„Old Town Road“ machte vor gut sieben Jahren den Anfang. Seitdem rücken Country und Rap gefühlt unaufhaltsam zusammen. Auf den ersten Blick ist Country heute damit so divers wie nie. Und auf den zweiten Blick? Da wird es schon kompliziert.
Text: Ralf Grabuschnig
Country galt die längste Zeit seiner Existenz als nicht gerade diverses Genre. Country war weiß, konservativ, ländlich, noch dazu meist männlich – und all das durchaus gewollt. Doch dann setzt sich Ende 2018 ein junger schwarzer Rapper aus Atlanta einen Cowboyhut auf, lädt einen Song auf TikTok hoch und startet damit eine Revolution.
„Old Town Road“ bricht den Rekord für die meisten Streams innerhalb einer Woche, und in der Folge scheint alles möglich. Shaboozey steigt zum Star auf und schließlich – fünf Jahre nach „Old Town Road“ – kommt niemand anderes als Beyoncé mit einem Countryalbum um die Ecke. Der Blick auf die Charts würde daher vermuten lassen, dass die Countryszene eine neue Offenheit gefunden hat. Das Genre ist so divers (und so schwarz) wie nie zuvor. Leider ist dieses Bild aber unvollständig – mal sehr vorsichtig ausgedrückt …
Lil Nas X – „Old Town Road“ (2018)
„Old Town Road“ ist der Song, der alles ins Rollen gebracht und ganz nebenbei aufgezeigt hat, wie die Countryindustrie tickt. Billboard nimmt „Old Town Road“ nämlich kurzerhand aus den Countrycharts. Begründung: nicht Country genug.
Lil Nas X holt sich Billy Ray Cyrus für den Remix ins Boot, doch für Billboard reicht selbst das nicht: Der Song bleibt von den Countrycharts ausgeschlossen. Dafür bricht „Old Town Road” einen anderen Rekord und bleibt für 19 Wochen die Nummer 1 der regulären Billboard Hot 100.
Was diese Episode aber eben auch zeigt, ist, dass Country von den guten Menschen bei Billboard offensichtlich nicht rein musikalisch definiert wird.
Mickey Guyton – „Black Like Me“ (2020)
Das ist freilich für niemanden neu, der seit Jahren mit den rassistischen Strukturen in der Countrybranche zu kämpfen hat. Und während die Welt nach Ende 2018 über Lil Nas X diskutiert, veröffentlicht eine schwarze Countrysängerin aus Texas einen Song über genau diesen Rassismus.
„If you think we live in the land of the free / You should try to be Black like me.“ Singt Mickey Guyton 2021 in „Black Like Me“auf dem Album Remember Her Name. Die Reaktion der Countryradios: praktisch null. Die Reaktion der Grammys dagegen: Nominierung für die Beste Country-Solo-Performance – und das als erste schwarze Frau überhaupt in dieser Kategorie. Das ist die andere Seite der Geschichte.
Wenn Diversität aus dem Pop hereinschwappt und nach drei Monaten auch wieder verschwindet, kann die Countrybranche das offenbar wie bei Lil Nas X noch akzeptieren – und sich dafür feiern lassen. Kommt diese Diversität aber aus den eigenen Reihen und stellt noch dazu unbequeme Fragen? Dann schaut es sehr anders aus.
Beyoncé – „Texas Hold ’Em“ (2024)
Beyoncé, Cowboy Carter_©2024 Parkwood Entertainment LLC, under exclusive license to Columbia Records
Nicht mehr zu ignorieren wird diese Frage dann aber Anfang 2024. Beyoncé wird mit „Texas Hold ’Em“ zur ersten schwarzen Frau mit einem Nummer-eins-Hit in den Billboard Hot Country Songs Charts. Im März folgt das Album Cowboy Carter. Ein 27-Track-Statement, das Countrygeschichte mit schwarzen Wurzeln, Willie Nelson und einer Coverversion von „Jolene“ verschränkt. Darüber habe ich in der Honky Tonk Post bereits geschrieben.
Die Reaktion vieler Countryradiosender ist erneut, den Song kurzerhand nicht zu spielen, und auch die Begründung bleibt dieselbe wie immer: nicht Country genug. Es gibt für Beyoncé nicht mal eine Nominierung für die Country Music Association Awards 2024. Währenddessen gewinnt sie zwei Grammys, darunter den für das Album des Jahres.
Shaboozey – „A Bar Song (Tipsy)“ (2024)
Nun muss man natürlich sagen: Es gibt schon auch Ausnahmen. Im Sommer 2024 – kurz nach Beyoncés Album – feiert Shaboozey einen gigantischen Erfolg mit „A Bar Song (Tipsy)“. Und dieser Sohn nigerianischer Einwanderer wird auch vom Countryradio offen in die Rotation aufgenommen.
Man muss aber eben auch ganz klar feststellen: Shaboozey ist damit die Ausnahme. „A Bar Song (Tipsy)“ ist harmloser Pop-Country-Rap, der funktioniert und nicht wehtut. Über die Präsenz schwarzer Künstlerinnen und Künstler im Mainstreamcountry sagt dieser Erfolg nur wenig aus.
Die Musikwissenschaftlerin Jada Watson von der Universität Ottawa untersucht nämlich seit Jahren, wer im Countryradio eigentlich gespielt wird. Ihre Daten für den Zeitraum 2002 bis 2020:
– Über 89 Prozent der gespielten Künstler und Künstlerinnen waren weiß.
– Schwarze machten insgesamt rund 1 Prozent aus.
– Schwarze Frauen sogar nur 0,03 Prozent.
Und selbst der „Beyoncé-Effekt“ hat seine Grenzen. Countryradiosender spielten „Texas Hold ’Em“ (wenn sie es denn spielten) immer noch deutlich seltener als vergleichbare Hits weißer Kolleginnen.
Den Streamingcharts ist all das freilich egal. Heißt: Die Spitze der Charts ist in den letzten Jahren tatsächlich diverser geworden und spiegelt damit auch – zumindest zum Teil – veränderte Publikumseinstellungen wider. Die Infrastruktur des Genres selbst dagegen – die Radio-Programmverantwortlichen, Awardvergaben, Bookingagenturen … – das ist eine ganz andere Geschichte.
(Ralf Grabuschnig)
Aufmacher:
Honky Tonk Post:
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