Beim folker beginnt im Anschluss an das Rudolstadt-Festival oft die Sommerurlaubszeit der Redaktion, weshalb wir immer etwas länger brauchen, um die vielfachen Eindrücke einer Ausgabe zu verarbeiten. Das tun wir dann aber in der Regel ausführlich in diversen Etappen – mit einer allgemeinen Rückschau (wie dieser), diversen Fotogalerien (ein kleiner Vorgeschmack garniert diesen Beitrag, die Best-of-Auswahl unserer Fotografen ist in Vorbereitung), dem ein oder anderen nachbereitenden Artikel. Den Anfang machte dieses Mal der Rückblick auf Dieter Beckerts Songposium, das sich anlässlich des diesjährigen Österreich-Schwerpunkts des Festivals auf vielfältige Weise mit einem wohlbekannten Wiener Gassenhauer auseinandersetzte. Was traditionell folker-Autor Reinhard „Pfeffi“ Ständer für uns festgehalten hat, siehe hier.
Apropos Österreich: Die eingeladenen Festivalacts wussten alle zu überzeugen – insbesondere 5/8er in Ehr’n, die Tanzhausgeiger und der Nino aus Wien dürften bei ihren erstmaligen Thüringer Gastspielen neue Freund:innen ihrer Kunst gewonnen haben. Letzterer womöglich auch im Interview mit unserem Endredakteur Stefan Backes auf der folker-Bühne bei „Ungeschminkt – Mike Kamp trifft …“ zum Abschluss am Festivalsonntag (immerhin in Konkurrenz zur parallel stattfindenden Ruth-Verleihung an Dota Kehr auf der großen Bühne im Heinepark). Aber auch die anderen zeigten die musikalische Vielfalt des Alpenstaates, etwa der Grammy-nominierte Percussionist und Handpan-Spieler Manu Delago, für dessen Konzert mit den Thüringer Symphonikern allein rund 8.500 Menschen in den Heinepark strömten. Das Fazit von Programmdirektor Bernhard Hanneken zum Länderschwerpunkt: „Auftritte des international renommierten Künstlers Simon Mayer im Bereich Tanz stachen ebenso heraus wie das burgenlandkroatische Vokalensemble BasBariTenori oder der Indie-Pop-Musiker RIAN. Auch ein sehr substanzielles Symposium bereicherte den Fokus Österreich, das gemeinsam mit der Hochschule für Musik Weimar veranstaltet wurde und zu dem ein Tagungsband geplant ist.“
Für Festivaldirektorin Petra Rottschalk hatte es gerade an diesem Wochenende eine besondere Bedeutung, dass wieder künstlerische Beteiligte aus allen Kontinenten an die Saale kamen. „In Rudolstadt war das Gegenstück dessen zu erleben, was vom AfD-Parteitag in Erfurt ausging. Hier zeigten sich Thüringens Offenheit und Gastfreundschaft, der entschlossene Wille zu Verständigung und Menschlichkeit.“ In diesem Sinne wirke das Rudolstadt-Festival in die gesamte Region hinein und weit darüber hinaus. „Die einzigartige Atmosphäre und Strahlkraft verdanken wir vor allem auch dem engagierten Miteinander unserer zahlreichen Teams hinter den Kulissen und deren spürbarer Leidenschaft für dieses Festival“, betont Simone Dake, neben Rottschalk ebenfalls als Festivaldirektorin verantwortlich für die viertägige Veranstaltung.
Auch wenn so manchen die Reihen in den Straßen und an den Bühnen etwas weniger dicht gedrängt erschienen als in den Vorjahren, fanden laut Veranstalter wieder fast 90.000 Besucherinnen und Besucher den Weg zur inzwischen 34. Ausgabe von Deutschlands größtem Festival für Roots, Folk und Weltmusik. Beteiligte aus rund 40 Ländern boten bei mehr als 330 Auftritten ein abwechslungsreiches Programm, bei dem für alle etwas dabei gewesen sein sollte. Highlights waren unter anderem der groovige und kultverdächtige Rootsreggae von The Congos & Culture aus Jamaika, der furchtlos-frohe Countrypunk der US-amerikanischen Vandoliers, die anatolischen Seelenlieder von Derya Yıldırım und Grup Şimşek, die spirituellen Khayal-Gesänge von Muslim Shaggan aus Pakistan, der kontemplativ-polyfone sardische Männergesang der Tenores di Orosei, der mutig-archaische keltische Folk der Musikerin und Aktivistin Clare Sands aus Irland oder die hypnotischen Klänge des Duo Ruut aus Estland (letztere beiden Acts auch zu Gast auf der „Ungeschminkt“-folker-Bühne).
