Mónika Lakatos ist die bekannteste ungarische Sängerin der Oláh-Roma, die in ihrer Karriere mehrfach mit Preisen geehrt wurde, beispielweise 2020 mit dem renommierten Artist Award der WOMEX. Sie wurde in Budapest geboren und gewann bereits 1996 als erste Romamusikerin den Nachwuchspreis einer bekannten ungarischen Talentshow. Seitdem ist sie in verschiedenen Formationen tätig, bei denen immer auch ihr Ehemann Mihály „Mazsi“ Rostás mit seiner Gitarre dabei ist: als Duo Romanimo, im Quintettformat als Romengo, als Septett unter dem Namen Lakatos Mónika és a Cigány Hangok und ganz aktuell als Mónika Lakatos FolkTrió.
Text: Willi Klopottek
Das Faszinierende an Mónika Lakatos ist ihre unverwechselbar erdige Stimme, die auch im ruhigen, balladesken Stil überzeugt. Eine bedeutende Form des ungarischen Romagesangs ist der Hallgató, der oft zum Einsatz kommt, um traurige Themen zu bearbeiten. Lakatos sagt dazu auf ihrer Website: „Die Hallgató-Lieder spielen eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben. In ihnen erkenne ich mich selbst wieder, sowohl als Mensch als auch als Roma.“ Aber auch den kraftvollen, fordernden Vortrag beherrscht sie perfekt. Dabei ist sie eine eher kleine Frau mit zierlicher Statur, der man auf den ersten Blick solch energischen Gesang gar nicht zutraut.
Die Musik der Sinti:zze und Rom:nja ist, wenn man sich die musikalische Landkarte Europas anschaut, in den unterschiedlichen Regionen verblüffend vielfältig und verschieden. Erinnert sei an Romablasmusik aus Rumänien und Mazedonien, an den besonderen Gitarrenjazz Django Reinhardts, der auch deutsche Sinti wie Schnuckenack Reinhardt beeinflusste und den von spanischen Gitanos geschaffenen Flamenco. In Ungarn – und auch in der Slowakei – klingt Romamusik anders und ist nicht zuletzt deshalb auch in Deutschland so bekannt, weil sie in zahlreichen Operetten verarbeitet wurde – allerdings reichlich klischeehaft zwischen Romantisierung und sogar bis zum Kitsch.
Meist bezog sich das auf die Stile der größten ungarischen Romagruppe Romungrók. Neben Violinen spielt dort das Hackbrett Zymbal eine prägende Rolle. Bei den Oláh-Roma, denen Lakatos angehört, finden ursprünglich keine Akkord- oder Melodieinstrumente Verwendung, sondern lediglich ungewöhnliche Schlaginstrumente wie metallene Milchkannen und hölzerne Futtertröge, was den Vortrag deutlich kantiger und perkussiver wirken lässt. Die Oláh, die einen eigenen Romani-Dialekt – Lovari – sprechen, machen lediglich rund zwanzig Prozent der ungarischen Romabevölkerung aus und sind im Unterschied zur Romamehrheit, die schon seit Jahrhunderten in Ungarn lebt, erst ab dem 19. Jahrhundert eingewandert – je nach Quelle aus Rumänien oder Tschechien.
