WOMEX 2023

Die globalen Klänge des Jahres, Diverse Veranstaltungsorte, A Coruña, Galicien, Spanien, 25.-29.10.2023

20. Dezember 2023

Lesezeit: 7 Minute(n)

Vom 25. bis zum 29. Oktober fand im galicischen A Coruña, der nordwestspanischen Hafenstadt, die 29. Weltmusikmesse WOMEX statt, die sich seit 2021 „Worldwide Music Expo“ nennt. Mehr als 2.700 Delegierte repräsentierten die professionelle Szene und auf circa 60 Showcase-Kurzkonzerten konnte man aktuelle Künstlerinnen und Künstler erleben.
Text und Fotos: Willi Kloppotek

Der besondere Charakter dieser Veranstaltung besteht in der großen Bandbreite der repräsentierten Musikstile aller Kontinente, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von Musikschaffenden aufgeführt wurden, die deutlich in den lokalen Traditionen ihrer Heimatländer beziehungsweise -regionen verwurzelt sind. Dabei geht es sowohl um ganz ursprüngliche, akustische Formen, als auch um deren moderne Variationen mit Einsatz elektrischer Instrumente und Elektronik.

Praktisch unmöglich war es wieder, alle Showcases zu besuchen, da viele zeitgleich an verschiedenen Orten stattfanden. Auf der Eröffnungsveranstaltung im Palacio de la Ópera zeigte sich aber bereits, in welchem Spannungsfeld sich Weltmusik heute befindet. Das galicische Frauenduo Caamaño & Ameixeiras (Aufmacherfoto) bewies, dass man nur mit Violine, Akkordeon und starkem Gesang rein akustisch und der Tradition verpflichtet das Publikum begeistern kann. Kurz zuvor hatten die beiden Kataloninnen von Tarta Relena auf der Bühne gestanden, die ihre Stimmen mit Elektronik verstärkten. Das funktionierte zeitweise recht gut, bis dann massive Subbässe unangenehm auf die Ohren und den Magen drückten.

Auch bei den Showcases der folgenden Tage taten sich manche Acts keinen Gefallen damit, ihre vielleicht gar nicht so schlechten musikalischen Ideen unter elektronischem Dröhnen und Beats zu erdrücken. Wie man Elektronik ganz passend und tragend einsetzt, zeigte dann das Trio Ánnámárets, einer Sámisängerin aus Finnland. Eine Reihe von Sámimusikschaffenden setzen schon länger Elektronik ein, um die besondere Stimmung der nordeuropäischen Weiten, die diese Ethnie prägt, auf Bühne oder Tonträger zu bringen. Der ausdrucksstarke Joik Ánnámárets erhielt durch die elektronischen Klänge und den erdigen Klang der alten Jouhikko-Leier genau die Begleitung, die nötig war, um auch die zu faszinieren, die diesen einzigartigen Gesangsstil zuvor nicht gekannt hatten.

Wie man mit Technikeinsatz eine kraftvolle Performance zustande bekommt, obwohl nur Gesang und zwei alte akustische Instrumente eingesetzt wurden, zeigte auch das ausgefallene estnische Duo Puuluup. Ramo Teder und Marko Veisson spielten die mit einem Bogen gestrichenen Leiern, die alten Talharpas, die sie mithilfe von Loops zu beinahe orchestraler Breite pushten. So entstanden groovende Songs, die die Beine der Zuhörenden erreichten und schließlich im Stagediving endeten.

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Ganz ähnlich geschickt war der Elektronikeinsatz beim Ensemble Jinj, das von der in Frankreich lebenden armenischen Sängerin Sevana Tchakerian und dem Gitarristen Gor Tadevosyan geleitet wird. Mit traditionellen armenischen Flöten – wie zum Beispiel der Duduk – und Schlagzeug gab es eine zeitgemäße Form armenischer Musik, bei der auch ein wütender Rap über den Angriff auf Bergkarabach nicht banal, sondern unzweifelhaft armenischer Hip-Hop war.

Ganz Traditionelles gab es natürlich auch. Die in Deutschland lebende Iranerin Elshan Ghasimi zelebrierte eine Stunde lang ohne Unterbrechung die klassische persische Musikform des Radif. Sie begleitete sich selbst auf der traditionellen Tar, die einen bauchigen Korpus in Form einer acht besitzt. Stille und Konzentration waren angesagt, um diese hier selten zu erlebende Musik genießen zu können.

