Auļi

5. Juni 2023

Lesezeit: 6 Minute(n)

Wenn man von Dudelsäcken und Trommeln spricht, kommen einem sofort mittelalterliche Musikgruppen à la Corvus Corax in den Sinn, die mit großem Rums und Gehabe in verschiedenen Sprachen uralte Melodien und Lieder, aber vor allem treibende Rhythmen von sich geben. Oder man denkt an schottische Bands mit schrillen Sackpfeifen und karierten Kilts.

Die lettische Dudelsack- und Trommelgruppe Auļi ist weder das eine noch das andere, obwohl sie sich ursprünglich möglicherweise auch von Bands wie Corvus Corax inspirieren ließ. Auļi fanden sich vor knapp achtzehn Jahren zusammen – lettische Dudelsackspieler, die sich ihre Dudelsäcke teilweise selbst gebaut hatten und nun experimentieren wollten, was man aus dem Instrument alles „herausquetschen“ kann. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass es in Lettland durchaus einmal eine Dudelsacktradition gegeben hat, die jedoch mit der Zeit vollständig zum Erliegen gekommen war. In den Folklorearchiven finden sich nur wenige Dudelsackmelodien, und was in früheren Zeiten darüber hinaus alles gespielt wurde, lässt sich nur noch mutmaßen. Auch gibt es wenige erhaltene originale historische Exemplare des Instruments in lettischen Museen, deshalb ist über die traditionelle Bauweise, die verwendeten Mundstücke, die Spielart und besonders den Klang sehr wenig bekannt. Dies hinderte einige Instrumentenbaumeister nicht daran, sich näher mit dem Instrument zu befassen und zu versuchen, den lettischen Dudelsack wiederzubeleben. Dieser unterscheidet sich durchaus von Varianten, wie sie sich bei den Nachbarn in Estland und Litauen finden, wo die Tradition etwas ausgeprägter erhalten geblieben ist und heute noch Einflüsse einerseits von finnischer, andererseits von weißrussischer Seite wirksam sind.

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Nun kam es, dass sich die lettischen Dudelsackspieler mit einigen Trommelbegeisterten zusammentaten und eine Gruppe formten – wobei für die lettische Trommeltradition im Prinzip dasselbe gilt wie für die des Dudelsacks: Es gibt keine überlieferten Instrumente, und auch hier mussten Bau- und Spielart erst wieder erarbeitet werden, da nur einige wenige historische Beschreibungen über das Trommelspielen vorliegen. Inzwischen haben die Musiker selbst in verschiedenen Workshops mit den Instrumenten experimentiert und verfügen nun über die wohl größte aus einem ausgehöhlten Baumstamm bestehende und mit einer Kuhhaut überzogene Trommel im ganzen Baltikum – was den interkontinentalen Transport zu diversen Festivals erheblich verkompliziert.

Nichtsdestotrotz, die gespielte Musik und der Sound waren so anders und erfrischend, dass die Gruppe, die sich Auļi nannte, von Anfang an alle landesweiten Festivals abklappern konnte – egal ob Stadtfeste, mittelalterliche, Metal- oder Folkfestivals –, da es einen solchen Powerklang mit Ethnoansatz in Lettland zuvor nicht gegeben hatte. Folklore wird hier meist mit von Frauen gesungenen, beschaulichen Liedern zu Koklebegleitung assoziiert, Auļi aber brachten neun gestandene Kerle und eine estnische Dudelsackspielerin auf die Bühne und das Publikum zum Tanzen! Bald spielten sie auch auf diversen Festivals in den Nachbarländern Estland, Litauen und Polen, wohin man noch relativ leicht mit eigenen Autos und einem Anhänger für die Trommel reisen konnte. Der richtige Durchbruch in Lettland kam jedoch, als sie sich am großen hiesigen Sängerfest beteiligten und inmitten Zehntausender Chorsängerinnen und -sänger den Rhythmus angaben. Darauf folgten Engagements an verschiedenen groß angelegten Volkstanzveranstaltungen, die teilweise sehr erfolgreich waren und von vielen Menschen miterlebt wurden.

