Gilberto Gil

Die brasilianische Legende, Alte Oper, Frankfurt am Main, 3.10.2023

19. Oktober 2023

Lesezeit: 2 Minute(n)

Gilberto Gil ist einer der bekanntesten Musiker der südlichen Halbkugel und in Brasilien eine Legende, die sich popmusikalisch mit Kalibern wie Bob Dylan vergleichen lässt. Dass er mit 81 Jahren noch einmal in einem großen deutschen Konzerthaus spielte, ließ insbesondere brasilianisches Publikum in Scharen herbeiströmen. Die Wahrscheinlichkeit ist seit der Coronapandemie gering, überhaupt noch einmal brasilianische Größen hierzulande zu erwarten, und in diesem Alter geht eher eine Minderheit an Musikschaffenden noch auf Welttournee.
Text und Fotos: Hans-Jürgen Lenhart

Mit einer aus Familienmitgliedern rekrutierten vierköpfigen Band baute Gil sein Konzert dynamisch geschickt auf und spielte Stücke, die ihm am Herzen lagen, unabhängig vom Bekanntheitsgrad, ihrem Alter oder davon, ob sie aus seiner eigenen Feder stammten. So präsentierte er „Upa Neguinha“ von Edu Lobo, mit dem die legendäre Sängerin Elis Regina 1966 bekannt geworden war, was zeigte, dass brasilianische Künstler oder Künstlerinnen nicht immer nur ihre Hits der letzten paar Jahre im Programm haben. Man stelle sich vor, in Deutschland würde Andrea Berg einen Hit von Caterina Valente aus den Sechzigern singen. Das historische Bewusstsein innerhalb der eigenen Stilrichtung endet bei uns recht schnell.

 

Zu Beginn brachte Gil einen Sambablock, in dem er dem Publikum erklärte, welche Richtung die einzelnen Sambas repräsentieren. Danach gab es eine längere Phase mit Reggaestücken. Hierbei wurde besonders ein Merkmal von Gils Konzerten deutlich: Er arrangiert gerne bekannte Titel völlig neu wie das berühmte „Garota Da Ipanema“ („The Girl From Ipanema“), bei dem Enkelin Flor Gil den Gesang übernahm. Man erkannte den Klassiker dadurch fast verspätet, aber Gil hat das auch schon mit Hendrix- oder Marley-Songs gemacht. Gleiches galt für seine eigenen Hits: „Tempo Rei“, ursprünglich ein flotter Discotitel aus dem Jahr 1984, erklang als Ballade.

 

Gils Stimme ist inzwischen heiserer und rauer geworden. Die weniger straighten Arrangements kaschieren das etwas, denn so kommt das Publikum besser beim Mitsingen mit. Und das erwartet man auch von einem Gil-Konzert: Das ganze Haus kennt scheinbar alle Texte, besonders des unverwüstlichen „Toda Menina Baiana“.

Dass Gil seit Jahren nur mit Mitgliedern seiner Familie auftritt, ist inzwischen sein Konzept. Vergeblich wartet man auf politische Statements des einst zu Zeiten der Militärdiktatur ins Exil Geschickten. Trotzdem wurde er Jahrzehnte später Brasiliens Kulturminister. Jetzt soll seine große Familie, von ihm inspiriert, Musik in die Welt tragen. Drei Familienmitglieder haben als Gilsons bereits ansehnliche Hits, und Gil selbst ist inzwischen mit zwei Reality-TV-Shows dabei, seiner riesigen Familie seine Karriere und die Geschichte der brasilianischen Musik zu erklären.

 

Mit dem Ansinnen, Gilberto Gils derzeitige Auftritte als Abschiedstournee zu sehen, sollte man vorsichtig sein. Immer wieder trat er in den letzten Jahren mit musikalisch unterschiedlichen Konzepten in Europa auf, wobei selbst Orchester und Rhythmusmaschinen auftauchten. Er ist und bleibt wandelbar. Ein wahrer Tropicalist eben.

www.gilbertogil.com.br

www.alteoper.de

2 Kommentare

  1. Der Journalist weiß was er schreibt und sagt. Es war wirklich wie ein Wunder, dass solche brasilianische Konzerte hier in Deutschland wieder stattfinden. Gilberto Gil ist ein Zauberer der einzigartigen Musica Popular Brasileira der letzten 50 Jahren. Gils Konzept als Tropicalista heißt immer noch, Kulturmischungen sind bei ihm gern erlaubt und erwünscht. Die Show hat die Stimmung einer Sonderparty der Demokratie, nachdem Bolsonaros Faschismus bei den Wahlen verloren hat. Weiterso…Kumpliment an Herrn Lenhart!

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  2. Danke Felipe! Hoffen wir, dass weitere MPB-Größen nach Deutschland kommen.

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