Absinto Orkestra, Rot (Exo10 Records)
Die Balkanbeat-Truppe aus dem Rhein-Main-Gebiet holte sich diesmal Gäste wie Lulo Reinhardt, Thomas Rohoska oder Joscho Stephan sowie einen energiegeladenen Drummer und pumpende Balkanbläser ins Studio. Das überzeugende Resultat: Wild treibender Gypsy-Punk trifft auf Tom Waits, glühender Flamenco auf fetzigen Big-Band-Sound. Dies Album berstet vor Spielfreude, geht ab, macht Spaß und ist mächtig tanzbar.
Udo Hinz
Ailá, Sansolimón (Karonte)
Das zweite Album des von vielen, teils internationalen Gästen umgebenen Quartetts aus dem an Musiktraditionen so reichen Galicien wird viele Folkfans beglücken. Fast nichts aus dieser vitalen Folkloreszene vermag so recht zu enttäuschen. So auch das heitere, gut tanzbare Miteinander von Gesang, Akkordeon, Dudelsack, Pandeiro und anderer Percussion, Trompete, Flügelhorn, das viel Liebe zur Tradition atmet, ohne museal anzumuten.
Katrin Wilke
Kai Degenhardt, Arbeiterlieder (Plattenbau)
Das Album erschien parallel zum Buch Wessen Morgen ist der Morgen – Arbeiterlied und Arbeiterkämpfe in Deutschland von Kai Degenhardt (siehe Rezension hier ). Sie enthält bekannte Songs wie das „Solidaritätslied“ von Brecht/Eisler, Erich Mühsams „Der Revoluzzer“ oder Weinerts „Der rote Wedding“, aber auch unbekanntere historische sowie zum Schluss zwei eigene Lieder, die Degenhardt sparsam, nur mit Akustikgitarre, interpretiert.
Reinhard „Pfeffi“ Ständer
Helena Deland, Goodnight Summerland (Chivi Chivi Recods)
Elf folkige Songs mit Beobachtungen über den Schmerz der Trauer und den Lauf der Zeit. Die junge Singer/Songwriterin aus dem kanadischen Montreal, gesegnet mit einer hellen Stimme wie Samt und Seide, begleitet sich auf ihrem zweiten Album in songdienlichen Arrangements meist selbst auf der Gitarre, mit gelegentlichem dezentem Einsatz von Percussion oder Piano. Ein Album, das nachhallt. Herzerwärmend!
Ulrich Joosten
Amin Al Aiedy, Shams (Musique en balade)
Der junge französisch-irakische Multiinstrumentalist (Oud, Kontrabass, Ney etc.) mit einem ordentlichen Maß an Orchestrierungs- und Jazzerfahrung konzentriert sich auf diesem Album auf die Oud und präsentiert im Quartettformat neun eigene – teils sonnige, teils dramatische, aber immer atmosphärische – Werke zwischen imaginärer Folklore, Jazz, Klassik und Filmmusik.
Ines Körver
Andreas Albrecht, Nach außen, nach innen (Silberblick Musik)
Bittersüß sind die Songs des Berliner Liedermachers, voller Ambivalenzen, Brüche und Widersprüche, auch gezieltem Zynismus, und deshalb gerade so stimmig. Die Leugnenden, Querdenkenden und Abstaubenden auf der einen Seite, die Träume, die eigene Entwicklung, der Nachwuchs und dessen Entwicklung auf der anderen Seite. Scharf beobachtet, nüchtern beschreibend, musikalisch flott umgesetzt.
Rainer Katlewski
Anikuni, Seelenschwingen (Pfalz Records)
Mit seinem Debüt will das Duo zum Mitsingen und Mitschwingen einladen. Wie bei ihren Mitsingkonzerten präsentieren Sängerin Kirsten Gödeke und Multiinstrumentalist Paul Reinig dazu Mantras und Lieder aus aller Welt. Ihre Reise führt von Südamerika über den Nahen Osten zu den nordamerikanischen Indianern, weiter nach Deutschland, Schweden und Westafrika. Wer sich darauf einlässt, wird entdecken, wie heilsam Singen und Musik sein können.