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Ebenfalls ungewohnte, aber erstaunliche Töne kamen vom über siebzig Jahre alten Ustad Noor Bakhsh aus dem pakistanischen Belutschistan. Er spielt eine ungewöhnliche Zither, die er selbst aus einem japanischen Kinderinstrument entwickelt hat und die er mit Hilfe einer Autobatterie und einer kleinen Box elektrisch verstärkt. Von einem Spieler einer Langhalslaute begleitet, brachte er erstaunliche Melodien in einem ganz speziellen, perlenden Klang zu Gehör, die mal getragen und mal sehr rhythmisch waren.

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Eine andere Form von Tradition präsentierten Júlia Kozáková und ihre Gruppe Manuša. Bei ihr konnte man Romamusik aus der Slowakei erleben, die mit Kozákovás schöner Stimme und ihrer strahlenden Bühnenpräsenz sowie flottem Spiel ihrer Begleiter auf der Violine und dem Cimbalom überzeugte. Die vierköpfige Band besteht aus Roma, die junge Sängerin selbst ist keine Romni, beherrscht das Repertoire aber glänzend.

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Das schwedische Duo Symbio bringt eine Drehleier mit einem Akkordeon zusammen. Die in der schwedischen Tradition wurzelnden Instrumentalstücke beeindruckten nicht zuletzt dadurch, dass die zwei Musiker hier die klanglichen Kombinationsmöglichkeiten der beiden Instrumente ausloteten und mit fein herausgearbeiteten tonalen Interferenzen erstaunten.

Die Musik Südfrankreichs konnte man in einer ausgefallenen Form erleben. Das Duo Cocanha, bestehend aus Caroline Dufau und Lila Fraysse, bearbeitete perkussiv drei Instrumente, die man als mit Basssaiten versehene Brettzithern bezeichnen könnte. Damit begleiteten sie ihren vokalen Vortrag okzitanischer Lieder. Eine ganz ungewöhnlich schöne Darbietung.

Die ursprüngliche Musik der indigenen Völker Nordamerikas versteht man am besten, wenn man sie live erlebt. Ebendies brachten Nimkii and the Niniis vom Volk der Anishinabe aus dem Norden Kanadas auf die Bühne. Der Gesang wurde von Percussion, begleitet und der Leiter der Gruppe, Nimkii Osawamick, erläuterte ausführlich die rituelle Bedeutung der einzelnen Stücke. Diese Musik ist leider besonders selten in Europa zu erleben. Umso schöner, dass die Gruppe auf der WOMEX auftrat.

Natürlich gab es auch viele Showcases, die modernere Formen präsentierten. Dass man jazzige Klänge ausgezeichnet mit Traditionellem verbinden kann, ohne in die verbreiteten Klischees zu verfallen, bewies der schottische Saxofonist Matt Carmichael mit seiner Band. Besonders beeindruckend waren Carmichaels Dialoge mit dem virtuosen Fiddler Charlie Stewart, der schottische Folkelemente einbrachte und so den Auftritt der Band zu einem außergewöhnlichen Folkjazzerlebnis werden ließ.

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Zwei lateinamerikanische Musikerinnen brachten an zwei Tagen nacheinander das Publikum spät in der Nacht noch einmal ordentlich in Schwung. Die Brasilianerin Lívia Mattos aus Bahia war auf der Bühne stets agil unterwegs und begleitete ihren kraftvollen Gesang mit energiegeladenen Akkordeonläufen. Tuba und Schlagzeug taten ihr Übriges, um eine ganz spezielle Form brasilianischer Musik zu präsentieren. Auch die ganz junge, aus Kuba stammende Musikerin Ana Carla Maza bewies Power. Mit groovendem Schlagzeug und Piano bot sie ein Programm, das von Kuba über Kolumbien bis nach Argentinien reichte, Jazziges enthielt, aber vor allem von ihrer überschäumenden Bühnenpräsenz, ihrem großartigen Gesang und ihrer expressiven Bearbeitung des Cellos lebte. (Zu einem Artikel über Ana Carla Maza auf folker.world geht es hier.)

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Interessant war auch die junge Portugiesin Beatriz Rosário, die Fado im Pop/Rock-Stil darbot. Da war von der häufig – klischeehaft – behaupteten portugiesischen Melancholie nicht viel zu spüren. Stattdessen bot Rosário eine lebendige Bühnenshow in auffälliger Kleidung. Puristischen Anhängern ganz traditionellen Fados mag das nicht gefallen, aber bisherige Fado-Abstinenzler könnten hier durchaus Feuer fangen.