Foto: Agris Prieditis

Auļi bestehen aus sechs Dudelsack- und vier Trommelspielern, einzige Frau in der Truppe ist die estnische Ethnomusikologin Leanne Barbo. Sie ist von Anfang an dabei und behauptet sich in dieser lettischen Männergesellschaft mit ihrem estnischen Dudelsack hervorragend. Im Laufe der Zeit sind sieben Alben erschienen – Sendzirdēju (2005), Auļos (2007), Etnotranss (2010), Dižducis (2013), Gadalokos (2016), Lai Māsiņa Rotājas (2017) und Senču Balsis (2019). Die ersten beiden beinhalten noch teilweise Interpretationen traditioneller lettischer Melodien, aber immer mehr werden eigene Kompositionen ins Repertoire aufgenommen, wozu alle Bandmitglieder beitragen. Das Album Etnotranss verlässt sich dann stärker auf das Intuitive und schildert in Form einer epischen Rahmenhandlung sozusagen den Werdegang des Menschen, wie er sich durch verschiedene Initiationen hindurch ins Innere zurückzieht, um verwandelt wieder an die Oberfläche zurückzukehrt. Auf Dižducis greifen Auļi die markantesten Stücke der vorhergehenden Alben auf und spielen diese zusammen mit lettischen Gastmusikern verschiedener Genres wie Rock, Pop oder Klassik, was noch einmal beweist, dass mit Dudelsack gespielter Musik keine Grenzen gesetzt sind. Gadalokos beschäftigt sich mit alten lettischen Jahreszeitenfesten, wofür die Band sechzehn neue Kompositionen einspielt. Für Lai Māsiņa Rotājas geht die ja hauptsächlich aus Männern bestehende, bereits auf einige Erfahrung zurückblickende Band eine Kooperation mit der zu diesem Zeitpunkt noch am Beginn ihrer Karriere stehenden, ebenfalls lettischen reinen Frauenformation Tautumeitas ein. Sowohl auf dem Album als auch auf der damaligen gemeinsamen Konzerttour entwickeln die aufeinandertreffenden femininen und maskulinen Kräfte zusammen eine Energie, die vom Publikum begeistert aufgenommen wird.

Kai Somby & Auli

Foto: Gatis Indrevics

Das 2019 zustande gekommene Projekt „Senču Balsis“ („Stimmen der Ahnen“) geht noch einige Schritte weiter. Diesmal beabsichtigen Auļi, mit verschiedenen männlichen Stimmen den ursprünglichen, universellen Klang zu finden, der auch heute noch ansprechend ist. Dazu laden sie einen Kehlkopfgesangskünstler aus der Mongolei (Batzorig Vaanchig), einen samischen Joiker aus Norwegen (Kai Somby), einen österreichischen Jodler (Albin Paulus) und einen traditionellen lettischen Folksänger (Edgars Lipor) zur Zusammenarbeit ein. Gemeinsam stellen sie ein Programm auf die Beine, zu dem jeder Gastmusiker traditionelle Lieder aus seinem Bereich beiträgt, die dann von Auļi mit Dudelsäcken und Trommeln arrangiert werden. Dies resultiert in vier Musikvideos, die in den jeweiligen Heimatländern der musikalischen Partner gedreht wurden, sowie ein Konzertprogramm, das im Herbst 2019 in ausverkauften Konzertsälen in Lettland über die Bühne geht. Jeder Teilnehmer behält dabei seine eigene, charakteristische Ausdrucksform bei, und alle zusammen werden zu einem ausdrucksstarken internationalen Ensemble, das unterschiedlicher kaum vorstellbar ist. Auf wundersame Weise klingt diese Musik sehr kraftvoll und harmoniert hervorragend. Wie die Teilnehmer selbst sagen: Je tiefer man in der jeweiligen Tradition gräbt, desto einfacher ist es, miteinander in Einklang zu kommen, weil die verschiedensten Kulturen an ihren Wurzeln sehr eng verbunden sind. Auf der ganzen Welt werden Wiegenlieder gesungen, werden Freude und Trauer, Liebe und Wut in Form von Musik zum Ausdruck gebracht, und sind auf diese Weise universell verständlich. Ein Film entsteht über das Zusammentreffen dieser unterschiedlichen Musikkulturen, mit Interviews über die jeweiligen traditionellen Gesangsarten und das Zustandekommen des Musikprogramms.

