Ye Vagabonds

Minimalismus zum Anfassen

11. März 2023

Lesezeit: 6 Minute(n)

Sie sind zurzeit die Shootingstars der irischen Folkszene. Als Duo Ye Vagabonds verhelfen die Brüder Brían und Diarmuid Mac Gloinn dem Genre mit ihren intimen Songs und unwiderstehlichem Harmoniegesang zu einer neuen Popularität, vor allem beim jüngeren Publikum. Der folker hat sich auf die Suche nach ihrem Erfolgsgeheimnis gemacht.
Text: Erik Prochnow

Wo auch immer sie auftauchen, werden sie als Zweierpack wahrgenommen. „Oft, wenn ich in ein Geschäft gehe oder Menschen treffe, die uns kennen, heißt es: Da kommen die Jungs. Dabei bin ich allein“, sagt Brían Mac Gloinn. Gemeinsam mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder Diarmuid bildet er den derzeit wohl gefragtesten Act der irischen Folkszene, Ye Vagabonds („Ihr Vagabunden“). Dass die beiden aus Carlow im Südosten Irlands stammenden Musiker nur als Einheit wahrgenommen werden, ist nicht überraschend. Seit 2012, als die Brüder zum Studium nach Dublin aufbrachen, verbringen sie den größten Teil ihres Lebens zusammen. Sie teilten sich eine Zeitlang ein Apartment, und vor der Pandemie spielten sie gemeinsam bis zu zweihundert Konzerte pro Jahr. Doch es ist vor allem die Art, wie sie irischen Folk neu interpretieren, der sie so unzertrennlich macht. Ihr intuitives Zusammenspiel und ihr kraftvoller, unter die Haut gehender Harmoniegesang brachten dem Duo seit 2019 sowohl bei der BBC als auch bei den heimischen RTÉ Radio 1 Folk Awards bereits sieben Auszeichnungen ein. Bei letzteren wurden sie zweimal als beste Folkgruppe prämiert, zuletzt erhielten sie im November 2022 für Nine Waves erneut den Preis für das beste Folkalbum.

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Die Mac Gloinns zählen neben Lankum, Lisa O’Neill und Brigid Mae Power zu einer jungen Generation von Musikerinnen und Musikern, welche die alte Songtradition auf inspirierende Art und Weise neu belebt. „Wir singen im Stil der Ulster-Tradition mit Harmonien, die sich an amerikanischen Vorbildern anlehnen, und das ergänzen wir vor allem bei der Instrumentierung mit etwas Sechzigerjahre-Folkrevival“, erläutert Brían Mac Gloinn die Vorgehensweise des Duos. In der Tat klingen ihre Songs frisch und innovativ sowie gleichzeitig, als ob sie bereits seit zweihundert Jahren in der Form existierten. Während Bruder Diarmuid hauptsächlich Gitarre spielt, steuert Brían mit Bouzouki, Fiddle, Mandoline, Banjo und Gitarre eine ganze Palette an Saiteninstrumenten bei.

„Lieder sind wie Diamanten, jede Facette wurde von der nächsten Generation poliert.“

Das Duo begeistert mit einer bemerkenswerten Mischung aus traditionellen und eigenen Kompositionen. Einen Großteil ihres Repertoires haben sie von anderen Musikschaffenden gelernt oder bei Recherchen in Bibliotheken wie etwa dem Irish Traditional Music Archive aufgestöbert oder direkt auf der Insel Arranmore in Donegal, wo inzwischen ihre Eltern wieder leben, entdeckt. Aus den überlieferten Liedern formen sie eigene Versionen wie etwa im Fall von „Her Mantle So Green“ von ihrem aktuellen dritten Album, das Diarmuid von einem Sänger namens Jim O’Neill gelernt hat. „Ich habe die Melodie etwas geändert und hatte das Gefühl, dass der Text unvollständig, etwas an der Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war. Deshalb hielt ich nach anderen Versionen Ausschau“, beschreibt er den Prozess des Arrangierens. Material gibt es in Irland endlos. Denn vor allem auf dem Land war es in den Zeiten, als es noch kein Radio und Fernsehen gab, etwas Wertvolles, wenn man ein Lied besaß. „Die Menschen sind sogar extra in den nächsten Ort gereist, wenn sie hörten, dass jemand ein neues Lied habe“, weiß Diarmuid. So liegt für die Brüder Mac Gloinn eine große Kraft darin, Lieder zu singen, die über Jahrhunderte geformt wurden. „Sie sind wie Diamanten, jede Facette wurde von der nächsten Generation poliert, und oft sind spätere Versionen schöner als das Original“, erklärt er.

