Am 12. April 1912 ins Bewusstsein der Welt gerufen, als die Titanic auf dem Weg nach New York einem Eisberg nicht ausweichen konnte und bei der Neufundlandbank im dreitausend Meter tiefen Schlund des eiskalten Nordatlantiks verschwand, wurde Neufundland und Labrador erst 1949 zur östlichst gelegenen Provinz Kanadas. Sie ist heute mit einer Bevölkerungszahl von nur knapp fünfhunderttausend Menschen eine der musikalisch aktivsten Gegenden Nordamerikas.
Text: Delf Maria Hohmann
Als Thomas Roth, vormals Tagesthemen-Moderator, 2010 für seinen Dokumentarfilm Die Spur des Bären nach Neufundland kam, dokumentierte er in Pouch Cove, einem Dorf nördlich der Hauptstadt St. John’s, eine heute im Tourismus angepriesene sogenannte Kitchen Party. Dort hörte er emotionale Geschichten und traditionelle Lieder über das harte Leben der Fischereikultur. Noch weit entfernt vom heute üblichen touristisch Aufgesetzten, hatte schon Elizabeth Bristol Greenleaf vom Vassar College in New York – in den frühen 1920er-Jahren Lehrerin der Grenfell Mission – in einem Dorf an der Nordwestküste Neufundlands traditionelle Lieder bei diesen „Kitchen Parties“, für die man damals noch keinen Namen hatte, hören können.
Ihr großes Interesse an der Liedtradition brachte sie kurze Zeit später zusammen mit der Musikwissenschaftlerin Grace Yarrow Mansfield wieder nach Neufundland. Sie waren die Ersten, die sowohl Texte als auch Melodien der Volkslieder sammelten und in einer der maßgeblichsten Sammlungen überhaupt 1933 als Ballads and Sea Songs of Newfoundland veröffentlichten. Auch Cecil Sharp, der nicht nur in England, sondern auch in den Appalachen auf den Spuren des traditionellen Liedrepertoires war, wollte Neufundland zur Feldforschung besuchen, was ihm aber nicht mehr gelang. Er starb 1924. In Neufundland hatte er, ähnlich wie bei seiner Suche in den Appalachen, Lieder finden wollen, die seiner Theorie nach von den Auswanderern von den Britischen Inseln mitgebracht worden waren. Seine Sammlung English Folk Songs from the Southern Appalachians wurde von Maud Karpeles 1932 herausgegeben. Sharps Assistentin in vielerlei Hinsicht, kam Karpeles 1929 bis 1930 dessen Wunsch nach und verbrachte etwas mehr als drei Monate in Neufundland, wo sie Lieder sammelte, die sie 1934 als Folk Songs from Newfoundland veröffentlichte.
„… eine der musikalisch aktivsten Gegenden Nordamerikas.“
Es sollte bis in die frühen Sechziger dauern, bis weitere Volkskundler das Liedrepertoire Neufundlands erforschten, darunter Kenneth Peacock. Seine Darstellung der dortigen Volkskultur war aufgrund seines kulturellen Umfelds in Toronto tendenziell stark romantisiert, dennoch hatte sein Werk Songs of the Newfoundland Outports nachhaltigen Einfluss. Seine Annäherung veränderte die Sichtweise der Menschen aus Neufundland, sich ihrer eigenen musikalischen Traditionen zu erinnern und trug somit maßgeblich zur Wiederbelebung der Volksmusik der Insel bei. Als Verfechter dieses Revivals war Peacock zudem bestrebt, die versammelte Musik- und Liedtradition seiner Feldforschung ganz Kanada zugänglich zu machen. Die Analyse seiner Neufundlandsammlung zeigt jedoch, dass Peacock sowohl Texte als auch Musik teils überarbeitet und neu arrangiert hatte.
Während er hauptsächlich auf der Insel Neufundland sammelte, war der amerikanische Volkskundler MacEdward Leach entlang der Südküste des ebenfalls zur Provinz gehörenden Festlandteils Labrador unterwegs, um das dortige Repertoire zu bewahren. In den vom National Museum of Canada herausgegebenen drei Bänden Folk Ballads & Songs of the Lower Labrador Coast findet sich ein zu dem auf der Insel Neufundland fast kongruentes Repertoire an traditionellen Liedern.
In den Siebziger- und Achtzigerjahren entdeckte eine jüngere Generation auf Neufundland den Wert der eigenen Traditionen. Hatte die Memorial University schon seit 1968 eine eigenständige, von Herbert Halpert gegründete Volkskundeabteilung sowie das damit verbundene Memorial University Language and Folklore Archive (MUNFLA), das zudem vom Bluegrasshistoriker und Banjopicker Neil Rosenberg gestützt wurde, waren richtungsweisende Musikschaffende etwa Anita Best, Pamela Morgan, Jim Payne, Kelly Russell und Bands wie Lukey’s Boat oder Figgy Duff.
