Bei Countrymusik denken wohl die wenigsten zuerst an Mexiko. Aber wer Texas auch nur einmal durchquert hat, weiß: Die Musik dort hat zwei Mütter. Eine nördlich und eine südlich des Rio Grande.
Text: Ralf Grabuschnig
Die Grenze zwischen Texas und Mexiko ist auf der Landkarte eine ziemlich klare – dazu noch eine streng bewachte. In Kultur und Musik aber funktioniert sie eher wie eine Membran als wie eine starre Trennlinie.
Akkordeons aus deutsch-tschechischen Einwandererkapellen, die in den 1880ern nach Südtexas kamen, wurden dort von spanischsprachigen Tejano-Gruppen aufgenommen und über die Grenze in den Süden getragen. Mariachi-Gitarren landeten bei Marty Robbins. Und heute? Heute spielt ein Star wie Kacey Musgraves mit mexikanischen Rhythmen und Klängen, als hätte es nie etwas anderes gegeben.
Der mexikanische Einfluss auf den Country geht aber noch viel weiter. Er erzählt auch eine politische Geschichte über Arbeit, Migration, Rassismus sowie darüber, wer in Nashville und Co. mitspielen darf und wer nicht.
Schauen wir doch dort heute einmal etwas genauer hin. Bienvenidos a la Honky Tonk Post!
Marty Robbins – „El Paso“ (1959)
Der in Arizona geborene Marty Robbins schreibt 1959 die Mutter aller Tex-Mex-Songs. Darin verliebt sich ein Cowboy in die mexikanische Tänzerin Felina, erschießt einen Rivalen, flieht und reitet am Ende doch zurück nach El Paso – in seinen sicheren Tod. All das unterlegt mit akustischer Gitarre im Flamenco-Stil.
„El Paso“ wurde einer der ersten Songs, die den Grammy als „Best Country & Western Recording“ erhielten. Aber wichtiger als der Preis ist, was Robbins damit möglich machte: Country durfte ab diesem Punkt südlich klingen, nicht mehr nur nach europäischen Folktraditionen. Er machte damit eine Tür auf, durch die ihm viele folgten.
Freddy Fender – „Before The Next Teardrop Falls“ (1975)
Freddy Fenders eigentlicher Name ist Baldemar Garza Huerta. Er stammt aus San Benito, Texas, ist der Sohn von Wanderarbeitern und saß in den 1960ern auch mal wegen Marihuanabesitz im Knast. Doch dann gelingt ihm 1975 der ganz große Coup: „Before the Next Teardrop Falls“, ein halb auf Englisch, halb auf Spanisch gesungenes Lied, schießt auf Platz eins der Countrycharts.
So etwas hatte es zuvor nie gegeben, und Fender machte damit eine Realität sichtbar, die lange ignoriert worden war: Dass im Süden der USA Millionen Menschen lebten, die Country auf Spanisch hörten, sangen und eben auch schrieben. Sein Erfolg war zwar kurz, sein Schatten aber dafür umso länger.
Dwight Yoakam – „Buenas Noches From A Lonely Room (She Wore Red Dresses)“ (1988)
Dwight Yoakam ist ein in Kentucky geborener, in Kalifornien verwurzelter Künstler und somit kein Texaner. Aber sein vielleicht düsterster und eindringlichster Song trägt doch einen halb spanischen Titel und führt uns an die südliche Grenze der USA: eine Frau in roten Kleidern, Untreue, ein Mörder, der allein im Hotelzimmer sitzt und der Welt eine letzte gute Nacht wünscht.
Musikalisch ist es einerseits Honky Tonk in Reinkultur. Doch dann kommt es – das Nationalinstrument Nordmexikos – das Akkordeon. Es ist „El Paso“ dreißig Jahre später. Yoakam verneigt sich mit seiner „Murder Ballad“ vor Robbins und führt dessen Linie konsequent in den Neotraditionalismus der Achtziger über.
Kacey Musgraves – „Horses And Divorces“ (2026)
Und dann das hier – ganz neu vor wenigen Wochen erschienen. Middle Of Nowhere, das neue Album der Texanerin Kacey Musgraves, ist auf den ersten Blick eine emotionale Trennungsplatte. Auf den zweiten ist es aber fast schon ein heimliches Tex-Mex-Album.
Im Song „Horses And Divorces“ ist das besonders gut hörbar. Das Lied ist Country von der Form her, aber Tex-Mex in Sachen Substanz. Musgraves zeigt damit: Auch im Jahr 2026 sind mexikanische Einflüsse auf Country und die US-Kultur im Allgemeinen nicht verschwunden. Ganz im Gegenteil.
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