Was Afrika angeht, machte Florence Adooni auf sich aufmerksam, eine Frau aus dem Norden Ghanas, die in ihrer Heimat als „The Queen of Frafra Gospel“ bezeichnet wird. Unterstützt von einer druckvollen Bläser- sowie einer Rocksektion, brachte sie das Publikum zum Tanzen. Die 2006 im Alter von 83 Jahren verstorbene und als Mutter des algerischen Raï verehrte Cheikha Rimitti ist die Inspiration für das Ensemble, das sich Les Héritières nennt. Diese Band mit drei gestandenen Sängerinnen aus Algerien, Tunesien und Frankreich ist ganz Rimittis Musik verpflichtet und trägt diese zeitgemäß vor. Wer staunte, dass hier es hier sehr rockig zuging, muss wissen, dass Cheikha Rimitti selbst bereits in den Neunzigerjahren sehr elektrische Platten veröffentlichte.

Eine spezielle Form europäisch-afrikanischer Kooperation fand man bei Avalanche Kaito, einem Trio bestehend aus zwei belgischen Musikern an Gitarre und Drums und dem Sänger Kaito Winse aus Burkina Faso. Der Gitarrenklang war massiv von Effekten und Lautstärke geprägt, und das Schlagzeug drückte. Kaito Winse, der auch Flöten und Percussion auf der Tama-Trommel besteuerte, sang eine Art expressiven Rap, der sich auch aus den Gesangsstilen seiner Heimat speiste. Hörens- und sehenswert.

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Die WOMEX wurde wie stets mit der Award-Zeremonie am Sonntagvormittag beendet. Den Artist Award erhielt dieses Mal die aus dem südafrikanischen Soweto stammende Formation BCUC (Bantu Continua Uhuru Consciousness, siehe auch die Meldung auf folker.world hier). Diese südafrikanische Band, die ihren mehrstimmigen Gesang lediglich mit Trommeln und einem Elektrobass begleitet, hatte nach der Preisverleihung einen furiosen, athletischen Auftritt bei dem sie den südafrikanischen House-Stil Kwaito mit Gumboots-Anklängen und Gospel in langen Stücken zu einem ganz eigenständigen Mix verband und die Anwesenden von ihren Stühlen riss.

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Was lässt sich zusammenfassend sagen? Wie bereits in den vielen Jahren zuvor gab es eine bunte Mischung verschiedener Stile, die – wenn man keine musikalischen Scheuklappen hat – eine ganze Menge interessanter oder sogar herausragender Acts vorstellte, die die musikalische Vielfalt des gesamten Globus repräsentierten. Man darf hoffen, dass zahlreiche dieser Künstler und Künstlerinnen ihre Musik nicht nur auf Tonträger oder digital zugänglich machen, sondern bald auch in den Clubs und Konzertsälen bei uns live erlebt werden können. Allerdings hatte ich – wie einige andere auch, mit denen ich sprach – den Eindruck, dass die Elektronikfans unter den Musikschaffenden etwas zu stark vertreten waren. Schon vor Längerem hörte man, dass die WOMEX jetzt verstärkt junge Leute ansprechen wolle. Das ist ohne Frage vernünftig. Elektronische Clubsounds sind ja allgegenwärtig. Denen eine kleine Prise „Exotik“ unter die stampfenden Beats beizumengen, ist allerdings nicht mehr als ein Gimmick und wird wohl kaum dazu beitragen, Jüngere für das breite Spektrum lokaler Klänge zu begeistern. Da muss man andere Wege gehen.

Bisher jedenfalls dominiert auf der WOMEX erfreulicherweise die globale Vielfalt. Seit vielen Jahren wundert mich aber, dass keine Gruppen aus Deutschland vertreten sind. Das merkt man auch auf der Messe. Während Länder wie Spanien, Belgien, die Niederlande, Polen und – ganz neu – auch die baltischen Länder ihre Musikschaffenden mittels großer Gemeinschaftsstände präsentieren, ist Deutschland, von winzigen Ausnahmen abgesehen, faktisch nicht vertreten – obwohl der Veranstalter Piranha Arts in Berlin ansässig ist. Das spiegelt sich dann auch bei den Showcases. Warum eigentlich? Vielleicht ändert sich das ja ein wenig, wenn die WOMEX zu ihrem dreißigsten Geburtstag im Oktober 2024 ihre Zelte im britischen Manchester aufschlägt.

 

www.womex.com

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