Ye Vagabonds

Foto: Steve O’Connor

Nach ihrem gefeierten Album The Hare’s Lament mit ausschließlich traditionellen Stücken – einige davon in Gälisch – und der späteren, prämierten Single „I’m A Rover“ sind es auf Nine Waves ihre Eigenkompositionen, die emotional hervorstechen. Das gesamte Album wurde inspiriert von Arranmore, seiner beeindruckenden Landschaft, der intensiven Verbindung mit dem Meer und der engen Gemeinschaft innerhalb seiner Gälisch sprechenden Bevölkerung. „‚An Island‘ handelt von der Einsamkeit und dem Zusammensein, die wir alle einmal im Leben erfahren“, merkt Diarmuid an. „Blue Is The Eye“ ist einem verstorbenen Freund und Fischer gewidmet und „Go Away And Come Back Hither“ besingt die Sehnsucht der Liebe. In ihren Arrangements lieben die Brüder den Minimalismus. Doch auch wenn die Stücke sehr intim um den brillanten Gesang und ihr traditionelles Spiel gestaltet wurden, sind sie keine Puristen. Auf Nine Waves arbeiten sie mit der Cellistin Kate Ellis, dem Kontrabassisten Caimin Gilmore, dem Konzertinaspieler Cormac Begley, Alain McFadden am Harmonium, Ryan Hargadon an Piano und Saxofon sowie dem Soundspezialisten John „Spud“ Murphy zusammen.

Generell bevorzugen Ye Vagabonds einen unmittelbaren, möglichst authentischen Kontakt zu ihrer Zuhörerschaft. Die Musik soll nichts Hierarchisches haben, bei dem nur die Künstler im Mittelpunkt stehen. Für die Brüder ist das Wichtigste die Verbundenheit mit den Menschen. „Auf unseren Konzerten verwenden wir daher immer weniger Mikrofone, sodass wir den Raum und die Leute, wenn sie singen, hören können“, sagt Brían. Es soll so gemeinschaftlich wie möglich sein. Aus diesem Grund sind beide auch große Anhänger der traditionell überall im Land stattfindenden „Singing Sessions“, den zwanglosen öffentlichen Treffen in Pubs, in denen man gemeinsam irische Lieder singt. „Die erste Session, die wir besuchten, war The Night Before Larry Got Stretched im Dubliner Pub Cobblestone. Wir sahen zum ersten Mal, wie viele junge Menschen dort waren, und es war aufregend zu hören, wie gut sie sangen, mit schönen Verzierungen“, blickt Brían zurück.

