Die letzte Großveranstaltung

Vierzig Jahre Gerhard Polt & Well-Brüder / Tollwood, Musik-Arena, Olympiapark Süd, München, 14.7.2026

18. September 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Gleich dreimal traten die Well-Brüder Karl, Michael und Stofferl (natürlich die „aus’m Biermoos“) innerhalb von einem Monat in München auf. Dabei muss es nicht immer eine Großveranstaltung sein – ganz im Gegenteil: Nach weit über fünfzig Jahren auf der Bühne, seinerzeit unter anderem noch als Biermösl Blosn mit Bruder Hans, wollte man sich auf dem Tollwood 2026 mit einem letzten und schließlich allerletzten Auftritt, dann noch gemeinsam mit Gerhard Polt, von Großveranstaltungen verabschieden. Wir werden sehen: Bereits mehrere andere große Namen der Musikbranche setzten zu wiederholten sogenannten „Abschiedstourneen“ an.
Text und Fotos: Matti Goldschmidt

Zur Eröffnung der Stadtteilwoche am Donnerstag, dem 11. Juni 2026, in Sendling-Obersendling auf dem Festplatz in der Grünanlage Neuhofener Park an der Plinganserstraße (Höhe Zechstraße) kamen geschätzt 800 bis 900 Zuschauer, und – man höre und staune – der Eintritt war frei. Mitunter notwenige Änderungen im vorgesehenen Programm sind vor allem dann schnell möglich, wenn man wie im Falle Well recht kurzfristig auf ein paar Geschwister und somit offene Reserven zurückgreifen kann, was genau an diesem Tag notwendig wurde: Michael (* 1958) musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen, und flugs wurden – notabene weniger als acht Stunden vor Konzertbeginn – Moni (* 1961) und Bärbi (* 1955) engagiert, beide geborene Well, weitläufig bekannter jedoch unter dem Namen Wellküren. Der Abend war dadurch nicht nur gerettet – er erhielt durch diesen Umstand eine ungewollte Raritätennote, der vom lokalen Stadtviertelpublikum mit tosendem Applaus gewürdigt wurde.

Die Well-Brüder – Stofferl, Karl und Michael (v. l.)

Sicherlich auf einer anderen Dimensionsebene lag der Auftritt der Well-Brüder etwa einen Monat später, nämlich am 12. Juli 2026, in der bis zu sechstausend Besucher fassenden Musikarena auf dem zwischenzeitlich längst traditionsreichen Tollwood-Festival in München. Bereits als Biermösl Blosn traten sie Anfang Juli 1988, also vor sage und schreibe 38 Jahren, auf dem ersten Tollwood auf – und galten schon damals neben Konstantin Wecker als Hauptattraktion. Michael war längst wieder genesen und die etwa dreitausend Karten waren innerhalb kürzester Zeit aufgekauft; im Gegensatz zu größeren Popkonzerten war der Innenraum bestuhlt. Und niemand anderes als ihr langjähriger Bühnenkollege Gerhard Polt (* 1942) sollte dieses Mal, wie etwa auch auf dem Sommer-Tollwood 2023, mit dabei sein. (Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass die Konstellation Well/Polt ebenfalls bereits fast ein halbes Jahrhundert alt ist – die gemeinsamen Auftritte ab Anfang der Achtziger etwa in den Münchner Kammerspielen, damals noch als Gerhard Polt & Biermösl Blosn, gelten bis heute als legendär.)

Die Well-Brüder mit Alphörnern

Zufall oder nicht, nur zwei weitere Tage später, stand eines der letzten größeren Konzerte Hans-Jürgen Buchners (* 1944), besser bekannt unter seinem Projektnamen Haindling, auf dem Programm des diesjährigen Tollwood. Die offizielle Historie listet das Sommerfestival 2026 übrigens als die 35. Ausgabe, obwohl es seit 1988 mit Ausnahme der Coronapause 2020 demnach eigentlich – soweit tatsächlich jährlich ausgetragen – das 38. hätte sein müssen. Langjährigen Rudolstadt-Festival-Gästen dürfte Haindling vielleicht noch von 2002 bekannt sein.