Gut kompensieren konnte das Festivalteam bei all dem den Wegfall zweier Hauptspielstätten auf der in Renovierung befindlichen Heidecksburg (Innenhof und Burgterrasse). Was einerseits dazu führte, dass sich mehr vom Geschehen als sonst in den Heinepark verlagerte, wo fast alle größeren Konzerte stattfanden, zum anderen aber auch neue Spielorte wie die Lutherkirche oder der Innenhof der Ankerstein-Manufaktur hinzugewonnen werden konnten. Kurzfristig abgesagt hatten übrigens die Soft-Hip-Hopper von Blumengarten (ohnehin musikalisch sehr am Rande des üblichen Rudolstadt-Spektrums) – offenbar wegen zu großen Erfolges ihres Songs „Gut genug“, der ihnen die Möglichkeit bescherte, zur selben Zeit einen Termin in den USA wahrzunehmen. Sie haben aber versprochen, dann im nächsten Jahr zu kommen. Für sie eingesprungen sind beim Eröffnungskonzert am Donnerstag die Berliner Brass-Funk-Rap-Band Make A Move, die auch schon Shows mit Dota oder Bodo Wartke gespielt hat.
Erfolgreich verliefen wieder die beiden vom folker kuratierten Workshops – die anschauliche und motivierende Einführung des Ensembles How to Folk (am Festival auch als Straßenmusik unterwegs) in die Welt der Folksession insbesondere für Einsteiger:innen sowie das ins Sparring mit den Teilnehmenden gehende „Ringen mit der Tradition“ Peggy Lucks, was ermutigende Perspektiven für nicht vorteilhaft gealterte Volkslieder mit sich brachte. Das folker-Workshop-Konzept soll in den kommenden Jahren auf jeden Fall fortgesetzt werden. Und dass das vom folker präsentierte Jugendfolkorchester in seiner dritten Inkarnation sowohl auf dem Marktplatz als auch im Heinepark zu begeistern wusste und somit auch dort einer Fortsetzung im kommenden Jahr nichts im Wege stehen dürfte, muss fast schon nicht mehr eigens gesagt werden. Wie einer der (jungen) Teilnehmer das Rudolstadt-Festival (auch) in seiner historischen Perspektive betrachtet, wird ebenfalls demnächst hier auf folker.world nachzulesen sein.
Im kommenden Jahr wird es dann wieder einen außereuropäischen Länderschwerpunkt geben. Er widmet sich Korea und soll in einem kontrastreichen Line-up die vielseitige Musik des ostasiatischen Landes abbilden. Darüber hinaus setzt das Festival seine Zusammenarbeit mit der European Broadcasting Union (EBU) auch 2027 fort. Im Rahmen dieser Partnerschaft werden dann schon zum siebenten Mal rund ein Dutzend Gruppen nach Rudolstadt kommen (in diesem Jahr waren dies unter anderem Eabhal aus Schottland, Dis Is Marketa aus der Slowakei, Päivi Hirvonen aus Finnland und Wowakin aus Polen). Hierbei beteiligen sich etwa die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten MDR, BR und ORF. Im nächsten Jahr findet das Rudolstadt-Festival vom 1. bis 4. Juli statt. www.rudolstadt-festival.de
Wir wünschen Euch einen schönen Sommer. Eure folker-Redaktion.
P.S. Auf vielfachen Wunsch sind käuflich erwerbbare folker-T-Shirts „Herz und Horizont“ in Planung.








0 Kommentare