Viljandi Folk Music Festival

Dreißig Jahre alt und jung wie nie Viljandi, Estland, 27.-30.7.2023

8. September 2023

Lesezeit: 4 Minute(n)

Wie wäre es mit einem Urlaub in Estland? Nein? Weil zu weit weg? Nicht wirklich, ist mit dem Flieger näher als der heiße Süden oder etwas weniger umweltstressend mit dem Wohnmobil immer an der Ostsee lang. Das Land mit seinen nur 1,3 Millionen freundlichen Menschen fühlt sich ähnlich an wie Dänemark, ist Mitglied der EU mit dem Euro als Währung und seit dreißig Jahren die Heimat eines exquisiten Festivals – des Viljandi Folk Music Festivals.
Text: Mike Kamp

Viljandi liegt im südlichen Teil Estlands, circa 160 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Tallinn. Sicherlich keine spektakuläre Stadt, aber ein schnuckeliges (Alt-)Städtchen mit vielen Winkeln und Holzhäusern, die nordische Gemütlichkeit ausstrahlen. Funfact am Rande: Das 17.000-Seelen-Städtchen ist seit 1878 auch die Heimat einer eigenen lokalen Tageszeitung.

Polonäse; Foto: Viljandi Folk Music Festival

 

Während das Land sehr flach ist, kann Viljandi einen stattlichen Hügel vorweisen, auf dem im Mittelalter ein Schloss stand – und inmitten dessen malerischen Ruinen heute das Folk Music Festival auf vier Open-Air-Bühnen stattfindet (plus vier Innenbühnen, für die natürlich Anstehen angesagt ist). Drei der Freiluftbühnen bieten außerdem einen pittoresken Blick auf den Viljandi-See. 1993 rief der Kontrabassist und Dudelsackspieler Ando Kiviberg mit einer Gruppe von Begeisterten das Festival ins Leben. Klarer, aber nicht ausschließender Schwerpunkt: europäische Folkmusik mit Betonung heimischer Traditionen.

„Wenn das die Zukunft der Folkmusik ist, muss einem nicht bange sein.“

Um dem Festival lokale Akzeptanz zu sichern, mag es nicht nur hilfreich gewesen sein, dass Festivaldirektor Kiviberg etliche Jahre lang gleichzeitig auch Bürgermeister Viljandis war, sondern auch der Umstand eine Rolle spielen, dass heutzutage nachgewiesenermaßen jede Besucherin und jeder Besucher des Festivals rund 300 Euro in die lokale Wirtschaft steckt. Unterstützend ist ebenfalls, dass es seit 2008 mitten auf dem Festivalgelände das Estonian Traditional Music Center gibt mit wunderschönen Veranstaltungsräumen, einer Bibliothek und einem Restaurant.

Festivaldirektor Ando Kiviberg; Foto: Martin Lazarev

 

Dieses Jahr stand das Viljandi-Programm im Zeichen des dreißigjährigen Jubiläums. Etliche der Bands hatten sich exklusiv für das Festival noch einmal zusammengefunden, so die estnischen Folkpioniere von Alle-aa um eben jenen Festivaldirektor Kiviberg, das Quintett Vägilased, Stars der frühen Nullerjahre, oder die Folkfusionformation Paabel. Besonders interessant war am Festivaldonnerstag das Jubiläumskonzert „Folk 30“ auf der zweiten Kirsimägi-Bühne (benannt entsprechend des Namens eines der Bestandteile der verbliebenen Burgruine): eine Abfolge von alten Viljandi-Festival-Videos und danach jeweils kurzen Auftritten der (meist natürlich gealterten) Künstler und Künstlerinnen mit ein bis zwei Stücken, begleitet von einer siebenköpfigen Band. Der passgenaue Umbau in kürzester Zeit stellte eine logistische Meisterleistung dar! Diese Revivalkonzerte waren mit etwa fünftausend Menschen bestens besucht, den absoluten Magneten mit sechstausend tanzenden und immer wieder Polonäsen formenden Fans bildeten jedoch die estnischen Stars von Trad.Attack!. Das alles in bequem gehbarer Entfernung, war das eine Konzert beendet, war das nächste bereits startklar, was die insgesamt 25.000 Besucher und Besucherinnen über die vier Tage in permanenter Bewegung hielt.

