Ethno-Minimalismus ist das neue Cool

Asnate Rancāne und Stanislav Yudin

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20. Juni 2023

Lesezeit: 4 Minute(n)

Da haben sich zwei gefunden! Stanislav Yudin lässt sich von jazzigen und experimentellen Sounds inspirieren, Asnate Rancāne dagegen vom reichen Folkmusikerbe der Baltenrepublik Lettland. Die beiden Vollblutmusiker ergänzen sich auf ihrem Debütalbum Op.2 bestens. Yudin steuert seine eigenen Kompositionen bei, Rancāne punktet mit ihren profunden Kenntnissen der Folktradition ihrer Heimat. Auf diese Weise erschaffen die beiden Künstler ihren ganz eigenen Musikstil und entdecken gemeinsam die ungeheure Kraft, die in der lettischen Volksmusik steckt. In der heimischen Presse wird der eigenwillige Stilmix des Duos als „Ethno-Minimalismus“ und als „Post Folk“ gelobt. Das Album wurde in Lettland bereits für mehrere Preise nominiert.
Eva-Maria Vochazer

Stanislav Yudin ist in Lettland vor allem als Jazzbassist bekannt. Zuletzt hat er sich verstärkt auch an eigene Kompositionen gewagt. Die Multiinstrumentalistin Asnate Rancāne kennt man in Riga als führenden Kopf der stimmgewaltigen lettischen Frauenvokalgruppe Tautumeitas und auch als Mitglied des Familienensembles Lata Donga (beide Formationen wurden bereits in Folk Galore Nr. 1/2020 vorgestellt.) Tautumeitas und Lata Donga sind in ihrer Heimat bereits mehrfach mit Newcomerpreisen ausgezeichnet worden.

Das Debütalbum der beiden Künstler bezieht seine Inspiration auch aus den traditionellen lettischen Dainas. Experten sprechen davon, dass die Daina, ein rhythmischer Vierzeiler, die Grundlage der lettischen Kultur bildet. Die Dainas werden bei festlichen Ereignissen wie Taufen oder Trauungen ebenso gesungen wie bei der alltäglichen Arbeit.

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Für die beiden Musiker war die Zusammenarbeit „wie ein neuer Teil unseres Lebens, wie ein neues Opus“, sagt Stanislav Yudin. Deshalb haben sich die Künstler für den gewählten Albumtitel entschieden. Die Idee hinter dem gemeinsamen Projekt war es, die beiden unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen zusammenzuführen. „Der daraus resultierende Klang ist eine Verbindung aus meinen Improvisationen und Kompositionen und Asnates Fachkenntnissen im Hinblick auf die traditionelle Musik. Unser Repertoire besteht sowohl aus Neukompositionen mit Texten aus der Volksmusik als auch aus neuen Arrangements traditioneller Melodien“, erläutert Yudin.

Als Duo gelingt es Rancāne und Yudin, durch das gemeinsame Experimentieren ihren ganz eigenen Klang und Stil zu erschaffen. Die acht Tracks auf Op.2 basieren auf Volksliedern aus der lettischen, russischen, ukrainischen und bulgarischen Tradition, die zu den persönlichen Lieblingsliedern der beiden gehören. Durch die eigenwillige Interpretation von Klassikern wie „Ganu Dziesma – The Shepherd Song“ entsteht dabei etwas völlig Neues und Ungewöhnliches. Stanislav Yudin steuert zudem die eigene Komposition „Cik Dziļa Jūra – How Deep Is The Sea“ bei. Die Aufnahmen leben insgesamt vor allem auch von der kraftvollen und wandlungsfähigen Stimme Asnate Rancānes.

„Ich kann mich glücklich schätzen, dass in meiner Familie eine sehr starke lettische Volksmusiktradition besteht. Ich bin mit Volksliedern aufgewachsen, die meine Eltern gesungen haben. Vielleicht ist das der Grund, warum in meiner Arbeit das Volkslied an erster Stelle steht und unsere Improvisationen daraus abgeleitet sind. Volkslieder können auf hundert völlig verschiedene Arten interpretiert werden“, sagt die Sängerin zum Entstehungshintergrund des Albums.

Das Duo überzeugt auf seinem Erstling vor allem damit, experimentelle Sounds und kundige Improvisationen mit traditionellen Folkklängen aus Lettland zusammenzubringen. Dabei stellt sich nicht nur für Puristen die Frage: Sollte man für alle Arten von Interpretationen offen sein, oder sollte man sich den historisch gewachsenen Klängen mit einer gewissen Verantwortung nähern? Stanislav Yudin plädiert für einen offenen Ansatz. Und bricht eine Lanze für Musik, die sich natürlich anfühlt und aus dem Herzen kommt.

„Als Kontrabassist habe ich als Begleitmusiker sehr viel unterschiedliche Musik in verschiedenen Genres gespielt. Vor allem Jazz. Als ich diese Musik spielte, hatte ich das Gefühl, dass ich etwas falsch mache. Später hatte ich einen wundervollen Lehrer in den USA. Mir wurde klar, dass er sich in dieser Musik ganz natürlich bewegt. Und ich dachte: Ja klar, er ist Amerikaner, und Jazz ist amerikanische Musik. Jazz war für ihn wie seine Folklore. Mein zweiter Lehrer kam aus Estland, und er improvisierte mit Leidenschaft. Es war wunderbar. Ich versuchte, möglichst viel von ihm zu lernen. Ich habe in den vergangenen Jahren viel darüber nachgedacht, dass ich Musik spielen möchte, die für mich natürlich ist. Musik, die aus meinem Herzen kommt. Und dann lernte ich im Rahmen eines Musikprojekts Asnate kennen. Als ich sie singen hörte, wurde mir vieles klarer: Sie sang Folkmusik aus Lettland. In diesem Moment erkannte ich, dass meine Inspiration aus meinem Land kommen muss. Das ist für uns alle natürlich. Ich schlug Asnate vor, gemeinsam Musik zu machen. Das Ergebnis gefiel uns so gut, dass wir beschlossen, ein ganzes Album aufzunehmen“, blickt Yudin zurück.

Für den Kontrabassisten hat sich in der Zusammenarbeit mit Asnate Rancāne sein Selbstverständnis als Künstler grundlegend verändert. „Als wir uns kennenlernten, erkannte ich: Wir leben in Lettland, wir leben in diesem Land. Das ist der Ursprung unserer Mentalität und unserer Musik. Als ich zum ersten Mal ein Tautumeitas-Konzert hörte, wurde mir klar, welche ungeheure Kraft in der lettischen Volksmusik steckt. Und dass wir als kleines Land nicht bloß sklavisch die international anerkannten Künstler aus dem Ausland kopieren müssen. Wenn man interessant sein will, muss man einzigartig sein. Wir haben unsere Nische gefunden, sehen neue Möglichkeiten und können all das tun“, zieht Stanislav Yudin Bilanz.

In Lettland lobten Kritiker vor allem den „coolen Ethno-Minimalismus“ von Op.2. Yudin verweist in Interviews gerne darauf, dass ihn der Minimalismus generell sehr inspiriert hat, insbesondere das Werk des lettischen Komponisten Arvo Pärt. „Ich glaube, dass sein Einfluss auf dem Album zu hören ist, ebenso wie der von Steve Reich und Philip Glass“, erläutert er. Gleichwohl: Eines der Lieblingslieder Yudins auf dem Album ist das traditionelle bulgarische Lied „Yana Tupchin P’Gapa“.

Aufmacherfoto:

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