Wie kaum ein anderer Musiker hat Riccardo Tesi die Geschichte des Organettos der letzten fünfzig Jahre geprägt. Über die ganze Zeitspanne blieb er dem diatonischen Akkordeon treu. Sein musikalisches Spektrum reicht vom traditionellen Folk der Toskana bis zum Jazz und mündete in der Zusammenarbeit mit italienischen Liedschaffenden und Organettospielenden aus aller Welt.
Text: Martin Steiner; Fotos: Culture Works
Angefangen hatte alles mit „Bella Ciao“, der einzigen Schallplatte im Elternhaus des kleinen Riccardo. Am Sonntagmorgen wachte er jeweils mit dem Lied auf, das sein Vater rauf und runter abspielte. Als Teenager sang Tesi die Lieder Fabrizio De Andrés, Francesco Guccinis und Bob Dylans, die er auf seiner Gitarre begleitete.
„Bella Ciao“ blieb eine Konstante im Leben Riccardo Tesis. Den ersten Kontakt mit dem Organetto hatte er an einem Konzert der Progfolkband Canzioniere del Lazio. Der 22-jährige Tesi war so begeistert, dass er begann, sich das Organettospiel autodidaktisch beizubringen. Schon bald lernte er Caterina Bueno kennen, Sängerin des „Bella-Ciao“-Projekts, das 1964 beim Festival dei Due Mondi in Spoleto uraufgeführt worden war. Sie fragte Tesi, ob er in ihrer Gruppe mitspielen wolle.
In der Folge bereiste Riccardo Tesi unterschiedlichste musikalische und geografische Welten. Nach Il Ballo Della Lepre, seinem ersten, eher traditionellen Soloalbum von 1983, tourte er mit dem Quartett Ritmia durch Europa. Ihr einziges Album, das 1986 entstandene Forse Il Mare, war mit seinen keltischen, balkanischen und arabischen Einflüssen ein Vorreiter der Weltmusik.
„Tesi hat nicht nur dem Organetto in Italien den Weg bereitet, er ist auch federführend in vielen musikalischen Projekten.“
In den Neunzigern suchten viele Jazzmusikschaffende neue Wege abseits der abgetretenen musikalischen Pfade. So auch der Saxofonist Gianluigi Trovesi, der in Riccardo Tesi einen Geistesverwandten fand. Tesi hatte schon immer ein Gespür für Jazz und war offen für neue Horizonte. Aufgrund des begrenzten Tonumfangs des diatonischen Organettos brauchte er ein chromatisches Instrument, das ihm einen unbeschränkten Dialog mit Jazzmusikschaffenden erlaubte. Ein solches baute ihm die Firma Fisarmoniche Castagnari, die seit 1914 maßgeschneiderte Organetti herstellt.
1992 gründete Riccardo Tesi die Gruppe Banditaliana. Alle Musiker des Quartetts stammten aus Pistoia, einem malerischen Provinzstädtchen außerhalb von Florenz. Tesi bewies hier sein Gespür dafür, passende Mitmusiker zu finden. Maurizio Geri ist ein hervorragender Gitarrist und Sänger mit der Gabe, wunderschöne Lieder zu komponieren. Der Saxofonist Claudio Carboni setzte mit seiner gefühlvollen Begleitung jazzige Akzente. Ettore Bonafè und später Gigi Biolcati legten den Percussionteppich. Die sechs Alben der Band gehören zum Spannendsten der italienischen Folkszene. Musikalische Gäste wie die sardische Gesangsikone Elena Ledda, der neapolitanische Saxofonist Daniele Sepe, der baskische Akkordeonist Kepa Junkera oder der apulische Violinist Mauro Durante sorgten für viele Sahnehäubchen.
Banditaliana war auch live hervorragend. Nach 32 Jahren verabschiedete sich das Quartett 2024 mit einem Konzert in seiner Heimatstadt. „So lange hat noch nie eine Gruppe zusammengespielt – außer den Rolling Stones“, meinte Riccardo Tesi augenzwinkernd in einem Interview im italienischen Online-Folkmagazin Blogfoolk.