Anita Best entstammt einer Familie traditioneller Sänger und Sängerinnen von der in der Placentia Bay gelegenen Insel Merasheen. Zu Hause hörte sie von ihren Eltern und ihrer angeheirateten Familie tradierte Balladen. Zusammen mit Genevieve Lehr brachte sie 1985 eine starke Sammlung dieser Lieder heraus, die sich oder Variationen davon nicht schon in den oben genannten Sammlungen fanden. Dabei legten die beiden Wert auf die Wiedergabe originalgetreuer Texte, einschließlich dialektaler Färbungen und zusammen mit den von Pamela Morgan mit allen Nuancen transkribierten Melodien. Während ihrer Feldforschung rückten Namen wie Elsie Best, Bride und Patsy Judge, John Joe English, Mary Brennan, Gerald Campbell und Anthony Power ins Rampenlicht. Diese noch in der mündlichen Überlieferung stehenden, schon älteren Kulturtragenden waren dann auch auf dem ersten St. John’s Folk Festival 1976 auf der Bühne zu finden. Feldaufnahmen und Festivalaufnahmen sind heute im erwähnten Archiv (MUNFLA) zugänglich.
Das Festival in St. John’s wurde zum Vorbild vieler kleinerer Festivals in den Dörfern Neufundlands, wie etwa des Brimstone Head Folk Festivals auf Fogo Island, des Carbonear Folk Festivals, das Southern Shore Shamrock Festivals und weiterer. Die meisten von ihnen berufen sich auf ihre eigenen ortsansässigen Kulturschaffenden, in der Regel mit ein oder zwei bekannteren Gästen oder Bands im Programm. Auch hat seit ihren Anfängen in den Achtzigern eine von der Musikindustrie angeregte Kommerzialisierung sowie stärkere Anlehnung an das große Festival in St. John’s (heute Newfoundland and Labrador Folk Festival) stattgefunden. Letzteres hat sich über die Jahre von seinem Schwerpunkt auf der eigenen Musikkultur zu einem Festival wie im Rest Kanadas entwickelt, in dem Fall mit einer starken Ausrichtung hin zu Liedermachern und -macherinnen sowie einer importierten irischen Musikkultur, wenn diese auch verständlich und historisch begründet ist durch die enge Verbindung zum kulturellen Erbe Irlands. Im Programm finden sich dann etwa ehemalige Mitglieder von Great Big Sea wie Séan McGann oder Alan Doyle oder internationale Folkstars wie Emmylou Harris, Andy Irvine, Seán und Dolores Keane, Paddy Keenan und andere mehr.
Neben einigen der mittlerweile bekannteren Namen aus der jüngeren populären Szene wie zum Beispiel The Once und Rum Ragged, die sich unter anderem auch auf traditionell-musikalische Großeltern wie Gerald Campbell, Rita Young, Émile Benoît, Rufus Guinchard in ihren Repertoires berufen, sind ehrwürdige und einflussreiche heimische Musikschaffende wie Pamela Morgan, Anita Best, Jim Payne oder Kelly Russell immer noch aktiv.
Erwähnt werden sollte noch das sehr erfolgreiche Programm „Young Folk at the Hall“. Seit 2002 engagiert sich Fergus O’Byrne, ehemals Ryan’s Fancy, mit der Newfoundland and Labrador Folk Arts Society dafür, junge Menschen für traditionelle Musik zu begeistern. Dieses workshopbasierte Programm bietet Jugendlichen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren Anleitung und Unterricht sowie Auftrittsmöglichkeiten. Die jungen Leute erarbeiten ein gemeinsames Repertoire, lernen Stücke zu arrangieren und legen sich Bandnamen zu. In einer großen Show stellen sie dann in den neuen Besetzungen ihr Material einem Livepublikum vor. Alljährlich werden so rund dreißig junge Musikschaffende in Bands zusammengefasst und von Ehemaligen des Programms betreut, von denen einige sich einen Namen über die Grenzen Neufundlands hinaus gemacht haben und die die Traditionen und die Freude am gemeinsamen Musizieren weitergeben möchten.
Zum Autor:
Delf Maria Hohmann lebt in St. John’s auf Neufundland und in München. Er spielt Banjo und Gitarre und verfügt über ein Repertoire zeitgenössischer und traditioneller Volksmusik auf Englisch, Französisch, Jiddisch und Deutsch, mit dem er an Folkfestivals in ganz Kanada aufgetreten ist. Heute ist er unter anderem Mitglied des Programmbeirats des Sound Symposium, komponiert Klanginstallationen und dirigiert Musik für Schiffssirenen.











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