kurz & knapp

aus folker #03-2023

15. März 2023

Lesezeit: 54 Minute(n)

Klaus Adamaschek & Shiregreen, Shiregreen Lane (DMG)

Der Sänger aus dem hessischen Rotenburg/Fulda blickt zurück auf siebzehn Jahre seines Shiregreen-Projekts. Fünfzehn unveröffentlichte Songs auf Englisch und Deutsch zeigen einen Künstler, der stilistisch zwischen Singer/Songwriter und Americana sein Faible für Johnny Cash anklingen lässt. Mit dem Album hat er Schätze gehoben: intime, persönliche und nachdenkliche Songs – eine leise und berührende Musik.

Udo Hinz

Hannah Aldridge, Dream Of America (Icons Creating Evil Art)

Die Coverversion von „Psycho-Killer“, im Original von den Talking Heads, reiht sich nahtlos in die neun Songs von Dream Of America ein. Das Album ist sehr dicht produziert, doch steht der Gesang Aldridges im Vordergrund. Manchmal ist die Produktion so übertrieben, dass unklar ist, ob sie Singer/Songwriterin sein will oder doch eher Popkünstlerin. Ihre Stimme ist allerdings sehr hörenswert.

Michael Freerix

Alles Klohr, Zuhörmusik (Eigenverlag)

Markus Klohr alias Alles Klohr aus Vaihingen (Enz) singt auf seinem dritten Album kritische Texte zur Zeit. Sehr rockig mit Akustikgitarre oder einer Dobro und musikalisch unterstützt von zweien seiner Kinder, möchte er keine Lieder ohne Botschaft machen. Lieder über Transhumanismus, ein zu dickes Kind als Metapher für ständiges Wachstum oder vermeintliche Durchblicker mit Simpellösungen erfordern Aufmerksamkeit.

Rainer Katlewski

An Eagle in your Mind, Intersection (Green Piste Records)

Meditativer Gesang trifft auf indisches Harmonium trifft auf Folkgitarren trifft auf Percussion trifft auf Synthesizer-Sample-Beats. Das Duo Sophia Achhibat und Raoul Canivet aus Frankreich sind Sammler von Klängen, die sie dann in Songs mit einem elektrisierenden Rhythmus verwandeln. Die beiden Musikschaffenden, die sich als Nomaden bezeichnen, laden Zuhörende zu einer musikalischen Reise zwischen psychedelischem Rock und spirituellen Klängen ein, die die Grenzen sprengt.

Erik Prochnow

As Madalenas, As Madalena s (Jando Music)

As Madalenas sind die Sänger- und Komponistinnen Tatiana Valle aus Brasilien und die Italienerin Cristina Renzetti. Ihr Stil: leichter, jazzig angehauchter Bossa Nova und andere brasilianische Rhythmen, portugiesischer Harmoniegesang mit italienischen Einschüben. Passt hervorragend zu einem Caipirinha an der Copacabana oder einem Bellini am Strand von Rimini.

Martin Steiner

Nanny Assis, Rovanio (In+Out Records)

Das Album des in Bahia geborenen Sängers, Percussionisten und Gitarristen wirkt ein wenig wie eine Wiederbelebung der Streicherarrangements von Claus Ogerman mit Antônio Carlos Jobim Mitte der Sechziger. Meistens irrt die Musik etwas ziellos vor sich hin, und auch prominente Gäste wie Randy Brecker und Ron Carter ändern das nicht.

Hans-Jürgen Lenhart

Baklava, From Skopje With Love (CPL-Music)

Ihr Name ist Programm. In ihrer Tradition ist Baklava ein Symbol für das Verschmelzen von Kulturen. Genau das beherrscht das sechsköpfige Ensemble um die Sängerin Elena Hristova aus Nordmazedonien perfekt. Auf ihrem fünften Album präsentiert es neun mitreißende Eigenkompositionen. Die Geschichten aus ihrer Heimatstadt Skopje bewegen sich federleicht zwischen traditionellen orientalischen Klängen sowie westlichem Rock und Pop.

Erik Prochnow

Bantu, What Is Your Breaking Point? (Soledad Productions)

Seit 1996 gibt es das nigerianische Musikkollektiv Bantu. Die dreizehnköpfige Band um den deutsch-nigerianischen Musiker und Aktivisten Adé Bantu ist mit ihrem Sound aus Afrofunk und Afrobeat der Musik Westafrikas ab den Sechzigern verbunden. Ganz im Geiste eines Fela Kuti prangern sie in ihren Songs Missstände und soziale Ungerechtigkeiten an. Der Albumtitel fordert auch uns auf, aktiv zu werden.

Christoph Schumacher

Gisela Berndt & Band, Lieber Bleiben (Eigenverlag)

Mit jedem Album geht Gisela Berndt aus Köln neue Wege, ihr viertes ist weniger jazzig, ist musikalisch breiter angelegt. Geblieben sind ihre lyrischen Texte und ihr dezenter, melodischer Gesang. Acht Lieder über Liebe, Träumereien, Begegnungen und Trennungen, große Gefühle, leise aber eindringlich besungen. Für die musikalische Vielfalt von Pop bis Soul sorgt Sahand Aghdasi alias Djadoo.

Rainer Katlewski

Micke Bjorklof & Blue Strip, Colors Of Jealousy (Hokahey! Records)

Die Eifersucht in ihren unterschiedlichen Ausprägungen ist das Thema des Albums der fünf finnischen Musiker. Meist ist Lefty Leppänens Slidegitarre das tragende Instrument, der Gesang von Micke Bjorklof geht immer wieder unter die Haut. Bass, Schlagzeug, Hammondorgel und Percussion tun ein Übriges, dazu toller Backgroundgesang. Bluesrock der (sehr) gekonnten, kultivierten Art – tolles Album!

Achim Hennes

Bombadil, In Color (Ramseur Records)

Alle Songs auf dem „Corona-Album“ der US-Folkpop-Band Bombadil wurden von den Gründungsmitgliedern Daniel Michalak und James Philips geschrieben, als der eine in den USA, der andere in Frankreich saß. Die abwechslungsreiche Kombination von akustischen und elektronischen Klängen wirkt entspannt und etwas versponnen. Trotz melancholischer Texte strahlt das Album freundliche Leichtigkeit aus.

Almut Kückelhaus

Andries Boone, C.O.N.V.E.R.S.A.T.I.O.N.S. (Trad Records)

Es klingt nach Pink Floyd, aber besonders nach Mike Oldfield, was der belgische Mandolinenspieler Andries Boone hier anbietet. Das mündet in eine folkige Variante von Progrock, verpackt in tendenziell breiige Sounds, bei der die akustische wie die elektrische Mando im Zentrum stehen. Zu den eingesetzten Instrumenten gehören auch Röhrenglocken – das wirkt eher epigonal als originell.

Volker Dick

Bob Bradshaw, The Art Of Feeling Blue (Fluke Records)

Als Experte in der Kunst, sich traurig zu fühlen, besingt sich der Ire auf seinem zehnten Album. Musiker aus Boston begleiten ihn durch anspruchsvolle Songs, die mal rockiger, mal folkiger, mal barjazziger ausfallen. Im mexikanisch inspirierten „Rose“ geht ihm gar vollends der Gaul durch und er lässt den Song mit Kirchenglocken und Trompeten beginnen sowie in chaotischem, Zitat, „desert-noir“ enden.

Martin Wimmer

Brazzo Brazzone, Giorgios Groove Attack (Eigenverlag)

Die Brassband Brazzo Brazzone lädt zum Tanz ein. Die sechs Musiker von den Philippinen, aus Chile, China, dem Libanon, Norddeutschland und Bayern lassen mit einem Mix aus Polka, Latin, Rock und etwas Jazz die Bretter krachen. Albumtitel wie „Hipster No. 1“ oder „Habibi À La Carte“ machen von Anfang an klar, dass sich die „Familie Brazzone“ nicht zu ernst nimmt und der Spaß im Vordergrund steht.

