Sara Curruchich

Musik als Akt des Widerstands in Guatemala

17. Juni 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Als Angehörige der indigenen Minderheit der Maya und Aktivistin für Frauenrechte hat es die Sängerin und Liedermacherin Sara Curruchich in ihrer von antidemokratischen Tendenzen geprägten Heimat Guatemala nicht leicht. Dennoch ist es ihr gelungen, eine international geachtete Stimme für die eigene indigene Identität zu werden.
Text: Hans-Jürgen Lenhart

Der Ruf der Stadt als Zentrum des Rhythm and Blues geht vor allem auf die Plattenfirma Stax Records und ihre Studios zurück mit Stars wie Isaac Hayes oder Otis Redding. Um die anderen genannten Stile machte sich in erster Linie der 2003 verstorbene Produzent Sam Phillips mit seinem bis heute existierenden Sun Studio verdient. Hier entstand 1951 der wahrscheinlich erste Rock-’n’-Roll-Song: „Rocket 88“ mit Ike Turner am Piano. Hier begannen die Karrieren von Bluesleuten wie B. B. King, Howlin’ Wolf, Big Mama Thornton und James Cotton, aber auch von zwei Country- beziehungsweise Rockabilly-Stars: Johnny Cash und Jerry Lee Lewis. Und natürlich die des berühmtesten Sohns der Stadt (auch wenn er nicht in Memphis geboren wurde): Elvis Presley. Der wusste genau, was er den schwarzen Bluesleuten verdankte, nicht von ungefähr war er von jungen Jahren an und bis zum Ende mit B. B. King befreundet.

Möglich wurde die musikalische Vorreiterrolle der Stadt nicht zuletzt durch ihre Lage im äußersten Südwesten Tennessees, am Ostufer des „Ol’ Man River“ und im Süden begrenzt durch die State Line zu Mississippi, dem Staat, der mit Abstand die meisten großen Bluesmusikschaffenden hervorgebracht hat. Für jeden, der versuchte, mit dem Blues der harten und entbehrungsreichen Welt der Baumwollfelder zu entfliehen, war Memphis der erste Anlaufpunkt auf dem Weg nach Norden, auch wenn die Reise irgendwann weiter ins Bluesmekka Chicago führen sollte, zumal Memphis ab 1949 mit WDIA den ersten Radiosender der USA hatte, bei dem Menschen der afroamerikanischen Bevölkerung Programm für eine schwarze Zuhörerschaft machten.

Man wird Sara Curruchich im Juli beim diesjährigen Rudolstadt-Festival mit ihrer Musik wie auch mit einem Vortrag erleben können. Es wird dabei um „die lyrische Komposition mit der Marimba sowie die Geschichte des Instruments gehen, insbesondere im Son“, kündigt sie an. Die Marimba ist das Nationalinstrument Guatemalas.

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Foto: Xun Ciin

In Curruchichs Band spielen ausnahmslos Musikerinnen Marimba, Bass und Schlagzeug, selbst begleitet sie sich auf der Gitarre. Sie hat eine ausdrucksstarke, dramatisch wirkende Stimme. Ihre Texte singt sie teils auf Spanisch, um von allen Menschen in ihrer Heimat verstanden zu werden, andererseits in ihrer Stammessprache Kaqchikel, zumal sie auch in entlegenen Mayagemeinden auftritt. Geschickt mischt Curruchich in ihren Liedern Musikstile. So beginnt ihr „Corazón De Flores“ vom Album Somos mit Vogellauten und akustischer Gitarre sowie Sprechgesang, geht dann über in eine poppige Ballade, die schließlich von einem rockigen Gitarrensolo überlagert wird. Es gibt aber auch Anleihen bei Countrymusik mit Polkarhythmus, und 2017 veröffentlichte sie eine Single mit dem guatemaltekischen Rapper Kontra. In ihrem Musikvideo „La Siguanaba“ kann man Curruchich nur mit Marimba- und Schlagzeugbegleitung erleben.

„Ich nutze Popmusikinstrumente als Erkundungsübung. Diese Fusion bringt bestimmte junge Menschen zusammen, die aufgrund von Rassismus verleugnet werden und dadurch eine Distanz zur traditionellen Musik entwickelt haben.“ Sara Curruchich bezieht sich hier darauf, dass die spanischsprechenden Nachfahren der europäischen Kolonisatoren sowie Mestizen als herrschende Schicht in Guatemala die Maya als „unterlegen“ betrachten und versuchen, sie durch Abwertung indigener Sprachen, Kleidung und Traditionen zur Assimilation zu drängen. Daher verleugnen viele Maya sogar oft ihre Identität.