Die Well-Brüder und Gerhard Polt

Und da gerade Rudolstadt erwähnt wurde: Als Oktett spielten bereits 1993 Mitglieder der Well-Familie, darunter auch Hans (* 1953), Michael und Christoph (* 1959 – das „Stofferl“ kam erst später), unter dem Namen Well-Buam zum „Sautanz auf’m boarischen Tanzbodn“ auf (damals wurde noch am Güntherbrunnen getanzt); 2001 waren sie dann als Biermösl Blosn vor Ort, die 2005 den Rudolstädter Weltmusikpreis RUTH erhielt, bevor sich 2015, weitere zehn Jahre später, Gerhard Polt & die Well-Brüder dem Publikum der Schillerstadt auf der Heidecksburg vorstellten.

Gerhard Polt

Bedauerlicherweise musste Haindling sein Tollwood-Konzert bereits Mitte Mai krankheitsbedingt absagen, und im Nu waren Well & Polt für ein Wiederholungskonzert engagiert, sozusagen das wirklich allerletzte Großkonzert. Die Karten für Haindling konnten selbstverständlich retourniert werden. Wer aber wollte das tatsächlich machen? Denn: Wem die Musik Haindlings Freude bereitet, kann Polt, Well & Co. nicht wirklich abgeneigt sein. Und so war auch dieses zweite Konzert innerhalb nur weniger Tage nach seiner Ankündigung komplett ausverkauft.

Karl und Stofferl Well (v. r.) mit den Wellküren Moni und Bärbi (v. r.)

Natürlich war den Zuschauern, die bereits Stunden vor Einlassbeginn anstanden, um dann rennend Platz in den ersten Reihen zu finden, das Gros der Sketche und musikalischen Darbietungen längst bekannt. Häufig werden Grundideen den geografischen Namen des Auftrittsortes angepasst. Anspielungen auf die Fußballabteilung des FC Bayern München mögen bundesweit begreifbar sein, für die „Geldpreißn vom Tegernsee“ braucht es da schon ein eher etwas lokaleres Verständnis. Und natürlich wird auch immer wieder die Episode mit Georg Friedrich Händel (1685-1759) erzählt, der um 1710 in einer Postkutsche auf seinem Weg von Rom nach London ausgerechnet im „Kirchdorf“ Hausen, dem Wahlheimatort der Well-Familie, wegen einer Kutschenpanne hängenblieb und während seines Zwangsaufenthalts musikalische Spuren hinterließ. Bekannt sind längst auch aus ihrer Heimat die Kreisverkehrsinseln sowie der Drexler Toni – dies alles verziert mit mit einer Anzahl von Anekdoten und begleitet von Instrumenten, deren Aufzählung hier alleine ein Dutzend Zeilen einnehmen würde. Nach wie vor erfreut sich das Publikum an unter anderem Gitarre, Dudelsack, Trompete, Tuba, Harfe oder Klarinette, vor allem aber an den Alphörnern sowie an Stofferls authentischen „Schuabladdlan“.

Der über die letzten Jahre etwas schlanker gewordene Gerhard Polt blieb weiterhin nicht nur scharfzüngig mit „Jetzad sog i nix mehr“, um dann dennoch mit seinen bekannt knappen, aber freilich treffenden Ergänzungen und Kommentaren, die in ihrer Trockenheit und Schmucklosigkeit nahezu unschlagbar sind, den Nagel mehr als nur auf den Kopf zu treffen. Der Alltag wird wie immer tiefgründig und mit vollen Absurditäten bespickt durchleuchtet, und ohne Zweifel mag – natürlich unter dem Hinweis „Spaß beiseite“ – nach wie vor gelten, dass ein jeder „das Recht hat, sich der Mehrheit anzuschließen und das Maul zu halten“. Was vom Publikum wie viele andere Pointen mit starkem Gelächter quittiert wurde.

Dieses gleiche, große Publikum wird sie zweifelsohne vermissen, die Well-Brüder wie auch Gerhard Polt, gemeinsam oder jeweils einzeln – und mit etwas Glück mögen sie alle wieder im kleineren Rahmen wie etwa auf einer Stadtteilwoche aufzufinden sein.

www.well-brueder.de

www.polt.de

www.tollwood.de

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Aufmacher:
Die Well-Brüder und Gerhard Polt

Foto: Matti Goldschmidt

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