Erik Prochnow
Cristina Branco, Mãe (O-tone Music)
„Ich bin noch nie so tief in den Fado eingetaucht wie hier.“ Der Mutterschoß ist ein Rückzugsort, der Sicherheit gibt. Cristina Brancos Mutterschoß ist der Fado. Auf ihrem achtzehnten Album taucht sie tief in seine Seele ein. Wichtig dabei sind wie immer die poetischen Liedtexte, etwa von Fernando Pessoa oder der blutjungen Sängerin Teresinha Landeiro. Die Stimme der Fadista berührt wie immer.
Martin Steiner
Frank Breburda, Was zählt (Eigenverlag)
Frank Breburda singt Landlieder aus Niedersteinebach im Westerwald bzw. englische Countrysongs from Downstonesriver, beides mit einem Schuss Romantik und Melancholie zu Gitarre und Banjo. Nachdenkliches, Besinnliches, Heiteres, Balladen, und Roadsongs – nach der Pandemie will manches neu bedacht werden. Stimmungsvolle Lieder, die seine Art sich des Lebens zu erfreuen, sympathisch widerspiegeln.
Rainer Katlewski
Wayne Brereton, The Robin’s Call (Eigenverlag)
Der Sänger der irischen Folkrocker Cardinal Sins legt hier ein erstes, kurzes Soloalbum vor. Für sein Herzensprojekt als Weg aus einer gesundheitlichen Krise wählte Brereton sieben überwiegend traditionelle Songs, um die Verbindung zu seinen Wurzeln darzulegen. Vier weitere Mitwirkende lassen sie wie Aufnahmen einer Band klingen. Eine überzeugende Stimme und feine akustische Arrangements.
Almut Kückelhaus
Danny Bryant, Rise (Jazzhaus Records)
Seit 25 Jahren veröffentlicht der britische Bluesrocker Danny Bryant in schöner Regelmäßigkeit Alben, die immer zu den herausragenden Beispielen in diesem Genre zählen. So auch diesmal: Neben starkem Songwriting, ausdrucksstarkem Gesang, perfekt gespielter Bluesrockgitarre und dem geschmackvollen Einsatz einer Bläsersektion und von Backgroundgesang bleiben keine Wünsche offen. Perfekt und mitreißend!
Achim Hennes
Yilian Cañizares, Habana-Bahia (Planeta Y)
Die kubanische Geigerin und Sängerin ist für Latin Pop zu anspruchsvoll, für Jazz zu poppig, als Geigerin zu sehr Sängerin, als Sängerin eher am musikalischen Arrangement interessiert. Ihr Album ist den gemeinsamen Wurzeln Afrikas, Kubas und Brasiliens verpflichtet. Sie macht dies mit einer sphärischen, dennoch rhythmischen und komplexen Musik, die auch stylishe Studioeffekte beinhaltet.
Hans-Jürgen Lenhart
C. K. Baker Band, Find Your Way (Eigenverlag)
Von düster-atmosphärisch bis heiter-beschwingt reicht die Bandbreite des zweiten Albums von Carlos Baker, der aus Massachusetts stammt, Etliches an menschlichen Herausforderungen gemeistert und schon von daher viel Stoff für seine Songs angesammelt hat. Mit seiner Band liefert er rootsbasierte Rockmusik, die auch Ohrwurmqualitäten entfaltet, etwa im Titelstück. Ein überzeugender Vortrag.
