kurz & knapp

aus folker #02-2024

15. Februar 2024

Lesezeit: 15 Minute(n)

Tarek Abdallah, Osoul (Buda Musique)

Oudvirtuose Tarek Abdallah folgt dem Modell der klassischen ägyptischen Suite Wasla, die diverse zyklische Folgen im selben Modus miteinander verbindet. Während er die modale Improvisation als zentrales Element beibehält, verwenden er und Adel Shams El Din – kunstfertig an der Riq – traditionelle wie neue rhythmische Zyklen. Das Begleitheft enthält Erklärungen zu den Stücken in Französisch und Englisch.

Christoph Schumacher

Akleja, Im Verborgenen (Eigenverlag)

Eine Nyckelharpa klingt ja an sich schon magisch-träumerisch. Wenn dann noch eine zweite Schlüsselfiedel sowie Gitarre und Cittern hinzukommen, wird musikalische Magie daraus. Eigene und traditionelle Instrumentalstücke spielen Regina Kunkel und Björn Kaidel auf ihrem dritten Album in glänzenden Arrangements mit großer Virtuosität, und man kann gar nicht genug bekommen von diesen musikalischen Reflexionen über die kleinen Dinge im Verborgenen, die das Leben lebenswert machen. Dieses Album ist eines davon.

Ulrich Joosten

Aynur, Rabe (Dreyer Gaido)

Der neueste Tonträger der hierzulande wohl bekanntesten kurdischen Sängerin kreist um Liebe in all ihrer Vielfältigkeit – Liebe zum Schöpfer und der Schöpfung inklusive. Dem trägt die Besetzung Rechnung: Vom expressiven Sologesang direkt im ersten Stück bis zur großen Besetzung samt Streichquartett wird alles aufgeboten. Teilweise geht es sogar disco-funkig zu. Es überwiegen aber die nachdenklichen Titel.

Ines Körver

Myriam Carl Ayuna, Myriam Carl Ayuna (Eigenverlag)

Wer sich geistig in die Zeit des alten Keltentums versetzen möchte, ist hier richtig. Myriam Carl Ayuna (Soprangesang, Harfe, Lyra, Whistles) bewegt sich durch den Jahreskreis mit seinen überlieferten Festen. Außer Deutsch und Englisch sind vier keltische Sprachen zu hören. Trotz der historischen Anmutung handelt es sich um neues Material. Auch der Soundmix entspricht dem Genre „Mystic Folk“.

Almut Kückelhaus

Aywa, Saadi (Jules Sonic Prods)

Der arabische Begriff aywa bedeutet auf Deutsch „Ja“, „Okay“. Die fünfköpfige marokkanisch-französische Band fährt voll in die Beine. Aywa zünden einen Soundmix aus der traditionellen Gnawamusik, Indierock, ein wenig Jazz und Funk. Das machen sie gekonnt mit starkem Gesang, Gitarre, Bass, Ngonilaute, Bansuriflöte, Keyboards, Percussioninstrumenten und Drums. Ja, klar: Abtanzen!

Martin Steiner

Joe Bel, Family Tree (La Ruche)

In Frankreich ist sie in aller Munde. Nach ihrem gefeierten Debüt Dreams singt die 36-Jährige mit ihrer sanften Stimme nun auf ihrem zweiten Album über familiäre Werte und die Verschmelzung von Kulturen. In ihren elf melodischen Kompositionen ist unüberhörbar, dass die Französin als Kind ein großer Fan von Paul McCartney war. Die Gitarristin und Pianistin besticht durch gefühlvolle und eingängige Popsongs, meist gesungen in Englisch. Highlight ist der auf Ladino vorgetragene Titel „Morenika“.

Erik Prochnow

Bruno Berle, No Reino Dos Afetos 2 (Far Out Recordings)

Der brasilianische Sänger macht minimalistische Songs, wie geschaffen zum Vor-sich-hin-Summen, die Melodien höchst melancholisch, verloren, auf den Punkt gebracht. Dazu dezent programmierte Rhythmen oder Autotuning im Gesang, was aber die Wirkung nicht beeinträchtigt. Pop-Perlen ohne jeglichen Bombast. Berle repräsentiert eine neue, stilistisch offene Generation in Brasilien zwischen Folk und Pop.

