Bukahara

Eine kollektive Erzählung

1. Juli 2019

Lesezeit: 8 Minute(n)

Seit zehn Jahren sind sie zusammen und spiegeln in ihrer vielfältigen wie temperamentvollen Musik nicht nur den Background ihrer Familien aus Syrien, Tunesien, Palästina und Israel, sondern kombinieren auch deren Musiktraditionen mit einer Menge zeitgenössischer Sounds zu einem ganz eigenen, immer überraschenden Neo-Folk. Anlässlich ihrer Sommerkonzerte auf Festivals wie dem Nürnberger Bardentreffen, Tollwood, Kulturzelt Kassel, Burg Herzberg oder Jazz & Joy traf Olaf Maikopf drei von vier Bukahara-Bandmitglieder zum Gespräch.

Ihr kennt euch seit dem Studium an der Kölner Musikhochschule und habt auch schon als Straßenmusiker gespielt. Was war die Intention, Bukahara zu gründen?

Daniel Avi Schneider: Im Sommer 2009 ist Ahmed von Lübeck nach Köln gezogen. Als Soufian und ich ihn bei der Erstsemesterparty kennengelernt haben und wir uns gleich mochten, war uns schnell klar, dass wir mit ihm noch öfters rumhängen würden. Und so war es dann auch. Er ist nach kurzer Zeit in Soufians WG eingezogen. Ich wohnte damals direkt um die Ecke und verbrachte eigentlich fast jeden Abend bei den beiden in der Küche. Neben Schnaps trinken und Karten spielen haben wir irgendwann auch zusammen musiziert. Das hat gleich ziemlich gut geklappt, und so haben wir öfters zusammengespielt, sei es im Park oder bei WG-Partys. Unser Repertoire war damals aus Songs von Soufian und mir zusammengewürfelt, Ahmed steuerte ein paar arabische Lieder bei und fertig war das erste Programm. Das Eklektische daran hat sich für uns ganz natürlich angefühlt, es war keine besondere Intention dahinter. Insgesamt würde ich sagen, dass sich die Band eher natürlich entwickelt hat als dass wir sie bewusst gegründet hätten.

Hat sich eure akademische Musikerausbildung auf den Sound von Bukahara ausgewirkt?

Avi: Ich denke mal, dass wir alle beim Studium sehr viel gelernt haben. Wichtiger war meiner Meinung nach vor allem die Möglichkeit, sich einige Jahre lang nur mit Musik zu beschäftigen und in einem Umfeld voller neugieriger junger Musikerinnen und Musiker zu sein. Das war für mich beinah das Wichtigste.

Soufian Zoghlami: Die Verbindung von Musik und akademischer Institution hat damals die Frage aufgeworfen, für wen wir eigentlich Musik machen wollen. Die Hochschule war eine Parallelwelt, die nur wenig Berührung mit der Außenwelt hatte. Da draußen passte die Kombination wunderbar aus dem, was wir an Handwerk gelernt haben, und der unmittelbaren Interaktion mit den verschiedensten Leuten, für die wir gespielt haben. Das ist bis heute so: Wir scheuen nicht vor langen Soli und improvisierten Teilen zurück und genauso wenig vor einem einfachen Beat, der die Leute zum Tanzen bringt.

Welche eurer Einflüsse sind elementar?

Soufian: Ganz bestimmt ist beispielsweise der arabische Teil in unserer Musik davon beeinflusst, dass Ahmed in Palästina aufgewachsen ist. Größer aber noch ist der Einfluss aus den Begegnungen mit anderen Musikern. Jeder von uns ist durch verschiedene Szenen und Genres gegangen. Durch Reisen, Jamsessions und Bekanntschaften sind wir immer wieder auf neue Stile gestoßen, die wir dann in die Band hineingetragen haben.