Volker Dick
Creation Rebel, Hostile Environment (On-U Sound)
Die frühere Hausband des Dub-Labels On-U Sound taucht vierzig Jahre nach ihrem letzten Album unvermutet wieder auf. Zwischen einschmeichelnden Melodien und spacigem Psychedelic-Dub ist einiges drin, was das Dub-Herz begehrt. Irgendwie setzt Produzent Adrian Sherwood nach Horace Andy nun erneut auf die Methode „alter Wein in neuen Schläuchen“, zudem sich seitdem an technischen Möglichkeiten viel getan hat.
Hans-Jürgen Lenhart
Kaurna Cronin, Make Light (Popup Records)
Dieser australische Folkrocker bringt mit seinen Songs Licht in den Alltag. Cronins introspektive Songs über sein eigenes Leben bringen die Seele zum Tanzen. Der Songschreiber hat ein Gespür für Melodien, die im Ohr bleiben, und Klänge, die vor Leichtigkeit schweben. Seine weiche Stimme, Gitarren, Mundharmonika, Streicher und eine federnde Rhythmusgruppe – und plötzlich geht die Sonne auf.
Udo Hinz
Danish Fiddle Quartet, Nattens Favn (Go Danish Folk Music)
Das dänische Quartett kommt klassisch daher, und der Blick auf die Titelliste erklärt alles: Einige Stücke stammen von Carl Nielsen (1865-1931), der als bedeutendster dänischer Komponist überhaupt gilt. Jørgen Dickmeiss wollte schon lange ein Album mit Kammermusik einspielen, und hier hören wir das Resultat. Wunderschöne Musik, und immer wieder sind auch deutliche Folkanklänge herauszuhören.
Gabriele Haefs
Daniele di Bonaventura Band’Union & Ilaria Pilar Patassini, Italia Folk Songs (Visage Music)
Der Akkordeonist Daniele di Bonaventura und seine Gruppe intonieren acht Lieder aus Ligurien, dem Piemont, Latium und Kampanien bis zur Basilikata. Zwei weitere stammen aus Sizilien und Sardinien. Das Album beweist, wie reichhaltig und unterschiedlich die Volksmusik Italiens ist. Die klare Stimme von Ilaria Pilar Patassini und die leicht jazzigen Arrangements prägen das Werk.
Martin Steiner
Alex Diehl, Das ist keine Übung (BigDiehlRecords)
Der Singer/Songwriter Alex Diehl, der immer ein wenig an Heinz Rudolf Kunze erinnert, legt mit Das ist keine Übung sein sechstes Album vor – und erweist sich damit als durchaus fleißiger Komponist. Denn das erste Album, Ein Leben lang , kam gerade einmal 2014 heraus. Das neue Werk zeigt den Traunsteiner, wie man ihn kennt – als Geschichtenerzähler mit Hang zum Dramatischen.
Wolfgang Weitzdörfer
Batsükh Dorj, Ögbelerim (Routes Nomades)
Khöömei, das ist der charakteristische Kehlgesang der Tuwiner, eines Volkes, das an der nordwestlichen Grenze zur Mongolei beheimatet ist. Batsükh Dorj lebt in Tsengel, am Fuß des Altaigebirges. Gemeinsam mit dem französischen Klangforscher Johanni Curtet hat er sich auf eine aufregende musikalische Reise begeben, immer nah den Quellen der Tradition. Lieder und Instrumentalstücke aus einer fernen Region dieser Welt.
Rolf Beydemüller
Jude Edwin-Scott, Rambling Rose (Bellyhead 9 Records)
Das siebte Album des Singer/Songwriters, der aber auch wirklich alles selber macht: Die Songs und den Gesang (natürlich!), aber auch die Gitarre (akustisch und elektrisch), Mandoline, Violine und Percussion, alles selbst eingespielt. Die Songs sind eingängig und sparen ernste Themen wie das Grenfell-Tower-Feuerdesaster in London oder die oft tödliche Reise von Flüchtlingen nicht aus. Empfehlenswert!
