An Erminig

Die deutschen Bretonen

22. Februar 2025

Lesezeit: 4 Minute(n)

Es begann in den Siebzigerjahren mit einem Urlaub in der Bretagne und ist heute immer noch nicht zu Ende. Die deutsche Band An Erminig feiert ihren fünfzigsten Geburtstag. Sie ist seit Langem eine der anerkanntesten bretonischen Bands außerhalb der Bretagne.

Text: Christian Rath

Kaum eine Band ist stabiler als An Erminig. Barbara Gerdes und die Brüder Hans Martin und Andreas Derow haben das Trio gegründet und sind heute noch dabei. Aufgewachsen sind die drei in Bonn. Hans Martin und Barbara gingen in eine Klasse und waren damals ein Paar. Andreas war eine Klasse darunter. 1975 fuhren die Brüder mit ihren Eltern in den Urlaub in die Bretagne, nach Quiberon, und kehrten mit einer Begeisterung für Alan Stivell zurück, der gerade mit seinem Album A L’Olympia in Frankreich zum Superstar geworden war. Eigentlich spielten Hans Martin und Andreas Derow Gitarre und Geige in der lokal aktiven Rockband Just for fun, doch dann gründeten sie mit Barbara Gerdes, damals noch an der Gitarre, eine Folkband mit dem schwer zu schreibenden bretonischen Namen Ar C’horriganed („Die Kobolde“).

An Erminig Ende der Achtziger

Foto: Archiv An Erminig

„Wir waren damals jung, enthusiastisch, aber ahnungslos“, erinnert sich Hans Martin Derow, „doch wir wollten uns die bretonische Kultur erschließen.“ In den folgenden Jahren reisten sie regelmäßig zu Workshops in die Bretagne, wo sie von jungen bretonischen Musikern und Musikerinnen lernten. Viele von ihnen wurden später zu Szenestars und auch zu persönlichen Freunden: die Gitarristen Soïg Sibéril und Gilles Le Bigot, der Bassist Alain Genty, der Flötist Jean-Michel Veillon und allen voran der Sänger Yann-Fañch Kemener. Auch die typischen bretonischen Tänze eigneten sie sich an. „Man kann nicht authentisch bretonisch spielen, wenn man nicht tanzen kann“, so Hans Martin Derow. Bald zeigten sie ihrem Publikum in Deutschland, wie man An Dro und Plinn tanzt.

Im Lauf der Jahre entwickelten An Erminig auch ihren Stil: leicht erhaben, von getragener Eleganz, vielfältig in der Instrumentierung. Barbara Gerdes spielt neben Harfe auch Bombarde und Flöte, Andreas Derow bringt Geige, Akkordeon, Dudelsack und Drehleier ein, Hans Martin Derow steuert Gitarre, Bouzouki und Akkordeon bei. Andreas Derow ist auch der Sänger der Band. Dafür hat er sogar bretonisch gelernt. Mit Yann-Fañch Kemener feilte er immer wieder an seiner Aussprache. Wenn den dreien attestiert wird, dass An Erminig „authentische“ bretonische Musik machen, sind sie glücklich.

An Erminig in den Nullerjahren

Foto: Archiv An Erminig

Der erste Tonträger von An Erminig im Jahr 1982 hieß Breizh („Bretagne“), enthielt aber auch noch traditionelle irische und schottische Stücke. Die ersten Eigenkompositionen gab es auf dem Album Trouz 1989 zu hören. Für das dritte Album Tennadeg stießen 1998 Thomas Doll am Bass und der Percussionist Amby Schillo zur Band. Seitdem spielen sie live als Trio oder als Quintett. An Erminig waren nie eine reine Tanzband, doch seit Tennadeg bezeichnen sie ihre Konzerte als „Programme“, bei denen auch erzählt wird. Im Programm „Tennadeg“ ging es um die Kartoffelernte auf dem Land und die bretonische Fähigkeit, Arbeiten und Feiern zu verbinden. „Gourlen“ (Programm ab 2004, Album 2009) beschäftigte sich mit dem Leben am Meer, „Pomadeg“ (Programm ab 2017, Album Ende 2019) mit der Musik fahrender Sänger. Dazwischen gab es 2007 noch das Programm „Jakez“ zum Jakobsweg, das aber nicht als Album umgesetzt wurde, weil es zu viele Wortbeiträge enthielt.

Mit der Zeit bildete sich eine feste Arbeitsteilung in der Band heraus. Barbara Gerdes bereitet die Programme vor. Gemeinsam mit Andreas Derow sucht sie die Stücke aus. Andreas Derow macht auch die Arrangements. Hans Martin Derow ist der Manager der Band, inklusive Booking und Öffentlichkeitsarbeit. Die drei steckten zwar viel Zeit in das Projekt, blieben aber semiprofessionell, waren also weiter in ihren Berufen tätig – Barbara Gerdes als Gymnasiallehrerin für Französisch, Deutsch und Spanisch, Hans Martin und Andreas Derow arbeiteten beim Saarbrücker Zentrum Bildung und Beruf, wo Hans Martin Abteilungsleiter für berufliche Bildung war und Andreas Langzeitarbeitslose qualifizierte und mit ihnen den Saarbrücker Wildpark gestaltete. Seit 2013 leitet Hans Martin Derow auch das Saarbrücker Kulturzentrum Breite63. Inzwischen haben alle drei das Rentenalter erreicht. Aus der Schülerband ist eine Rentnerband geworden.

Privat gab es zeitweise Turbulenzen in der Band, die aber nie das Projekt gefährdeten. So ist Barbara Gerdes schon seit Jahrzehnten nicht mehr mit Hans Martin Derow zusammen, sondern mit seinem Bruder Andreas, den sie auch heiratete. Vor zehn Jahren erkrankte Gerdes an Krebs, den sie jedoch überstand.

An Erminig Quintett

Foto: Thomas-Reinhardt

Seit den Neunzigern haben Barbara Gerdes und Andreas Derow ein Haus in der Bretagne, einige Jahre später folgte Hans Martin Derow mit seiner Frau. Beide Paare wohnen in der Gemeinde Caden im Department Morbihan, aber in zwei unterschiedlichen Weilern. Von dort aus können sie ihre Kontakte in die bretonische Szene noch besser pflegen. So wurde das jüngste Album Plomadeg im Marzelle-Studio von Tri Yann abgemischt. Immer wieder holen sie auch bretonische Musikerinnen und Musikern nach Deutschland. Höhepunkte waren gemeinsame Konzerte von An Erminig mit Alan Stivell und Dan Ar Braz (2013) sowie mit Tri Yann (2015). An Erminig spielen aber so gut wie nie in der Bretagne. Ihr Lebensmittelpunkt ist immer noch die Region Saarland/Lothringen, wo auch ihre Kinder und Enkel leben. Auch ihr Publikum lebt vor allem in Deutschland. Die Fünfzig-Jahre-Jubiläumstour führt von Amorbach in Bayern bis Brunsbüttel in Niedersachsen. Glanzpunkt ist ein Konzert am 15. März in Neunkirchen gemeinsam mit den bretonischen Helden von Barzaz.

www.an-erminig.de

Videolink: Bildfilm zum „Plomadeg“-Programm: www.youtube.com/watch?v=lwLFQyRBScw

An Erminig Trio

Foto: Promo

Diskografie:

Plomadeg (Leico Music, 2019)

Gourlen (Leico Records, 2009)

Tennadeg (Leico Records, 1998)

Trouz (Leico Records, 1989)

Breizh (Espe Musik, 1983)

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