Hans-Jürgen Lenhart

Bipolar Bows, Little Bundles Of Joy (Vi.Be)

Ein starkes, kraftvolles Album, das keine Grenzen zu kennen scheint. Das belgisch-französische Duo Lotte Remmen und Toby Kuhn lotet in seinem innovativen Dialog zwischen Violine, Cello und Gesang alle Stile aus und geht darüber hinaus. Exzellent vorgetragene Musik, die einen packt, weil sie den Hörer in sich selbst führt und eine Welt voller neuer Geschichten offenbart. Wer die ersten Klänge vernommen hat, kommt von diesem Duo so schnell nicht mehr los.

Erik Prochnow

Black Roots, Roots (Nubian Records)

Das walisische Roots-Reggae-Urgestein bedient in Reinform das, was man von einer solchen Band erwartet: einfache, unkomplizierte Songs in den bekannten Reggae-Riddims mit den üblichen Parolen in den Texten gegen alle Ungerechtigkeiten dieser Welt. Hat man zwar alles schon x-mal gehört, klingt aber sehr routiniert und bietet mit achtzehn Tracks eine Menge Musik.

Hans-Jürgen Lenhart

John Blek & The Broken Strings, Digressions #3 – In Dresden (K+F Records)

Der irische Songwriter verbrachte 2022 einige Wochen als „Artist in Residence“ in Dresden. Sechs seiner Songs aus der Zeit hat er in Sachsen mit den Musikern Filip Sommer und Moritz Brümmer aufgenommen. Inspiriert hat ihn die Atmosphäre der geschichtsreichen Stadt bei Tag und Nacht. Die Chemie stimmte: Die klassisch angehauchten Arrangements unterstreichen bestens seine warme, kraftvolle Stimme.

Almut Kückelhaus

Elliott Brood, Country (Six Shooter Records)

Die dreiköpfige Alt-Country-Band aus Kanada ist durchaus fleißig und legt mit Country , dem Nachfolger des 2023er-Albums Town , schon ihr zwölftes Album vor. Und das macht mit seinen acht kurzweiligen Songs richtig viel Spaß – vor allem die durch Tarantinos Once Upon A Time In Hollywood wieder bekannter gewordene Rolling-Stones-Nummer „Out Of Time“ ist zeitlos schön.

Wolfgang Weitzdörfer

Levyosn, Lullaby (Borscht Beat)

Hier geht es in erster Linie um ein Trio aus Boston mit Lysander Jaffe (v, voc), Kaia Berman-Peters (acc, voc) und Adah Hetko (g, voc), für das vorliegende Album begleitet von Raffi Boden (b). Der Gruppenname ist eine Ableitung von „Leviathan“, einer mystischen Meereskreatur, die in einem kaum überschaubaren Meer von Liedern über die Musik den Schabbat mit dem Kerzenzünden, dem Segnen des Weines oder dem Riechen von Gewürzen beschreibt.

Matti Goldschmidt

Luis Matute, Small Variations From The Previous Day (Neuklang)

Der 31-jährige Genfer Gitarrist gilt als großes Jazztalent und trat unter anderem am Montreux-Jazz-Festival auf. Mit seinem dreizehnköpfigen Large Orchestra huldigt Matute neben Cooljazzklängen seinen Wurzeln in Honduras mit Latin Jazz. Seine Liebe gehört aber auch brasilianischen Rhythmen, denen er zusammen mit der Sängerin Gabi Hartmann in der Samba „Alma No Mar“ Tribut zollt.

Martin Steiner

Marion & Sobo, Gomera (Fine Music)

Die Presseinfo teilt mit, das Duo wolle Django Reinhardts Stil „aus seinem instrumentalen Käfig … befreien und in den Chanson und Vocal Jazz überführen“. Man braucht aber nicht alles zu glauben, was so ein kreatives Gehirn sich ausdenkt: Das hier ist authentischer Swing der Dreißigerjahre, vor allem getragen durch den virtuosen Gesang von Marion Lenfant-Preus, die zusammen mit Alexander Sobocinski auch die meisten Lieder geschrieben hat.

Gabriele Haefs

Heather Little, By Now (Need to Know Records)

Die Texanerin Little ist bereits seit dem Jahr 2000 musikalisch unterwegs, obwohl dabei nur 2013 ein einzelnes Vorgängeralbum herausgekommen ist. Sie macht es sich also nicht leicht, und tatsächlich singt sie hauptsächlich über schmerzliche Erfahrungen. Viele namhafte Musikschaffende begleiten sie auf den Songs, was deutlich macht, dass ihre Stimme in den USA gehört wird. Nur hierzulande viel zu wenig, was schade ist, so eindringlich wie ihre Musik ist.

