Waldeck Open Air

Sechzig Jahre Chanson Folklore – und wieder ist alles neu, Burg Waldeck, Dorweiler, Hunsrück, 21.-23.6.2024

26. Juli 2024

Lesezeit: 5 Minute(n)

„Nichts war mehr so wie vorher“ betitelte Hotte Schneider 2004 seinen folker-Artikel zum Vierzigjährigen der Festivals auf Burg Waldeck, bezogen auf den bahnbrechenden Einfluss der ersten Ausgabe 1964 auf die deutsche Liedkultur. Entstaubt vom „Schlager-Gesummse“ der Nachkriegszeit hatte endlich auch die deutsche Musikszene ihr Potenzial zum Rocken, Folken und Protestlieder-Singen entfaltet.
Text: Eva Marx; Fotos: Markus R. John, www.digitalbelichter.de

Nicht wie sonst an Pfingsten, sondern dieses Mal vom 21. bis 23. Juni 2024 fand das sechzigjährige Festivaljubiläum – verbunden mit dem neunzigjährigen der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck – statt, das rund tausend Menschen besuchten. Die atmosphärischen Störungen unserer Zeit waren die großen Themen dieses Festivals in Liedern und Gesprächen: das Klima (wobei das Gelände vom Starkregen anderswo an diesem Wochenende verschont blieb), unverheilte Konfliktlinien, nicht platt zu kriegender Faschismus, unsere globalisierte, von Konsum zugleich vergoldete und vermüllte Welt, die patriarchal geprägte Musikszene. Themen, die für die Waldeck nicht neu sind. Neu ist die Erkenntnis, dass wir uns auf den Errungenschaften der Generation Waldeck nicht ausruhen dürfen und unser über sechzig Jahre differenzierter gewordenes Bewusstsein entfalten müssen.   

Joana und Der Black
Adax Dörsam

Und so war es sehr passend, dass die Waldeck-Urgesteine Joana Emetz und Der Black (Lothar Lechleiter) für das Jubiläum mit Adax Dörsam genau zur Mitte des Programms für das fünf Generationen umfassende Publikum ein Fenster in die Anfänge der Waldeck öffneten. Ihre Lieder verlieren seit Jahrzenten nicht an Relevanz. Dieses Fenster ließ Fredrik Vahle mit seinem Familienkonzert am Sonntag, ganz am Ende, bevor alle wieder in ihren Alltag zurückkehrten, sanft geöffnet. In Erinnerung schwelgen konnten die, die in den Sechzigern live dabei gewesen waren, den Spirit aufnehmen die Zahlreichen, die später erst in die Welt gekommen sind.

Charlotte Brandi
Stereo Naked

Frauen wie Joana, die sich ihren Platz auf der Waldeck-Bühne erkämpfen mussten, ist es zu verdanken, dass heute Frauen ganz selbstverständlich dort auftreten. Dennoch braucht es weiter die klaren Statements für eine Musikwelt, in der nicht nur Männer darüber entscheiden, was erfolgreich ist. Eine, die da sehr deutlich wird, ist Charlotte Brandi. Sie begeisterte mit der Qualität ihrer Musik und ihrer Poesie ihr Publikum, besonders bei Songs aus ihrem jüngsten Album An den Alptraum, das sie konsequent mit weiblichen und weiblich gelesenen Personen produzierte.

Auch wieder dabei waren die Gespräche darum, was die Musik bei einem solchen Festival darf oder muss. Wieviel Soundeffekte vertragen Folk und Liedermaching? Wie viel persönliche Themen, wie viel Intimität ist noch politisch genug? Die in der Auswahl der Acts liegende Antwort war so neu, wie sie gut ist: Darf alles – muss nichts.

Stereo Naked (Pierce Black und Julia Zech mit Gästen) eröffneten das musikalische Programm mit Bluegrass an traditionellen Instrumenten, folkigem Storytelling, staubtrockenem Humor und Songs voller Herzeleid.

Steiner & Madlaina
Il Civetto

Gleich danach riss das Zürcher Duo Steiner & Madlaina mit ihrem Stil, der sich irgendwo zwischen Singer/Songwriting, Indiepop und -Rock abspielt, sein Publikum buchstäblich vom Hocker. „Da war ja Elektro drin“, so eine Festivalbesucherin. „Und? Es macht Sinn und Freude!“ Die passende Antwort.

Bei immer wieder aufkommendem Regen und abendlicher Kälte träumten sich die Zuhörenden vor einen sommerlichen Berliner „Späti del Sol“ mit Il Civetto. Die Hauptstädter spielten ihren mit portugiesischen Textzeilen und lateinamerikanischen Klängen gespickten deutschen Fusionpop, bis die Sonne unterging und das Festival endgültig zum Leben erwachte.

