Roma und Sinti

Kampf der Vorurteile

25. September 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Seit über dreißig Jahren macht sich Stéphane Laederich unermüdlich für die Gleichstellung und die Verbesserung der Lebensumstände der Volksgruppe der Roma und Sinti stark. Der 65-jährige Direktor der international renommierten Rroma Foundation Zürich räumt im Gespräch mit der folker-Redaktion mit vielen öffentlichen Vorurteilen auf. Und er erklärt, welche Bedeutung die Musik für die Volksgruppe wirklich hat.
Interview: Erik Prochnow
Stéphane Laederich

Foto: Natacha Fialkowski

„Die Vorurteile über die Roma und Sinti stammen vor allem aus Deutschland.“

Wie wird man als promovierter Mathematiker und Physiker Direktor der Rroma Foundation in Zürich?

In der Tat habe ich in den USA in Mathematik promoviert und dann als Professor an der University of Michigan und der École Politechnique in der Nähe von Paris sowie später als IT-Experte im Bankenwesen gearbeitet. Meine Mutter hat die Stiftung 1993 gegründet. Ich bin mit der Kultur groß geworden und habe selbst die Sprache Romanes erlernt. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste mich da ebenfalls engagieren.

In der Stiftung aktiv sind sie seit 1997, seit 1999 als Leiter. Haben Sie sich bereits davor für die Romakultur eingesetzt?

Ja, ich habe vor allem Romamusik produziert. Dazu habe ich die Produktionsfirma Opre gegründet. In unserer Familie sind wir mit vielen Romakünstlern aus Frankreich, Polen, Russland, Ungarn, der Ukraine oder vom Balkan in Kontakt gekommen. Und da ich selbst von klein auf das Spiel der siebensaitigen russischen Gitarre gelernt habe, wollte ich das ausprobieren. Mein erfolgreichster Act war das Kolpakov Trio um den russischen Gitarristen Vadim Kolpakov, das 2008 mit Madonna auf der „Sticky & Sweet“-Tour unterwegs war.

Das Kolpakov Trio während der Madonna-Tour 2008

Foto: Privatarchiv Stéphane Laederich

Vadim und Sacha Kolpakov

Foto: Mila Nesterova, Privatarchiv Vadim Kolpakov CC-BY-NC-ND 4.0

Eine der Hauptaufgaben der Stiftung ist es, sich gegen die Diskriminierung der um die zwölf Millionen europäischen Roma einzusetzen und mit Vorurteilen über die Volksgruppe aufzuräumen. Eine weitverbreitete Annahme etwa ist, dass die Roma fast ausschließlich ein fahrendes Volk waren. Woher stammt diese falsche Sicht?

Dieses Stereotyp stammt vor allem aus Deutschland, konkret aus dem Kaiserreich, dem Dritten Reich und dann aus Westdeutschland.

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Inwiefern?

Begonnen hat die Entwicklung eigentlich schon im Mittelalter. Die erste kleine Romagruppe ist 1418 ins Rheinland eingewandert. Vier Jahrhunderte zuvor hatten sich die Roma bereits im Byzantinischen Reich und auf dem Balkan niedergelassen. In Westeuropa tauchten sie erst im fünfzehnten Jahrhundert auf, und dann hat man ihnen die Einreise verweigert. Die Schweiz hat 1492 als erstes Land ein Einreiseverbot ausgesprochen, das offiziell bis 1972 galt. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation folgte 1497.

Aber damals gab es keinen einheitlichen deutschen Staat.

Richtig. Das deutsche Reich war eine Ansammlung vieler kleiner Staaten, aus denen die Roma von Ort zu Ort vertrieben wurden. Sie wurden in Westeuropa quasi gezwungen, ein fahrendes Volk zu sein.

Was waren die Gründe für die Vertreibung?

Die Roma passten nicht in die Gesetzesordnung der mittelalterlichen Gesellschaft. Sie waren dort nicht geboren, sie standen nicht unter irgendeiner Herrschaft, galten als Heiden oder auch türkische Spione. Als Minderheit wurden sie schnell für Verbrechen wie Diebstahl oder Betrug verantwortlich gemacht. Wie die Juden machte man die Roma zu Sündenböcken. Deshalb verbot man ihnen, sich niederzulassen. Und diese Vorurteile wurden dann vor allem im 1871 gegründeten Deutschen Reich kultiviert. Bis heute halten sie sich in der breiten Öffentlichkeit, auch wenn nichts daran wahr ist.

Fand diese Entwicklung im Umgang mit den Roma nicht überall in Europa statt?

Nein, in Polen, den baltischen Staaten oder im Russischen Reich waren die meisten Roma im Pferdehandel tätig. Sie waren sesshaft. Der einzige Grund, warum Roma reisten, war das Geschäft oder die Arbeit, etwa wenn sie Pferde kauften oder auch verkauften. Auch in anderen Berufen wie als Kupferschmied oder Kesselflicker war es notwendig, unterwegs zu sein. Aber die Reisen fanden nur in bestimmten Jahreszeiten statt und nicht mit dem Wohnwagen. Sonst lebten die Menschen an festen Orten. Die Stahl- und Waffenschmiede auf dem Balkan und in den Karpaten sowie die Kanonengießer waren immer sesshaft. Interessanterweise gab es sowohl im Osmanischen als auch im Russischen Reich sowie im polnisch-litauischen Gebiet niemals Anti-Roma-Gesetze.

