Sie galten als die Bewahrer und Bewahrerinnen der Kultur und hielten Volksgruppen zusammen. Umherziehende Musikschaffende kennt die Menschheit seit mehreren tausend Jahren. Und ihr prägender Einfluss ist bis heute zu spüren, auch wenn die meisten Volksgruppen und Künstler:innen inzwischen sesshaft sind.
Text: Erik Prochnow
„Das Reisen hatte nur in wenigen Fällen etwas mit dem Wunsch nach Freiheit zu tun.“
„Fahrende“ Musiker:innen beflügeln seit jeher die Fantasie der Menschen. Ihre vermeintliche Freiheit und Leichtigkeit im Leben weckt bei vielen Sehnsucht. Doch die Realität sah meist ganz anders aus. Der Alltag war nicht selten beschwerlich, und die Motivation für das Reisen hatte nur in wenigen Fällen etwas mit dem Wunsch nach Freiheit zu tun. So lebten die mittelalterlichen Spielleute und Barden meist am untersten Rand der Gesellschaft und besaßen keine bürgerlichen Rechte.
Die Geschichte nicht sesshafter Musikschaffender beginnt jedoch viel früher als im Mittelalter. Als älteste nomadische Gruppe, bei der Musik eng mit ihrer Lebensweise verbunden war, gelten heute die San des südlichen Afrikas, die schon vor mehr als zehntausend Jahren als Jäger und Sammler umherzogen. Erste Berichte über reisende Sänger gibt es aus der Antike vor fast dreitausend Jahren. Griechische Dichter wie Homer zogen damals durchs Land und trugen epische Geschichten und Mythen auf Marktplätzen und an Höfen vor. Fast zur selben Zeit pflegten die asiatischen Reit- und Steppennomaden der Turk- und Mongolenstämme eine reichhaltige Musiktradition, in der die zweisaitige Pferdekopfgeige und der Obertongesang eine große Rolle spielten.
Über die Jahrhunderte entwickelten sich überall auf der Welt Volksgruppen, die das Musiknomadentum bis heute als Teil ihrer Identität ansehen. Wenig bekannt sind etwa die Akyn- und Manaschi-Barden in Kirgisistan und Kasachstan, die afghanischen Unterhaltungskünstler der Jalali und Luli oder die indischen Manganiyar und Langa, die das Streichinstrument Kamaicha beherrschen oder wie ihre Vorfahren als Sänger von Dorf zu Dorf ziehen und auf Festen spielen. In Afrika pflegen immer noch Gruppen wie die Tuareg in der Sahara, die westafrikanische Musiker:innenkaste der Griots oder die maurische Ethnie der Sahrauis ein Nomadentum, in dem auch Musik eine besondere Rolle spielt.
Jenisches Musikantenpaar im Westerwald um 1930
Foto: Wikipedia, private Sammlung, gemeinfrei Topaz Gigapixel 2x Skalierung
In Europa kam diese Tradition erst sehr spät auf. Die oft für ein fahrendes Volk gehaltene Gruppe der Sinti:zze und Rom:nja gehört jedoch nicht dazu. „Die meisten von ihnen waren immer sesshaft“, sagt die österreichische Professorin Ursula Hemetek. Die renommierte Musikethnologin und Direktorin des Wiener Music and Minorities Research Center forscht seit vier Jahrzehnten über die Volksgruppe. „Viele hatten einen Beruf wie Scherenschleifer oder Kupferschmied, der es erforderte, eine Zeit lang im Jahr im Wohnwagen unterwegs zu sein, aber sonst lebten sie an einem Ort.“ Die bekanntesten umherziehenden Völker in Europa nach dem Verschwinden der mittelalterlichen Spielleute sind die erstmals im 18. Jahrhundert erwähnten Jenischen, ein im deutschsprachigen Raum lebendes transnationales Volk, die Sámi der nordischen Regionen sowie die irischen Traveller, die laut Forschenden heute übereinstimmend genetisch als eigene, von den Roma zu unterscheidende Ethnie gelten.
