Ray Cooper

Helden von gestern und heute

12. Juni 2023

Lesezeit: 6 Minute(n)

Allein steht er auf der Bühne des Gasthauses Linnenschmidt. Doch auch ohne Band im Rücken erfüllt seine Musik den Saal. Das Publikum lauscht konzentriert den wohlklingenden, selbst geschriebenen Folksongs, die der hochgewachsene Mittsechziger auf Gitarre, Cello oder Mandoline begleitet. Es ist 2017. Ray Cooper spielt zum ersten Mal beim Venner Folk Frühling. Zu dem Zeitpunkt ist er seit vier Jahren als Solomusiker unterwegs. Bekanntheit erlangte er zuvor insbesondere durch seine 25-jährige Mitgliedschaft bei der Oysterband, einer der wichtigsten britischen Folkrockbands der Neunziger und Nullerjahre, mit der er Tausende schweißtreibender Konzerte in 27 Ländern spielte. Venne steht stellvertretend für das neue Publikum, die neuen Spielorte, die sich Cooper auch hierzulande erspielt hat. Der Rahmen ist kleiner, intimer, weniger laut. Aber nicht weniger intensiv, wenn auch auf andere Art und Weise. Nun kommt er wieder, für vier Termine im Oktober 2021, mit dem neuen Album Land Of Heroes im Gepäck, dessen deutsche Ausgabe im April bei Westpark Music in Köln erschienen ist.
Stefan Backes

Chopper. Der Spitzname war lange sein Markenzeichen als Bassist und Cellist. Insbesondere zu seiner Zeit mit der Oysterband. In der Regel war er so in den Liner Notes der neunzehn Alben aufgeführt, die er mit den „Ikonen des Folk“ (fRoots) einspielte, nur im Booklet des letzten, an dem er beteiligt war – Ragged Kingdom mit June Tabor aus dem Jahr 2011 –, stand sein bürgerlicher Name. Vielleicht, weil da bereits etwas Neues begonnen hatte, in seinem Leben Fuß zu fassen. „Mein erstes Soloalbum veröffentlichte ich 2010, aber erst als ich anfing, auch solo zu touren, erkannte ich, dass ein Leben als Einzelkünstler eine Option darstellte. Ich wollte die Oysterband nicht verlassen, aber gleichzeitig war es so, dass ich die Arbeit als Bandmitglied mit meinem Familienleben in Einklang bringen musste und nicht mehr so lange auf Tour gehen wollte. Die anderen hatten großes Verständnis, aber am Ende gab es zu oft Spannungen und ich nahm meinen Hut. Doch sofort nach der Trennung wusste ich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Die Zeit seitdem ist die kreativste und arbeitsintensivste bisher in meinem Leben.“

Geboren wurde Ray Cooper 1954 im südenglischen Redhill als Sohn einer schottischen Mutter und eines englischen Vaters. Mit dreizehn packte ihn das Musikvirus, als er einen Gitarristen hörte, mit vierzehn begann er Bass zu spielen, mit sechzehn war er in seiner ersten Band. Nach dem Besuch des Art College in Brighton wurde er Mitglied der Punkband Amazorblades und startete eine Karriere als Profimusiker. Zum Cello kam Cooper ebenfalls in dieser Zeit, weil er eine akustische Alternative zum E-Bass suchte. Auch als Sessionsmusiker war er gefragt. Eine seiner letzten Stationen, bevor er 1988 zur Oysterband stieß, war die Weltmusikband 3 Mustaphas 3. Es folgte der Durchbruch mit den Oysterband-Kollegen in den Neunzigern, und im Jahr 2000 zog es Ray Cooper nach Schweden. „Meine Frau ist Schwedin, und wir haben eine Zeit lang in London gelebt“, erzählt er. „Ich liebe die schwedische Landschaft, die Häuser, den Winter. Ich liebe auch schwedische Volkslieder, ihren Hauch von Melancholie. Jetzt leben wir in einem alten, roten Holzhaus und ich habe ein Studio in einer Blockhütte im Garten. Das wäre in England so nie möglich gewesen.“

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Ray Cooper

Foto: Kerstin Maier

Wie es scheint, färben die schwedischen Traditionen auch auf seine Musik ab. Dies machte sich spätestens auf seinem Zweitling Palace Of Tears 2014 bemerkbar. Doch auch schon das Debüt Tales Of Love, War And Death By Hanging vier Jahre zuvor zeigte, dass Cooper ein Händchen für Melodien hat, die erkennbare Elemente der nordeuropäischen Folktraditionen aufweisen, in denen er zu Hause ist. Der versierte Multiinstrumentalist, sei es an Gitarre, Mandoline, Piano, Harmonium oder natürlich Cello und Bass, weiß sein Publikum mit eingängigen, leicht melancholischen Liedern für sich einzunehmen. Dabei scheinen mitunter auch andere Einflüsse durch wie Rock, Pop oder die Musik von Johnny Cash.

