Ohne die East Coast Music Association (ECMA) läuft im kanadischen Osten musikalisch recht wenig. Die ECMA koordiniert, vergibt Fördergelder und vor allem veranstaltet sie das jährliche Schaufenster der Szene, die ECMA Awards.
Text: Mike Kamp
Im Prinzip ist die ECMA der freiwillige Zusammenschluss der vier regionalen Musikgesellschaften: der Music/Musique NB aus New Brunswick, Music PEI von Prince Edward Island, Music Nova Scotia und MusicNL aus Neufundland und Labrador. Die drei Erstgenannten starteten 1989 die Maritime Music Awards, bevor 1991 mit dem Beitritt von MusicNL die heutige Vierergruppe komplettiert wurde. So erzählt es Bob Hallett, der Geschäftsführer der Dachorganisation. Er kennt die Theorie und Praxis des Musikgeschäfts seit Jahren, nicht nur als ausgebildeter Journalist, sondern auch als Mitglied der erfolgreichen Band Great Big Sea, als Komponist, als Produzent zahlloser Alben sowie als musikalischer Direktor des Stratford Festivals.
Die ECMA ist ebenso wie ihre vier Unterorganisationen gemeinnützig, und jede lokal ansässige Person, die im Musikgeschäft tätig ist, kann Mitglied werden. Mitglieder erhalten dann auch die regelmäßigen Newsletter, die neben Infos aus der Szene auf zahlreiche Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen. Es geht nicht um Profite, sondern um bestmögliche Vertretung und Vernetzung der Mitglieder. Das Geld dafür kommt aus Mitgliedsbeiträgen, Ticketverkäufen der eigenen Veranstaltungen, Sponsorengeldern und nicht zuletzt staatlicher Unterstützung. Entsprechend definiert Hallett den Begriff „Erfolg“ für die ECMA schlicht als „unserem Auftrag gerecht zu werden, Künstler und Künstlerinnen der Ostküste zu unterstützen und ihre regionale, nationale und internationale Bekanntheit sowie ihren wirtschaftlichen Einfluss zu steigern“. Und das alles in einem sich ständig verändernden Umfeld.
„Es ist kein Geheimnis, dass die gesamte Region eine einzigartige traditionelle Musikszene beherbergt.“
Per Satzung definiert die ECMA das gesamte Musikspektrum als ihr Aufgabengebiet, aber es ist erkennbar, dass Rootsmusik die dominierende Klangfarbe ist, und bei einigen regionalen Organisationen ist das besonders deutlich. Woran liegt das? Bob Hallett: „Die ECMA selbst bevorzugt kein bestimmtes Genre. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass die gesamte Region eine einzigartige und florierende traditionelle Musikszene beherbergt, die eine Quelle für Talente ist, die auf nationaler und internationaler Ebene erfolgreich sind. Einer der Gründe für diesen Erfolg ist die sehr lebendige Musiktradition der Region selbst, die sowohl ein starkes lokales Publikum als auch einen stetigen Zustrom neuer Acts aufweist. Die ECMA bevorzugt diese Genres nicht, sondern reagiert vielmehr auf dessen Stärke als wichtiger Motor und Sektor der regionalen Musikindustrie.“
Ein ganz zentraler Punkt der Arbeit der ECMA ist die jährliche Ausrichtung der East Coast Music Awards – Festival and Conference. Das ist das Schaufenster der vier Provinzen, hier feiert sich die Szene zu einem gewissen Grad selbst, und hier werden die prestigeträchtigen Awards verliehen. Laut Hallett ist das eine komplexe Angelegenheit. „Die Kulturschaffenden nominieren sich selbst, die Auszeichnungen werden jedoch in einem komplexen Juryverfahren vergeben oder nach einem Voting von Mitgliedern und der Öffentlichkeit. Showcases durchlaufen ähnliche Auswahlverfahren, wobei jedoch große Anstrengungen unternommen werden, um eine ausgewogene Mischung verschiedener Genres sowie aller Regionen, Geschlechter und unserer indigenen Bevölkerung sicherzustellen.“
Nicht zuletzt sind die Awards auch eine wichtige Exportshow. Über tausend nationale und internationale Fachleute werden eingeladen – eine ausgewogene Mischung aus der Musikbranche, darunter Talentscouts, Festivalplanende, Agenturen, Labels und Medienleute. Die Teilnehmenden besuchen kuratierte Showcases, Networkingevents und Einzelgespräche, um Geschäftsbeziehungen aufzubauen. In manchen Jahren wurden in diesem Rahmen weit über tausend Einzelgespräche organisiert. Das Accelerator-Programm zielt darauf ab, Exportmöglichkeiten für Acts aus den atlantischen Regionen Kanadas zu schaffen, die zu internationalen Buchungen, Managementverträgen und erhöhter Medienpräsenz führen. So wollen wir auch nicht verschweigen, dass dieser folker-Schwerpunkt Teil dieses Accelarator-Programms ist.