Mike Kamp
Dominique Fils-Aimé, Our Roots Run Deep (Ensoul Records)
Auf dem ersten Album einer neuen Trilogie setzt die Juno-Preisträgerin aus Montreal ihre Suche nach (auch ihren eigenen) Wurzeln afroamerikanischer Musik in Blues, Jazz und Soul fort. Opulent instrumentiert, aber sparsam eingesetzt, bilden Bass, Drums und Percussion, gelegentlich Bläser und Keyboard, das Fundament für kunstvoll verwobene Vokalschichten und überragenden Sologesang Fils-Aimés. Einzigartig!
Ulrich Joosten
Folksänger Gunnar Wiegand, Mahlsand (Prosodia)
Gunnar Wiegands Heimatort Salzhemmendorf liegt nicht unbedingt am Meer, aber nicht weit von der Weser, und eines der Lieder des Albums thematisiert die Arbeit der Treidler an diesem Fluss, die anderen die Arbeit an und auf und auch unter der See. Deutschsprachige Seemannslieder zur Gitarre, teils mit musikalischen Gästen, die vor allem die Härte und Gefahr dieser Lebensweise darstellen und dennoch oft fröhlich klingen.
Michael A. Schmiedel
Roberto Fonseca, La Gran Diversión (3eme Bureau)
Der exzellente Jazzpianist aus Havanna sagte der Rezensentin vor Jahren mal, dass seine Musik just nicht das Partykuba verkörpere. Doch diesmal geht es schon – mit von ihm gewohntem Können – in die uns bekannteren, klischee- und traditionsnäheren Gefilde der Inselmusik. Der Amüsement-Albumtitel mutet fast etwas zynisch an angesichts des ökonomisch wie soziopolitisch extrem widrigen Daseins seiner Landsleute.
Katrin Wilke
Ganna, Kupala (Berthold Records)
Die in Berlin lebende ukrainische Sängerin Ganna Gryniva überrascht mit einem Soloalbum, auf dem sie gelegentlich vom Schweizer Schlagzeuger Julian Sartorius begleitet wird. Die geloopten Stimmen, gesungen, geflüstert, entführen in eine hochmoderne, elektronisch reizvoll angereicherte Klangwelt. Dass dem Ganzen traditionelle ukrainische Volksweisen zugrunde liegen, ist unüberhörbar. Atemberaubend schön!
Rolf Beydemüller
Geraldino, Känguru (Eigenverlag)
So ein kleines Schnibbeldibabbeldibub zwischendurch braucht jeder mal, findet Gerd Grashaußer alias Geraldino aus Nürnberg. Seine poppigen Kinderlieder erzählen spinnerte Geschichten, gerne von Tieren mit ungewöhnlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten in ungewöhnlichen Situationen. Ziemlicher Blödsinn lauert bei ihm überall, mitsingen ist erwünscht bei der Musik für Kids, und ein munteres Schnibbeldibabbeldibub geht immer.
Rainer Katlewski
Good Lovelies, You Will Never Be The Same (Outside Records)
Die Juno-Award-Gewinnerinnen Kerri Ough (voc, ac-g, bj, keys), Caroline Brooks (voc, ac-g, e-g) und Sue Passmore (voc, ac-g, b, perc, keys), drei großartige Sängerinnen aus dem kanadischen Ontario, beeindrucken auf ihrem fünften Studioalbum mit zwölf selbst geschriebenen Songs. Gänsehauttreibender Sologesang, angereichert mit Vokalharmonien der Extraklasse, in glänzenden Arrangements zwischen Country und Popfolk.
Ulrich Joosten
Tayfun Guttstadt, Tarâpzâde (Good&Lovely Records)
Der in Hamburg aufgewachsene Deutschtürke Tayfun Guttstadt ist in Berlin ein gefragter Neyspieler. Dass er auch singen kann, stellt er mit diesem Tonträger, unterstützt von diversen musikalischen Gästen, klar. Dabei verschmilzt Guttstadt orientalische und westliche Elemente, insbesondere Elektronikbeats. Mit seiner mystischen Melange steht er etablierten Klangtüftlern wie Mercan Dede in nichts nach.