„In den Hallgató-Liedern erkenne ich mich selbst wieder, sowohl als Mensch als auch als Roma.“
Lakatos’ Vorfahren allerdings kamen vor rund hundert Jahren aus der heutigen Slowakei. Das Singen lernte sie von ihrem Vater und von Tanten. Nachdem sie unerwartet 1996 bei der ungarischen Talentshow Ki Mit Tud? („Wer kann was?“) einen Preis gewonnen hatte, bekam sie ein Kind und ließ ihre Gesangskarriere ruhen. Erst 2004 knüpfte sie an den ersten Erfolg an. Dieses Jahr ist die Geburtsstunde der Gruppe Romengo, eines fünfköpfigen Ensembles mit Mónika Lakatos am Mikrofon, der Gitarre ihres Mannes Mazsi Rostás, den beiden Oláh-Percussionisten Guszti János Lakatos und Tibor Balogh an Milchkanne und Futtertrog sowie dem ungarischen, aber Nicht-Roma-Violinisten Mihály Rosonczy-Kovács. Das Repertoire dieser ihrer Stammformation, die bisher drei Alben veröffentlicht hat, ist stark geprägt von der Musik der Oláh-Community in der Stadt Nagyecsed im Osten Ungarns. Es ist der Geburtsort ihres Ehemannes und ein Zentrum der Oláh-Musik. Dort leben rund fünfzig Prozent Oláh-Roma und fünfzig Prozent Nicht-Roma, eine Verteilung, durch die sich ein ganz spezifischer Sound entwickelt hat – bedeutende Oláh-Gruppen wie Kalyi Jag und Ando Drom stammen von dort. Das Markenzeichen von Romengo sind starke, oft treibende Rhythmen mit der kraftvollen Stimme Mónika Lakatos’ im Zentrum.
2017 veröffentlicht die Sängerin das Album Romanimo, auf dem sie nur von der Gitarre und dem gelegentlichen Stimmeinsatz ihres Mannes begleitet wird. Darauf finden sich ausschließlich getragene Hallgató-Balladen, die sie überwiegend von ihren Eltern und Großeltern gelernt hat. Ein ganz berührender Höhepunkt ist die „Auschwitzi Ballada“ in der Lakatos den Völkermord an Sinti:zze und Rom:nja in den Konzentrationslagern auf eindringliche Weise beklagt. 2020 erschien das Album Hangszin unter dem Bandnamen Lakatos Mónika és a Cigány Hangok („Mónika Lakatos and the Gypsy Voices“). Die siebenköpfige Band demonstriert Oláh-Musik in reinster Form, wie sie in den Communities noch heute praktiziert wird, seien es die balladesken Hallgatók oder die beschwingten Pergetö-Lieder. Die Begleitung ist hier auf Rostás’ Gitarre und die bereits erwähnten rudimentären Schlaginstrumente reduziert. Im Vordergrund steht – natürlich – fast immer Lakatos’ herausragende Stimme, hier verstärkt durch den Chorgesang von Ildikó „Kriszti“ Balogh, Andrea Balogh und Dzsenifer Rostás, Letztere die Tochter von Lakatos und Mazsi. Wer dem Kern der Oláh-Musik möglichst nah kommen will, ist mit diesem Album wohl bestens bedient.
Die neueste Entwicklung besteht darin, dass Lakatos die Kooperation mit anderen Bands sucht. Als Mónika Lakatos FolkTrió, in dem neben ihrem Ehemann auch der Percussionist von Cigány Hangok, Antal Máté Kovács, zu hören ist, haben sie sich mit der serbischen Band Naked zusammengetan. Dieses Quartett mit Bass, Drums, Violine und Saxofon verbindet seit 2006 Musik vom Balkan, aus dem Mittelmeerraum und Osteuropa mit Funk oder auch Free-Jazz-Improvisationen. Sowohl auf der Bühne als auch auf dem frisch erschienenen gemeinsamen Album Neked ist die Musik weniger puristisch, aber dem Kern der Oláh-Musik, den Lakatos mit ihrer Stimme verkörpert, tut es durchaus gut, wenn kompetente Musikschaffende auf modernen Instrumenten zusätzlich Farbe ins Spiel bringen.
Kurz und gut: Definitiv ein besonderes Erlebnis ist es, Mónika Lakatos live zu erleben. Zudem sind alle sechs bisher erschienenen Alben wärmstens zu empfehlen. Nur aufgepasst: Physisch sind sie hierzulande leider nicht leicht zu bekommen, zum Teil aber wenigstens als Download.
Aufmacher:
Aktuelles Album:
Naked & Mónika Lakatos FolkTrió, Neked (Adriatica Records, 2026)











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