Martin Steiner

Michael Jerome Brown, Getting’ Together (Borealis Records)

Vierzehn von einem Meister an der Slidegitarre, auf der Zwölfsaitigen und dem Banjo brillant gespielte und mit ausdrucksstarker Stimme gesungene Bluesklassiker von Mississippi John Hurt bis Brownie McGhee. Unterstützt wird Brown u. a. von John Sebastian (Mundharmonika), Eric Bibb und Cockburn-Spezi Colin Linden (beide Gitarre) auf einem wunderbaren Acoustic-Blues-Album auf höchstem musikalischem Niveau.

Ulrich Joosten

Canto Do Sol, Avant L’Équinoxe (Jaboticaba)

Äußerst entspannte akustische Musik, in der sich Brasilien, die Kapverden und Chansons auf wunderbare Weise vermischen. Cavaquinho und Percussion sorgen für ein bisschen Choro-Touch. Die Melodien gehen nicht mehr aus dem Ohr, und sogar ein Ragtime mischt sich drunter. Gesungen wird auf Französisch und Portugiesisch. Der Wechsel zwischen beiden musikalischen Welten geschieht fast unmerklich.

Hans-Jürgen Lenhart

Erkin Cavus & Reentko Dirks, Ütopya (Traumton Records)

Noch stimmungsvoller als das 2021 erschienene Album Istanbul 1900 des Gitarrenduos Cavus/Dirks ist der Nachfolger Ütopya . Thematisch setzt sich das Werk mit einer städtebaulichen Vision der Zukunft Istanbuls auseinander. Musikalisch ist der Rahmen diesmal deutlich erweitert, einige musikalische Gäste fügen dem warmen, zarten Klang der akustischen Gitarren sensible Nuancen hinzu. Ein stilles, zärtliches, poetisches Album.

Rolf Beydemüller

Amalia Chikh, Auf dem Weg (Silberblick-Musik)

Eine Pariserin, mit Chansons aufgewachsen, jetzt mit ihrer Familie im Berliner Wedding zu Hause, besinnt sich ihrer musikalischen Wurzeln und singt mit französischem Akzent über ihr Leben an der Panke, einer multikulturellen Gegend im Westen der Stadt. Aus diesem Alltag und den Problemen mit diesem Umfeld zieht sie ihre Themen, die sie charmant und musikalisch vielfältig auf ihrem zweiten Album verarbeitet.

Rainer Katlewski

Jeff Clarke, Locust (Bredford Records)

Während frühere Veröffentlichungen des kanadischen Wahlberliners noch mehr Gepräge von Garage und Punk hatten, liefern die dreizehn neuen Songs mehr folkige Wärme. Das ist der akustischen Gitarre und der bewusst reduzierten, natürlichen Art der Aufnahme zuzuschreiben, die sich auf seine Stimme und das tolle Gitarrenspiel konzentriert. Geblieben sind die bevorzugte Ära, die poetischen, mal ironischen Texte und die Vorliebe für klar strukturierte Lieder. Das entspannte, herrliche Werk erinnert damit ein wenig an den frühen Bob Dylan oder Townes van Zandt.

Imke Staats

Cúl na Mara, Best Of Times – Worst Of Times (Eigenverlag)

Die Celtic-Folk-Band aus dem schwäbischen Aulendorf spielt auf ihrem vierten Album getragene, aber auch rockige bis punkige Lieder aus Irland, Schottland, der Bretagne und den USA beziehungsweise Eigenkompositionen und auch Filmmusik. Sehr schöne Musik, nicht nur für Irish Pubs!

Michael A. Schmiedel

Cuppatea, Auswege (Eigenverlag)

Gesellschaftskritik mit eingängigen Liedern: Das münstersche Duo aus Sigrun Knoche und Joachim Hetscher thematisiert in seinen Liedern Arbeitslosigkeit und Rassismus genauso wie bürgerfreundliche Stadtplanung oder den Angriffskrieg auf die Ukraine. Diese politischen Songs sind Deutschfolk, da sie kritisch sind und wie moderne Volkslieder klingen – ein Folkstatement zur heutigen Gesellschaft.

Udo Hinz

Diverse, Bardentreffen 2023 (Folk-Galore)

Für alle, die beim diesjährigen Festival nicht dabei sein konnten oder die die Highlights noch einmal genießen wollen. Der Sampler gibt einen exzellenten Überblick über die große Qualität des Programms 2023 auf den verschiedenen Bühnen Nürnbergs. Mit dabei sind unter anderem Cara, Tante Friedl, Gankino Circus, Äl Jawala, Leleka, Ronja Maltzahn, Ukulele Death Squad oder Studio Shap Shap. Hören lohnt sich!

Erik Prochnow

Diverse, On The Honky Tonk Highway With Augie Meyers & The Texas Re-Cord Co. High Texas Rider (Bear Family Records)

Ein Stück Musikgeschichte aus dem Texas der Siebziger, aufgeblättert vom britischen Musikhistoriker Martin Hawkins. Er hat 26 Aufnahmen des Musikers Augie Meyers und von Künstlern und Künstlerinnen seines Labels The Texas Re-Cord Co. ausgewählt und sorgt so für Freude: mit einem Mix aus Country, Tex-Mex, Blues und hippieesken Ausflügen. Bunt, schräg und nie langweilig.

Volker Dick

Freda D’Souza, Windowledge (EP; Demo Records/Crossness Records)

Sparsam, nur mit Stimme und Gitarre beginnt Freda d’Souza in ihren Songs, bis diese überraschend in fulminanten Vokalarrangements aufblühen. D’Souza stellt einen ganz eigenen Sound in ihrer Musik her, der vom Kargen, Intimen, plötzlich ins überbordend Ausarrangierte übergeht. Wobei D’Souza ganz alleine arbeitet, also Komponistin, Sängerin und Produzentin ist. Erstaunlich, eine Art Joni Mitchell der Gegenwart!

Michael Freerix

Grainne Duffy, Voodoo Blues (Eigenverlag)

Die bereits fünfte Veröffentlichung der irischen Sängerin und Gitarristin verschmilzt Blues, Rock und etwas Soul zu einer brodelnden, treibenden Mixtur. Die Band spielt „ehrlich geradeheraus“, und Grainne Duffy singt dazu mit einer Stimme, die eben noch sanft schmeichelnd den Himmel auf Erden verspricht und dann im nächsten Moment mit rauem Sandpapier die Gänsehaut fortschleift.

Achim Hennes

Elina Duni, A Time To Remember (ECM)

Die albanisch-schweizerische Sängerin spielte mit ihrem Lebenspartner, dem Gitarristen Rob Luft, zwölf ruhige Lieder ein. Fünf davon sind Eigenkompositionen der beiden, drei sind Jazzstandards, die vier weiteren stammen aus Albanien und Kosovo. Diese sind weitaus die Intensivsten. Zusammen mit Matthieu Michel (Flügelhorn) und Fred Thomas (Piano, Drums) entstand ein liedzentrierter Kammerjazz.

Martin Steiner

Ekiti Sound, Drum Money (Crammed Discs)

Der zwischen Lagos und London pendelnde nigerianische Musiker und Produzent Leke Awoyinka hat für sein zweites Album erneut Afrobeat-Bläsersätze mit groovigen Basslinien, Keyboards, Percussion sowie elektronischen Beats und Hip-Hop-Elementen gemischt. Sein Neo-Afrojuju-Electronic-Sound wirkt nun vor allem durch die vielfältigen Gesangsanteile ausgefeilter und harmonischer als auf dem wilden Debüt 2019.

Christoph Schumacher

Feralman, Allegories (Feral Records)

Indiefolk aus Wales. Nachdem er 2018 die Diagnose Gehirntumor erhielt, entschied Feralman, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Seine Musik soll uns versichern: Alles ist möglich, wenn man nur an sich selbst glaubt. Metaphorische Geschichten über eine Reise zur Selbstfindung. Kann Spuren von den Lumineers, Men and Monsters sowie Sufjan oder Cat Stevens enthalten!

Mike Kamp

Irma Ferreira, Em Cantos De Òrìsà (Ajabu! Records)

Gar nicht so einfach, religiöse Gesänge des brasilianischen Candomblé in unsere heutige Zeit annehmbar zu übertragen. Der Sängerin Irma Ferreira ist das mit einfachsten Mitteln gelungen. Sie erschafft eine intensive Atmosphäre, die hypnotisch und spirituell wirkt. Auf Trommelorgien und pathetische Chorgesänge wurde zum Glück verzichtet. Manchmal hört man zu ihrem Gesang nur ein leises Dröhnen.