Ines Körver
The Handsome Family, Hollow (Milk & Scissors)
Elftes Studioalbum der Eheleute Brett und Rennie Sparks. Sie bleiben ihrem Gothic Folk treu, diesmal eine Spur fröhlicher ausgeführt mit Ausflügen in Bluegrass und Country. Geistergeschichten, Tagträume, düstere Szenen aus der Nachbarschaft. Als hätten Sonny und Cher in Zeitlupe den Soundtrack zu einem Film von Ulrich Seidl eingespielt.
Martin Wimmer
Glen Hansard, All That Was East Of Me Is West Of Me Now (ANTI- Records)
Er klingt wild, rau, aufwühlend, provozierend, manchmal verstörend. Vier Jahre nach seinem eher ruhigen letzten Folkalbum meldet sich der irische Singer/Songwriter mit rockigen und elektronischen Klängen zurück. Hansard hat sich erstmals solo auf die Wurzeln der Frames besonnen, der Band mit der er vor allem in Irland große Erfolge erspielte. Geboren aus der Erkenntnis, dass mehr Lebenszeit hinter ihm als vor ihm liegt, demonstriert Hansard energiegeladen, dass es noch viel in der Zukunft zu entdecken gibt.
Erik Prochnow
Angelika Hansen & Thomas Loefke, Norðan 2 – Celtic Harp and Nordic Fiddle. North Atlantic Soundscapes (Laika Records)
Man mag es kaum glauben, dass die raue See des Nordatlantik eine so sanfte, verträumte Musik hervorbringt, aber Thomas Loefke ist ja bekannt für seine Harfenmusik der nordwesteuropäischen Inselwelt. Und hier musiziert er mit der färöischen Geigerin Angelika Hansen (vormals Nielsen) vortrefflich zusammen. Zum Dahinschmelzen!
Michael A. Schmiedel
Claire Hastings, Lullabies From Scotland (Luckenboth Records)
Man kann sich das gut vorstellen, wie Claire Hastings ihre junge Tochter Nuala mit diesen Liedern und ihrer wunderbaren Stimme, begleitet von der Ukulele, in den Schlaf singt. Hier allerdings klingen diese Gute-Nacht-Lieder wesentlich anspruchsvoller, was nicht zuletzt dem Produzenten und Arrangeur Innes White (siehe auch Artikel auf Seite 24) zu verdanken ist. Aufgenommen übrigens von Carla Feuerstein!
Mike Kamp
Heated Land, Forest Tapes (K&F Records)
Ein Haus am Waldrand in Süddeutschland. Sechs Musikerinnen und Musiker um den Songwriter Andreas Mayrock versammeln sich um ein Mikrofon und singen Songs ein ohne Overdubs und Effekte. Entstanden ist ein Album voller stimmungsvoller Songs mit dezentem Americana-Flair, gefühlvoller Geige und Saxofon. Derart natürlich eingespielte akustische Musik hat man lange nicht gehört – ein audiophiler Tipp!
Udo Hinz
Frank Heinkel, Bliss (Open Roads)
Ganz seiner Intuition folgend, versenkt sich Frank Heinkel meisterhaft in den Klang der westafrikanischen Harfe Kamale Ngoni, einer kleinen Schwester der Kora mit etwas weniger Saiten, aber einem durchaus ähnlichen Klangpotenzial. Die zehn Titel folgen alle einer ähnlichen mantrischen Struktur. Die minimalistischen und repetitiven Muster erzeugen eine ruhige und angenehm meditative Atmosphäre.
