Auch wenn heute in Afrika nur noch wenige Menschen als wandernde Nomad:innen oder Halbnomad:innen unterwegs sind, ist die Musik nach wie vor tief in ihren Alltag und ihre Identität eingewoben. Im Unterschied zu schon immer sesshaften Völkern übernehmen hier nicht spezielle Chronist:innen, sogenannte Griots, die Weitergabe von Genealogien, Mythen und wichtigen Ereignissen von Generation zu Generation. Stattdessen findet eine dezentrale Vermittlung der Geschichten im Kreis der Gemeinschaft statt, in der Älteste, Hirten oder Frauen diese selbst erzählen. Gemeinsamer Tanz und Gesang stärken bei diesen Zusammenkünften die Identität und den Zusammenhalt der Gruppe. In vielen afrikanischen Glaubensvorstellungen ist die Natur beseelt. Die Klänge spiegeln die tiefe Verbundenheit der Menschen mit der sie umgebenden Welt und ihrer Gemeinschaft wider. Auch in der heutigen Zeit, in der zum Beispiel die Tuareg durch Klimawandel, politische Unruhen und Dschihadismus bedroht sind, spielt Musik eine zentrale Rolle.
Text: Christoph Schumacher
„Wenn wir lange Zeit keine eigene Musik hören und keine eigenen Feste feiern, wie wir es seit jeher in unseren Nomadenlagern getan haben, werden wir krank“, verrät Fadimata Walet Oumar, die Gründerin der Frauenformation Tartit, inzwischen eine Kultband der Tuaregmusikszene, die 1995 im Exil zwischen mauretanischen und burkinischen Flüchtlingslagern entstand. Die von Oumar – alias „Disco“ – als reines Frauenensemble gegründete Gruppe stammt ursprünglich aus Timbuktu in Mali. Ihre Musik ist im Klang traditioneller als die vieler bekannter Tuaregbands und fokussiert sich stark auf mehrstimmigen Gesang zu sparsamer Instrumentierung. Tendé-Trommeln, mit Ziegenhäuten bespannte hölzerne Mörser, die ursprünglich der Zubereitung von Lebensmitteln dienten, geben den Puls des Rhythmus vor, der durch Handklatschen gleichzeitig in Dreier-, Vierer- oder Sechserzyklen geteilt wird. Musikerinnen und Musiker sitzen entspannt, sich zum Teil im Rhythmus wiegend, mit allen Zuhörenden auf dem Boden und empfinden die Musik gemeinsam.
Vom Titelbild:
Gesungen wird häufig im sogenannten Call-and-Response-Stil. Emotionen werden durch Ululation ausgedrückt, also sehr hohe, langgezogene Trillerlaute, die einem Freudengeschrei gleichen. Eine kunstvollere Begleitung erfährt der Gesang durch die Imzad-Fiedel, eine traditionelle, einsaitige Schalenspießlaute, die aus einem halbierten, mit Ziegenfell bespannten Kürbis besteht und mit einem mit Pferdehaar bespannten Bogen gespielt wird. Dieses Instrument, das wichtigste der traditionellen Tuaregmusik, wird nur von Frauen gespielt und ist seit 2013 Weltkulturerbe.
Thematisch geht es in den Liedern um all die Probleme und Herausforderungen, mit denen die Gesellschaft aktuell konfrontiert ist. Die Texte vermitteln eine Botschaft der Liebe, des Friedens und des Einsatzes für die Rechte der Kel Tamaschek, wie die Tuareg sich gerne selbst bezeichnen – also „alle Menschen, die Tamaschek sprechen“. Seit Jahrhunderten erfahren sie Verdrängung und Verfolgung und verfügen bis heute über keinen eigenen Staat. Schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden durch politische Marginalisierung und Dürreperioden viele Menschen ins Exil gezwungen.
Frauen nehmen traditionell in der matrilinear organisierten Gesellschaft der Nomad:innen aus der Sahara eine außergewöhnlich starke Stellung ein. Zelte und Tiere gehören den Frauen, und der soziale Status vererbt sich über die Mütter. Die Musik von Tartit vermittelt die Idee, dass die Tuaregfrau wie eine Säule in ihrer Gemeinschaft ist und dass die gesamte Gemeinschaft zusammenbricht, wenn diese Säule umfällt. Bei Hochzeiten oder Festen der Tuareg sind es die Frauen, die mit dem Spielen der Tendé und dem Singen von Tendé-Gesängen über mehrere Tage und Nächte hinweg die spirituelle und feierliche Atmosphäre aufrechterhalten. Die Sängerin Noura Mint Seymali ist tief mit der Musik der nordwestafrikanischen Wüstenregionen und der mauretanisch-saharauischen Kultur verbunden. Ihre Wurzeln spiegeln das musikalische Erbe des mobilen Lebens in der Sahara wider, auch wenn sie eine Griot ist und den Sprung in die moderne Weltmusik fand. Im Jahr 2025 erhielt Seymali den WOMEX Artist Award für ihr Lebenswerk.