„Folkmusik ist in ihrem Ursprung eine demokratische Kraft.“

Für die Mac Gloinns gibt es einen engen Zusammenhang zwischen dem neuen Interesse der jungen Generation an irischer Folkmusik, ihrer gleichzeitigen Ablehnung des Establishments und der zunehmenden Kritik am Kapitalismus. Als sie nach Dublin zogen, schlossen sie Freundschaften in Zirkeln, die sehr politisch waren und sich mit der traditionellen Musikszene verbanden. Das zeigte sich vor allem in den großen öffentlichen Protesten 2021 gegen Pläne, ein Hotel um Dublins berühmte traditionelle Musikkneipe The Cobblestone zu bauen, in der schon viele bekannte Künstler und Künstlerinnen den Grundstein für ihre Karrieren legten. Dem Protest schlossen sich auch die Mac Gloinns an. Für die Brüder ist Folkmusik eine Macht verleihende, für alle zugängliche und in ihrem Ursprung demokratische Kraft. Dennoch sind sie eher zurückhaltend, sich auch in ihrer Musik politisch zu äußern. Sie wissen, dass ihre Landsleute sehr voreilig sein können, was die Meinungsbildung betrifft. Das hält die beiden jedoch nicht davon ab, sich zu engagieren. So unterstützen sie die Stiftung Refugee Rescue, die unter anderem im Mittelmeer Geflüchteten in Not hilft. „Einwanderung war immer ein Privileg der Iren, und es gibt eine enge Verbindung zu unseren Erfahrungen mit der Seenotrettung an unseren Küsten“, begründet Brían ihr Engagement. Auch setzen sie sich für Zugewanderte aus der Ukraine ein. „Jetzt ist eine gute Zeit, um sich damit zu befassen, wie Geflüchtete wirklich behandelt werden sollten“, sagt Diarmuid. So beherbergen etwa die Eltern seiner Frau eine ukrainische Familie in ihrem Haus.

Die beiden Mac Gloinns stammen aus einer Familie, in der zu Hause viel Musik gemacht wurde. Ihre Eltern haben in Clubs gesungen, und ihre drei älteren Schwestern spielen ebenfalls Instrumente. „Als ich acht Jahre alt war, heiratete meine älteste Schwester den versierten Fiddlespieler Jesse Smith, der mir Unterricht gab“, sagt Brían. Gemeinsam gesungen haben Diarmuid und Brían zum ersten Mal, als der eine sechzehn, der andere neunzehn Jahre alt war. „Jemand forderte uns auf zu singen, und wir entdeckten, dass es leicht war und unsere Stimmen sich hervorragend ergänzten“, erinnert sich Diarmuid. Von da an begannen sie, Straßenmusik zu machen. Bekannt wurden sie schließlich, als sie den renommierten Dokumentarfilmer Myles O’Reilly kennenlernten. Durch seine Videos und die Einladung von Glen Hansard, ihn 2015 auf seiner Europatour als Vorgruppe zu begleiten, wurde ein breiteres Publikum auf die beiden aufmerksam. Im selben Jahr erschien auch ihre erste EP, Rose & Briar.

Viele ihrer Inspirationen bis heute stammen von traditionellen Sängern und Sängerinnen, die oft keine professionellen Musikschaffenden waren. Dazu zählen Róise Rua, Paddy Doran, Geordie Hanna, Elizabeth Cronin und natürlich die Szene der Sechziger und Siebziger mit Bands wie Sweeney’s Men, Planxty und Co. Zudem schätzen sie aktuelle Kolleginnen und Kollegen der US-amerikanischen Szene wie Lisa O’Neill, Eamon O’Leary, Jefferson Hamer, Anna and Elizabeth, Sam Amidon oder Adrienne Lenker.

Den Lockdown empfanden Brían und Diarmuid Mac Gloinn zunächst als frustrierend. „Wir fühlten uns nicht wirklich motiviert und gefordert. Wir vermissten das Publikum, da es die wichtigste Quelle für Feedback ist“, erinnert sich Diarmuid. „Um kreativ zu sein, braucht man als Kunstschaffender Erfahrungen in der Welt.“ Am Ende erwies es sich jedoch als eine sehr fruchtbare Phase. „Da uns alle immer nur als Duo sehen, war es gut für eine Weile getrennt zu sein“, fügt Brían hinzu. „Wir konnten neue Ideen entwickeln und uns gegenseitig überraschen. Das war wirklich energetisierend.“ Außerdem bekamen sie zum ersten Mal die Chance, all das zu reflektieren, was seit 2012 passiert war. „Das hat das neue Album maßgeblich verändert und zu dem gemacht, was es geworden ist“, sagt Brían. Vor allem hat es die Brüder Mac Gloinn reifen lassen, sodass sie, ohne prophetisch sein zu wollen, auf Jahre hinaus ein Fels in der irischen Folkszene sein dürften.

Aktuelles Album:

Nine Waves (River Lea Recordings, 2022)

 

Aufmacherfoto:

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