Hans-Jürgen Lenhart

Fiddle Folk Family, Freaky Folks (Heideck Records)

Die Familienband der Klingners aus Sachsen spielt Klassiker aus Folk, Bluegrass und Volkslied. Da sind Lieder bei, die man kaum noch hören mag wie „Wayfaring Stranger“ und „What Shall We Do“, tausendmal Gehörtes der Marke „Arkansas Traveller“, „Wild Mountain Thyme“ oder „Dat du min Leevsten büst“. Die ein oder andere originelle Version befindet sich darunter.

Volker Dick

Tania Fritz, Das kleine Glück (Timezone)

Jede Menge Zuversicht und Lebensmut, selbst wenn es mal nicht so gut läuft, verbreitet die Musikerin und Stimmlehrerin Tania Fritz aus Reppenstedt. Jazzige Songs, von Uli Kringler produziert, die darauf abzielen, Glück auch im Kleinen wahrzunehmen, auf sich zu hören und zu vertrauen und dem Zufall eine Chance zu geben. Zehn zarte Lieder, die als Lebenshilfe wirken sollen und ein Lächeln bewirken können.

Rainer Katlewski

Goetze/Cissoko/Moreno, Flamenkora (Motéma)

Das neue Projekt des deutschen Trompeters Volker Goetze, der sich durch seine Zusammenarbeit mit Korameister Ablaye Cissoko weltweit ein besonderes Renommee erspielt hat, vereint die senegalesische Mande-Musik mit andalusischem Flamenco. Koraspieler und Sänger Ali Boulo Santo Cissoko und Gitarrist Alejandro Moreno erschaffen im Verbund mit Goetzes delikaten, jazzigen Trompetenlinien eine Art kontinentübergreifende Rootsmusik von großer herzwärmender Qualität.

Rolf Beydemüller

Sally Grayson, The Darkness In Me (Eigenverlag)

„Western Gothic“ nennt die in Deutschland wohnende Allroundkünstlerin aus den USA ihren Sound. Produziert von Gabriel Sullivan (Giant Sand) in Tucson, Arizona, und gefördert vom Pop-Büro Region Stuttgart, reitet sie denn auch mit doppelter südlicher Inbrunst auf dem Hexenbesen durch die flirrende Wüstennacht und wirft nebenbei ein Cover von Lee Hazlewoods „Sand“ aus dem Sattel.

Martin Wimmer

Dave Hause, Drive It Like It’s Stolen (Blood Harmony Records)

Topalbum für alle, die ehrlichen Heartland-Rock mögen. Effektvolle Gitarren, knackiges Schlagzeug, distinktive Keyboards. Sechstes Soloalbum des Ostküstensongwriters mit deutlicher Handschrift von Produzent Will Hoge, vor allem im dramatischen „Pedal Down“. Die genauen Beobachtungen zitieren nicht nur Altbekanntes zu Alkohol, Drogen und Autofahren, sie kennen auch Amazon, iPhone und CO2.

Martin Wimmer

Andrew Hawkey, At 80 (Eigenverlag)

Hawkey ist einer von den vielen Musikschaffenden, die nie so richtig eine Chance hatten. Sein Debüt veröffentlichte er 1982 auf Kassette, 1983 eine Sechs-Track-EP und dann lange nichts mehr, bis 2015 das nächste Album herauskam. Es liegt nicht an seinen Songs, an seiner Performance, denn das alles kann sich durchaus hören lassen, er hat eben einfach nur kein Glück gehabt. 1983 war einfach kein gutes Jahr für ein Debüt im Folkfach. Tatsächlich ist aber auf At 80 ein wirklich fähiger Songschreiber zu entdecken, dem zuzuhören sich lohnt.

Michael Freerix

Kaz Hawkins, Until We Meet Again (Dixiefrog)

Mit großer, volltönender Stimme feiert Kaz Hawkins ihren fünfzigsten Geburtstag. Stilistisch bewegt sie sich zwischen Rock, Pop und Balladen, unverkennbare Wurzeln liegen im Blues und Rhythm and Blues. Üppig und großzügig ist dabei die Instrumentierung, neben den üblichen Rhythmus- und Soloinstrumenten kommen je nach Stück zusätzliche Percussion und/oder Bläser- bzw. Streichersätze zum Einsatz.

Achim Hennes

Lucy Hendry, Land Of Eden (Eigenverlag)

Die schottische Harfenistin ist nun in Dänemark ansässig und mischt auf ihrem Debüt munter ihre heimischen Wurzeln mit coolem Nordic Jazz. Dabei behilflich sind zwei dänische Kollegen mit E-Gitarre und Drums. Obwohl es ein reines Instrumentalalbum ist, durchzieht Hendrys Sorge um die Umwelt die einzelnen Tracks, durchaus nicht ohne Hoffnung, wie das Titelstück deutlich macht.

Mike Kamp

Rebecca Hill & Charlie Stewart, Thawcrook (Lomond Records)

Bevor Hill (Harfe) und Stewart (Fiddle) sich 2022 für dieses Projekt zusammensetzten, hatten beide individuell bereits diverse Auszeichnungen erhalten. Das Ziel von Thawcrook war es, die Tradition mit der Gegenwart so zu verbinden, dass etwas Neues entsteht. Im Wechsel von arrangierten Melodien und improvisierten Passagen ist das gelungen. Und zum Schluss singt die wunderbare Mischa Macpherson – das passt!

Mike Kamp

Malcolm Holcombe, Bits & Pieces (Paper Music/Need to Know)

1955 geboren, hat Malcolm Holcombe schon einige Runden gedreht und ist nun bei Album Nummer achtzehn angelangt, das er, wie alle anderen, auf einem kleinen Label veröffentlichte. Seit seiner Krebserkrankung scheint seine Stimme noch rauer geworden, sein Blick auf die Welt noch sarkastischer, aber auch voller offensichtlicher Schönheit.

Michael Freerix

Marno Howald, Gegen den Wind (Timezone)

Der Liedermacher legt hier sein zweites Album vor. Aufgenommen wurde kurz vor der Coronapandemie. Diese hat ja bekanntlich so einige Kulturschaffende vorübergehend ausgebremst. Gegen den Wind enthält vierzehn Titel, live eingespielt auf der Akustikgitarre und unterstützt von der Geigerin Regina Mudrich. Der Gesang erinnert teilweise an Konstantin Wecker. Die Texte sind mal romantisch melancholisch, mal augenzwinkernd ironisch. Mal erzählt er von sich, mal vom Zustand der Welt.

Imke Staats

Emilie Isabelle, Erste Briefe (Eigenverlag)

Es ist ein erster Farbtupfer, der Beginn eines größeren Gemäldes. Mit ihrer vier Lieder umfassenden EP setzt die junge Liedermacherin ein erstes Ausrufezeichen. Ihre tiefgehende Lyrik kleidet sie mit Gitarre und Klavier in anspruchsvolle akustische Klangarrangements. Hier macht sich jemand auf, der das Spiel mit der Sprache lebt und mit feinem Gesang in andere Welten entführen kann.

Erik Prochnow

Srdjan Ivanovic, Xénos (Rue des Balkans)

Balkanklassiker erfreuen das Herz, wenn sie gut vorgetragen werden – und noch viel mehr, wenn sie zusätzlich originell arrangiert sind. Das ist hier der Fall, denn die Stücke wurden kräftig mit Rock aufgepeppt. Heraus ragen das authentisch albanische Klarinettenspiel von Robby Marshall und der Gesang von Jovana Krstevska, tendenziell überflüssig ist dagegen die Coverversion von „Ring Of Fire“.

Ines Körver

Manfred Jaspers, Nach all den Jahren (Stockfisch)

Manfred Jaspers aus Rendsburg spielt seit über fünfzig Jahren Folkmusik und demokratische Volkslieder, gerne auch auf Platt. Mit vielen Instrumenten vertraut, hat er sich bei seinem Alterswerk für die Gitarre und drei Begleitmusiker entschieden. Zumeist singt er Eigenes, aber auch Werke von Heine, Mahmud Darwisch, Nordahl Grieg und Octavio Paz, vom Kinderspiel bis zum letzten Frühling, einen Lebenskreis durchwandernd.

Rainer Katlewski

Jawa, Last Breaths From Aleppo (Muziekpublique)

Um die – im Allgemeinen orale – Sufitradition in Aleppo steht es aufgrund der jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen nicht zum Besten. Das siebenköpfige Kollektiv, bestehend aus fünf Instrumentalisten, einem Sänger und einem Tänzer, versucht auf seinem Erstling einige ihrer Perlen für die Nachwelt zu retten. Erfreulich sind neben der musikalischen Qualität die ausführlichen Infos zu jedem Stück.

Ines Körver

Lena Jonsson Trio, Elements (Nordic Notes)

Eine durchaus fordernde Mischung aus New Jazz und skandinavischer Folklore bieten Lena Jonsson und ihr Trio auf dem neuen Album Elements . Fordernd, weil die zwölf Songs die Konzentration beim Zuhören einfordern. Kann man sich aber darauf einlassen – am besten über den Kopfhörer –, entwickeln Stücke wie „Regnig Dag“ oder das ausgelassene „Happy Two Step“ einen ganz eigenen Charme. Stark!

Wolfgang Weitzdörfer

Herald K., Mythologies (Lindo Records)

Herald K. schreibt eigene Songs, doch bedient er sich in seinen Texten altüberlieferter Mythologien. Eben deshalb trägt dieses Album diesen Titel. Er spielt die akustische Gitarre, wird von akustischen Instrumenten wie Geige und Akkordeon begleitet. Mythologies ist sein zweites Album, es klingt sehr gebildet, vielleicht ein wenig steif, was nicht nur an den Themen seiner Songs liegt, sondern auch an der Art, wie er singt.

Michael Freerix

Katom, Katom (Hout Records)

„Future Folk“ nennt das Quintett aus Basel seine Musik. Der Folk bleibt dabei eher im Hinterzimmer. Katom ist eine Jazzband mit Popanleihen. Aufgrund der unterschiedlichen Herkunft der Mitglieder schaffen sie mit Trompete, Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug und Synthesizer einen Sound, der geografisch wie örtlich schwer einzuordnen ist.

Martin Steiner

James Kerry, Source (Eigenverlag)

Der englische Melodeonspieler veröffentlicht in seinen Mitzwanzigern sein erstes Soloalbum, begleitet von drei kompetenten Kollegen mit Gitarre, Fiddle, Viola und Mandoline. Instrumentalmusik der meist traditionellen Art, aber auch zwei Fremd- und vier Eigenkompositionen. Die Interpretation ist geradeaus, energiegeladen und frisch und lädt zum Tanzen ein. So soll es sein!

Mike Kamp

Emilia Lajunen, Vainaan Perua: Satavuotinen Sakka (Nordic Notes)

Die finnische Geigerin und Sängerin beruft sich auf längst verstorbene Spielleute und versucht, die alten Stücke und Lieder weiterzuentwickeln. Dabei hat sie sich mit Eero Grundström zusammengetan, dessen Elektronik- und Synthesizereffekte der Musik ganz neue Perspektiven geben. Unvergleichlich schön: Lajunens Gesang, besonders bei langen melancholischen Balladen.

Gabriele Haefs

Mohamed Lamouri, Méhari (Almost Musique)

An dieser Stimme scheiden sich die Geister: Die einen finden sie unkonventionell, die anderen eher unschön, jedenfalls ist sie sehr rau. Der Algerier Lamouri sang lange Zeit zu seinem Casio SA-75 in französischen U-Bahnstationen Raï-Klassiker und landete mit seinem ersten Album 2019 diverse Hits. Nun liefert er mit drei Mitmusikern fünf neue Coverversionen sowie sechs Eigenkompositionen.

Ines Körver

Juliette Lemoine, Soaring (Eigenverlag)

Das Cello dominiert, gefolgt vom Piano – ziemlich harte Kost. Die Instrumentalmusik der jungen Dame aus Schottland steht unter der Überschrift „Freiheit“, und entsprechend frei werden hier Tradition, Klassik und Jazz gemischt. Zum Quartett zählen ebenfalls Tenorsaxofon und Fiddle (Charlie Stewart mit Rebecca Hill, siehe separate Besprechung). Das bedarf einiger Konzentration, die sich jedoch lohnt.

Mike Kamp

Leo in the Lioncage, New Oceans (Eigenverlag)

Die neunköpfige Band um Sängerin Leonie Vierk verknüpft auf ihrem Debüt südamerikanische Rhythmen mit Reggae, Funk und Soul – und schafft so eine direkt in die Beine gehende Mischung, die in Songs wie dem fulminanten Opener „Break The Cage“ oder dem hitzigen „Cuba Street“ zeigt, dass Genregrenzen von gestern sind. Besonders überzeugen die fetten Bläsersätze und die smarte Gitarre.

Wolfgang Weitzdörfer

Les Yeux D’La Tête, Paris Berlin (Fais & Ris)

Livealben stehen im Ruf, mehr Atmosphäre, dafür aber eine miese Soundqualität zu bieten. Nicht so hier: Der bei Gigs in Deutschland aufgenommene Tonträger zum fünfzehnjährigen Bestehen der französischen Formation hat die Stimmung einer Liveaufnahme und trotzdem einen klaren Sound. Die Band bewegt sich mühelos und hörbar gut gelaunt zwischen Balkan Beats, Gypsy Swing, Flamenco, Rock und Polkapunk.

Ines Körver

Light in Babylon, On Our Way (Eigenverlag)

Auch auf ihrem vierten Album setzt das internationale Quintett (in Istanbul beheimatet, 2010 gegründet sowie vom Rudolstadt-Festival 2022 bekannt) seinen von Beginn an eingeschlagenen Weg mit Liedern über Wind und Sehnsucht, Heimat und Suche fort. Die Israelin Michal Elia Kakam (voc), der Franzose Julien Demarque (g) und der Türke Metehan Çiftçi (santur) werden ergänzt um Stuart Dickson (perc) und Priam Arnoux (b).

Matti Goldschmidt

James Lindsay, Torus (Eigenverlag)

Der Breabach-Bassist geht solo und präsentiert sich als totaler musikalischer Freigeist mit Nerdtendenzen. Folk ist auch im Mix neben Experimental, Rock, Jazz (ziemlich frei), Ambient et cetera, erschaffen von einem neunköpfigen Ensemble, wobei Lindsay vermutlich für die Kompositionen verantwortlich ist. Instrumentell, mit einer gälischen Gesangseinlage. Sozusagen das perfekte Breabach-Kontrastprogramm.

Mike Kamp

Dirk Loombeek, Flandern (Hörrausch)

Nach dem Schillerpark im Berliner Wedding auf seinem letzten Album zieht es den Berliner Fotografen und Sänger auf seiner sechsten Produktion nach Flandern, eine Gegend, für die Jacques Brel einst stand. Die Coronabeschränkungen haben ihn wohl verdrossen, viel Sehnsucht nach Kontakten und gelebter Normalität und nach Flandern durchzieht seine ruhigen, etwas düsteren Lieder.

Rainer Katlewski

Loveflowers, Golden Leaves (Mile Music)

Die dreiköpfige Band aus Südschweden hat sich um einen Bassisten und einem Multiinstrumentalisten verstärkt und diese 6-Song-EP produziert. Zwar haben sie die Genrebezeichnung Americana ins Bandlogo aufgenommen, aber ausgeliefert wird stiller, verspielter, psychedelisch angehauchter Rock.

Martin Wimmer

Gillebride MacMillan, Séimh – The State Of Calm (Eigenverlag)

Der gälische Sänger von der Insel Uist ist ein erfahrener Künstler und arbeitet für die Universität in Glasgow. Die Lieder sind ausnahmslos selbst geschrieben. Sie widersprechen dem Klischee, dass die gälische Sprache rückwärtsgewandt sei, denn die Themen sind durchaus zeitgenössisch. Hinzu kommt die geschmackvolle Begleitung mit etwa Piano, Whistle, Fiddle oder Gitarre. Ein feines Album.

Mike Kamp

Malaka Hostel, Gogo Vago (Rummelplatzmusik)

Der Titel des Albums ist eine Aufforderung, sich aufzumachen und Neues zu erleben und zu teilen. Diese Aufbruchstimmung durchzieht alle acht Kompositionen des Freiburger Ensembles, das auch auf seinem dritten Album wieder auf mehrsprachigen Gesang und ausgiebige Bläserparts setzt. Die sieben Weltenbummler bestechen durch eine große Leichtigkeit, die unterschiedlichsten Genres von akustischen Balladen bis Balkanbeat und Powerpolka in einem Song zu vereinen. Swingender Sound nicht nur für den Sommer.

Erik Prochnow

Gavin Marwick & Aaron Jones, Quaterdays – Candlemas (Journeyman Production)

Der Fiddler Gavin Marwick steckt nicht nur kompositorisch hinter diesem Projekt mit vier EPs in wechselnder Besetzung. Musikalisch gefeiert werden die vier schottischen Quaterdays etwa entsprechend der vier Jahreszeiten. Candlemas machte im Februar den winterlichen Anfang (ca. 22 Min.) und Marwick wird begleitet vom Cistervirtuosen Aaron Jones. Eine spannende Serie mit einem ernsten persönlichen Hintergrund.

Mike Kamp

Matjé, Sur Mon Dos (Label D’à Côté)

Der Chansonnier aus Saint-Malo stieß in seiner Jugend bei einem Festival der Hafenstadt auf den kreolischen Schriftsteller Raphaël Confiant. Diese Begegnung war der Ursprung für Matjés Idee, seine französischsprachigen Songs mit den Rhythmen der Tropen zu unterlegen. So wechseln sich eine Cumbia mit einem kongolesischen Soukous, einem Salegy aus Madagaskar oder einem Maloya der Insel Réunion ab.

Martin Steiner

Michael McGovern, Highfield Suite (Cauldron Music)

Endlich mal wieder ein richtig guter Singer/Songwriter mit seinem Debüt. Michael McGovern aus Glasgow plus fünf Begleiter (Gitarre, Bass, Piano, Pedal Steel, Saxofon) machen auch mal interessante Ausflüge in den Swing, aber in erster Linie leben die Songs von der variationsreichen Stimme McGoverns. Anspieltipp: „Isle of May“. Vielversprechend!

Mike Kamp

Steve Mednick, 1952 (Cottage Sound Recording)

Bluesgetränkter Hobbysongwriter aus Connecticut, der seinem umfangreichen Œuvre ein weiteres Album hinzufügt, von dem er sagt, es sei schon sein zwanzigstes. Der große Durchbruch wird dem über siebzigjährigen Anwalt aufgrund des mediokren Gesangs nicht mehr gelingen, aber lieber liberale Texte ohne Autotune als andersrum.

Martin Wimmer

Mesinke, Begegnung (Selma Records)

Nach 32 Jahren und fünf Studioalben spielt das Sextett nach wie vor Klezmer, manchmal zum Nachdenken, oft auch zum Tanzen inspirierend. Ihr sechstes (Konzept-)Album heißt mit vollem Titel „Begegnung – Lieder nach Texten von Hedwig und Franziska Lachmann“. Die jüdischen Schriftstellerinnen Hedwig (1865-1917) und Franziska Lachmann (1874-1947) stammten beide, wie die Gruppe, aus Krumbach (Schwaben).

Matti Goldschmidt

Mestizo, Mestizo (Mais Um Discos)

Mestizo mal anders. Hier trifft die Londoner Jazz- und Hip-Hop-Community in Bogotá auf die kolumbianische Currulao- und Cumbiaszene. Doch dominiert zu sehr der Jamsessioncharakter. Die Stücke wirken eher wie eine demokratische Abfolge der Beteiligten, und dabei ging die Qualität der Melodien und Songs oft drauf.

Hans-Jürgen Lenhart

Milou & Flint, Zwischen Gold, Grün & Pink (That Sunday Records)

Wer nach dem Opener „Kristallgefroren“ noch Sorge hat, dass das neue Album des Duos Milou & Flint entgegen dem Titel düster, traurig und melancholisch ausgefallen wäre, wird mit „Bin gleich zurück, Chéri“ oder „Bunt & laut“ eines Besseren belehrt. Die beiden Musikschaffenden haben, im Gegenteil, ein lebensfrohes, poetisches und zu keiner Sekunde langweiliges Stück Musik geschaffen.

Wolfgang Weitzdörfer

Mokoomba, Tusona: Tracing In The Sand (Outhere Records)

Ihr viertes Album haben die sechs Musiker aus Simbabwe während der Pandemie aufgenommen. Der Albumtitel ist eine Hommage an die Bräuche ihrer Vorfahren. Mathias Muzaza singt in verschiedenen lokalen Sprachen, wobei die Bandmitglieder nicht nur an Gitarre, Bass, Keyboards, Percussion und Drums, sondern auch als Vokalisten zu hören sind. Gäste auf dem Album sind die Bläser der ghanaischen Band Santrofi.

Christoph Schumacher

Ernst Molden, Möadanumman (Sony Music)

„Da hamma de Leich, woas oam oda reich, woas guad oda schlechd“. Dunkel ist’s in Wien, doch gelassen nimmt man’s hin. Der Tod kommt Fall auf Knall, so ist’s halt allemal. Ein Album voller Moritaten. Oft muss man schmunzeln darüber, was da alles geschieht und wie der Liedermacher es erzählt. Und wie er das mit seiner Stimme, Gitarre, Mundharmonika und Ukulele ganz allein locker und erdig hinlegt, ist eine Kunst.

Martin Steiner

Úna Monaghan, Aonaracht (Eigenverlag)

Was die irische Harfenistin und Komponistin auf Aonaracht präsentiert, ist Experimental Folk. Sie kombiniert auf sechs Songs in einer knappen Stunde klassische Instrumente mit Computersounds, Spoken Word und Klanginstallationen. Das ist nicht einfach anzuhören – und wird wohl nur eine eher spezielle Zielgruppe finden. Die wird Werke wie das fast zwanzigminütige „Traditional Architecture“ aber lieben.

Wolfgang Weitzdörfer

Chris Murphy, The Road And The Stars (Teahouse Records)

Chris Murphy gehört zu den profiliertesten Fiddlern der Americanaszene und zu den vielseitigsten, hat mit etlichen Stars auch über das Genre hinaus zusammengespielt, immer wieder aber auch gezeigt, dass er selbst erstklassige Songs schreibt. Auf dieser Kompilation kann man ihn kennenlernen, mit Aufnahmen von 2016 und 2017, die bereits auf seinen fünf [!] Alben aus diesen Jahren zu finden sind.

Volker Dick

Nihiloxica, Source Of Denial (Crammed Discs)

Das zweite Album der britisch-ugandischen Electro-Percussion-Gruppe gründet vor allem auf Frustration und Verachtung gegenüber der feindseligen Einwanderungs- und Freizügigkeitspolitik in Großbritannien und auf der ganzen Welt. Der musikalische Ausdruck des Debüts mit seinem hypnotischen Dancefloor-Techno bleibt eine blasse Erinnerung. Ein schmerzhaftes Protestalbum, das nachdenklich macht.

Christoph Schumacher

Nowbody Knows, Struwwelpeterlieder (Prosodia)

„Sieh einmal, hier steht er, / Pfui! Der Struwwelpeter!“ Wer kennt nicht dieses Intro des berühmt-berüchtigten Kinderbuchs von Heinrich Hoffmann von 1844? Wer es nicht mehr nur lesen oder sich vorlesen lassen will, kann es sich nun vorsingen lassen. Und das, wie man es von Nobody Knows aus Weimar seit zwanzig Jahren kennt: frech, schräg, etwas punkig. Texte im Beiheft.

Michael A. Schmiedel

Peter One, Come Back To Me (Verve Forecast)

Nach 38 Jahren ist es das offizielle „Comeback“-Debüt, das uns der Singer/Songwriter und Gitarrist auf seinem neuen Label präsentiert. Sein Weg führte ihn aus einem Dorf an der Elfenbeinküste schon in den Neunzigern nach Nashville, Tennessee. So erklingen ein Mix an amerikanischen Folk- und Country-Einflüssen sowie Liedtexte in Englisch, Französisch und afrikanischen Sprachen.

Christoph Schumacher

Salvatore Pace & Alessandro Gaudio, Passione Meridionale (Visage Music)

Die beiden Süditaliener bringen mit ihren Organetti (diatonische Akkordeons mit acht und achtzehn Bässen) die Basilikata, Kampanien und Kalabrien zum Klingen. Dazu gehören das Tamburello und weitere Percussioninstrumente. Ihr musikalisches Spektrum beinhaltet auch Walzer, Tango und ein wenig Reggaerhythmen, die sie mit ihrem Können nahtlos mit folkiger Italianità verschmelzen.

Martin Steiner

Gregory Page, Modern Man (Interrabang Records)

Page behauptet, für dieses Album jede Taste seiner Omnichord OM-250M ausprobiert zu haben. Man glaubt das nach vierzig Minuten zwischen Kinderkarussell, Kirmeskram und Kirchenorgel sofort. Ein zwiespältiges Vergnügen, seinem artifiziellen Gesang durch die irren Wendungen zu folgen. Mutiger Spaß von ihm und seinem Produzenten Jason Mraz, etwas mühsam für uns.

Martin Wimmer

Ellis Paul, 55 (Rosella Records)

Ellis Paul fühlte sich überaus inspiriert, als er die Beatles-Dokumentation Get Back ansah, und machte sich an die Produktion dieses Albums. Also, Beatles-haft ist hier nix, es handelt sich um durchaus traditionelles Singer/Songwriter-Material mit Americanaprägung. Flüchtig gibt es Momente, in denen auch George Harrison Gitarre spielen könnte, aber insgesamt ist Paul ein durchaus eigenständiger Songschreiber. Was bei seinem gesunden Alter und siebzehn Alben unter seinem Namen wohl auch selbstverständlich ist.

Michael Freerix

The Pawn Shop Saints, Weeds (Eigenverlag)

Der Songschreiber Jeb Barry steckt hinter den Songs der Pawn Shop Saints, die von seinem Kompagnon Josh Pisano produziert wurden. Spröde klingt Barrys Stimme, als wäre er der kleine Bruder von Jeff Tweedy. Deutlich hat sich der Lockdown in die Songs eingeschrieben und ist auch möglicherweise der Grund für die karge Produktion.

Michael Freerix

Marc Pendzich Feat. Tanja Jost, Von neuen Früchten (Vadaboé Music)

Marc Pendzich und Tanja Jost aus Hamburg machen sich in ihren poetischen Songs Gedanken über ihren Platz im Leben und auf der Welt, über vergangene und bestehende Lieben, Trauer und den Wandel der Zeit. Wie findet man zu sich selbst und seinen eigenen Rhythmus und lässt sich nicht nur treiben von den Zeiten oder den virtuellen Welten? Ein sanftes Album voller hingehauchter Fragen, mit verhaltener Begleitung.

Rainer Katlewski

Perlee, Speaking From Other Rooms (Backseat)

Das irische, wahlberlinerische Duo und Paar vertont quasi seine Situation Fernliebe während der Lockdownphase, als alle Beteiligten an anderen Orten der Welt saßen. Es entwirft Klänge, die der Zuneigung und Sehnsucht in ihren vielen Formen entsprechen. Hier stehen ausdauernde, repetitive und mit viel Hall versehene, vielschichtige Klangstränge dafür, mal sehr ruhig und gezogen, mal treibend, bestehend aus Gitarren, Gesang und Schlagzeug.

Imke Staats

Piceno, Einunddreissigfünf (Alley 2 Records)

Piceno, das sind die Gitarristen Ben Enzon und Peter Groesdonk. Ein frisches, modernes Repertoire findet sich auf diesem ersten und hoffentlich nicht letzten Duoalbum. Ausflüge in Popmusikgefilde, Funk, Jazz und Swing wechseln in loser Folge. Absoluter Knaller ist allerdings die unglaubliche Version des ersten Teils aus Keith Jarretts Köln Concert von 1975, musikalisch und klanglich nicht zu überbieten.

Rolf Beydemüller

Radio Europa, Secret Sounds And Hidden Treasures (Upsolute Music Records)

Sie wollen vereinen und Grenzen überwinden. Musikalisch gelingt dies der fünfköpfigen Formation eindrucksvoll. Neben Eigenkompositionen zwischen französischer Musette, Irish Folk, Balkanrhythmen, Gypsy Swing, Jazz sowie skandinavischen Klängen brillieren die mehrfach ausgezeichneten Musiker mit ungewöhnlichen Interpretationen traditioneller Folksongs wie der Romahymne „Djelem, Djelem“ oder klassischer Stücke wie Mozarts „Alla Turca“ und Brahms’ „Ungarischer Tanz Nr. 5“. Sehr hörenswert!

Erik Prochnow

Ralfe Band, Achilles Was A Hound Dog (Talitres)

„Folkpophymnen“ nannte das ein Kollege. Hm, kann man so beschreiben, obwohl der Folkanteil mikroskopisch ist. Zehn Jahre lang hatte Bandboss Oly Ralfe sein Projekt auf Eis gelegt, jetzt ist es mit zehn Songs und zwei Instrumentals wieder lebendig. Gitarre, Bass, Drums, Cello plus die zusätzliche Stimme Emma Faulkners gestalten die Songs, die durch schräge Texte und Spielfreude glänzen.

Mike Kamp

Ben Reel, Come A Long Way (Eigenverlag)

Auf seinem elften Album zieht der nordirische Songwriter, angestoßen durch die Coronazeit, eine persönliche Zwischenbilanz. Die Herkunft aus Irland macht sich kaum bemerkbar, Reel ist eher nach Amerika orientiert. Die kräftige Stimme erinnert an Roy Orbison, die Instrumentierung mit Anklängen an Rock, Blues und Gospel an Bruce Springsteen. Stilistisch kein Neuland, aber solide gemacht.

Almut Kückelhaus

Noga Ritter, Ima (Galileo MC)

Nach einigen Jahren mit der Formation Vocal Global brachte im Mai dieses Jahres die in England beheimatete israelische Jazzsängerin ihr erstes Soloalbum heraus, begleitet von einem vierzehnköpfigen Orchester. Das in englischer und hebräischer Sprache gesungene Werk ist Ritters kürzlich verstorbenen Mutter (hebr. ima ) gewidmet, die nach wie vor „aufschlussreiche Hinweise [gibt], uns selbst zu verstehen“.

Matti Goldschmidt

Runway 27, Left + Friends, Runaway 27, Left + Friends (Eigenverlag)

Das Akustikbluesduo der Wiener Musiker Erich Brandl und Anthony Kammerhofer erhält freundschaftliche Unterstützung an weiterer Gitarre/Bass und Percussion. Dadurch bekommt die Musik dann auch gleich mehr Tiefe und Schattierung. Nach wie vor ist alles selbst komponiert, im besten Sinne handgemacht und auf die Essenz reduziert.

Achim Hennes

Sähköpaimen, Hämärä (Nordic Notes)

Die drei Musikschaffenden mit Abschlüssen der Volksmusikabteilung der Helsinkier Sibelius-Akademie schöpfen aus der „Sammlung der alten Lieder des finnischen Volkes“ und verwenden historische Hirtenpfeifen, Holzhörner und die Klarinette Liru, vermischen diese mit piemontesischen Zaubersprüchen, finnischem Romagesang, Glocken und Tierlauten – und dem Synthesizer. Sähköpaimen heißt „elektrischer Hirte“, Eero Grundström hegt die archaischen Bestandteile elektronisch ein. Das Ergebnis ist stimmig, spannend, faszinierend und düster. Statt eines puren Experiments ist ein Zugang zur Geschichte entstanden.

Imke Staats

Nadine Maria Schmidt, Die Kinder an unseren Händen (BSC Music)

Das vierte Album der ausdrucksstarken Leipziger Sängerin und Texterin, das berührende Lieder über Krieg, Trauer und Flucht enthält. Die Kinder an unseren Händen begreift sie als Symbol für Liebe und Vertrauen, aber auch Verantwortung. Begleitet wird sie von ihrer Band Frühmorgens am Meer um den Komponisten Christoph Schenker und zahlreichen musikalischen Gästen mit Chansonpop, klassischen und jazzigen Klängen.

Reinhard „Pfeffi“ Ständer

Shakti feat. John McLaughlin, This Moment (Abstract Logix)

Vor beinahe fünfzig Jahren hob der britische Jazzgitarrist John McLaughlin mit dem indischen Tablavirtuosen Zakir Hussain das sensationelle Ensemble Shakti aus der Taufe, das in nie zuvor gehörter Weise klassische indische Musik und Jazzelemente fusionierte. Über die Jahre gab es mehrfache Umbesetzungen, aber Shakti ist auch heute noch äußerst lebendig und einzigartig. Sänger Shankar Mahadevan prägt den Sound des aktuellen Albums in besonderem Maße.

Rolf Beydemüller

Shono, Kolkhozoy Traktor (CPL-Music)

Wer immer schon einmal mitreißende Musik aus Burjatien hören wollte oder einfach nur Pagan Folk liebt, ist hier goldrichtig. Das Quartett kombiniert auf seinem zweiten Longplayer gekonnt die traditionelle Musik der Steppenregion an der mongolischen Grenze (Pferdekopfgeige, Yatag, Kehlkopfgesang) mit viel Rock ’n’ Roll und Groove (Bass, Schlagzeug). Archaisch und hypermodern zugleich.

Ines Körver

Kira Skov, My Heart Is A Mountain (Stunt Records)

Seit gut dreißig Jahren bewegt sich die dänische Indie- und Fusionmusikerin gekonnt zwischen den Genres Rock, Pop und Jazz. Nach dem Tod ihres Mannes, des Bassisten Nicolai Munch-Hansen, 2017 wollte die mehrfach prämierte Sängerin eine musikalische Auszeit nehmen, stürzte sich aber in noch mehr Projekte. Auf ihrem seitdem dritten Album hat sie ihren Optimismus wiedergefunden und singt in bewegenden, teils rockigen, teils melodiösen Balladen über die innere Zerrissenheit.

Erik Prochnow

Slow Leaves, Meantime (Make My Day Records/Indigo)

Der kanadische Singer/Songwriter und Multiinstrumentalis Grant Davidson aka Slow Leaves aus Winnipeg legt auf seinem weitgehend solo eingespielten neuen Album zehn nachdenklich-melancholische Americana-Songs vor, die vom Warten auf etwas Bedeutsames im Leben handeln. Unaufgeregt, laid back eingespielt, schmeicheln sich die Songs in die Gehörgänge, ohne allzu nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.

Ulrich Joosten

Ed Snodderly & The Shoestring Seven, Chimney Smoke (Majestic Records)

Nostalgische Countryfolknummern des Tennessee-Urgesteins. Jahrgang 1952, lässt er es ruhig angehen und schwärmt im entspannten Geschichtenerzählermodus von Sonnenschein, Flüssen und Bergen. Edelst umgesetzt mit Shawn Camp, Chris Scruggs, Kenny Vaughan in der Hausband, Gästen wie Gretchen Peters, Malcolm Holcombe und Amythyst Kiah, und produziert von R. S. Field.

Martin Wimmer

The Stokes, The White Album (DMG Germany)

Auch nach zwanzig Jahren bleiben die Stokes aus Norddeutschland ihrer Darbringung irischer Musik treu: Getragene Balladen und andere Lieder im Stil der Dubliners und der Dublin City Ramblers. Bei „The Green Fields Of France“ klingt es fast, als singe Ronny Drew im Refrain mit. Der hätte sicher seine Freude an dieser Platte. Alle Texte zum Mitsingen im Beiheft.

Michael A. Schmiedel

Anna Stucky, Flowers (Eigenverlag)

Wie weit ist es vom Geburtsort Kaiserslautern zum Wohnort Heidelberg? Songwriterin Anna Stucky nahm den langen Weg und bereiste erst mal die ganze Welt. Auf ihrer spartanischen Fünf-Song-EP singt sie nun mit altersreifer Stimme und großer Tiefe persönliche Texte von Suche und Befreiung. Kein Song, kein Ton zu viel, alles sitzt.

Martin Wimmer

Bianca Stücker & Mark Benecke, Songs Of Love And Sorrow (Eygennutz Records)

Es ist eine EP mit drei Stücken und zwei Remixen. Eingespielt von Sängerin und Multiinstrumentalistin Bianca Stücker (u. a. Violet) und Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen, Dr. Mark Benecke. Das todessehnsüchtige „Gloomy Sunday“, die irische Totenklage „I Am Stretched On Your Grave“ und von Amy Winehouse ihr bekanntes „Back To Black“ erklingen in Dark-Wave- und Dark-Folk-Manier. Interessante Zusammenstellung!

Piet Pollack

Susanne Sundfør, Blómi (Bella Union)

Die norwegische Sängerin hat in ihrer Heimat den Spitzenplatz der Charts schon abonniert – und auch ihr siebtes Album Blómi wird da keine Ausnahme machen. Es ist ein Album für ruhige Stunden im Herbst, darf gerne laut aufgedreht und bei Kerzenschein und Rotwein genossen werden. Anspieltipps: „Blómi“, „Alyosha“ und „Fare Thee Well“ mit seinen Saxofon- und Orgelsoli.

Wolfgang Weitzdörfer

Sun Years, Come Fetch My Soul (Yep Roc Records)

Neue Wege für den Gitarristen und Sänger des Indierocktrios Peter Bjorn and John. Peter Morén präsentiert mit seinem aktuellen Projekt zehn melodische Popsongs, die das Flair der Hippiezeit verströmen. So singt er etwa in „Last Night I Dreamt I Met Phil & Don“ von einer Traumbegegnung mit den Everly Brothers. Das Album ist geprägt von eingängigen Gitarrenparts und einfühlsamen Harmoniegesang. Besonders hervorstechend sind die Duette mit Indiemusikschaffenden wie Ron Sexsmith, Jess Williamson, Fruit Bats sowie Ren Harvieu und Kathryn Williams.

Erik Prochnow

Sutcliffe, Marie Byrd Land (Steeplejack Music)

Ein Instrumentalalbum voller Überraschungen: Das Quintett aus Nürnberg schafft atmosphärische Soundtracks einer Reise zu unbekannten Orten. Elektrische Gitarre, Bass und Schlagzeug treffen auf elektronische Sphären und Spoken Word. Wie Filmmusik fließen die Stücke entspannt und doch subtil spannungsgeladen. Die Band spielt das Klanguniversum fürs Kopfkino – avantgardistisch unkonventionell.

Udo Hinz

Svøbsk, Sorgenfri (GO’ Danish Folk Music)

Maren Hallberg Larsen und Jørgen Dikmeiss, die das Duo Svøbsk bilden, spielen Akkordeon, Geige und Viola. Alle Stücke auf diesem Album sind Eigenkompositionen im traditionellen Stil. Die beiden stammen von der Insel Fünen, sind musikalisch aber überall in Dänemark zu Hause. Mal geht es sanft und traurig zu, dann kommt Musik zum Schunkeln, und so geht es weiter, hin und her und immer von virtuoser Schönheit.

Gabriele Haefs

Riccardo Tesi, La Giusta Distanza (Visage Music)

La Giusta Distanza , der richtige Abstand zwischen Nähe und Distanz. Geografische Grenzen kennt der Toskaner nicht. Von seiner Heimat aus reist er mit seinem diatonischen Akkordeon über Messina, Santiago de Compostela, Bukarest nach Mexiko. Mit dem Gitarristen Vieri Sturlini, Francesco Savoretti (Percussion) und weiteren Gästen schafft er vom Anfang bis zum Ende des Albums ein organisches Ganzes. Eine Ohrenweide.

Martin Steiner

Tigh Choilm, Ceol Na gCualáin (Clo-Iar-Connacht)

Ein liebevolles Zeitdokument mit einer Zusammenstellung von Aufnahmen von RTÉ Radio na Gaeltachta, Performances von verschiedenen Mitgliedern der Familie Chualáin aus Carna in Connemara. Viel Akkordeon, mitunter auch Uilleann Pipes sind in gehobener Field-Recording-Qualität zu hören. Erwähnenswert ist vor allem ein neu aufgenommenes Set zweier ungewöhnlicher Jigs, Inis Bearachain/Three Deer & A Hare“. Für Irish-Folk-Nerds mit historischem Interesse.