„Ihr kennt die Zweige, wir haben die Wurzeln und den Stamm.“
Die Bekanntheit ihrer Musik haben die Tuareg wiederum einem einzigartigen Stil zu verdanken, dem sogenannten Wüstenblues. Die Tonalität des Gesangs, der zwischen wehmütig, hoffnungsvoll und fordernd changiert, drückt wie der Blues in den USA den Freiheitsdrang, den Schmerz und die politische Realität aus. Mit europäisch geschultem Ohr ist zudem eine Mollpentatonik wahrnehmbar, wie sie auch dem amerikanischen Blues zugrunde liegt. Die Skalen dagegen enthalten deutliche Vierteltonabweichungen, die dem Desertblues seine mikrotonal arabische Klangfarbe verleihen. Die Tuareg nennen ihn „Assouf“, was in ihrer Sprache so viel wie „Sehnsucht“, „Nostalgie“ oder „Einsamkeit“ bedeutet. Mit diesem urtümlichen Musikstil, in den nach und nach der Klang der elektrischen Gitarren und anderer moderner Instrumente Einzug hielt, prägten die Tuareg ein völlig eigenes Musikgenre. Und um die Frage nach der Herkunft des Blues zu klären und wer wen beeinflusst hat, sei der „König des Wüstenblues“, Ali Farka Touré zitiert: „Ihr kennt die Zweige, wir in Mali haben die Wurzeln und den Stamm.“
Bombino
Fotos: Ron Wyman [1] und – Vittorio Catti [2]
Angetrieben vom musikalischen Selbstbewusstsein, entstanden aus dieser Tradition einige über die Grenzen Afrikas hinaus bekannte Gruppen. Die Pionierband Tinariwen, die in den späten Siebzigerjahren als erste traditionelle Rhythmen mit modernen Klängen verband, verarbeitete Rebellion und das Trauma der Exiljahre in hypnotischen Gitarrenriffs und aufrüttelnden Texten. Mit ihrem Album Tassili gewannen sie 2012 einen Grammy. Tamikrest, um 2006 im Norden Malis von jungen Musikern gegründet, stehen in der direkten Tradition Tinariwens. Sie verknüpfen den Wüstenblues mit Rock- und Psychedelic-Einflüssen. Ihre Texte handeln oft vom Überleben und der Stärke ihres Volkes. Der Gitarrist Omara „Bombino“ Moctar aus Niger wiederum mischt treibende Rhythmen mit Heavy-Metal-ähnlichen Verzerrungen und fungiert als Sprachrohr für die sozioökonomischen Probleme der Tuareg in seiner Heimat. Mit Wurzeln im algerischen Tamanrasset, einem wichtigen Karawanenstützpunkt, erneuern die Musiker von Imarhan den Wüstenblues durch moderne, tanzbare Pop- und Rockeinflüsse. Sie sind eine der wichtigsten Stimmen der jüngeren Generation und stehen wie Kader Tarhanine (siehe auch eigenen Artikel hier Link: https://folker.world/intensiv/kader-tarhanine), der frische, melodische und gefühlvolle Elemente einbringt, für den Zusammenhalt der Kel Tamaschek.
Ein faszinierendes Beispiel für die Macht der Frauenstimmen findet sich bei den Massai, einem halbnomadischen Volk in Tansania. Die Musik der Massai ist bekannt für ihre kraftvollen, mehrstimmigen Gesänge und den rhythmischen Wechselgesang zwischen Vorsängern und Chor. Einleitend beugen alle wellenförmig ihren Oberkörper vor- und zurück, bis ein rhythmisches Atmen hörbar wird. Begleitet werden die hell klingenden melodischen Stimmen der Frauen von tiefen gutturalen Lauten der Männer, die mit dem Rhythmus der synchron ausgeführten Bewegung aller Sängerinnen und Sänger verschmelzen. Abgesehen von den durch die Bewegung mitklingenden Schmuckketten und Metallringen kommt diese identitätsstiftende Musik ohne Instrumente aus.
Die Musik afrikanischer Nomad:innen ist ein lebendiger Organismus, der sich stetig weiterentwickelt, ohne seine Wurzeln zu vergessen. Egal ob es sich um den elektrifizierten Wüstenblues der Tuareg in Nordafrika oder die rhythmischen Gesänge der Massai in Tansania handelt, die Musik stiftet Identität, begleitet den Lebenszyklus und schafft einen akustischen Raum, in dem Gemeinschaft und Spiritualität gelebt werden. Die Rolle der Frauen ist in diesem Kontext unverzichtbar. Als Hüterinnen der Rhythmen und Lieder tragen sie Sorge dafür, dass das kulturelle Erbe der Nomad:innen von Generation zu Generation weiterlebt.








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