Deutsche Zustände – Kulturelle Identität nach der deutschen Vereinigung

Eine Gesprächsrunde beim Rudolstadt-Festival 2019

5. November 2022

Lesezeit: 7 Minute(n)

Vom 9. bis 11. November 1990 fand in Bad Hersfeld das Herbsttreffen des Verbandes Profolk statt.* Im Anschluss an die Veranstaltung trafen sich Vertreter aus Deutschland Ost und West, um über Aspekte des möglichen Zusammengehens der beiden Folk- und Liedszenen zu diskutieren. Das Treffen gilt als inoffizielle Geburtsstunde des Rudolstadt-Festivals. Vor dem Hintergrund der Veranstaltung in Bad Hersfeld ging es beim diesjährigen Festival in Rudolstadt dreißig Jahre nach dem Mauerfall um die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der Gemeinschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten. An dem Gespräch nahmen unter der Leitung von Michael Kleff Rudolstadt-Festivaldirektorin Petra Rottschalk, der Grafiker, Folkmusiker und Liedermacher Jürgen B. Wolff, die Liedermacher Manfred Maurenbrecher und Hans-Eckardt Wenzel sowie Folker-Herausgeber Mike Kamp teil. Die vollständige Abschrift der Diskussion, die hier nur in Auszügen dokumentiert wird, findet sich auf folker.de.

Michael Kleff: Wie habt ihr euch damals in der Situation gefühlt und was ist dreißig Jahre später im Rückblick aus den Sorgen und Hoffnungen geworden? Vielleicht fangen wir mit Mike Kamp an.

Mike Kamp: Das, was für die Szene aus Bad Hersfeld zurückkam, klang eigentlich ziemlich optimistisch. Von heute aus betrachtet, hat das mit Rudolstadt wunderbar geklappt, da gibt es wirklich eine funktionierende Ost-West-Kooperation. Wenn ich mir allerdings so gut wie alles andere anschaue, bin ich sehr enttäuscht darüber, wie wenig sich in den letzten dreißig Jahren getan hat. Das fängt bei den ökonomischen Bedingungen an. Der Unterschied zwischen Ost und West ist gravierend, das ist beschämend. Und auf künstlerischer Seite gibt es wenige Ostkünstler, die regelmäßig im Westen touren. Selbst jemand wie Wenzel tourt zu 75 bis 80 Prozent im Osten. In unserer Szene existieren nach wie vor Ost und West.

Hans-Eckardt Wenzel: Ich spiele sogar fast überhaupt nicht mehr im Westen. Mir geht die Ignoranz auf den Keks. Ich mache das dreißig Jahre, und es ist ein sehr komplizierter Prozess gewesen. Die Akademie der Künste Ost und West hat vier Jahre gebraucht, sich zu vereinigen, das PEN-Zentrum zehn Jahre, die Anglerverbände Ost und West haben es erst vor zwei Jahren geschafft. Das, was man als Osterfahrung hatte, ist zusammengebrochen. Die Westler haben diese Erfahrung nicht, bei ihnen war es ein sukzessiver Prozess, dass das soziale Gitter des Staates durch Hartz IV und andere Reformen vernichtet wurde. Damals als linksversiffte Alternative beschimpft zu werden, wäre nicht in aller Öffentlichkeit möglich gewesen. Das gesellschaftliche Klima in den letzten dreißig Jahren hat sich unwahrscheinlich nach rechts bewegt.

Kleff: Frage an den Westkünstler Maurenbrecher. Du hast ja mit „Wessi“ ein wichtiges Lied geschrieben, das auch den Liederpreis bekommen hat. Vielleicht kannst du ein bisschen beschreiben, wie es in der Gegenbewegung ist, also der Wessi im Osten?

Manfred Maurenbrecher: Ich war 1990 sehr neugierig auf Zusammenarbeit mit Künstlern aus der DDR und war entsetzt über die Wahlergebnisse. Ich gehöre zu einer Gruppe von Westdeutschen, die sich gewünscht hätten, dass ein demokratischer Sozialismus in der DDR weitergeführt wird und wir davon lernen können. Was dann passiert ist, sehe ich genau umgekehrt. Diese sogenannten neuen Bundesländer wurden von der Kapitalistenklasse als Versuchsfeld des Sozialabbaus genommen, und das ist wunderbar geglückt. Hartz IV hat alle betroffen, die Westbundesländer werden auf das Niveau der neuen Bundesländer runtergeführt, und das war eigentlich der Sinn dieser Vereinigung. Was mich betrifft, spiele ich vor zwanzig bis zweihundert Leuten, und das geht in Suhl so gut oder schlecht wie in Freiburg. Wo ich gar nicht spiele, ist Bayern. Dort komme ich nicht klar, die erleben meine Art von Humor als aggressiv. Und das ist ja Westen. Ich denke, wenn die Rede von Identität ist, werden diese Trennungen mittlerweile andere sein. Für Leute unter 25 spielt dieses Ost-West weniger eine Rolle als Fragen wie: „Wo studiere ich? Wo ist es noch einigermaßen sozial? Wo werden die Eltern nur noch zum Portemonnaie gebeten?“

Das mit Rudolstadt hat wunderbar geklappt, da gibt es wirklich eine funktionierende Ost-West-Kooperation.
Mike Kamp

Kleff: Frage an Petra Rottschalk im Hinblick auf die Gesellschaftsstruktur. Du bist Kulturamtsleiterin, das heißt, du steckst mittendrin in der politischen Hierarchie.

