Singen für den Frieden

Der sizilianische Liedermacher Pippo Pollina und sein neues, politisches Album / Passionskirche, Berlin, 25.1.2026

12. Juni 2026

Lesezeit: 3 Minute(n)

An kaum einem anderen Ort könnte man wohl besser über das Thema Frieden singen. Rund sechshundert Menschen warteten Ende Januar gespannt in der vollen Berliner Passionskirche auf den Auftritt Pippo Pollinas. Der in der Schweiz lebende sizilianische Liedermacher war zu Besuch, um sein neues, diesmal politisches Album Fra Guerra E Pace („Zwischen Krieg und Frieden“) vorzustellen (siehe auch Rezension hier).
Text: Erik Prochnow

Und gleich mit dem ersten Lied machte Pollina das, was er besonders gut kann: in Kontakt mit seinem treuen Publikum treten. Plötzlich, kurz nach 20 Uhr, trat er durch einen Seitenraum in die Kirche und sang leidenschaftlich, sich selbst auf der akustischen Gitarre begleitend, während er durch die Reihen der Kirchenbänke lief. Ein berührender Moment, zumal er mit seinem bei Fans beliebten Song „A Mani Basse“ („Mit gesenkten Händen“) die gewaltfreie Stimmung des Abends vorgab.

Der überraschende Auftakt weckte große Erwartung in einen intensiven Abend, vor allem als Pollina sein kleines, aber exzellentes Ensemble auf die weiträumige Altarfläche vor der beeindruckenden Orgel bat. Zu seinen Begleitmusiker:innen zählten diesmal die Schweizer Cellistin Cécile Grüebler, die italienische Sängerin und Pianistin Elisa Sandrini, der Schlagzeuger Fabrizio Grünbaum sowie sein langjähriger Weggefährte, der Italiener Roberto Petroli an Klarinette, Saxofon, Querflöte und Fagott. Aber so richtig wollte der Funken nicht auf das Publikum überspringen. Vielleicht lag es daran, dass viele Themen der Lieder doch eher bedrückend waren und das Motto des Abends „La Vita È Bella Così Com’è“ („Das Leben ist schön, so wie es ist“) nicht wirklich widerspiegelten. Vielleicht auch daran, dass Pollinas Publikum hauptsächlich aus der Generation fünfzig plus besteht und grundsätzlich eher zurückhaltend den einfühlsamen melodischen Kompositionen lauscht.

Pippo Pollina in der Berliner Passionskirche im Januar 2026

Foto: Erik Prochnow

Dass die Berliner jedoch aus sich herausgehen können, zeigten Pollinas Konzertstandards wie „Sambadio“, „Chiaramonte Gulfi“ oder „Due Di Due“, die das Publikum sofort mitrissen. Die Songs des neuen Albums waren dagegen immer dann intensiv, wenn Pollina sie durch seine spannenden Geschichten einleitete. So widmete er „Hasta Siempre“ dem 2015 aus dem Amt geschieden (und im letzten Jahr verstorbenen) Präsidenten Uruguays, José Mujica, der für einen Politiker unüblich bescheiden in seiner eigenen Wohnung und nicht in der Präsidentenresidenz lebte sowie zudem achtzig Prozent seines Gehalts an arme Leute spendete. „Rosabianca“ wiederum gedenkt der Geschwister Scholl und ihrem Mut, im Kampf gegen die Nazis ihr Leben bewusst aufs Spiel gesetzt zu haben.

Pippo Pollina mit Roberto Petroli

Foto: Erik Prochnow

Grundsätzlich sieht der Pollina seine Aufgabe als Künstler darin, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und Ungerechtigkeiten in der Welt zu thematisieren. Das sei sein Beitrag, um zur Veränderung aufzufordern. „Wir Künstler müssen uns in politische Themen einmischen. Wir haben die Verantwortung, Missstände und Themen gesanglich anzusprechen und für die eigenen Überzeugungen zu kämpfen“, sagte der Liedermacher. Dabei ist ihm jedes Publikum recht. So erzählte er etwa davon, wie er zu Beginn seiner Karriere in Grenoble einmal für nur einen einzigen Zuhörer ein gesamtes Zwei-Stunden-Programm spielte.

Klare Worte fand er auch in der Anmoderation seines neuen Liedes „Free Palestina“. Israel sei eine Demokratie und ein Rechtsstaat, und deshalb sei das Verhalten in Gaza eines Volkes, das selbst Genozid erlebt habe, nicht würdig. „Gegen Netanjahus Regierung zu sein, heißt nicht, gegen Juden zu sein“, so Pollina. Das habe nichts mit Antisemitismus zu tun. Er habe viele Freundinnen und Freunde in Israel, die das genauso sähen. Das Publikum reagierte mit kräftigem Applaus.

Pippo Pollina mit dem Quartetto Acustico

Foto: Erik Prochnow

Ebenso berührte die Berliner Pollinas Ballade „La Notte Dei Cristalli“ („Kristallnacht“), die er auf dem neuen Album gemeinsam mit seinen beiden Kindern, den inzwischen selbst als Musikschaffende bekannten Faber und Madlaina singt. Der Sänger sieht diesen Song als Mahnung, dass die Demokratie heute wieder in Gefahr sei und das Wort „Krieg“ zur Normalität werde. Der Liedermacher: „Zwischen Krieg und Frieden steht immer das normale Leben.“

Pollinas Visite in der deutschen Hauptstadt war ein Abend voller exzellent gespielter Lieder, die zur Reflexion anregen, endlich etwas zu ändern, damit das Leben wirklich schön ist.

www.pippopollina.com

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Aufmacher:
Pippo Pollina mit Mitgliedern des Quartetto Acustico_Filip

Foto: Der Konzertfotograf

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