„Der beste Gig an der Nordsee …“, schwärmte einst Dave Pegg, als Mitglied von Fairport Convention ein Urgestein der britischen Folk- und Folkrockszene. Gemeint war ein Auftritt auf dem Pier des englischen Seebads Cromer. Inzwischen findet dort seit 26 Jahren ein von Publikum und Musikschaffenden geschätztes, ja, geliebtes Festival statt. Peter zum Beispiel, ein stämmiger Wachmann aus Derby, wird bei der nächsten Ausgabe von Folk on the Pier wieder dabei sein. Am letzten Tag des Festivals sind bereits rund 150 Tickets für 2027 verkauft. Dabei steht das Programm noch gar nicht fest. Er habe da einige Namen im Sinn, sagt Programmleiter Scott Butler. Mehr ist ihm noch nicht zu entlocken.
Text und Fotos: Harald Keller (Os)
Das Konzert ist zu Ende. Fleißige Helfer öffnen die Seitentüren und geben den Blick frei auf den blau schimmernden Ozean. Unter den Füßen gluckern und gurgeln sanfte Nordseewellen. Es ist Mitte Mai. Das Wetter meint es gut mit den Besucherinnen und Besuchern des Festivals Folk on the Pier. Für sie wie für viele Musikschaffende nimmt Cromer an der Küste von Norfolk eine Sonderstellung im Festival- und Tourbetrieb ein. „Ich trete seit 2005 in Cromer auf“, sagt der Singer-Songwriter und Bandleader Gerry Colvin, „daher sind das Publikum und die Veranstalter mittlerweile fast wie eine Familie für mich! Cropredy, Ely und New Forest sowie eine ganze Reihe anderer Festivals haben dieselbe Atmosphäre … – aber nicht das mächtige Meer!“
2026 fand das Festival zum 26. Mal statt. Den Rahmen liefert das am Pierende gelegene, fünfhundert Plätze bietende Pavilion Theatre, wie der Pier selbst eine Perle der Küstenarchitektur. Über die Jahre wurde stetig in den Erhalt der durch Sturmfluten und von angriffslustigen Seewinden bedrängten Landungsbrücke investiert. Mit Gewinn. Von Juni bis September und rund um Weihnachten rauscht hier eine klassische Varietéshow über die Bühne mit Musik, Ballett, Zauberkunst und einem Conférencier alter Schule. Ein Überbleibsel der Populärkultur der britischen Seebäder, deren Niedergang begann, als der Pauschaltourismus aufkam und Erholungsuchende in Massen gen Süden schwirrten. Außerhalb der Saison gibt es gelegentlich Gastspiele auf dem Pier.
Scott Butler, damals freiberuflich in Cromers Kulturmarketing tätig, verfolgt seit vielen Jahren das Schaffen der Folkrockpioniere Fairport Convention und regte an, die Band nach Cromer einzuladen. 1989 gaben sie auf dem Pier eines ihrer Akustikkonzerte – im Vorprogramm The Cromer Smugglers –, eine erfolgreiche Veranstaltung und der Ursprung der Reihe Folk on the Pier, die mit einem kleinen zweitägigen Programm startete und unter Butlers Leitung rasch prosperierte.
Auftretende wie Besuchende sind voll des Lobes über die ansprechende Mischung aus jungen Talenten und etablierten Größen der Folksparte. In den Worten Gerry Colvins: „Sie verstehen sich darauf, ein abwechslungsreiches und unterhaltsames Programm zusammenzustellen und für einen flüssigen, reibungslosen Ablauf zu sorgen.“
Das Geschick, diverse Stile und Präsentationsformen in Einklang zu bringen, verdankt Butler, so seine eigene Mutmaßung, seinem Vater. Der war in den Sechzigern als Diskjockey tätig, und Scott durfte ihn gelegentlich zur Arbeit begleiten. Damals habe er wohl ein Gefühl dafür bekommen, wie man musikalische Abläufe aufeinander abstimmt, spekuliert Scott verschmitzt. Mittlerweile gibt es von Freitag bis Sonntag jeweils um 14 Uhr und um 19:30 Uhr ein Programm mit in der Regel drei Auftritten, dazu Workshops, Gesangsrunden, Einzelauftritte in Pubs, Hotels, Gemeindezentren.
Die Abendvorstellungen bestritten in diesem Jahr unter anderem Virginia Kettle’s Rolling Folk, The Laurel Canyon Project, Dan McKinnon, das hörenswerte Trio Northern Resonance aus Schweden in der aparten Besetzung Hardangerfiedel, Viola d’amore, Gitarre. The Demon Barbers brachten ihre „25th Anniversary Show“ mit, inklusive Morris- und sogar Breakdance-Einlagen. Das Finale am Sonntag gehörte Vikki Clayton, Duff Paddy und dem enthusiastisch aufgenommenen Feast of Fiddles.
Chris Leslie, sonst als Multiinstrumentalist bei Fairport Convention aktiv, absolvierte einen erklärtermaßen ungewohnten Soloauftritt. Er vermisse die Freunde, bekannte er eingangs, freute sich aber andererseits, Songs vorstellen zu können, die sich mit persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen verbinden, darunter Titel indigener US-Musiker wie Bill Miller. Leslie empfahl dessen Alben als „pures Gold“.
Common Culture, lebhaft und energiegeladen, fanden im Nu Kontakt zum Publikum. „Wir spielen selten in bestuhlten Sälen“, eröffnete Sänger Dan Watson zu Beginn. Gegen ein „manierliches Moshen“ vor der Bühne habe man nichts einzuwenden. Das junge Quartett aus Barnsley in der Besetzung Gitarre, Violine, Bass und Schlagzeug bringt in diesen Tagen sein erstes Album mit dem Titel It’s Gonna Work Out auf den Markt, für das prominente Gäste wie Ron Block aus der Band von Alison Krauss gewonnen werden konnten.
Im Anschluss begeisterten Jenn Butterworth mit ihrem virtuosen Gitarrespiel und Will Pound an Mund- und Ziehharmonika. Seit 2018 sind die beiden gemeinsam unterwegs, aber von Routine keine Spur – sie musizieren frisch und aufregend, reagieren aufeinander, verweben und verschnörkeln gekonnt die aus traditionellem Folk, Blues und Jazz gespeisten Kompositionen. Die Blicke gehören dem Partner, mal konzentriert, mal amüsiert. Bisweilen bricht Butterworth in spontanes Gelächter aus, wenn Pound ihr eine besonders gelungene oder unerwartete Vorlage serviert. Charme und Spielfreude der beiden wirkten ansteckend. Ehrliche Ovationen waren der Lohn.
Alle Ausführenden hätten eine Würdigung verdient, gerade auch die wenig oder nur regional bekannten Musikerinnen und Musiker. Man findet ihre Namen auf der Festivalwebsite www.folkonthepier.co.uk und dort demnächst auch das Programm des kommenden Jahres.

















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