Die gute, alte Mundharmonika. Das kleine flinke Instrument, das vom badischen Trossingen aus die Welt erobert hat, steht prominent im Zentrum der Musik Hazmat Modines. Auch beim Konzert in der Music Hall in Worpswede hat Bandleader Wade Schuman einen kleinen Koffer vor sich auf der Bühne stehen, aus dem er immer wieder ein anderes Exemplar zieht.
Text: Gerd Döring
In den Konzerten der Band aus New York öffnet sich eine musikalische Wundertüte, und aus der springt zuvorderst Wade Schumann als charismatischer Harpspieler und Sänger. Der Mundharmonikafan aus New York hat die Band 1997 gegründet und beruft sich auf Vorbilder, die weit zurückreichen in die vom Blues geprägte Frühzeit des Jazz in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Um sich geschart hat er eine kunterbunte Truppe, die mit zahlreichen Stationen durch good old Europe tourt – betreut von Uli Balß vom Bremer Label Jaro, der die Musik erfreulicherweise schon vor Jahren für das hiesige Publikum entdeckt hat.
„Hazmat“ ist die US-amerikanische Abkürzung für „hazardous materials“, man sieht sie zum Beispiel an den Seiten von Lastwagen mit gefährlicher Ladung. Modine ist der Markenname für ein industrielles Heizgerät, das in Garagen, aber auch in Künstlerlofts hängt – aus beiden Worten hat Schuman den so exotisch klingenden Bandnamen geformt.
Die Einflüsse, die in den Songs Hazmat Modines anklingen, sind so vielfältig wie das Instrumentarium der Band, die mühelos Banjo und Ukulele, Geige und Trompete integriert. Eine ausgesprochen skurrile Mischung, die aber nie aus dem Ruder läuft, sondern mit Vehemenz in Bauch und Beine fährt und jedes Konzert auch zu einem furiosen Tanzspektakel werden lässt. Lange schon dabei ist Saxofonist Steve Elson, der seit Jahren einen musikalischen Gemischtwarenhandel betreibt und mit den Slickaphonics gespielt hat, aber auch mit Peter Gabriel und Philip Glass. Hier im Konzert in Worpswede sorgt er mit kräftigen Einschüben für eine jazzige Note.
Den Gegenpart zu Elsons Saxofonsoli gibt mit einem verwegenen Spagat zwischen Country und Gypsy Swing die Geigerin Daisy Castro. Dazu kommen der famose Gitarrist und Banjospieler Erik Della Penna und die Trompeterin Pam Fleming. Ganz neu dabei ist der junge indische Schlagzeuger Varun Das, ein Mann mit feinem Gespür fürs Timing und steter, aber nie vorlauter Präsenz. Der zweite Neuzugang der Band muss in mächtige Fußstapfen treten. Kenneth Bentley Jr. hat die Nachfolge für den im vergangenen Jahr verstorbenen Joe Daley angetreten und gefällt mit sonorem, zuweilen gar leichtfüßigem Spiel. Für den langjährigen Taktgeber am Sousafon hat die Band mit „Owe It All To Joe“ nicht nur eine liebevolle Hommage in Liedform dabei, ja, die ganze Tour steht unter dem Motto „Good Friend“ und ist dem Mitgründer der Band gewidmet.
Seit 2009 kommen Hazmat Modine schon nach Worpswede, und Schuman genießt dieses „Heimspiel“ sichtlich, führt humorvoll und nicht ohne Sarkasmus durch den Abend. Mit „Shake The Tree“ hat er auch einen Song dabei, der dem Gold hamsternden US-amerikanischen Präsidenten gewidmet ist. Einem Präsidenten, der für den bekennenden New Yorker Schuman allerdings nur für die Staaten außerhalb der Stadtgrenze zuständig ist.
Schön, wenn man aus dem Reservoir eines der quirligsten Jazzquartiere dieses Planeten schöpfen kann. Schön auch, dass sich das oft umbesetzte Ensemble immer wieder so nahtlos zusammenfügt und eine so funkelnde Show bietet, in der sich Ska und Reggae mit Klezmer paaren und auch die guten alten Blood, Sweet & Tears anklingen. Die Grundlage aber liefert der Blues, und so spielen denn auch viele der Titel mit dessen abgrundtiefer Verzweiflung. Ganz im Stile der alten Blues-Shouter klagt Schuman: „Late yesterday morning, I couldn’t get out of bed, / I felt so lonely, felt like I was dead …“








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