Völlig anders als bei dem Herrn, der südlich von Kanada das große sozialdarwinistische Wort schwingt, sind die Themen Gleichberechtigung, Vielfalt, Inklusion und Barrierefreiheit (Equity, Diversity, Inclusion, Accessability = EDIA) dabei enorm wichtig für die ECMA, und man hat das Gefühl, all das kommt wirklich von Herzen. Hallett: „Ja, es ist wirklich entscheidend, dass jede gemeinnützige, öffentlichkeitswirksame Kunstorganisation die Gemeinschaft widerspiegelt, in der sie angesiedelt ist. Die atlantischen Regionen Kanadas haben eine unglaublich vielfältige Bevölkerung, und es ist uns ausgesprochen wichtig, dass diese Bevölkerung auf der Bühne, in unserem Personal und in unseren Branchenprogrammen vertreten ist.“
Wenn man die Richtlinien der ECMA studiert, dann ist das neben EDIA eine recht komplexe Liste, mit denen die Organisation arbeiten muss. Erschwert das nicht generell ein flexibles Handeln? Da klingt Bob Hallett dann tatsächlich wie ein Politiker: „Die Richtlinien der ECMA haben sich seit ihrer Gründung enorm weiterentwickelt. Sie werden regelmäßig überprüft, und aktuell hat der Verband Branchenpartner beauftragt, eine institutionelle Erneuerung und die Entwicklung eines neuen Strategieplans voranzutreiben. Generell gelten Kunstorganisationen in Kanada als führend in der Sozialpolitik und der Gemeindeentwicklung, und die ECMA ist stolz darauf, an der Spitze des politischen Wandels in den Atlantikprovinzen Kanadas zu stehen, insbesondere bei Veränderungen, die letztendlich zu mehr Vielfalt und größerem wirtschaftlichen Erfolg für unsere Künstlerinnen und Künstler und die, die sie unterstützen, führen.“ Mit anderen Worten: Das ist alles schon okay so, wie es ist, und wir bleiben ganz gewiss auch nicht stehen.
Bei der rasanten technologischen Weiterentwicklung der Musikszene stellt sich die Schlussfrage eigentlich von selbst: Wo steht die ECMA in fünf Jahren? Bob Hallett: „Interessante Frage. Wir hoffen, dass wir noch da sein werden, und unser Bestes tun, die Geschichte unserer großartigen Kulturschaffenden und ihrer Musik zu erzählen. Zweifellos werden sich die Veranstaltungen und Dienstleistungen der ECMA verändern und weiterentwickeln, aber unsere Kernaufgabe – diese Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen – war vor 38 Jahren sinnvoll und wird es auch in 38 Jahren sein.“
Wohl gesprochen. Bleibt nur der Gedanke, ob es nicht hilfreich wäre, eine vergleichbare Organisation auch in Deutschland zu haben?








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