Petra Rottschalk: Es war insbesondere Anfang der Neunziger, dass große Kulturhäuser schnell zu Möbellagern oder Teppichverkaufsstellen umgebaut und später sogar abgerissen wurden. Es hatte aber auch damit zu tun, dass die Leute sich anders orientierten, nicht mehr zu Veranstaltungen hingingen, sodass diejenigen, die das Sagen hatten, sagten: Wird nicht mehr gebraucht. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass seit zehn, fünfzehn Jahren bestimmte Dinge wiederaufgebaut werden – sehr mühsam und letztlich mit Unterstützung von Landes- und Bundesregierungen. Die Saalgärten zum Beispiel, die auch Veranstaltungszentren im Rahmen des Festivals sind und die wir Ende der Neunziger als soziokulturelles Zentrum eröffnet haben, waren eine alte Lederfabrik.

Kleff: Jürgen, vielleicht schilderst du deine Eindrücke, weil Leipzig ja auch ein Zentrum in Sachen Folk und Lied war und nach wie vor ist.

Jürgen B. Wolff: Klar ist vieles verschwunden, und nach der Wende wusste man gar nicht mehr, wo man jetzt noch spielen soll. Alle wollten irgendwelche drittklassigen Westkapellen hören. Dann fand ein unglaublicher Aufbruch statt. Wir hatten in Leipzig den Klub Tuvalu gegründet und haben dort vor vollen Häusern gespielt. Dann brach das alles sukzessive wieder zusammen, bevor schöne neue Spielstätten wie Werk 2 oder das UT Connewitz entstanden. Auch die Szene hat sich verändert. Die Jungen haben längst gelernt, dass sie sich nicht auf irgendwelche Strukturen verlassen können. Die sagen: „Ich brauche keine Firma mehr, die meine CD produziert, das mache ich selber …“ Das ist für uns ziemlich gruselig, weil wir mit Veränderungen mittlerweile genug komische Erfahrungen gemacht haben.

Kleff: Wir haben also einmal die finanziellen, organisatorischen Rahmenbedingungen für Kultur, andererseits aber auch die Bewusstseinslage. Wie kommt dieses Bewusstsein zustande, das hier kritisiert wird, und was kann man tun, um etwas zu verändern? Wenzel, du hast dich ja sehr mit der Frage von Identität und Bewusstsein beschäftigt.

Ich hätte mir gewünscht, dass ein demokratischer Sozialismus in der DDR
weitergeführt wird und wir davon lernen können.
Manfred Maurenbrecher

Wenzel: Es ist dasselbe, wie wenn ich Lyrik schreibe, um mich selbst zu finden. Wann habe ich mich verloren? Es gibt keine Identität in diesem Sinne, das ist ein fiktionaler Begriff. Was wir haben, sind kulturelle Wurzeln. Wenn wir nicht verwurzelt sind in unserer Zeit und Kultur, haben wir keine Kraft, Widersprüche zu erkennen und anzugehen. Die Geschichtslosigkeit, in der wir leben, ist genau der Hebel, diese Mechanismen wegzunehmen. Wenn wir nicht mehr geschichtlich denken, sind alle Zustände, die wir erleben, wie eine Schlechtwetterperiode. Aber alle Verhältnisse, unter denen wir leben, sind menschengemacht. Die Probleme, die wir heute haben, sind geschichtlich produzierte Probleme, und deswegen müssen wir mit einer geschärften historischen Weitsichtigkeit an die Sache herangehen. Wo beginnt der Sound der Straße von Pegida? Der beginnt 1990 als Folge des Zusammenbruchs der DDR. So haben die Leute damals gerufen. Sie waren instrumentalisiert von einigen Kräften, die das nationale Gefühl über das politische gestellt haben. Das ist eine alte Technik in der Geschichte, die 1990 von Kräften in der Bundesrepublik instrumentalisiert wurde, um bestimmte Errungenschaften, die die bundesdeutsche Republik hatte, wieder rückgängig zu machen. Und dafür hat man eine ganze Menge auch von den blöden Ossis gebraucht. Unter diesem Zustand leben wir, das ist eine Folge von sehr großen Fehlern, die in der Vereinigung passiert sind.

Kleff: Die Frage ist, wie man ein stärkeres Nachdenken in die Gesellschaft bringt, damit sich auch Verhalten ändert.