Michael Freerix

Claudia Meyer, La Negra (Kobbiprod)

Die französische Sängerin und Gitarristin liebt es scheinbar, die Lieder großer Kolleginnen nachzusingen. Nach der Chansonette Barbara widmet sie sich nun ihrem Vorbild Mercedes Sosa. Im Ergebnis etwas weniger inbrünstig, dafür angenehm intim. Nur Gesang, Gitarre, Charango, Percussion. Ein Post-mortem-Duett mit der argentinischen Diva ist auch dabei.

Hans-Jürgen Lenhart

Edna Million, The Pool (Medienmanufaktur)

Mit rauchiger Stimme singt uns Edna Million aus Österreich in die Ohren, eigene Songs, an der elektrischen Gitarre vorgetragen. Eine Newcomerin, die allein auf ihre Stimme und ihre Gitarre setzt. Trotzdem, sie setzt sich vom Trend des Austropop deutlich ab, ist eine Songschreiberin im klassischen Sinn, mit leicht schrammeligem Klang der elektrischen Gitarre und rauem Charme.

Michael Freerix

Project Smok, The Outset (Eigenverlag)

Ohne die Leistung seiner zwei Kollegen (Gitarren und Bodhrán) schmälern zu wollen, der Sound des schottischen Trios ankert hauptsächlich im unglaublich virtuosen Flötenspiel Ali Levacks (plus Pipes), der außerdem seine Finger (!) in fast allen Tunes des Instrumentalzweitlings hat. Sehr rhythmusbetont, frei von Geschwindigkeitsbegrenzungen, eine Mischung aus Trad, Pop und Elektronik. Sehr gelungen!

Mike Kamp

Sean Athens Band, Time (Timezone Records)

Ein wahrlich starkes Debüt – die Zutaten dazu sind eine virtuos gespielte Bluesrockgitarre, ausdrucksstarker Gesang, geschmackvolles Songwriting und eine Begleitung an Orgel, Bass und Schlagzeug, die alle Gangarten von gefühlvoll über forciert bis furios mitgeht. Alles strotzt vor Vitalität und Spielfreude, und jeder, der (viel) Rock im Blues mag, wird dieses Album lieben.

Achim Hennes

Laurent Bardainne & Tigre d`Eau Douce, Eden Beach Club (Heavenly Sweetness)

Er zählt zu den führenden Musikschaffenden der neuen europäischen Jazzwelle. Nach seinem internationalen Erfolgsalbum Hymne Au Soleil erscheint nun das dritte Werk des klassisch ausgebildeten französischen Jazzsaxofonisten und Komponisten. Die elf hervorragend produzierten Instrumentalstücke sind voller Unbeschwertheit und tanzbarer Rhythmen und vermitteln perfekt das Gefühl eines Sonnentags am Strand. Doch bei aller Leichtigkeit drängt sich auch immer wieder der Eindruck auf, man höre schöne, gefällige Fahrstuhlmusik.

Erik Prochnow

Benne, Zuhause (FerryHouse)

Es ist ein typisch deutsches Album. Benne singt mit latent trauriger, verletzlicher Stimme über das Sein, das Werden, das Vergehen, die Zukunft, die Vergangenheit, das große Ganze und das kleine Nichts. Musikalisch ist es Popmusik mit ein paar Singer/Songwriter-Einsprengseln im Gepäck. Muss man mögen, kann man hassen.

Wolfgang Weitzdörfer

Black Lives, People Of The Earth (Jammin’ Colors)

Nominiert für den Deutschen Jazz Preis 2023 hat das 26-köpfige Ensemble ein beeindruckendes zweites Album eingespielt. Die fünfzehn Stücke vereinen Jazz, Soul, Funk, Hip-Hop sowie Blues und sind den Kindern der Welt gewidmet. Die Beteiligten werfen einen positiven und hoffnungsvollen Blick auf die gemeinsame Zukunft, die voller Herausforderungen auf allen Ebenen steht. Das 2021 von dem US-Bassisten Reggie Washington und seiner Frau Stefany gegründete Projekt will aufrütteln sowie ein Zeichnen für Vielfalt und Toleranz setzen. Das gelingt dem Ensemble erneut hervorragend.

Erik Prochnow

Bourbon Boys, People Of The Earth Forever Rebels (Faravid Recordings)

Wer sich Bourbon Boys nennt, sein Album Forever Rebels tauft und Songtitel wie „Chainsaw Brotherhood“, „Shitkicker“ oder „Good Men Become Outlaws“ im Gepäck hat, der kann eigentlich nichts anderes als Country spielen. Und das ist auch der Fall – die zehn Songs machen Spaß und Lust auf Sommer, Barbecue und Bier. Muss auch mal sein!