Auf ihrem letzten Album, Mujer Indígena, band sie mit Rosalina Tuyuc auf der einen Seite die führende Menschenrechtskämpferin Guatemalas mit ein. Auf der anderen kooperierte sie mit bekannten, ähnlich gesinnten internationalen Musikerinnen wie der Mexikanerin Lila Downs oder der Spanierin Amparo Sánchez, von denen Letztere Reggaerhythmen in die Musik einbrachte. Auf diese Weise gelang es Curruchich, sich auch über die Grenzen ihrer Heimat hinaus Gehör zu verschaffen für ihre Kritik an den multinationalen Unternehmen in Guatemala, an deren Diebstahl indigenen Landes und Angriffen bis hin zum Mord an Aktivisten. „Ich bin nicht die erste Kaqchikel-Frau, die Lieder komponiert, allerdings die erste, die sie international vorträgt, wobei ich viel Unterstützung bekommen habe“, sagt die Musikerin. Mit der Ballade „Niña“ („Mädchen“) erlangte Sara Curruchich zudem große Bekanntheit in den sozialen Medien und bei der Mayajugend.

Auf beeindruckende Weise vermittelt sie ein völlig anderes Bild als manche vom Leben einer Mayamusikerin aus dem Hochland Guatemalas haben dürften. Dazu gehört auch, dass sie mit einem Nasenpiercing oder einer Sidecut-Frisur modische Änderungen bei sich vornahm, weswegen sie sich frauenfeindlichen Hasstiraden im Netz ausgesetzt sah, gegen die sie sich dann offen zur Wehr setzte. Sie verwahrt sich jedoch auch gegen westliche Vorstellungen hinsichtlich Zeit und Timing in der Musik der Maya, die für sie immer noch kolonialistische Denkmuster repräsentieren.

Foto: Josué Castro

Die Maya sind in Guatemala nur bedingt eine Minderheit. Sie machen etwas mehr als vierzig Prozent der Bevölkerung aus. „Wir sterben nicht aus, wie oft erwähnt wird“, betont Curruchich. „Wir schaffen Wissen, verteidigen unsere Sprachen, unsere Weltanschauung, kämpfen. Ich will zeigen, dass wir weiterhin existieren, damit unsere Rechte und unsere Kultur anerkannt, respektiert und garantiert werden, denn der Zugang zu einem würdevollen Leben für alle indigenen Völker ist noch weit entfernt.“

In Politik, Justiz, Verwaltung und Medien sind die Maya stark unterrepräsentiert. Sie haben oft keinen Zugang zu grundlegender Infrastruktur wie Wasser, sanitären Anlagen oder Strom. Mayagemeinschaften verlieren Land an Konzerne, häufig ohne angemessene Konsultation oder Entschädigung. Während des Bürgerkriegs wurden Hunderte Massaker an Mayacommmunitys verübt, Verantwortliche kaum zur Rechenschaft dafür gezogen. Guatemala weist zudem sehr hohe Raten an geschlechtsspezifischer Gewalt und Femiziden auf, wovon indigene Frauen in überdurchschnittlichem Maß betroffen sind. Aber auch in den eigenen indigenen Familien sind weibliche Mitglieder meist von Entscheidungen ausgeschlossen. Curruchich: „Als Mayafrauen werden unsere Fähigkeiten infrage gestellt. Wir sind Hass, Spott, Stigmatisierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Es gibt enorme Herausforderungen, um unsere Teilhabe in der Gesellschaft zu erreichen.“

Wenn Sara Curruchich sich nun klar als Kaqchikel-Maya-Frau äußert, ist dies allein schon ein Akt des Widerstands. Der Name ihrer zweiten Single vom Album Somos, „Resistir“ („Widerstand“), benennt dies auch kompromisslos. Und sie ermutigt andere dazu. Ihr schönstes Erfolgserlebnis schildert die Musikerin und Aktivistin so: „Ich habe einmal ein Mädchen aufgefordert, mit mir auf der Bühne zu singen. Zuerst sagte sie mir, dass sie Angst habe, woraufhin ich vorschlug, dass wir uns beim Singen gegenseitig ansehen, als wären die anderen Leute nicht da. Nach zwei Versen wandte sie sich dem Publikum zu und genoss es. Die jungen Mayafrauen haben durch einen 36 Jahre dauernden Krieg eine sehr große Angst vor öffentlichen Tätigkeiten wie Singen entwickelt. Uns wurde eingeredet, dass wir schweigen sollten, dass wir nur als Folkloreobjekte akzeptiert werden, nicht als politische oder juristische Subjekte. Dass dieses Mädchen das Mikrofon zum Singen nahm, ihre Hände bewegte, war an sich schon ein Akt der Befreiung und Würde. Musik war der Weg dazu.“

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Aktuelles Album:
Sara Curruchich

Mujer Indígena (Mamita Records, 2021)

Aufmacher:
Sara Curruchich

Foto: Julio Serrano

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