Weisen Musikschaffende bestimmte Charaktereigenschaften auf? Was unterscheidet einen Instrumentalisten von einem Sänger? Wie funktioniert eine Bandstruktur? Wer Musik hautnah verfolgt, ahnt, dass die Psychologie unter Künstlern und Künstlerinnen eine große Rolle spielt. Aber wie genau, das hat der folker im Gespräch mit Claudia Bullerjahn, Professorin für Systematische Musikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart an der Justus-Liebig-Universität Gießen, näher beleuchtet.
Interview: Erik Prochnow
Frau Bullerjahn, sind Musikschaffende andere Menschen als Nichtmusikschaffende?
Die Forschung in der Systematischen Musikwissenschaft zeigt in der Tat, dass es auffallende Unterschiede in der Persönlichkeit von Musiker und Nichtmusikern jeglichen Geschlechts gibt. Häufig benutzt wird das sogenannte Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit, auch Big Five genannt. Danach lässt sich jeder Mensch anhand von fünf Kriterien beschreiben. Diese fünf Faktoren sind Offenheit für neue Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extrovertiertheit, das mit Geselligkeit und Betätigungsdrang einhergeht, Verträglichkeit, die Hilfsbereitschaft und Gutherzigkeit beinhaltet, sowie emotionale Labilität, die Ängstlichkeit und Reizbarkeit umfasst. Musiker zeigen dabei andere Ausprägungen als die übrigen Menschen.
Was zeichnet Musikerinnen und Musiker genau aus?
Im Vergleich zu Nichtkünstlern sind sie vor allem viel offener für neue Erfahrungen, allerdings sind sie zugleich etwas weniger gewissenhaft und weniger verträglich sowie deutlich emotional labiler. In ihrem musikalischen Selbstkonzept ist zudem ein Stolz auf musikalisches Können sowie Ehrgeiz stark ausgeprägt, wobei zumeist der Wunsch besteht, dies noch zu steigern. Außerdem erleben sie Musik sehr emotional. Untereinander allerdings gibt es keine bedeutsamen Unterschiede. Eine Bratschistin ist in ihren grundlegenden Persönlichkeitsmerkmalen nicht entscheidend anders als etwa ein Bassist in einer Rockband. Die Musizierenden selber untereinander sehen das jedoch oft nicht so. Da gibt es viele Vorurteile über einander, in Bands genauso wie in größeren Ensembles oder Orchestern. Doch in empirischen Studien konnten Wissenschaftler:innen bislang zumeist keine statistisch bedeutsamen Unterschiede messen. Es ist ein Klischee, dass sich Musizierende je nach gespieltem Instrument oder Musikgenre in ihrer Persönlichkeit wesentlich unterscheiden.
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