„… eines der saubersten Folkfestivals europaweit …“

Auch wenn es vor den einzelnen Bühnen häufig sehr voll war, die glänzende Technik sorgte für einen durchweg guten Sound auf dem Teil des Geländes, der beschallt werden sollte, und mit Kameras und großen Bildschirmen neben der Bühne sowie im hinteren Teil war zudem sichergestellt, dass alle in den optischen Genuss dessen kamen, was auf der Bühne passierte. Die Kameras wiederum sorgten für ihre eigenen Highlights. Als Cätlin Mägi von Vägilased zu einem langen und variationsreichen Maultrommelsolo ansetzte, entdeckte ein Kameramann einen jungen Herrn im Publikum, der ebenfalls beseelt die Maultrommel bearbeitete. So ergab sich – zumindest optisch – ein höchst interessantes, augenzwinkerndes Maultrommelduell.

Foto: Viljandi Folk Music Festival

 

Internationale Gäste waren zum Beispiel Le Diable à Cinq aus Quebec mit der vertrauten Energie der Fußpercussion und des Call-and-Response-Gesangs, Flook aus England/Irland mit instrumenteller Flötenpower, das Ross Daly Trio aus Griechenland, Loten Namling, der überzeugend die Sache der unterdrückten tibetanischen Bevölkerung vertrat, oder aus der Slowakei die umwerfende Sängerin Júlia Kozáková mit einem unglaublich präzisen Romaquarett als Begleitung.

Einer der Höhepunkte war das Abschlusskonzert des Ethno Estonia Camps 2023, auch das ins Leben gerufen vom Viljandi-Team (es gab sogar ein Kids Ethno 2023!). Was diese sechzig, siebzig internationalen jungen Menschen optisch und akustisch an Spielfreude und Enthusiasmus auf die Bühne brachten, ließ die Unterkiefer reihenweise herunterklappen. Wenn das die Zukunft der Folkmusik ist, muss einem nicht bange sein. (Einen Artikel über Ethno Germany und den generellen Gedanken dieser jährlich international stattfindenden Jugend-Folk-und-Weltmusik-Camps wird es in Ausgabe #4.23 des folker im Dezember geben.)

Konzert des Ethno Estonia Camps 2023_Foto: Viljandi Folk Music Festival

 

Apropos Zukunft, generell fielen die vielen jungen Menschen auf, die einen Heidenspaß an der Musik hatten, tanzten und immer wieder diejenigen waren, die die Polonäsen durch das Publikum anführten. Laut Festivalstatistik war mehr als ein Viertel der Besuchenden in der Kategorie „junge Menschen“ einzuordnen. Und diese hatten entweder ihren Spaß oder waren Teil der etwa zweihundertfünfzig Freiwilligen, die zum Beispiel nach jedem Konzert mit Handschuhen und Plastiksäcken dafür sorgten, dass keinerlei Müll hinterlassen wurde. Nicht, dass es viel Müll gegeben hätte. Trinkbecher und Essen gab es nur gegen Pfand, geraucht wurde nur in abgetrennten Bereichen, und Alkoholmissbrauch gab es so gut wie keinen – obwohl neben vielfältigem Essen gute lokale Biere, Cider und Wein angeboten wurden. Es dürfte eines der saubersten Folkfestivals europaweit sein (es besteht auch eine ausdrücklich „Green-Festival“-Philosophie), und auch im Städtchen Viljandi war ebenfalls recht wenig Müll zu finden.

Wie wäre es mit 2024? Vier höchst erfreuliche Tage mit Musik und allem Drum und Dran wären garantiert.

www.viljandifolk.ee

 

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Aufmacher – Foto: Viljandi Folk Music Festival

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