Riccardo Tesi hat nicht nur dem Organetto in Italien den Weg bereitet, er ist auch federführend in vielen musikalischen Projekten. Nach dem Tod Caterina Buenos im Jahr 2007 nahm er das Album Sopra I Tetti Di Firenze auf. Viele mehrheitlich aus der Toskana stammende Gäste wie Gianna Nannini, Maurizio Geri oder der Frontmann der Band Litfiba, Piero Pelù, beteiligten sich an der Hommage an die Florentinerin.
2011 gründete Riccardo Tesi die Accordion Samurai. Das Quintett zunächst mit Tesi, dem Finnen Markku Lepistö, dem Franzosen Bruno Le Tron, dem Belgier Didier Laloy und David Munnelly aus Irland, später mit Simone Bottasso aus Italien und dem Spanier Kepa Junkera (für Le Tron und Laloy) zeigte live und auf zwei Alben, welch erstaunliche Musik fünf Cracks mit ihren diatonischen Akkordeons erzeugen können.
Fünfzig Jahre nach der Uraufführung des Liederzyklus Bella Ciao stellte Tesi dann mit den Sängerinnen Lucilla Galeazzi, Elena Ledda und Ginevra Di Marco ein siebenköpfiges Ensemble auf die Beine, mit dem er zwei Alben aufnahm und auf Tournee ging. Ihr Auftritt 2016 am Hafensommer Würzburg bleibt ein unvergessenes Erlebnis.
Riccardo Tesis Affinität zum italienischen Lied bleibt ungebrochen. Er wirkte auf unzähligen Alben als Musiker und Produzent mit. Hier eine kleine Auswahl: 1996 spielte er Organetto auf Fabrizio De Andrés Anime Salve. 2015 produzierte Tesi das Album Partenze des apulischen Liedermachers Massimo Donno und 2025 dessen aktuelle Veröffentlichung La Spada E L’Incanto. 2016 gingen er und Maurizio Geri mit „Una Serata Per Gianmaria Testa“ auf Tour – mit dem Programm erwiesen sie dem im gleichen Jahr verstorbenen Piemonteser Liedermacher postum die Ehre.
2024 wurde Riccardo Tesi eingeladen, am peruanischen Festival Internacional de Música de Alturas in Lima solo aufzutreten und eine Woche vorher gefragt, ob er nicht doch zusammen mit einer Sängerin oder einem Sänger spielen könne. Nach vielen vergeblichen Anrufen bei anderen sagte die Liedermacherin und Gitarristin Giua zu, flog nach Lima und stellte dort mit Tesi in vier Tagen ein Programm mit teils neuem Material auf die Beine. Das Konzert war ein voller Erfolg, worauf die beiden beschlossen, in Italien weitere Konzerte zu geben. Das Livealbum Retablos entstand im Februar 2025 während eines Auftritts der beiden in Rom. Es vereint Giuas Lieder mit Tesis Instrumentalstücken. Die Reduktion auf Gesang, Gitarre und Organetto lässt beiden genügend Raum und strömt eine Energie aus, die Liveaufnahmen eigen ist.
Doch es ist nicht das neueste Werk unter seiner Beteiligung. Soeben hat Tesi das zusammen mit dem Flötisten Paolo Zampini eingespielte Album Camerock herausgebracht, auf dem die beiden – dem Titel gemäß – Kammermusik und Rock, aber auch Jazz und Folk vereinen.
Zwei Begriffe, die auf das Werk Riccardo Tesis, der im Juli seinen siebzigsten Geburtstag feiert, besonders zutreffen, sind „Nähe“ und „Distanz“. La Giusta Distanza, sein bisher letztes Soloalbum von 2024, ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Tesis Handschrift, aber auch sein Können, auf die illustre Schar von Gästen einzugehen, ist hier gut zu erkennen, wenn er die geografische Distanz, in der die verschiedenen Musikstile entstanden sind, mit Leichtigkeit überwindet. Titel wie „Couscous E Fasol“, „Mex Moon“ oder „Bucarest“ beweisen dies eindrücklich.
Aufmacher:
Aktuelle Alben:
Retablos – Live (mit Giua; Orange Home Records, 2025)
Camerock (mit Paolo Zampini; Visage Music, 2026)













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