Das Girvan Folk Festival feierte 2025 seinen fünfzigsten Geburtstag und gehört damit zu den ältesten und renommiertesten Veranstaltungen des Genres in Schottland. Organisiert wird es federführend von Neil McDermott, der selbst Musiker ist und eine Anstellung als Musikkoordinator an der Universität in Glasgow hat. Durch den Kontakt mit Alan Reid, Gründungsmitglied der legendären Battlefield Band, ergab sich die Möglichkeit einer Kooperation zwischen dem Festival und dem DeutschFolk-Zentrum auf dem Johanneshof im sächsischen Bockendorf. Durch finanzielle Unterstützung des Programms Cultural Bridge reisten Ringo Grombe vom Johanneshof, die Musikerin Christina Lutter und ich Ende April 2026 also nach Schottland.
Text: Tim Liebert
Girvan ist ein beschaulicher Ort an der Südküste von Ayrshire. Das Logo des Festivals zeigt Ailsa Craig, einen markanten Inselfelsen in der Girvan-Bucht, von dem fast alle Curlingsteine der Welt kommen. Von Einheimischen wird er liebevoll „Paddy’s Milestone“ genannt, da er auf halbem Weg nach Irland liegt. Diese geografische Nähe zum keltischen Nachbarn prägte schon immer den Charakter des Festivals. Obwohl es recht klein ist (drei Veranstaltungsorte, der größte Saal fasst ca. 120 Besucher), gastierten über die Jahre nahezu alle Großen des schottischen und irischen Folkrevivals hier. Auch 2026 bot ein üppiges Programm mit enormer Qualität und einem guten Querschnitt an folkloristischen Schwergewichten und Newcomern.
Mit Len Graham und Alan Reid waren zwei Stars der Szene gebucht, die in ihrer Art die alte Schule vertraten. Reid bot solo am Klavier oder im Duo mit Christine Kydd meist von ihm selbst verfasste Lieder mit viel Lokalkolorit und Ironie. Graham ist trotz seines hohen Alters und seiner fast scheuen Art immer noch eine Ausnahmeerscheinung, wenn er völlig ohne Begleitung, nur mit seiner sonoren Stimme den Raum verzaubert.
Mein persönlicher Festivalhöhepunkt war der Auftritt von Maggie MacInnes und Band. Sie ist die Tochter der 2015 verstorbenen Sängerin Flora MacNeil, die eine der wichtigsten Vertreterinnen der gälischen Gesangstradition der Äußeren Hebriden war. In MacInnes’ hochkarätigem Ensemble spielten neben ihrem Sohn an der Gitarre auch ihre Schwiegertochter an der Geige. Ein Großteil des Materials kam von den Inseln Barra und Mingulay und hatte trotz moderner Arrangements einen wundervoll archaischen Charme. Das wirkte besonders intim und bezaubernd, wenn Originalaufnahmen von Flora MacNeil in die Songs eingewoben wurden.
Für viele im Publikum war sicher die unfassbare Virtuosität Tim Edeys an Gitarre und Akkordeon das Highlight. Da wurde mal eben nach einem Reel in mehreren Spuren ein Django-Reinhardt-Stück übereinandergeloopt, um auf diesen perfekten Teppich noch drei Akkordeonspuren zu legen. Und trotz allem war das weit weg von musikalischer Clownerie, und dass der Meister auch spartanisch kann, zeigte er bei seinen Gesangseinlagen oder im Duo mit Robyn Stapleton.
Christina und ich durften im Rahmen des Festivals zweimal auf der Hauptbühne auftreten, dem Festivalchor unter der Leitung Robyn Stapletons einen Kanon beibringen, der am Abend des Festivalsamstags aufgeführt wurde, einen Workshop zu traditioneller Tanzmusik aus Deutschland und Schweden geben und mit einem selbst geschriebenen Lied über den „langen Kerl“ James Kirkland* am Songwriter-Contest teilnehmen. Unsere Konzerte wurden euphorisch gefeiert, wie man im Celtic Music Radio nachhören kann – ein Höhepunkt war zudem unser gemeinsamer Auftritt mit Alan Reid. Mit ihm und zwei Kursteilnehmenden spielten wir den allseits beliebten „Highlife- Schottisch“ aus der Seibiser Sammlung, worüber man sich in Schottland sehr freute.
Nach drei Tagen Konzertprogramm, Sessions, Workshops, Wettbewerben und Filmen war der stimmungsvolle Abschluss des Festivals eine Feuershow zu einer Legende aus der Region und untermalt von Geigenmusik am Strand. Magisch.
Viele Festivalgäste sind an diesem Wochenende fast zu Freunden geworden. Selten habe ich ein so familiäres und offenes Event erlebt. Schöner kann Kulturaustausch nicht sein. Ringo hatte viel Gelegenheit sich zu informieren, wie das Festival finanziert wird und wie eine zukünftige Zusammenarbeit aussehen könnte. Fest geplant ist auf alle Fälle ein Gegenbesuch einer schottischen Delegation am ersten Oktoberwochenende 2026 im Johanneshof. Es wird dann freitags ein Konzert mit Alan Ried und einer Band aus schottischen Nachwuchsaktiven geben sowie im Verlauf des Wochenendes Workshops zu Fiddle und Gesang und Vorträge zu deutscher und schottischer Tradmusik aus Archiven. Auch dieser Teil der Kooperation wird dankenswerterweise durch Cultural Bridge unterstützt. Wer Zeit und Lust hat, ist gern im Johanneshof gesehen, auch um sich das stetig wachsende DeutschFolk-Zentrum anzuschauen.









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