Die meisten dieser weltweiten nomadischen Volksgruppen sind inzwischen sesshaft. Entweder weil die Lebensumstände es erforderten oder weil sie per Gesetz – etwa in den deutschsprachigen Ländern oder Irland – dazu gezwungen wurden. Dennoch spielt in diesen Gruppen das Reisen in Sachen Musik noch immer eine wichtige Rolle. Statt zu Fuß oder mit Pferdewagen erfolgt dies heute jedoch eher per Van, und die Künstler:innen sind nur eine begrenzte Zeit unterwegs. Die Gründe für das Nomadentum der Musikschaffenden haben sich dabei über die Jahrhunderte verändert. Ursprünglich reisten sie durchs Land, um Nachrichten zu übermitteln, Geschichten zu erzählen, traditionelles Wissen zu vermitteln, Melodien und Musikstile zu bewahren oder einfach nur zu unterhalten. Im digitalen Medienzeitalter stehen vor allem die Unterhaltung und das Spiel auf Festen wie Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen im Fokus.
Für die Volksgruppe der Jenischen, deren Herkunft unklar ist und die heute vor allem in Österreich, Süddeutschland und der Schweiz anzutreffen sind, war es vor allem das Sichern des Lebensunterhalts, das sie zur Wanderschaft zwang. Gerade für Musikschaffende war das Umherziehen oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. „Musik ist für diese Gruppe bis heute eine wichtige Ausdrucksform ihrer Identität, die nicht einem bestimmten Musikstil folgt“, erläutert Hemetek, die die Gruppe in Tirol anhand von Interviews mit dem 1953 geborenen und 2006 verstorbenen Jenischen Romedius Mungenast und musikalischen Tonaufnahmen intensiv erforschte. „Oft spielten die Jenischen sogenannte Tiroler Gstanzl, traditionelle kurze Spott- oder Volkslieder, die sie in ihrer eigenen Sprache, dem Jenischen, sangen“, so Hemetek. Dabei wurden je nach Vorhandensein Knopfharmonika, Mundharmonika, Gitarre, Bass und zwei Geigen eingesetzt. Laut Mungenast gibt es in der jenischen Musik aber auch viele Parallelen zu Romastilen, auch wenn beide Volksgruppen nichts miteinander zu tun haben. In der Schweiz dominiert unter ihnen zudem bis heute die alpenländische Musik.
„Ständig unterwegs zu sein, war für uns die einzige Möglichkeit, unseren Lebensunterhalt zu bestreiten.“
Anders ist die Entwicklung bei den Travellern (Eigenbezeichnung „Pavee“) verlaufen. Erste Erwähnungen dieser Volksgruppe gehen zurück bis ins 12. Jahrhundert. „Ich stamme aus einer Familie, die seit mehreren Generationen von der Straßenmusik lebte“, weiß Mickey Dunne aus dem County Limerick. Der 68-jährige Traveller gilt als einer der einflussreichsten Uilleann Piper Irlands. Seine Vorfahren zählten zu einer der wenigen Familien von Berufsmusikern in der Volksgruppe. Sie verdienten ihr Geld vor allem bei öffentlichen Veranstaltungen wie Märkten, Landwirtschaftsausstellungen, Pferdemessen oder Fußballspielen. „Ständig unterwegs zu sein, war für uns die einzige Möglichkeit, unseren Lebensunterhalt zu bestreiten“, sagt Dunne, der je sieben Brüder und Schwestern hatte. Noch heute erinnert er sich lebhaft an den Wohnwagen, in dem er lebte und der von einem Pferd gezogen wurde. „Niemand kontrollierte uns, und wir genossen eine große Freiheit.“
Doch diese Lebensweise endete abrupt als die irische Regierung 1963 das Nomadentum unter Strafe stellte. Während Dunnes Vater Paddy sich nie an das neue Leben gewöhnen konnte, wuchs Michael in der Sesshaftigkeit auf. Im Gegensatz zu seinem Vater, der ein hervorragender Fiddlespieler war, und anderen Familienmitgliedern, die sich dem Banjo widmeten, weil es auf der Straße gut gehört werden konnte, verliebte er sich in den Dudelsack. Außerdem waren alle gute Sänger, die die Lieder meist in ihren Dialekten Shelta oder Cant vortrugen. Ihr musikalisches Handwerk erlernten die Dunnes alle autodidaktisch, von Generation zu Generation weitergegeben oder auch vom Grammofon abgehört. „Besonders an unserer Familie war, dass wir sowohl klassische Musik als auch traditionellen Folk spielen konnten“, erinnert sich Dunne. Dabei entwickelten die irischen Traveller ganz eigene Stile, die vor allem die Folkmusik bis heute prägen.
