Kader Tarhanine

Der Shootingstar der Tuaregmusik

18. September 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Cooler Rock mit Wüstensound, eine Stimme in verschiedenen Registern. Mit einer Fusion von Sounds aus der Kabylei, von Raï und Traditionellem aus der Sahara versetzt Kader Tarhanine sein Publikum in Trance. Musikalisch verarbeitet er Traditionen aller Städte und Regionen Algeriens, integriert Stilrichtungen wie Ska und skandiert in seinen Konzerten „Afrika“. Am 26. Juni 2026 trat er zum Auftakt des Sommerfestivals im Cabaret Sauvage in Paris auf. Vorher hatte der Sänger, Gitarrist und Shootingstar der Tuaregmusik Zeit für ein Gespräch.
Interview: Martina Zimmermann

Wir haben uns das letzte Mal auf dem Taragalte-Wüstenfestival in Marokko und auf dem MASA im ivorischen Abidjan gesehen. Was wirst du in Paris spielen?

Ich singe für Frieden und über die Schwierigkeiten der Nomaden in der Wüste, über die Probleme dort. Wir sind Botschafter der Kultur der Tuareg und nomadischer Völker im Allgemeinen. Wir wissen, was in der Wüste passiert und was die Kinder der Wüste erleiden. Wir schicken unsere Nachricht an ein internationales Publikum, wie andere Acts auch – Tinariwen, Bombino, Tamikrest, Ali Farka Touré. Man spricht immer von den Tuareg, aber es gibt viele Völker in der Wüste. Ich singe für alle Nomaden. Früher wurde traditionelle Musik mit der Tendé gespielt und gesungen. Daher kommt unsere Inspiration.

Es waren die Frauen, die diese Mörsertrommel spielten und dazu sangen, während die Männer auf Kamelen um sie herumtanzten. Erst als die Männer nach dem Aufstand in den Neunzigern* nach Libyen ins Exil geflüchtet waren, griffen sie selbst zur Gitarre.

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Die Männer zeigen, wie gut ihr Kamel ist. Das ist dasselbe wie bei Leuten, die ihren BMW, Porsche, Mercedes vorführen. Das Kamel ist unser Lamborghini. Es stimmt, die Männer haben in Gaddafis Lagern in Libyen angefangen, Musik zu spielen, um sich an ihre Heimat zu erinnern, um zusammenzukommen. Musik war ihr Mittel, sich auszudrücken.

Du wurdest erst später geboren.

In meinem Pass steht 1992. In der Wüste aber ist es nicht wie in Europa, ihr habt die exakte Uhrzeit. Wir wissen vielleicht, dass es 1992 war. Ich komme aus Niamey in Niger. Ich bin Nomade, teils aus Algerien, teils aus Niger, teils aus Mali – ich gehöre zu allen Wüstenregionen. Für uns Tuareg gibt es keine Grenzen, die sind für uns neu. Ich bin frei in der ganzen Sahara, mein Land ist die Sahara.

Wo lebst du derzeit?

In Tamanrasset in Algerien. Ich bin in Ghardaia aufgewachsen, das ist im Zentrum Algeriens. Dort leben nicht viele Tuareg. Dort fühlte ich die Musik in meinem Blut. Ich sah Tinariwen, aber auch Bands, die algerischen Raï spielten oder Ali Farka Touré. Ich wollte Gitarre spielen, aber wir hatten keine Gitarre, wir stellten sie aus Ölkanistern her, auf die wir Bretter befestigten und Bremsdrähte als Gitarrensaiten aufzogen. Das war um 2005. Ich verkaufte damals Zigaretten. Ein Kunde schrieb immer bei mir an. Am Tag, als er wegging, sagte er, er habe kein Geld, um mich zu bezahlen. Ich sah, dass er eine Gitarre hatte und sagte, er könne damit bezahlen. Das war meine erste Gitarre.

Danach hast du auch angefangen zu singen?

Meine Mutter sang zu Hause, einfach so. Ich begann, sie auf der Gitarre zu begleiten. Bis ich selbst den ersten Song erfand.

Die Tuareg singen gerne. Ich war einmal an Silvester auf dem Assekrem-Plateau und hatte das Glück, mit Nomaden in ihrem Zelt zu feiern: Sie saßen ums Feuer und sangen die ganze Nacht, erzählten Gedichte und Witze.

Die Leute in der Wüste hatten früher Zeit. Sie machten Poesie, sangen, scherzten, wenn sie zusammensaßen. Das ändert sich heute, droht zu verschwinden. Früher hatten wir ein System, zu dem wir alle gehörten. Wir kannten keine Grenzen, keine Ethnien, keine Hautfarbe, keinen Rassismus. Heute ändert sich das. Das ist traurig für die Nomaden. Eine andere Kultur dringt zu uns herein. Das zerstört unsere echte, jahrtausendealte Kultur. Ich werde dir nicht sagen, wo das herkommt, aber ich hoffe, du weißt, was ich meine. Gemeint ist der Islamismus; Anm. d. Verf.. Sie bringt ein neues System. Das ist nicht gut, die Nomaden sind offene Menschen und nicht kompliziert, jeder respektiert jeden. Das ist traurig für die Bevölkerung und nicht gut für unsere Kultur. Und wenn eine Gefahr auf dich zukommt, betrifft das nicht dich allein. Morgen wird es deine Nachbarn treffen, da kannst du nicht sagen, das ist mir egal. Sonst breitet sich das überall aus.