„Wir sind das Gegenteil einer Band, die sich in den Proberaum zurückzieht, einen Sound entwickelt und ihn dann der Welt präsentiert.“

Eure Musik ist im weitesten Sinne folkig mit poppigen Elementen. Sie ist stimmungsvoll, spricht eine große Zuhörerschaft an und animiert zum Mitsingen. Habt ihr lange an dem Konzept getüftelt oder hat sich das ganz natürlich entwickelt?

Avi: Dass wir zu Beginn der Bandgeschichte auch öfters mal auf der Straße oder in Parks gespielt haben, hat uns einiges gelehrt. Denn nirgends sonst ist das Feedback so unmittelbar. Wenn ein Song die Leute nicht anspricht, gehen sie einfach weg. Man muss sich erst das Interesse des Publikums erspielen, dann ist es auch bereit, bei Songs weiter zuzuhören, die mehr in die Tiefe gehen. Konzerte sehen wir als eine Art Zeremonie, ein Ritual, das wir gemeinsam mit dem Publikum begehen. Wir genießen es, wenn wir merken, dass Energie vom Publikum zurückfließt. Wir lassen uns davon aufschaukeln und geben dann doppelt zurück.

Soufian: Wir sind das Gegenteil einer Band, die sich in den Proberaum zurückzieht, einen Sound entwickelt und ihn dann der Welt präsentiert. Geprobt haben wir fast nie.

Max von Einem: Wenn ein Song zum Beispiel nur aus einer Idee bestand, haben wir ihn trotzdem direkt auf die Bühne gebracht, um zu sehen, was daraus wird. So entwickeln sich Songs teilweise über mehrere Monate auf der Konzertbühne immer weiter.

Bukahara

Foto: Jason Krüger, ekvidi

Meist singt Soufian auf Englisch und nur ganz wenig auf Arabisch und Deutsch. Soll mit dem häufigen Englisch der internationale Markt angesprochen werden, soll die Reise dahin gehen?

Soufian: Wenn wir in unserer Bandgeschichte an eine Sache nie gedacht haben, dann war es der Markt. Und wenn man sich unsere Internetpräsenz ansieht, merkt man das auch. Ich habe die ersten Songs auf Englisch geschrieben, ohne mir darüber Gedanken zu machen. Das lag gewiss an der Musik, mit der ich aufgewachsen bin und die ich zu jener Zeit gehört habe. Anfangs geht es ja oft darum, selbst etwas zu schreiben, das an die Lieder herankommt, die man gut findet. Und die waren nun mal auf Englisch. In letzter Zeit habe ich aber immer häufiger das Bedürfnis, auf Deutsch zu schreiben. Das fiel mir zuerst schwer. Aber es bietet mir nun eine andere Art der Freiheit und Präzision. Momentan arbeiten wir am neuen Album und es gibt auch schon einen deutschen Song. Aber ob der letztendlich auf die Platte kommt, wird man sehen …

Eure Songtexte sind auch kritisch beziehungsweise beleuchten persönliche Zustände. Fällt es leicht, eigene Gemütszustände an die Öffentlichkeit zu tragen?

Soufian: Für mich ist das Ziel eines guten Songs, ein eigenes Gefühl zu benutzen, um einen Raum zu gestalten, in dem der Zuhörer seine eigenen Gefühle empfinden kann. Man kann diesen Raum dekorieren, eine Stimmung erzeugen, aber es ist ein öffentlicher Raum, der für jeden privat wird. Wenn das gelingt, wenn jemand nach dem Konzert ankommt und sagt, dieser eine Song hat genau das beschrieben, was ihm oder ihr passiert ist, dann ist das Ziel erreicht. Und das fühlt sich wunderbar an.

„Wenn wir an eine Sache nie gedacht haben, dann war es der Markt.“

Kann die Verwendung der arabischen Sprache in den Songs – wegen der heutigen sozialen und politischen Situation – in gewisser Hinsicht auch gefährlich sein?