Berühmt wurden zum Beispiel drei Onkel von Michael, die unter dem Namen The Blind Dunnes mit ihrem außergewöhnlichen Spiel auf der Fiddle und dem Banjo für Furore sorgten. Auch Michael Dunne selbst gilt mit seinem offenen Spiel des Dudelsacks, bei dem die Luft durch alle Löcher der Pfeife eindringen kann, als absolute Koryphäe. Sein musikalisches Wissen hat er inzwischen an seine beiden Töchter Niamh und Bríd Dunne weitergegeben, mit denen er selbst oft auftritt. Niamh ist zudem nicht nur Mitglied der bekannten Irish-Trad-Band Beoga, sie erlangte zudem Berühmtheit, weil sie und ihre Band gemeinsam mit Ed Sheeran dessen Hit „Galway Girl“ aufnahmen.
„Ein wirklich einmaliger Sänger ist zudem der Traveller Thomas McCarthy, der a cappella ein unglaublich großes Repertoire singen kann, das niemand kennt“, ergänzt Dunne. Um die reichhaltige Pavee-Tradition zu bewahren, unterrichtet der Dudelsackspieler deshalb auch sehr gerne. „Die Zeiten ändern sich so rasant. Nur noch wenige Nachfahren der Traveller machen Musik, und wir sind dabei, unsere wunderbare Musik zu verlieren“, bedauert er die Entwicklung. So sah man in den 1920er-Jahren zum Beispiel viele Piper auf den Straßen. Heute sehe man überhaupt keine mehr. Dunne: „Es ist eine aussterbende Kunst.“
Für das aus der Westsahara stammende Volk der Sahrauis gilt das nicht. „Ihre Musik dient heute vor allem dem Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit“, sagt der Musiker und Ethnologe Luis Giménez Amorós. Der Spanier hat über die ethnische Gruppe promoviert und gemeinsam mit der berühmten verstorbenen Sahraui-Sängerin und Dichterin Mariem Hassan ihr letztes, 2012 erschienenes Album, El Aaiun Egdat, komponiert. Bis zum Beginn der Siebzigerjahre lebten die „Bewohner der Wüste“ (Übersetzung für Sahraui) auch unter der spanischen Kolonialherrschaft Westsaharas als Nomad:innen. Durch die Übergabe der Gebiete an Marokko und Mauretanien sowie den Konflikt mit der sahrauischen Befreiungsfront Polisario wurden die Sahrauis jedoch in fünf algerische Flüchtlingscamps gezwungen. Ihre Musiktradition konnten sie allerdings bewahren.
„Die Sahrauis praktizieren das El-Haul-System, das Musik und Poesie anhand von acht eigenen Tonarten – unter anderem mit Mikrotönen – vereint“, erklärt Giménez Amorós. Jede Tonleiter bezieht sich dabei auf eine spezielle epische Geschichte, die sowohl historische als auch alltägliche Themen wie Geburten oder Hochzeiten besingt. „Heute verwenden sie die Tonarten aber meist für ihre politische Botschaft der Dekolonisierung“, so der Musikethnologe. Verbunden ist das mit dem Medeh, dem traditionellen Gebetsgesang, der mit einer Trommel in bis zu acht verschiedenen Rhythmen begleitet wird. Daneben wird die ebenfalls von Generation zu Generation mündlich überlieferte Musik meist auf verschiedenen traditionellen Saiteninstrumenten wie der Kora, der Ngoni oder der Ardin, aber auch der E-Gitarre gespielt. Eine besondere Bedeutung haben zudem die poetischen Texte. „Der Dichter hat unter den Sahrauis eine sehr wichtige Stellung, und heute drehen sich die Themen um Widerstand und Eigenständigkeit“, sagt Amoros.
Musikalisch unterscheiden sich die Sahrauis von anderen nomadischen Gruppen wie den Tuareg. Giménez Amorós: „Die Musik von Mariem Hassan wiederholt sich nie und ist ein intensiver Dialog zwischen Gesang und Gitarre.“ Außerdem spielt auch hier der Einfluss von Rock heute eine große Rolle. „Es ist vielleicht dieses nomadische Erbe, das Umherziehen in einem riesigen Gebiet wie der Sahara, in der sie immer neue Orte und Menschen kennenlernten, dass die Sahrauis so flexibel macht, andere Stile schnell zu adaptieren“, resümiert der Wissenschaftler.
Und vielleicht lässt sich so auch das moderne Nomadentum beschreiben. Die Musikschaffenden leben zwar an einem festen Ort, tragen ihre Musik aber auf Touren in die Welt. Und vor allem greifen sie permanent neue Stile auf und integrieren sie wie in den Genres Folk und Weltmusik zu neuen Formen.











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