Schlüssel zur Welt

Sizilien und die Maultrommel

16. April 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die sizilianische Maultrommel Marranzanu war schon immer ein Männerinstrument – die erste Frau, die in Sizilien damit porträtiert wurde, war die Folkmusiklegende Rosa Balistreri. Als Verkörperung des Mafiainstruments trägt sie eine gewisse kriminelle, düstere Konnotation mit sich, die aber eher auf filmische Darstellungen zurückgeht. Sie wurde zum Symbol sizilianischer Identität und gleichzeitig zur Brücke in die internationale Instrumentenwelt – als Protagonistin des Marranzano World Fests in Catania.

Text: Kat Pfeiffer

In Italien ist die Maultrommel als Scacciapensieri und damit als „Gedanken-“ oder „Sorgenvertreiberin“ bekannt. Auf Sizilien haben sich zwei weitere Bezeichnungen etabliert: Marranzanu (die dialektale sizilianische Endung „-u“ korrespondiert mit „-o“ im Italienischen) und das prägnante, in Palermo verwendete Mariolu, das auch für einen schlauen, listigen Mann oder Dieb steht. International spricht man von Jew’s Harp, was vermutlich auf jüdische Händler im mittelalterlichen England zurückgeht.

Die ältesten Nachweise des Instruments stammen aus dem China des 4. Jahrhunderts vor Christus. Sein genauer Ursprung bleibt unklar, wird aber in Asien vermutet. Im 13. Jahrhundert gelangte es von Vorderasien nach Europa, im 14. Jahrhundert spielte es in Italien die Oberschicht und gegen Ende des 16. Jahrhunderts das einfache Volk. In den Süden des Landes gelangte die Maultrommel vermutlich mit Sinti- und Romagruppen aus Rajasthan, wo sie bis heute hergestellt wird. Aktuell erlebt das Instrument ein Revival: In Jakutien kehrte sie ab den Neunzigern als Teil schamanischer Traditionen zurück, während sie auf Sumatra von jungen Metalmusikschaffenden zwischen ihren Gitarren und Double-Bass-Drums gespielt wird. Allen Varianten gemeinsam ist eine Lamelle in einer Fassung aus Bambus oder Metall, deren Schwingung im Mundraum Klang und Obertöne erzeugt

„Die Maultrommel hat die Fähigkeit, in jeder Kultur, die sie aufnimmt, Wurzeln zu fassen.“

Seit dem Start des Marranzano World Fests 2005 in Catania erlebt die Scacciapensieri auch auf Sizilien eine Renaissance. Sie bringt den Menschen der Insel ihre eigene ländliche Kultur näher und hat sich zum Symbol der Verbindung von Lokalem und Globalem entwickelt. Der sizilianische Ethnomusikologe Luca Recupero verliebte sich 1997 während seines Studiums in Amsterdam in die Maultrommel und widmet ihr seitdem seine Forschung, Leidenschaft und eben dieses Festival. Dabei rekonstruierte er aus der Ferne die eigene sizilianische Identität und wunderte sich, dass die Instrumente auf Sizilien vor allem in Souvenirläden zu kaufen waren, es qualitativ gute aber kaum gab.

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Das Marranzano World Fest entstand quasi aus anthropologischer Not heraus: Im Dorf Resuttano lebte Giuseppe Alaimo, einer der letzten traditionellen Maultrommelbauer. Als der Achtzigjährige aus Gesundheitsgründen seine Schmiede aufgeben musste, lagerten dort noch viele Instrumente. Das Festival sollte seine Arbeit und die hochwertigen Scacciapensieri bekannt machen. Recupero wollte zudem die sizilianische Marranzanu-Tradition, die fast zu verschwinden drohte, mit der International Jew’s Harp Society zusammenbringen. Das tief in der sizilianischen Kultur verwurzelte Instrument war international kaum bekannt, während man auf der Insel nichts von seiner weltweiten Verbreitung ahnte. „Die Sizilianer würden behaupten, dass die Marranzanu ihre Erfindung ist, und wenn man die Jakuten oder die Menschen aus Yunnan in Südchina fragen würde, würden sie sagen, dass sie sie erfunden haben. Sie hat die Fähigkeit, in jeder Kultur und Identität, die sie aufnimmt, Wurzeln zu fassen“, sagt der Wissenschaftler.

Maultrommelherstellung

Foto: Renée Purpura

Für das Festival wurden Maultrommelvirtuosen aus aller Welt nach Sizilien – dem kulturellen Schmelztiegel des Mittelmeers – eingeladen. Musikschaffende wie Tran Quang Hai aus Vietnam und Frankreich, der Ungar Áron Szilágyi oder der Deutsch-Österreicher Albin Paulus, dessen besondere Kunst im schnellen Wechsel zwischen mehreren Instrumenten besteht.

Im Zeichen der Maultrommel bietet das Festival aber auch anderen sizilianischen Instrumenten eine Plattform und zeigt ihre Pendants in anderen Traditionen. Das Tamburello etwa ist im Mittelmeerraum weit verbreitet, wird aber auch weltweit gespielt. Die Friscalettu ist die typisch sizilianische Variante der Hirtenflöte und in ihrer ursprünglichen Volkstradition oft wenig bekannt. Die Bambusflöte Il Flauto di Canna kommt auch in anderen mediterranen Kulturen und darüber hinaus vor, genauso wie der Dudelsack Zampogna.

Jede Festivalausgabe widmet sich einer anderen Instrumentenfamilie. Bei der Friscalettu-Edition 2024 waren unter anderem der iranische Neyspieler Pejman Tadayon und der indische Bansurivirtuose Hariprasad Chaurasia zu Gast. Es werden Workshops verschiedener Niveaus angeboten, vom Neuling bis zur Masterclass. 2025 stand zum zweiten Mal die Rahmentrommel im Mittelpunkt. So gab es eine Percussion-Masterclass für die Studierenden des Konservatoriums von Catania mit drei der besten Spieler des Instruments der Welt – Glen Velez aus den USA, Andrea Piccioni aus Italien und Murat Coşkun aus Deutschland –, die mit einem gemeinsamen Abschlusskonzert endete. Selbstverständlich finden immer auch Marranzanu-Workshops statt, genauso wie zu Gesang oder traditionellen Tänzen wie der Tarantella.

Vor zwanzig Jahren baute die Vereinigung MoMu Mondo di Musica das internationale Marranzano-Festival in Catania von Grund auf auf und betreut es seither künstlerisch. Bis 2020 fand es alle zwei Jahre statt. Seit ab da die Associazione Musicale Etnea die Organisation der Veranstaltung übernahm, wurde es einige Zeit jedes Jahr ausgerichtet, künftig kehrt es nun wieder zum zweijährlichen Turnus zurück, „um nicht in eine Routine zu geraten, die diese Kulturarbeit eine Produktion-Konsum-Tendenz verleihen könnte“, so der künstlerische Leiter Luca Recupero. 2026 wird es daher nur kleinere Veranstaltungen geben, bevor 2027 dann wieder richtig gefeiert wird.

Aufmacher:
Marranzano World Festival

Foto: Renée Purpura

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