Avi: Darüber haben wir eigentlich nicht nachgedacht. Denn bisher haben wir kaum rassistische Kommentare oder gar Anfeindungen registriert. Dafür gibt es öfters mal Menschen im Publikum aus arabischen Ländern, die ganz aus dem Häuschen sind, wenn Songs auf Arabisch kommen. Grundsätzlich reagieren die meisten Leute interessiert und positiv. Für uns ist es aber auch eigentlich ein bisschen seltsam, dass unsere unterschiedlichen kulturellen Einflüsse als Statement oder als politisch wahrgenommen werden. Für uns ist das einfach gelebte Normalität. Ach Moment, da fällt mir ein, dass ein Youtube-Kommentar zu unserem Song „Eyes Wide Shut“ erwähnenswert ist: „This is not music, this is clearly devil worship“, schrieb da jemand. Aber wahrscheinlich war das respektvoll ironisch gemeint. (grinst)

Soufian: Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Anfeindungen es bisher gab. Immerhin hängen unsere Plakate mit bärtigen Männern unter dem Namen Bukahara auch in Städten, in denen die Wahlergebnisse so etwas vermuten lassen könnten. Gerade bei „Umsonst-und-draußen“-Konzerten haben wir oft festgestellt, dass sich Leute, die am Stammtisch oder in den sozialen Netzwerken durchaus seltsame Sachen vom Stapel lassen könnten, von der Bukahara-Musik ebenso mitreißen lassen wie alle anderen. Sobald das Fremde vertraut wird, wird es interessant. So ist es ja immer.

Die überwiegende Zahl der Kompositionen stammt ebenfalls von dir, Soufian. Bist du der heimliche Leader von Bukahara? Oder hast du lediglich die meisten Ideen und kannst dich durchsetzen?

Soufian: Diese Frage sollte besser einer meiner Bandkollegen beantworten. (lacht)

Avi: Es stimmt, Soufian hat als Songwriter das weitaus größte Output von uns, er schreibt unzählige Songs, von denen aber nur einige bei uns zum Ausprobieren landen. Und die sind meistens richtig gut! Bei einigen Songs steht dann schon vieles fest, von Groove bis Melodie. Andere Male ist es eher eine Text- und Melodieidee, an der wir dann zusammen basteln. Um Durchsetzung geht es aber dabei nicht. Wir sind als Gruppe für die Ideen von jedem gleich offen und ziehen am selben Strang. Denn unser Credo ist allein, dass die Musik gut werden soll. Dafür brauchen wir keinen Leader.

Heute, wo Abschottung an der Tagesordnung ist und Rassen- und Religionsdiskriminierung wieder offen ausgesprochen werden, hat da unsere demokratische Gesellschaft den Rückwärtsgang eingelegt? Oder seid ihr Optimisten und glaubt, dass es nur eine vorübergehende Periode ist?

Soufian: Menschen brauchen eine kollektive Erzählung, an die sie glauben können und in der sie vorkommen. In einer immer komplexer und globaler werdenden Welt finden sich viele nicht wieder und zweifeln an ihr. Nach einer Phase des Aufschwungs, die vielen Leuten Teilhabe versprochen und Hoffnung gegeben hat, hat sich die Erzählung nun verselbstständigt. Die Folgen sind Angst und Wut bei denen, die glauben, übergangen zu werden. Dass sofort machthungrige Populisten auftauchen, die Öl ins Feuer gießen und diese Gefühle gegen andere bündeln, ist leider ein Muster, das nicht nur allerorts passiert, sondern auch schon immer passiert ist. In einer Gesellschaft braucht es dann Impulse, die dagegenhalten. Es gibt gerade eine Menge Energie, man denke nur an die „Fridays-for-Future“-Demonstrationen der jungen Menschen, die Veränderung fordern. Jeder von uns kann seinen Teil dazu beitragen, dass Energien nicht benutzt werden, um Menschen zu diskriminieren, auszugrenzen oder gar zu töten, sondern um eine neue Erzählung zu schreiben, in der wir alle vorkommen.

„Das Vertrauen in die eigene Sache und der Mut, es auch kompromisslos durchzuziehen, sind essenziell für ein erfolgreiches Bestehen.“

Was, glaubt ihr, macht den Erfolg von Bukahara aus?