Wie sind die Bedingungen derzeit für Musik- und Kunstschaffende?

In Tamanrasset gibt es kein Problem. Aber in den meisten anderen Ländern der Wüste ist es kompliziert, Musik zu machen, weil Musik verboten ist. Und doch ist Musik eine Botschaft der Liebe. Ohne Musik würde keiner uns Nomaden kennen. Ich sehe nicht, was daran schlecht sein soll. Deshalb gebe ich Konzerte für alle Nomaden. Unsere Kultur darf nicht verloren gehen. Wie sollst du sonst wissen, ob jemand Araber, Tuareg oder Bambara ist.

Du singst ja in allen Sprachen – Tamaschek, Arabisch, Bambara – und hast in deiner Musik auch Einflüsse aus den Maghrebländern und dem Nahen Osten.

Auch ein französischer Künstler kann mich musikalisch inspirieren – Musik hat keine Grenzen. Die Basis aber bleibt die Tuareg- oder Nomadenmusik. In der Wüste gibt es ja auch nicht nur Tuareg, sondern auch Hausa, Fulbe und viele andere Ethnien.

Du hast mit diversen Kollegen und Kolleginnen zusammengearbeitet, mit Sidiki Diabaté, Fatoumata Diawara und vielen anderen.

Musik ist der Schlüssel zur Welt. Ich liebe es, mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten – aus Algerien, Senegal, Mali oder auch aus Ghardaia. Ich suche Sounds, die noch niemand kennt, das Seltene, das noch niemand gemacht hat.

Deine Lieder sind oft Liebeslieder. Deinen Namen hast du durch deinen ersten Hit bekommen: „Tarhanine Tegla“ – „Meine Liebe ist fort“.

Liebe ist Leben. Du liebst deine Frau oder deine Mutter oder deinen Freund. Liebe ist wichtig im Leben. Bei uns gibt es Leute, die nicht über Liebe reden wollen, sie finden das unmännlich. Ich singe über die Liebe. Ich hoffe, dass ich so die Menschen berühre, die mir zuhören.

In der Tradition der Tuareg nimmt die Frau einen wichtigen Platz ein. Wie entwickelt sich die Beziehung zwischen Frauen und Männern?

Auf Tamaschek ist die Frau Königin im Haus und Prinzessin in der Gesellschaft. Die Frau ist alles. Heute wollen sie unser System zerschlagen. Eine Frau: Das ist deine Mutter, deine Ehefrau, deine Schwester. In Tamanrasset haben wir Tin Hinan Ahnherrin der Tuareg des Ahaggargebirges; Anm. d. Verf.. Sie ist die Mutter aller Tuareg. Heute sind diese Rollen der Frau in Gefahr. Wir respektieren die Frau. Ein Nomade schlägt niemals eine Frau oder beleidigt sie. Das kannten wir früher nicht. Wenn die Frau etwas machen will, tut sie das. Wenn nicht, tut sie es nicht. Es ist eine Schande für Männer, gegen die Frau zu sein. Aber heute ändern sich die Dinge. Wir singen, damit die Stimmen der Frauen gehört werden, bei uns und überall in der Welt.

Auf der Bühne hast du eine elegante Art zu tanzen.

Wenn ich Videos von Konzerten sehe, frage ich mich selbst, wie ich das mache. Wir tun unser Bestes für unsere Freunde, damit sie singen und tanzen oder weinen. Ich bin glücklich, wenn alle zufrieden sind. Wenn ich hinter der Gitarre stehe, traue ich mich.

Die Gitarre ist das Instrument, das du mit anderen Wüstenkünstlern gemeinsam hast.

Die Gitarre gibt den Wüstensound. Da weißt du sofort, woher diese Musik kommt.

Dein letztes Album ist bereits von 2019. Gibt es bald ein neues nach vielen Singles?

Wir haben ein Album fertig, ich denke, es wird Ende des Jahres oder Anfang des nächsten herauskommen. Es ist fertig, wir müssen es nur noch aufnehmen. Das kann man heute in Algier oder in Paris tun, aber wir werden immer ein Maximum an traditionellem Sound beibehalten.

Gemeint ist die zweite Tuareg-Rebellion, ein bewaffneter Konflikt zwischen Tuaregrebellen und den Regierungen Malis und Nigers (die erste ereignete sich in den Sechzigern).

Aktuelles Album:

Ikewane (Essakane Production, 2019)

„Musik ist der Schlüssel zur Welt.“

Kader Tarhanine beim Rudolstadt-Festival 2025

Foto: Frank Szafinski

Kader Tarhanine beim Rudolstadt-Festival 2025

Foto: Frank Szafinski

Kader Tarhanine und Band in Paris
Martina Zimmermann und Kader Tarhanine

Foto: Martina Zimmermann

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Aufmacher:
Kader Tarhanine beim Rudolstadt-Festival 2025

Foto: Frank Szafinski

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