Christoph Schumacher
Jono Heyes, Beehive (Asphalt Tango)
Ein Weltmusikalbum im wahrsten Sinne des Wortes. Der neuseeländische Musiker, der im Böhmerwald lebt, hat sich auf seinem sechsten Album auf eine musikalische Reise begeben, die vom Balkan in die Karibik, nach Südamerika, Westafrika und zurück nach Europa führt. Das internationale Ensemble, das in vier Sprachen singt, musiziert neben Gitarre, Fiddle, Piano, Trompete und Percussion auch auf selbst gebauten Instrumenten wie einer afrikanischen Gimbri. Vom ersten Ton an möchte man die Koffer packen und singend auf Reisen gehen.
Erik Prochnow
Sigrid Horn, Nest (Bader Molden Recordings)
„Courage“ heißt eines der zwölf Dialektlieder der Wienerin. Es prangt diejenigen an, die wegschauen, die das Leid im eigenen Land nicht wahrhaben wollen. „Es braucht Courage“, singt sie. Sigrid Horn hat sie. Sie stellt ihren Gesang effektvoll einem Streichquartett gegenüber. Ihre meist traurigen, vulnerablen Liedtexte kontrastieren mit „Guidn“, einer wunderschönen Liebeserklärung an ihr kleines Kind.
Martin Steiner
Oghlan Bakhshi, Journey Across The Steppes – Musical Traditions Of Central Asia (Felmay)
Oghlan Bakhshi (in etwa „Junior-Barde“) heißt eigentlich Mohammad Geldi Geldi Nejad und stammt aus dem turkmenischen Teil Irans. Auf diesem Tonträger spielt er die Langhalslaute Dutar und singt. Zusammen mit seinem Vater Abdolghaffar Geldinejad an der Gyjak (Stachelfiedel) stellt er sehr authentisch acht traditionelle Lieder und Instrumentalstücke seiner Heimatregion vor.
Ines Körver
Heather Lynne Horton, Get Me To A Nunnery (Pauper Sky Music)
Michael McDermott schneidert als Produzent einen Maßanzug für den charismatischen Gesang und das klassisch geschulte Geigenspiel seiner Ehefrau. Da Kate Bush und Sinead O’Connor gerade wieder in aller Munde sind, können die Vergleiche gut stehen bleiben. Kontroverse Meinungen wie „I don’t like your children, spoilt brat‚ wasted generation“ fallen jetzt ja auch nicht so oft.
Martin Wimmer
Huldrelokk, Flickor Alle (Westpark Music)
Huldrelokk, das ist der Lockruf der Waldfeen, und dem ist kaum zu widerstehen. Nach langer Pause also ein neues Album, mit zwei Neuzugängen in der Gruppe. Alle fünf singen, dazu spielen sie eine Vielzahl von Instrumenten wie Nyckelharpa, Gitarre und Geige. Die Lieder sind traditionell, nur eins stammt vom legendären Evert Taube. Als Krönung das Kaffeelied der grandiosen Agnes Buen Garnås.
Gabriele Haefs
Husten, Aus einem nachtlangen Jahr (Kapitän Platte)
Hinter Husten verbirgt sich kein Geringerer als Gisbert zu Knyphausen, der das Projekt zusammen mit Moses Schneider und Tobias Friedrich 2016 gegründet hat. Das neue Album geht klar in die Indierockrichtung und bietet zehn Songs, die, dem Genre entsprechend, immer ein wenig larmoyant und egal daherkommen – aber in der richtigen Stimmung trotzdem auch viel Spaß machen.
Wolfgang Weitzdörfer
Janda, Apnoe (Waterfall Records)
Auf ihrem zweiten Album unternimmt die Leipziger Sängerin eine Exploration der menschlichen Tiefen. Die begeisterte Taucherin forscht nach der inneren Stille, dem Innehalten etwa in scheinbar ausweglosen Situationen, das sich unter Wasser zwischen zwei Atemzügen einstellt. Das Ergebnis sind neun poppige Songs auf hohem Niveau, die immer wieder von jazzigen Klängen oder elektronischen Sounds durchzogen werden. Das verbindende Element ist jedoch Jandas kraftvolle Stimme, die Zuhörende mit in die Tiefen ihrer Geschichten zieht.
