 1965 in Hamburg geborene und als Kleinkind mit den Eltern in deren Heimat zurückgekehrte Vinicio Capossela kennt die deutsche Kultur. Auf dem Album Tredici Canzoni Urgenti taucht er ein in tiefsitzende Ängste, Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit. Mit Liedern wie dem auf Brechts Kinderkreuzzug basierenden „La Crociata Dei Bambini“ will er uns aufrütteln und aus dem Dornröschenschlaf wecken.
Bei so viel Unbill schaffen „Sciusten Feste“ (seine italienische Transkription von „Schützenfeste“) Abhilfe. Als Kind begleitete Capossela seine Eltern zu solchen Veranstaltungen. Auf dem 2024 erschienenen Album Sciusten Feste N.1965 wird abgefeiert. Capossela reist von Fest zu Fest. Er macht Halt auf einem mexikanischen Friedhof, wo er zusammen mit den Skeletten der Toten Mambo tanzt. Dann fliegt er in die USA, stimmt dort Tom Waits’ „Christmas Card From A Hooker In Minneapolis“ an, bis er mit Bert Kämpfert im Walzertakt schwoft. Zu guter Letzt kann er es nicht lassen, beschwingt jubiliert er: „Ich bin ein Guastafeste, ein Spielverderber. Die Fröhlichkeit ödet mich an, aber der Frust muntert mich auf.“
Matera 2023. Das 1993 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärte Städtchen hat sich zum Museum für die Touristenströme gewandelt. Die Höhlenwohnungen sind jetzt Luxusunterkünfte mit Spa. Im alten Wirtshaus singt der grauhaarige Koch immer noch italienische Schmachtfetzen. Cantautori kennt er nicht. Zum Glück läuft im Hintergrund wenigstens kein Englisch gesungener Retortenpop.
Aufmacher:
Aktuelle Alben:
Rachele Andrioli, Leuca (Finisterre, 2022)
Vinicio Capossela, Tredici Canzoni Urgenti (La Cùpa, 2023)
Carmen Consoli, Amuri Luci (Narciso Records, 2025)
Massimo Donno, La Spada E L’Incanto (Squilbri, 2025)
Davide Van De Sfroos, Van De Best (Mynina, 2024)











0 Kommentare