Was passierte mit den vertriebenen Roma in Westeuropa?

Die haben sich schließlich doch irgendwann niedergelassen. Denn die Grenzen ließen sich nicht einfach kontrollieren. Viele Roma siedelten sich in manchen Orten der Schweiz bereits vor dem neunzehnten Jahrhundert an. Diejenigen, die in Deutschland blieben, sind die Vorgänger der Sinti.

Welche Rolle spielte die Musik für die Roma und Sinti, die oft mit einer großen Leidenschaft für die Kunst in Verbindung gebracht werden?

Das ist ein weiteres Stereotyp. Es gibt viele Roma, die überhaupt kein Instrument spielen, nicht singen können oder künstlerisch nicht begabt sind. Nur wenige Gruppen wie die karpatischen Roma haben professionell als Musiker gearbeitet. Russische Roma oder polnische Sinti und Roma spielten eher für sich. Erst im neunzehnten Jahrhundert entstand überhaupt die Möglichkeit, für die Außenwelt zu spielen. Die Sinti und die polnischen Roma, aber auch die Gruppen in der Tschechoslowakei vor dem Zweiten Weltkrieg musizierten vor allem auf der Harfe. Die Gitarre kam erst im zwanzigsten Jahrhundert dazu. Bei den Manouche und den Sinti ist es vor allem Django Reinhardt, der das Spiel geprägt hat.

Django Reinhardt 1944

Foto: Studio Harcourt, gemeinfrei, Wikimedia

Gibt es denn überhaupt so etwas wie eine Roma- oder Sintimusik?

Das ist ebenfalls eine falsche Vorstellung. Es gibt keine einheitliche Roma- oder Sintimusik. Auf dem Balkan gab es zum Beispiel immer die Tradition von Orchestern. In ihnen wurden ursprünglich vor allem Zurnas gespielt. Das sind traditionelle Holzblasinstrumente, sogenannte Kegeloboen, die irrsinnig laut klingen. Die Orchester haben ihren Ursprung darin, dass die Roma für die osmanische Armee als Musiker gearbeitet haben. Ein Zurna-Orchester ist so laut, dass man es aus mindestens hundert Metern Entfernung hören sollte. Heute findet man auf dem Balkan meist Brass-Ensembles. In Rumänien, Ungarn oder der Slowakei dagegen spielen die Roma eher mit Geige, Bratsche und dem Zymbal, das aus Indien stammt. Dann gibt es die russische Gitarrenmusik oder den Flamenco der Manouches. Grundsätzlich sind die unterschiedlichen Musikstile immer an den Ort angepasst, an dem die Roma und Sinti leben. Beide Gruppen waren schon immer sehr anpassungsfähig. Das betrifft auch Religionen. Meist praktizieren sie den herrschenden Glauben der Region, in der sie leben.

Sacha Kolpakov, Piotr Chërnii, Sacha Savelev, Anton Grotski

Foto: Stéphane Laederich

Gibt es dennoch allgemeine Charakteristiken, die alle Stile verbindet?

Die gibt es. So findet man in allen Stilen immer die Harmonie von drei Stimmen. Auf dem Balkan sind das zum Beispiel Akkordeon, Saxofon und Klarinette. In Zentraleuropa setzt man auf Zymbal, Geige und Bratsche. In Russland wiederum übernehmen drei verschiedene Gitarren oder der Gesang diese Stimmen. Im Flamenco ist es ein Zusammenspiel aus Gitarre und Gesang. Und diese Stimmen spielen Grundton, Terz und Quinte. Außerdem wird die Musik oft mit einer unglaublichen Schnelligkeit vorgetragen. Ein weiteres markantes Merkmal ist, dass die Betonung nie auf dem Taktschlag liegt, sondern auf der Synkope oder irgendwo zwischen den beiden Tönen. Es ist diese Verzögerung, die den Schwung, den Rhythmus bestimmt. Bei Django Reinhardt ist das offensichtlich. Und die meisten Musiker haben ihre Kunst autodidaktisch erlernt, von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. Sie können meist keine Noten lesen, verfügen über ein fantastisches Gehör, und ihr Spiel ist intuitiv, voller Improvisation.

Wie kommt es, dass es diese Gemeinsamkeiten gibt, wenn doch die Musikstile der Roma und Sinti so divers sind?

Weil ihre Tradition und ein Großteil ihrer Kultur die gleiche Herkunft hat. Sie teilen dieselben oft mündlich überlieferten Geschichten und Volkserzählungen, die Paramisa genannt werden.

Welche soziale Bedeutung hatte die Musik für die Roma und Sinti?

Da muss man zwischen professioneller und familiärer Musik unterscheiden. In Ungarn oder Tschechien haben die Sinti oder Kale vor allem Schlagermusik gemacht und sind in Restaurants aufgetreten. Das war Arbeit. Im privaten Bereich wurde die Musik vor allem auf Festen, Hochzeiten oder anderen Veranstaltungen gespielt, um Geschichten wachzuhalten und die Gemeinschaft zu fördern.

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