Ben Caplan

Eine Stimme so groß wie sein Bart Quasimodo, Berlin, 7.10.2022

25. November 2022

Lesezeit: 2 Minute(n)

Er ist eine stimmliche Urgewalt. Er knödelt, zerkaut die Worte, findet immer wieder andere Stimmfarben. Manchmal scheint die Lautmalerei wichtiger als der Sinn der Worte zu sein. Eine kanadische Zeitung schrieb einmal: „A voice as big as his beard“, was zutrifft, wenn man den Schlacks mit Riesenbart und langen, zauseligen Haaren erstmals sieht und hört.
Text: Piet Pollack

Im kleinen Berliner Club Quasimodo hören circa siebzig Fans, die viele seiner Songs kennen, das Solokonzert des kanadischen Songwriters. Caplan erscheint im weißen Anzug und erweist sich als großartiger Entertainer. Nach zwei bis drei Liedern wechselt er jeweils vom Keyboard zur Westerngitarre und umgekehrt. Bei der „uralten“ Stimme mag man nicht glauben, dass der Musiker erst Mitte dreißig ist. Geboren in Ontario als Sohn zweier Immobilienmakler, lebt er heute in Halifax, Nova Scotia. Schon mit dreizehn zog es ihn zur Musik, schrieb er erste Songs. 2011 erschien sein Debüt. Mit den Alben Birds With Broken Wings aus dem Jahr 2015 und Old Stock von 2018 wurde er weltweit bekannt, in Deutschland aber ist er trotz häufiger Konzerte immer noch eine recht unbekannte Größe.

Vieles an diesem Abend stammt vom 2021er-Werk Recollection, auf dem er seine besten Songs als Coronaprojekt anders und viel sparsamer arrangiert hat. Wobei die Liveversionen von Stücken wie „Down To The River“, „Night Like Tonight“ oder „Belly Of The Worm“ ausufernder sind als die Albumfassungen. Zwischen den Liedern gibt er lange, humorvolle Talking-Blues-Storys zum Besten, launige Erzählungen, untermalt von Keyboardflächen. Zum Beispiel die Geschichte der Ankunft seiner jüdischen Großeltern in Amerika.

Stimmlich meint man immer wieder Anklänge an Leonard Cohen oder Nick Cave zu vernehmen, trotzdem ist Ben Caplan unverkennbar Ben Caplan. Es finden sich auch Klezmersounds, die an seine jüdische Herkunft erinnern. Manchmal klingt das Keyboard gar wie Zirkusmusik oder Barjazz. Assoziationen eines Tom Waits als einsamer Barsänger in einer rauchigen dunklen Eckkneipe sind ebenso unweigerlich da, wenn man Ben Caplans tiefe, voluminöse Stimme hört – zum Beispiel bei „Lullaby“. „There’s a bottle in my bed, it helps me to reach the switch in my head“, singt er mit Whiskeystimme in „Under Control“. Mit einer schönen, sehr langsamen Pianoversion von Louis Armstrongs „What A Wonderful World“ beendet er das Konzert.

Zugaben gibt es dann noch zwei: „Lovers’ Waltz“, ein A.-A.-Bondy-Cover, und „40 Days & 40 Nights“, welches durch seinen immer wiederkehrenden Refrain, wie der Sänger seine Frau vermisst, vom Publikum dankbar mitgesungen wird. Da auch die Technik exzellent ist, entlässt Caplan seine Zuhörerinnen und Zuhörer nach furiosen neunzig Minuten recht sprachlos ob der erlebten Stimmgewalt, die fasziniert hat und begeistert. Sehr unkonventionelle Musik.

www.bencaplan.ca

Foto: Céline Pinget

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