Max: Wir haben nie die Weichen absichtlich auf Erfolg gestellt – wir sind einfach unserem Gefühl gefolgt und haben das gemacht, was uns richtig erschien. Das Vertrauen in die eigene Sache und der Mut, es auch kompromisslos durchzuziehen, sind essenziell für ein erfolgreiches Bestehen. Wir stehen seit zehn Jahren mit vollem Einsatz und Energie auf der Bühne, egal ob es auf einer Electroparty, in der Fußgängerzone, auf einer Hochzeit, in einem Club oder auf einer großen Konzertbühne war. Die Energie zwischen uns steckt die Zuschauer an, und so entwickelte sich etwas Besonderes. Und das ist es, glaube ich, was sich rumspricht und die Leute anzieht.

Jeder von euch ist ein Multiinstrumentalist, wechselt immer wieder die Instrumente.

Max: Dass wir auf der Bühne so viele Instrumente stehen haben und dauernd tauschen, hat sich natürlich entwickelt und hat ganz praktische Hintergründe. Es kamen einfach immer mehr dazu. Auf der Suche nach verschiedenen Rhythmen und Sounds waren wir mit unseren vier ursprünglichen Instrumenten (Gitarre, Geige, Kontrabass, Posaune) schnell am Limit. So hat sich Avi irgendwann eine Mandoline zugelegt, Ahmed die Darbuka, und ich habe mir ein Sousafon angeschafft. Durch die vielen Kombinationen der verschiedenen Instrumente haben wir nun sehr viele Möglichkeiten.

Bukahara

Foto: Stefan Braunbarth

Auf den bisherigen drei Studioalben ist eine deutliche Entwicklung zu hören. Sind Bukahara seit Phantasma bei ihrem Sound angekommen?

Avi: Wir arbeiten derzeit an einem neuen Album. Es wird wieder einiges anders klingen, wie genau wird sich zeigen. Wir sind jedenfalls wieder absolut offen für alle möglichen Einflüsse, Rhythmen und Farben. Hauptsache es macht Spaß.

Die Arrangements eurer Songs sind oft zart, differenziert und abwechslungsreich, aber nie bombastisch. Wie erarbeitet ihr sie und sind alle vier Mitglieder immer zufrieden damit?

Avi: Ein großer Teil eines Arrangements kommt oft schon mit der Songidee. Manchmal bekommen die Stücke bei den Proben aber doch noch einmal einen ganz anderen Dreh als zuvor gedacht. Klar sind wir nicht immer derselben Meinung, aber wir wissen ja, dass wir alle das Beste für den Song wollen, und einigen uns eigentlich immer recht mühelos. (schmunzelt)

Bukahara passen mit der akustisch gespielten Musik und der temperamentvollen Bühnenshow in die derzeitige Neo-Weltmusikszene von Bands wie den 17 Hippies oder LaBrassBanda. Nicht nur jüngere Menschen fühlen sich davon angezogen. Ist es die Sehnsucht nach bekannten Dingen oder woher kommt beim Publikum die Begeisterung für handgemachte, perfekt und mit guter Show zelebrierte Musik?

Soufian: Wir sehen uns gar nicht so sehr als Teil einer bestimmten Szene. An den Orten, an denen wir in den letzten zehn Jahren gespielt haben, war immer alles vertreten, von hartem Techno bis zum leisen Singer/Songwriter. Wenn es wirklich heute mehr Leute gibt, die sich für handgemachte Musik interessieren, könnte das durchaus daran liegen, dass in Zeiten des Internets, der Überwindung von Zeit und Raum, der Immer-Verfügbarkeit und dem Verschwimmen von Echtem und Fiktionalem ein Bedürfnis entstanden ist, etwas zu mögen, das es wirklich gibt. Denn wenn der Strom ausfällt, spielen wir einfach weiter. (lacht)

bukahara.com

Aktuelle Alben:

Live Session (BML Records, 2019)
Phantasma (BML Records/Sony, 2017)

Aufmacher-Foto:

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