Seine Stimme ist im Vergleich dazu eher unauffällig und hebt sich nicht sonderlich ab aus der Menge der Sängerinnen und Sänger. Sie funktioniert aber hervorragend als Medium zur Vermittlung der Inhalte. Denn wie bei einem Balladensänger des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts liegt die eigentliche Stärke von Coopers Liedern in den Geschichten, die er erzählt. Da wird der Vortrag schon mal zum Sprechgesang, wenn der Chronist zeitrelevante Themen aufgreift – zu deren Verdeutlichung er sich auch der Vergangenheit bedient. „Ich schaue zurück in die Geschichte in der Hoffnung etwas über die Gegenwart zu lernen, die sich wiederholenden Muster zu verstehen“, erläutert er. Inspiration holt er sich dabei „… aus dem Lesen von Onlinenachrichten, Biografien oder Geschichtsbüchern, aus Erfahrungen, Erinnerungen, Träumen, echten oder ausgedachten Gesprächen.“

Ray Cooper

Foto: Kerstin Maier

Auch das neue Album, sein viertes solo, zeichnet diese Qualitäten aus. Sieben der Songs auf Land Of Heroes stammen aus Coopers eigener Feder, drei sind instrumental, bei einem handelt es sich um das kanadische Traditional „Brave Wolfe“ über den Sieg der Engländer gegen die Franzosen in der Schlacht um Québec 1759. Der darin besungene General James Wolfe war ein Held alten Schlages wie auch der, dem das sich auf das finnische Kalewala-Epos beziehende Instrumental „Ilmarinen’s Ride“ gewidmet ist. In den eigenen Songs geht er dann mehr der Frage nach, wer die heutigen Heldinnen und Helden sind. Die sieht er etwa in den Journalistinnen und Whistleblowern, die sich selbst in Gefahr begeben, um Wahrheiten darüber ans Lichten zu bringen, was sich hinter den Kulissen der Macht abspielt („Whistleblower“). Oder in der Krankenschwester, die für den Intensivpatienten den Rettungsanker zum Leben darstellt („Eyes Of Mercy“). Ein verstorbener Freund, der für ihn Konzerte in Ostdeutschland buchte und über dessen gute Werke als Priester er erst im Nachhinein erfuhr, wird für Cooper zum Held in „Circles“. Während „The Beast“ sich explizit damit auseinandersetzt, wie sich vermeintlich vergangene Grauen in der Gegenwart in neuer Gestalt zeigen.

Ray Cooper

Foto: Kerstin Maier

Alle Instrumente auf dem Album spielte Ray Cooper selbst ein, die einzigen anderen Beteiligten waren die englische Singer/Songwriterin Rowan Godel, die einige Harmonien einsang, und Al Scott, der Mix und Mastering besorgte. Die Aufnahmen unter Pandemiebedingungen spielten dem Musiker dabei in die Karten. „Ich hatte Glück. Ich war allein in meinem eigenen Studio, und die Pandemie gab mir viel mehr Zeit als sonst, es fertigzustellen. Rowan und Al haben ihre eigenen Studios in England, also kommunizierten wir nur per Mail und Facetime, verschickten die Tracks über das Internet. Ohne Pandemie wäre das nicht anders gewesen.“ Apropos Corona. Wie hat er die Situation in seiner Wahlheimat in dieser Zeit erlebt. „Schweden war anfangs zu langsam, um die Gefahr zu bannen, viele alte Menschen infizierten sich unnötigerweise. Danach besserte sich der Umgang damit. In Schweden gibt es viel Platz, das Land hat eine geringe Einwohnerzahl und eine andere soziale Kultur als Deutschland. Von daher war die Notwendigkeit, sich anzupassen, geringer.“

Im Oktober kommt Ray Cooper wieder für einige Auftritte nach Deutschland. Schon zwischen den diversen Lockdowns war es ihm gelungen, drei kleine Tourneen hier zu spielen, wobei die Konzerte in der Regel im Freien, in großen Räumlichkeiten oder mit begrenzter Besucherzahl stattfanden. Zuletzt im Mai benötigten Interessierte einen negativen Test oder mussten geimpft sein, es gab aber auch Absagen und Livestreams ohne Publikum. Beschränkungen wird es sicher auch im Oktober weiter geben, aber Cooper ist froh, dass überhaupt etwas möglich ist. Wie er ohnehin gerne nach Deutschland kommt. „Das deutsche Publikum ist sehr belesen. Außerdem scheint man hier Liedermacher zu mögen und ist bereit, sich die Sichtweisen anderer anzuhören. Die Deutschen sind offen für so was, so wünscht man sich ein Publikum.“ Der Bezug geht aber noch darüber hinaus. „Die Oysterband spielt schon sehr lange in Deutschland, das geht zurück bis zu unseren von der FDJ organisierten Touren in der DDR. Auch in den frühen Neunzigern gab es einige wunderbare Tourneen mit der New Model Army und den Pogues. All das bildete die Grundlage für eine treue Fangemeinde, die bis heute besteht. Mithilfe einiger dieser Fans fing ich dann an, mir allmählich eine eigene Basis zu schaffen.“

Ray Cooper

Foto: Kerstin Maier

Bleibt die Frage, ob sein alter Spitzname heute noch eine Rolle in seinem Leben spielt. Manchmal vielleicht, um seine Bekanntheit als Ex-Oysterband-Mitglied zu nutzen? Sicherlich auch, wie auf seinem Facebook-Profil, um sich von den anderen Ray Coopers dieser Welt abzugrenzen. Einige alte Freunde nennen ihn noch „Chopper“, wie er gesteht. „Ich bekam den Spitznamen vor Ewigkeiten, als ich mit den Amazorblades spielte. Wenn die anderen in den Pub gingen, übte ich im Holzschuppen Cello und sagte: ‚I’m going to get my chops.‘“ Entscheidend ist aber wohl, dass Cooper diesen alten Jazzausdruck fürs Üben auch in der Folge offenbar beherzigt hat. Wie sonst könnte er heute die Früchte seiner eindringlichen und abwechslungsreichen Musik in dem Maße ernten, wie er es tut.

Aufmacherfoto:

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