Erik Prochnow
Pernilla Kannapinn, Abandoned Abundance (Exo10 Records)
Sie bezeichnet sich selbst als Vagabundin, die mit ihrem Wohnmobil durch die Länder zieht, musikalische Geschichten erzählt und neue Erfahrungen für neue Songs einsaugt. Zehn dieser neuen Lieder präsentiert die eigenwillige Sängerin und Violinistin auf ihrem zweiten Album. Inspiriert durch die Natur Griechenlands und Norwegens, den Kampf um den Hambacher Forst oder die Coronapandemie entstanden ungewöhnliche Klanggeschichten über inneren Reichtum, Hoffnung und Liebe.
Erik Prochnow
Mor Karbasi, Saat Arahman (Mor & Co Music)
Wenngleich in Jerusalem gebürtig, wohnt Karbasi seit einigen Jahren in Sevilla und brachte nun ihr fünftes Album heraus. Der Albumtitel basiert auf einem traditionellen jemenitischen Hochzeitslied, das die teilweise noch üblichen Kinderbräute zum Thema hat. Ihr Gesang mit Texten auf Hebräisch und Ladino (mütterlicherseits ist sie marokkanischer Abstammung) mag Rudolstadt-Besuchern von 2013 bekannt vorkommen („My Sweet Canary“).
Matti Goldschmidt
Kosasa, Fé Lève Lo Mort (Chante et tais toi)
Der französische Rockmusiker David Suissa gönnte sich eine Auszeit auf der Insel Réunion. Die dortige Kultur faszinierte ihn derart, dass er mit seinen Musikerkollegen und Musikschaffenden der Insel das Projekt Kosasa auf die Beine stellte. Entstanden ist ein Album im perkussiven Maloya-Rhythmus, dem er seinen Rock gegenüberstellt. Das dazugehörige Buch stand leider zur Rezension nicht zur Verfügung.
Martin Steiner
Koum Tara, Baraaim El-Louz (Odradek Records)
Koum Tara ist ein Oktett, das mit diesem Album seine zweite Einspielung vorlegt, wenngleich einige der Akteure in anderen Kontexten schon einiges auf dem musikalischen Kerbholz haben. Der Formation gelingt es in den Originalkompositionen beeindruckend, Chaâbi, Jazz, Elektrosounds und ein am klassischen Repertoire geschultes Streicherpersonal in 53 Minuten gekonnt unter einen Hut zu bringen.
Ines Körver
Júlia Kozaková, Manuša (Eigenverlag)
Wer sich als Nichtmitglied einer Ethnie mit deren Tradition beschäftigt, wird schnell der kulturellen Aneignung bezichtigt. Insofern ist das Album der Slowakin mit Romaliedern mutig. Musikalisch ist es äußerst gelungen, was nicht nur an Kozakovás schönem Gesangsvortrag, sondern auch an den slowakischen und virtuosen Mitstreitern liegt, etwa Viliam Didiáš (Geige) und L’ubomir Gašpar (Zymbal).
Ines Körver
Johannes Tonio Kreusch & Friends, Times Of Joy (GLM Music)
Blickt man auf die Tracklist des neuen Albums des Gitarristen Johannes Tonio Kreusch, könnte man denken, dass es sich um vorwiegend klassisches Material handelt, aber weit gefehlt. Kategorisierungen spielen hier nur eine bescheidene Rolle. Kreusch hat musikalische Freunde wie etwa Giora Feidman, Badi Assad und Andrew York, um nur einige wenige zu nennen, eingeladen mit ihm zu zelebrieren, was wesentlich ist: Musik als Ausdruck reiner Lebensfreude.
Rolf Beydemüller
Labryénco, Morir Y Nacer (Eigenverlag)
Erst Tod, dann Geburt – so will es der Name des dritten Albums des niederländischen Flamenco-Ensembles. