Rundum gelungen
1725 veröffentlichte der italienische Komponist Antonio Vivaldi sein berühmtes Werk Die Vier Jahreszeiten. Dieses Jubiläum letztes Jahr war Anlass für die schottische Fiddlerin Isla Ratcliff herauszufinden, wie Vivaldis Werk wohl in Schottland geklungen hätte. Dazu nahm sie die Originalmelodien und veränderte Taktarten, Harmonien oder die Struktur. Oder sie nahm Vivaldis Akkordfolgen und schrieb eigene Melodien dazu. Mit anderen Worten: Sie ging sehr frei mit der Vorlage um, ohne sie jedoch völlig zu verfälschen. Wenn ich in letzter Zeit ein rundum gelungenes Gesamtkunstwerk gesehen und gehört habe, dann ist es dieses. Da ist zum einen die Optik. Für Fotos und Grafik ist Elly Lucas zuständig, eine absolute Größe auf der schottischen Szene. Da sind zum anderen Ratcliffs Gedichte. Auch Vivaldi basierte seine Melodien auf Poesie, bei Ratcliff tragen sie entscheidend dazu bei, die schottischen Zusammenhänge herzustellen. Und da habe ich noch gar nicht von der Musik gesprochen, die Ratcliff für ein quasi historisches Ensemble geschrieben hat, bestehend aus sechs ausgesprochen bekannten Damen und dem Kontrabassisten Charlie Stewart. Wenn wir das wunderbar ansprechende Drumherum mal ignorieren, die Augen schließen und uns auf die Musik konzentrieren, dann, ja, dann ist die Musik nicht mehr italienisch, sie ist diffizil, verspielt, komplex und ganz klar schottisch. Das liegt nicht nur an den Zitaten von Reels, Jigs oder Polkas, sondern auch an der Atmosphäre. Man hört die verspielten Bewegungen der Lämmer im Frühling ebenso wie den typischen und unbeliebten Mückenschwarm. Interessant im Zusammenhang mit den Jahreszeiten sind Ratcliffs deutliche Hinweise auf das sich verändernde Wetter, sprich Klimawechsel. Und als Sahnehäubchen schließt das Album mit der typischen Beschreibung des schottischen Wetters in „Four Seasons In One Day“ mit vier Zitaten aus den vorhergehenden Melodien. Muss man Vivaldis Vier Jahreszeiten kennen, um die Musik zu genießen? Nein, auf keinen Fall, aber es hilft durchaus, Ratcliffs kompetente und engagierte Arbeit in Sachen Komposition und Arrangement zu würdigen. Zeitlose schottische Musik!
Mike Kamp






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