Maurenbrecher: Ich finde, es geht ein bisschen schnell mit der Frage, was man tun kann. Du hast schon recht damit, Wenzel, dass man diese Wurzel noch ein bisschen ausgraben müsste. Der Plan, das Gebiet der DDR als Versuchsfeld für den Abbau der alten Bundesrepublik zu nehmen, hat, glaube ich, schon in den Jahren vor ’89 existiert. Ich habe das selber erlebt. Ich war bei einem von der FDJ organisierten Rockpoeten-Festival in Dresden im Sommer ’89 dabei. Da tauchten auf einmal Buttons auf, auf denen stand: „Bundeswehr – ja bitte!“ Keiner wusste, wo die herkamen. Die Leute, die sie trugen, wurden auch abgedrängt, wir sollten das nicht sehen. Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass die irgendwer aus dem Westen rübergeschmuggelt hat und das schon damals eine gezielte Aktion war. Ich denke aber, dass es mittlerweile auch viele positive Gegenbewegungen gibt, zum Beispiel die Liedertour in Leipzig. Das ist eine Ost-West-Verbindung auf sehr bescheidenem, aber beharrlichem Niveau, wo Menschen in unserem künstlerischen Bereich zusammen Konzerte machen und sich kennenlernen.

Kleff: Was kann eine kleine, aber feine Zeitschrift wie der Folker leisten?

Kamp: Wir haben damals ja auch gesagt: Warum soll es zwei Zeitschriften, also eine im Osten und eine im Westen geben? Wir haben niemanden übernommen oder niemand hat uns übernommen, sondern waren gleichberechtigte Partner, die sich zum Folker zusammengeschlossen haben – das Leipziger Folksblatt und der Folk-Michel. Hätte die Politik ähnlich gehandelt, hätten wir einen Großteil der Probleme, die wir heute haben, vermutlich nicht. Was der Folker als Zeitschrift machen kann, ist eigentlich nicht viel. Wir sind zu klein, um Initiativen anzustoßen, können eigentlich nur beobachten. Ich weigere mich aber, zu sagen, wir sind zu alt. Auch wir alten Säcke müssen den Arsch hochkriegen und Initiativen unterstützen, die gegen die Faschisierung der Gesellschaft kämpfen.

Kleff: Noch einmal zu dem Gedanken der Wurzeln und der Geschichtslosigkeit. Wenzel, wie können wir gegen die Geschichtslosigkeit angehen?

Wenzel: Wenn es ein Rezept gäbe, hätte man das sofort gemacht. Es ist nicht so einfach. Es gibt diesen schönen Satz von Bertolt Brecht, der sagte: „Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch, wie wir durchsetzen.“ Mehr kann man dazu nicht sagen. Man muss sozusagen auf die Wahrhaftigkeit bauen und nicht versuchen, irgendwo jemandem zu Munde zu reden, sondern sehr klar bleiben in seiner ästhetischen und künstlerischen Arbeit und fleißig über die Lande ziehen wie ein Wanderprediger, damit die Leute das Nachdenken und das Zusammensein nicht verlernen, dass sie nicht in den Echokammern ihrer sozialen Netzwerke verkümmern.

Wenn wir nicht verwurzelt sind in unserer Zeit und Kultur, haben wir keine Kraft, Widersprüche anzugehen und zu erkennen.
Wenzel

Maurenbrecher: Ich finde das sehr richtig. Ich würde gern als Beispiel Pete Seeger anführen, der in der Zeit, in der er nicht auftreten durfte, an Schulen gegangen ist und gesagt hat, er bringt Kindern Volkslieder bei, und ihnen gleichzeitig politische Lieder beigebracht hat. Viele dieser Schüler und Schülerinnen wurden dann selber Musiker.

Kleff: Petra, dann doch noch mal zurück nach Rudolstadt. Wie setzt ihr euch damit auseinander, dass Menschen in einer Region, in der dieses weltoffene Festival stattfindet, ihr Kreuzchen bei einer Partei wie der AfD machen?

Rottschalk: Da bin ich auch ziemlich ratlos. Wir machen seit 29 Jahren dieses Festival und glauben, dass wir unsere Bevölkerung aufschließen konnten für eine Offenheit, eine Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Nachdem viele die ersten Jahre sehr gegen das Festival waren, fiebern die Leute jetzt das ganze Jahr die vier Tagen herbei und sind begeistert. Da könnte man denken: Jetzt ist Wahl, jetzt müsste es doch eigentlich ein besseres Ergebnis sein. Ist es aber nicht. Wir haben sogar schlechtere Ergebnisse als Saalfeld oder andere Thüringer Städte. Das heißt aber nicht, dass wir verzagen, wir machen natürlich weiter, machen Projekte und versuchen, dieses Festival gut weiterzuführen.

* Mit dem Fall der Mauer bekam die Ostszene auch im Folker-Vorgänger Folk-Michel einen neuen Stellenwert in der Berichterstattung. Die zwischen 1990 und 1993 dazu veröffentlichten Artikel und Interviews können jetzt unter folker.de/folker-archiv/folker-archiv-ddr.php noch einmal nachgelesen werden. Darunter auch der Mitschnitt der Diskussion in Bad Hersfeld.

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