Ende 2020 ist nun ein digitales Album mit dem Titel Visapkārt erschienen, das die neuesten technischen Möglichkeiten auslotet. In zwölf Kompositionen der drei Bandmitglieder Kaspars Bārbals, Mārtiņš Miļevskis und Edgars Kārklis spielen Auļi darauf nicht nur Dudelsäcke und Trommeln, sondern auch diverse andere Instrumente, die die meisten der Beteiligten beherrschen – fast alle Mitspielenden sind auch in anderen musikalischen Projekten aktiv. Es handelt sich dabei um eines der wenigen Alben mit lettischer Musik, das im sogenannten Dolby-Atmos-Music-Verfahren aufgenommen wurde, die Veröffentlichung ist vorerst nur digital geplant. Das Gefühl, beim Hören inmitten des Sounds zu sitzen und von der Musik sozusagen eingewickelt zu werden, ist dabei auf jeden Fall etwas ganz Besonderes.

Bis heute hat sich Auļi zu einer international auftretenden Festivalband entwickelt, die unter anderem beim Rainforest World Music Festival in Malaysia und beim deutschen Rudolstadt-Festival zu Gast war sowie 2019 durch Japan tourte. Die Dudelsäcke, die Auļi spielen, sind dabei schon lange nicht mehr die ursprünglichen, selbst gebauten Sackpfeifen, die oft gestimmt werden mussten und bei unbeständigen Temperaturen und Feuchtigkeit, wie sie bei Open-Air-Festivals immer wieder vorkommen, auch total versagen konnten. Sie haben sie durch High-Tech-Instrumente internationaler Instrumentenbauer ersetzt. Auļi verfügen auch über ihren hauseigenen Tontechniker, wodurch sie sich bei Auftritten schnell und ohne große Verzögerungen auf die Bühne begeben können.

Foto: Gatis Indrevics

Auļi – der kurze, aber prägnante Name, hat gleich mehrere Bedeutungen. Bezogen auf die Trommelrhythmen kann das Wort so viel wie „Galopp“ bedeuten, während es gleichzeitig die Bezeichnung für altertümliche Bienenstöcke ist, die traditionell in alten, ausgehöhlten Baumstümpfen eingerichtet wurden. Der Klang des summenden Bienenstockes wiederum findet sich auch im Bordunklang der Dudelsäcke. Vielleicht stammt der Name aber auch von dem Gutshaus Auļukalns, das dem ehemaligen Mitbegründer von Auļi und immer noch anderweitig aktiven Percussionisten Mikus Čavarts gehört.

Treibende kreative und organisatorische Kraft hinter den Aktivitäten der Gruppe heute ist ihr Leiter Kaspars Bārbals, der es vermag, groß angelegte Ideen nicht nur selbst künstlerisch umzusetzen, sondern auch praktisch zu verwirklichen und zudem Leute mit den entsprechenden Talenten zusammenzubringen, um Bühnenshows, Musikvideos, neue Musikprogramme und Tourneen auf die Beine zu stellen. Die Musikvideos von Auļi haben sich auch im Laufe der Jahre stark weiterentwickelt und gehören zum Professionellsten und Vielseitigsten, was man in Bezug auf lettische Ethnomusik zurzeit im Netz finden kann. Auļi gehörten auch zu den Ersten, die mit verschiedenen internationalen Musikern zusammenarbeiteten, so veröffentlichten sie zum Beispiel bereits 2013 das humoristische und etwas in Vergessenheit geratene Video „Latvija-Madagaskara“ gemeinsam mit dem madagassischen Musiker Kilema.

Auch 2020 war ganz unerwartet ein sehr produktives Jahr für Auļi. Vielleicht gerade weil die Konzerttätigkeit global und lokal unterbrochen war, nahmen sie mehrere Musikvideos mit neuen Stücken auf, allein oder in Zusammenarbeit mit Folkloregruppen aus ganz Lettland. Der zweiten Covid-19-Welle zum Trotz produzierten sie so zum Beispiel Ende des Jahres ein Musikvideo mit der Sängerin Laurita Peleniūtė aus dem Nachbarland Litauen (Mitglied im Projekt UDU, siehe auch Folk Galore #1/20) unter dem Titel „Ciemiņi“, was so viel wie „Gäste“ bedeutet und in der derzeitigen Situation, wo Besuch sogar bei den nächsten Nachbarn unerwünscht ist, eine ganz neue emotionale Bedeutung bekommt.

www.auli.lv

Aufmacherfoto:

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