Regionale Mundart und europäischer Geist

Fünfzigjähriges Bühnenjubiläum von Manfred Pohlmann und Harald Becker, Krupp’sche Halle, Bendorf-Sayn, 14.10.2023

1. Dezember 2023

Lesezeit: 4 Minute(n)

Sayn beziehungsweise „Sään“, wie es in Sayner Mundart heißt, ist heute ein Stadtteil von Bendorf, im engen Tal des Saynbaches gelegen, hoch überragt von der Burg Sayn und unten im Tal bestimmt vom Schloss Sayn und von der Sayner Hütte. In letzterer wurde von 1778 bis 1926 Eisen verhüttet. Diese ehemalige Industrieanlage ist heute ein Industriedenkmal, Kultur- und Veranstaltungszentrum, worin wiederum die Krupp’sche Halle Museum und Konzertsaal in einem ist, in welcher sich an diesem Abend zirka 250 bis 300 Leute einfanden, um dem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum zweier Söhne der Stadt beizuwohnen.
Text und Fotos: Michael A. Schmiedel

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Wie viele Sääner dabei waren und wie viele von außerhalb kamen, ist schwer zu sagen, aber die beiden Jubilare blickten trotz aller Freude ein wenig wehmütig auf frühere Jubiläen mit bis zu 500 Gästen zurück, zum Beispiel auf das dreißigjährige, das vom SWF mitfinanziert, aufgenommen und ausgestrahlt worden war. Jetzt, zwanzig Jahre später, ist das Genre der beiden – wie überhaupt die Folkszene – ein wenig ins Abseits der Musikindustrie geraten. Das aber tat dann doch der Qualität und dem Frohsinn des Abends keinen Abbruch.

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Frohsinn, so erklärte Manfred Pohlmann, sei zu Beginn ihrer Karriere gerade nicht das gewesen, was die Liedermacher- und Folkszene ausmachte, sondern alle hätten düster geguckt, sowohl die Musiker und Musikerinnen als auch das Publikum, und so begannen sie das Konzert mit einem düsteren Lied aus Harald Beckers Feder über die Heimat, an dessen Ende sich der Sänger den Tod wünschte. Sie schauten zurück auf das erste Konzert in der Brombeerschenke in Feldkirchen bei Neuwied mit damals aktuellen englischen Titeln und das zweite an Heiligabend in der Sayner Elisabethkirche, wo Manfred Pohlmann mit olivgrünem Parka als nicht ordentlich angezogen gegolten habe. Er erinnert an das erste abendfüllende Konzert im Jugendzentrum in Neuwied und an steigende Auftrittszahlen von zwei bis drei auf zwanzig bis dreißig pro Jahr, auch in Bayern, im Schwarzwald und anderswo, und daran, dass ein Veranstalter vom Inselclub in Koblenz ihnen nahegelegt habe, sich einen ordentlichen Bandnamen zuzulegen. Das taten sie und nannten sich dann „Edelzwicker“, weil sie gerade ein paar Flaschen dieser elsässischen Weinsorte geschenkt bekommen hatten. Dann seien sie dazu gekommen, auf Moselfränkisch zu singen, und zwar zuerst Texte von Pohlmanns Vater Fritz. So seien sie sie Teil der Mundartszene geworden, in welchem Zusammenhang es 2015 einen Artikel über Pohlmann im folker gab.

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Nun standen an diesem Abend nicht nur Pohlmann und Becker auf der Bühne, sondern auch Jo Nousse und Olivier Niedercorn aus Lothringen als La Schlapp Sauvage mit Gitarre und Akkordeon sowie lothringisch-lëtzebuergesch-moselfränkischen und französischen Liedern, darunter auch eine Übersetzung des bretonischen „Son Ar Chistre“, bekannter als „Was wollen wir trinken“, ins Lothringer Platt. Standarddeutsch hatte aber auch seinen Platz, zum Beispiel in der Übersetzung eines Chansons von Jaques Brel und auch bei einigen eigenen Liedern Manfred Pohlmanns. Einen unmusikalischen, aber poetischen Auftritt bot Ute Zimmermann aus Ludwigshafen, die kurze, humorvolle Texte in vorderpfälzischer Mundart zum Besten gab, so zum Beispiel: „Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, mach isch uff Pälzisch weider.“ Vor der Pause sang Harald Beckers Sohn Jonas ein englisches Lied, denn er meinte, das höre sich weniger kitschig an.

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Olivier Niedercorn, auch „Barnab“ genannt, eröffnete mit flottem Akkordeonspiel den zweiten Teil des Abends, gefolgt von Becker & Becker, also Vater und Sohn, die sich besonders als Gitarrenvirtuosen hervortaten, wiederum gefolgt von Mannijo, bestehend aus Manfred Pohlmann, Jo Nousse und Patrick Riollet am Keyboard. Dieses rheinisch-lothringische Trio zeigte in besonderer Weise die grenzüberschreitende Ausbreitung des Moselfränkischen, wenn sich dieses auch in den beiden Regionen verschieden anhört. Das mittelrheinische Publikum verstand das Lothringer Platt aber gleichwohl und honorierte es mit Applaus, dass auch die Ansagen auf Platt gemacht wurden. Und das, obwohl die Leute in der Koblenzer Gegend, wie Nousse Pohlmann zitierte, etwas sprachlich gehemmt seien, während man im Saarland, wenn man anfange, „deitsch se schwätze“ aufgefordert werde: „Schwätz doch normal!“ Manfred Pohlmann gestand im weiteren Verlauf des Abends, kein Liedermacher mehr zu sein, also „im Sinne von Poeten, die sämtliche Seelen- und Gemütsregungen sofort in ein neues Gedicht oder einen neuen Text umwandeln“, sondern lieber auch Lieder anderer Künstler zu singen, darunter auch Schlager seiner Kindheit wie an diesem Abend „Unter fremden Sternen“ von Freddy Quinn.

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Dieser Jubiläumsabend zeigte zwei Dinge. Zum einen, dass das von Pohlmann und Becker bediente Musikgenre zwar derzeit kein medialer Mainstream ist, aber durch die regionale Verwurzelung von Menschen honoriert wird, die sich damit identifizieren. Und zum anderen, dass Europa über diese Musik zusammenwachsen kann, so wie es zwischen Süddeutschland und den südlichen Nachbarländern schon seit Langem geschieht. Regionale Mundart und europäischer Geist sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Dazu passte dann das letzte Lied des Konzerts: „Die Gedanken sind frei/La Liberté De Pensée“ auf Deutsch und Französisch. Den Jubilaren ein herzlicher Glückwunsch!

 

www.manfred-pohlmann.de
www.haraldundjonasbecker.de
www.facebook.com/laschlappsauvage
www.bosenergruppe.saar.de/mitglieder_einzeln.php?mitglied=zimmermann-ute
www.saynerhuette.org
www.kulturpark-sayn.de
www.bendorfer-kulturverein.de

 

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1 Kommentar

  1. Danke für den sehr guten Artikel von Michael A. Schmiedel über unser 50stes Bühnenjubiläum am 14.10.23 in der Krupp´schen Halle.
    Es war ein wunderbarer Abend mit wunderbaren Musikern und einer Zuhörerschaft,
    die man sich öfter wünscht. Wir waren angenehm überrascht über den großen Zuspruch und hätten, wenn nicht Bestimmungen ein Limit gesetzt hätten, eine noch größere Zahl an Gästen empfangen können – also, es besteht Hoffnung!
    Nochmals danke und musikalische Grüße aus Bendorf
    Harald Becker

    Antworten

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