Johannes Schiefner

Jean-Luc Thomas & Gab Faure, Gwiad (Hirustica)

Der Flötist Jean-Luc Thomas und der Geiger Gabriel Faure bilden ein neues Duo. Die erfahrenen französischen Musiker spielen Folkmusik, von bretonisch bis brasilianisch, traditionell und selbst geschrieben, mit viel Raum für Improvisationen. Das ist keine Musik zum Nebenbeihören, sondern solche, die mehrmaliges Hören belohnt. Erschienen ist das Album auf Thomas’ eigenem Label Hirustica.

Christian Rath

Tingo, Kvartetten Fra Verdens Ende (GO’ Danish Folk Music)

Das Quartett Tingo stammt gar nicht vom Ende der Welt, sondern aus Dänemark, und verortet sich irgendwo zwischen Volksmusik und Jazz. Klanglich überwiegen die Jazzeinflüsse, dafür sorgt schon die Instrumentierung (Kornett, Trompete, Altsaxofon, Schlagzeug). Die dänische Tradition ist eher selten herauszuhören, aber alles klingt harmonisch, ein bisschen wie Jazzfrühschoppen beim Straßenfest.

Gabriele Haefs

Dan Tuffy & Song Crew, Country Star (Smoked Recordings)

Sehr luftig in den Niederlanden produziert sind die neuen Songs des Australiers Dan Tuffy, der schon lange am Ärmelkanal lebt. Seine rauchige Stimme intoniert den ersten Song „Don’t Smoke In Bed“, und man weiß nicht, ob das ironisch gemeint ist, so sehr klingt Tuffy wie ein starker Raucher. Aber es scheint doch, als würde er die Welt um sich herum mit milder Ironie betrachten. Seine Songs haben Charme, der von einer milden Melancholie getragen wird.

Michael Freerix

Unojah, Live-EP (Eigenverlag; Vinyl)

2016 gegründet, präsentiert die dem Sufismus zugeneigte Combo einen Mix aus Reggae und Ethnopop. Zudem greifen die fünf Freiburger Einflüsse aus Ska, Latin, Hip-Hop und orientalischer Musik auf. So auch auf dieser in zwei Tagen in einem Baseler Secondhandkaufhaus aufgenommenen EP, die stellenweise nach Manu Chao klingt. Gesungen wird unter anderem auf Englisch, Spanisch und Arabisch.

Ines Körver

Marcos Valle, Nova Bossa Nova (Far Out Recordings)

Wiederveröffentlichung des Comebackalbums von 1998 zum diesjährigen achtzigsten Geburtstag Marcos Valles. Hier mischte der Meister brasilianische Rhythmik mit Acid Jazz und Funk, machte aus dem Bossa Nova eine tanzbare Musik und wurde damit zum Vorbild für Brazilectro und zeitgemäßem Brasiljazz. Die 25 Jahre merkt man dem Album kein bisschen an. Dominierendes Instrument ist das Fender-Rhodes-Piano.

Hans-Jürgen Lenhart

Dieter Vatter, Liedermacher (Musikzentrale Nürnberg/Eigenvertrieb)

Aus dem Fränkischen ist Dieter Vatter schon seit Jahrzehnten musikalisch in verschiedenen Formationen und solistisch unterwegs. Jetzt gibt es seine erste Veröffentlichung als Liedermacher mit kritischen Songs zur Gitarre. Raue Stimme, kantige Texte über Ungerechtigkeiten, Duckmäusertum, Aluhüte, Neonazis und Kriege. Anknüpfend an die Siebziger, Protestsongs gegen die Widrigkeiten der Welt.

Rainer Katlewski

Jenni Venäläinen, Melkutus Party (Nordic Notes)

Die Kantele war bisher eher für ihren ätherischen Klang bekannt als für Partytauglichkeit. Die Sibelius-Akademie-Absolventin Jenni Venäläinen lässt uns nun umdenken. Die Finnin kombiniert ihre diversen Kastenzithern geschmackvoll mit allerlei computerbasierten Sounds und Rhythmen und erzeugt mit den neun, meist instrumentalen und oft auf alten Melodien basierenden Tracks eine regelrechte Dancefloor-Trance.

Ines Körver

Vesselill, Til Kirsten (GO’ Danish Folk Music)

Was für ein schöner Bandname, er bedeutet so ungefähr „Kleineklein“, und so nennen sich drei dänische Sängerinnen und Musikerinnen. Liden Kirsten, die „kleine Kirsten“, tritt in unendlich vielen dänischen Liedern auf. Die wechseln sich hier mit Instrumentalstücken ab. Die Songs sind allesamt traditionell, die Instrumentals selbst geschrieben. Wunderschön das alles, und wohlklingend dänisch.

Gabriele Haefs

Sören Vogelsang, Optimismus Prime (Pretty Noise Records)

Der Schauspieler, Comedy-Man und ehemalige Mittelaltermarktbarde hat für sein drittes Album an Tempo zugelegt und durch die Art der Produktion ins Fach Chanson/Pop gewechselt. Er präsentiert Lebensweisheiten dynamisch-poppig, der schlagerhafte Sound wird durch die gewitzten Texte relativiert. In denen geht es um Aufschieberitis („Irgendwann zu spät“), die Authentizität des Unperfekten („Fleck“) oder um eine positive Einstellung zum Leben, wie im Titelsong.

Imke Staats

M. Ward, Supernatural Thing (Anti-Records)

Seit seinem Debüt 1989 nimmt Matthew Ward seine Alben auf einem Vierspurgerät auf. Das verleiht dem Sound von Supernatural Thing einen ausgesprochenen Retrocharm, selbst wo mit durchdachten Geigenarrangements aufwendig durchproduziert wurde. Gelegentlich machen seine Alben Ausflüge in den Barjazz, so auch hier. Das wirkt nicht sehr zwingend, unterstützt aber die entspannte Atmosphäre der Musik.

Michael Freerix

Westward the Light, Flow Country (Braw Sailing Records)

Zweites Album des schottischen Quartetts in der schwerpunktmäßigen Besetzung Fiddle, Viola, Gitarre und Piano. Geradeaus produzierte Instrumentalmusik, die sich nie weit von dem entfernt, was die Band live bietet. Ein kräftiger und sehr voller Sound sowie eine Mischung aus meist traditionellem Material plus eigene Stücke, wirkt auf der großen Bühne und im Club. Produziert von Mattie Foulds.

Mike Kamp

Yamma, Rose Of The Winds (Eigenverlag)

Mit zwei Auftritten auf dem Rudolstadt-Festival 2023 präsentierte das aus Israel stammende Quintett sein nun viertes, bereits 2020 erschienenes Album auch bei uns. Talya G. A Solan (voc), Aviv Bahar (b), Nur Bar Goren (perc), Avri Borochov (b) und Yonnie Dror (cl) spielen orientalische sowie mit traditionellen jüdischen Klängen vermischte, wunderbare Eigenkompositionen, darunter etwa das mitreißende „Ga’agu’ai“ („Meine Sehnsüchte“).

Matti Goldschmidt

Yarákä, Curannera (Zero Nove Nove)

Der Name des Trios bedeutet auf Tupi-Guaraní, einer ausgestorbenen Indigenensprache Brasiliens, „Wasser, Luft, Feuer und Erde“. Ausgehend von der apulischen Hafenstadt Taranto verbinden Yarákä mit Gesang, Gitarre, Saz, Berimbão, Flöte und vielen Percussioninstrumenten die Rhythmen Süditaliens mit deren afrikanischen Einflüssen. Lautstärke voll aufdrehen, aufstehen und abtanzen bis zur Ekstase!

Martin Steiner

Yusuf/Cat Stevens, King Of A Land (BMG/Cat-O-Log Records)

Sein fünftes Album, seit er 2006 als Yusuf wieder auf der musikalischen Bildfläche erschien, wurde mit über zwanzig Musikschaffenden in sechs Studios aufgenommen, musikalisch zwischen Folk, Country und Rockmusik, teils hemdsärmelig zupackend, teils pompös überproduziert und unnötig mit Orchesterklängen angedickt. Überzeugend immer dann, wenn er seine Songs mit kleinem Besteck serviert. Die Qualität von Teaser And The Firecat erreicht er (natürlich) nicht.

Ulrich Joosten

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