Wolfgang Weitzdörfer

Alejandro Escovedo, Echo Dancing (Yep Roc Records)

Dieses Album mit elektronisch modernisierten Re-Recordings alter Songs der texanischen Legende ist ein guter Einstieg für Newcomer. Experimentierfreudig produziert in Italien mit Musikschaffenden vor Ort, dekonstruiert der 73-Jährige vierzehn Klassiker aus seiner langen Karriere. Alte Fans werden aus Maschinensounds, Samples, Reggaebeats mit Vocoder-Stimme und Ähnlichem mehr gegebenenfalls keinen Gewinn ziehen.

Martin Wimmer

Afra Kane, Could We Be Whole (Warner Music)

Eine unglaublich begabte Musikerin. Afra Kane hat klassisches Klavierspiel studiert, setzt aber auch gern Synthesizer ein. Sie kombiniert in ihren Arrangements Elemente von Jazz, Funk, Chanson oder RnB. Ihre selbst verfassten Songs mit englischen Texten neigen zur Melancholie. Die Italienerin mit Wurzeln in Nigeria hat eine ausdrucksvolle Stimme, die einen unweigerlich in die Musik hineinzieht.

Almut Kückelhaus

Parker Gray, My Fearless Career (Gallway Bay Music)

Spoken Word vor Synthesizer-Gewabere. Warum William Shatner so was macht, versteht man ja: Er kann nicht anders. Aber ein Songwriter wie Peter Gallway mit 25 Alben auf dem Buckel stellt uns damit schon arg auf die Probe. An einem gnädigen Tag halten wir ihm zumindest mal die Ehrerbietungen an Leonard Cohen und Charles Bukowski zugute.

Martin Wimmer

Kari Sál, Butterfly (Imaginary Music)

Jazz auf höchstem Niveau. Die in Opern- und Jazzgesang ausgebildete polnische Sängerin hat ein erstklassiges Album eingespielt. In ihren zwölf Songs über die Untiefen des Alltags wird die 31-Jährige von einem exzellenten Instrumentalensemble begleitet. Darunter ist auch ihr Ehemann, der polnische Stargeiger Adam Baldych. In den musikalisch sehr unterschiedlichen Arrangements verschmilzt Sáls Jazz immer wieder mit Indiepop. Sehr hörenswert.

Erik Prochnow

Doug Schmude, Cavalry (Lost Hubcap Records)

Auf dieser kurzen Konzept-EP konzentriert sich Songwriter Schmude aus Louisiana auf sechs Geschichten, ausgeschmückt mit westernassoziierten Sprachbildern rund um Prärie, Steppenläufer, Staub, Tornados, Butch Cassidy, eine 44er-Magnum und die titelgebende Kavallerie.

Martin Wimmer

von Flocken, Palmen von Cannes (Initiative Musik/Eigenverlag)

Gleich bei den ersten Bassklängen im Titellied kommt das Gefühl der Neuen Deutschen Welle auf. Und beim folgenden Song „Moleküle“ erklingt ein wenig „Major Tom“. Doch die Berliner Indieband um Sänger und Komponist Christoph Bietz präsentiert auf ihrem Debüt nicht einfach einen Neuaufguss. Nein, die zehn Stücke sind deutschsprachiger Pop, der exzellent gereift ist. Voller Dynamik und Leichtigkeit singt Bietz mit viel Humor über die Melancholie des Alltags, sodass sich sofort gute Laune einstellt. Das ideale Album für die Tour in die Sonne.

Erik Prochnow

Marry Waterson & Adrian Crowley, Cuckoo Storm (One Little Independent)

Der irische Singer/Songwriter schrieb einen Lobesbrief an die Sängerin aus der englischen Folkdynastie (die Stimme ist unverwechselbar Waterson!) und das führte zu diesem Album. Viele Songs wurden gemeinsam geschrieben, andere jeweils alleine. Die Musik ist schwer zu fassen, so ziemlich das Gegenteil von leicht, eher bedeutungsschwanger. Indie ja, aber Folk? Obwohl, da ist dieser wunderbare A-cappella-Song.

Mike Kamp

Wendy Webb, Silver Lining (Spooky Moon Records)

Ist das noch leicht hörbarer Jazzpop, oder ist das schon Carole King? Die Songwriterin aus Florida croont sich durch nette, selbstreflexive Liebeslieder. Entspannte Musik für die Piano Bar, aber noch nachmittags zur Happy Hour mit den Großeltern.

Martin Wimmer

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