Absinto Orkestra & Lulo Reinhardt
Schlagsaite

„Wir lassen uns einfach treiben“, war einer der ersten Sätze, die am frisch angebrochenen 22. Juni von der Bühne kamen. Lulo Reinhardt hat mit dem Absinto Orkestra in diesem Moment beschlossen, dass es bis in den frühen Morgen weitergeht. Alles andere wäre auch schwierig geworden angesichts einer hellwachen, auf Tango, Flamenco, Klezmer und Co. schwofenden Menschenmenge.

Aus ähnlichen Wurzeln, aber urbaner interpretiert, war im kalten Regen der zweiten Waldeck-Jubiläumsnacht die Musik von Schlagsaite, die mit ihrem Balkan- und Gipsy-Swing, ihren Chansons und Balladen bis früh in den Sonntagmorgen tanzen und träumen ließen.

„Dem schwierigsten Publikum der Welt“, so der Liedermacher und Festivalmoderator Jakob Heymann, stellten sich Polly Rakete und Freddy Fuchs am Samstagmorgen. Mit ihrem Kinderkonzert und der kleinen Weltbühne verzauberten sie die kleinsten Gäste und regten zum Mitmachen an.

Echt politisch und sozialkritisch wurde es bei Danny Dziuk, der mit seinem Trio mit Krazy und Karl Neukauf den zweiten Nachmittag eröffnete. Mit einer verblüffenden musikalischen Bandbreite besang er soziale Ungleichheiten, fand Antworten für Identitäre und hielt die Fahne für echte Freundschaft jenseits von Facebook hoch.

Danny Dziuk Trio
Rainald Grebe & die Kapelle der Versöhnung

„Da ist er!“, konnte man es im Publikum raunen hören, bevor das Samstagabendprogramm losging. Gemeint war immer einer von zweien, die an diesem Abend spielten. Der eine, Stoppok, der den zweiten Abend eröffnete, ist vermutlich der einzige Mensch, der mit gelber Sonnenbrille und pinkfarbenem Anzug nicht verkleidet wirkt. Auch auf der Waldeck vermittelte er, mit seiner Gitarre und seinem unschlagbaren Humor, pure Authentizität. Sein satirisch-kritisches Hinterfragen ganz alltäglicher Dinge macht seine Musik politisch und gleichzeitig so nahbar.

Der andere, Rainald Grebe, spielte mit seiner Kapelle der Versöhnung als nächster Programmpunkt offensichtlich bewusst keine Hymnen für ostdeutsche Bundesländer, dafür aber die für gesellschaftliche Ären. Mit Songs wie „1968“ und „Die 90er“ rockte er passend für den historischen Ort Burg Waldeck quer durch die deutsche Geschichte. Und so wollte ihn das Publikum auch nicht gehen lassen, den diverse Musikstile verbindenden, kritischen, komischen, ewig den Spiegel vorhaltenden Künstler, der brutal-offen über seine Krankheit spricht und damit auch das Thema Endlichkeit zur Waldeck brachte.

Stoppok
Wallis Bird mit tatkräftiger Unterstützung.

Gut, dass im Anschluss die aus Irland stammende Urgewalt Wallis Bird sich das Publikum bei ihrem Soloprogramm ganz nah heranholte. Ihre Themen sind intim, weiblich und mitunter schwergängig – Selbstoptimierung, Alkoholmissbrauch, Tod. Mit ihren berührenden Texten, den tanzbaren Rhythmen und den ekstatischen Klimaxen ihrer Songs entwickelt sie daraus pure emotionale Energie und öffnet ein kathartisches Ventil, das alles befreiend wirkt.

Und als ob es noch mal einen großen Bogen brauchte, fuhren Simon & Jan in der endlich warmen Sommersonne des letzten Tages alles auf, was modernes Liedermaching zu bieten hat: Loop-Stations, handgemachte Soundeffekte, Emotion, politisches Bewusstsein, Pathos, Humor. Eigentlich als Rahmenprogramm für das Podium zur demokratiegeschichtlichen Bedeutung der Waldeck gedacht, steuerten sie damit zur Erkenntnis bei, dass politische Musik nicht entfremdet kühl sein muss und persönliche Erfahrung niemals unpolitisch sein kann.

www.waldeck-open-air.de

www.burg-waldeck.de

Aufmacher:
Waldeck Open Air - Publikum

1 Kommentar

  1. Danke für diesen fachkundigen Artikel! Das 60. war ein fulminantes Jubiläums-Festival…

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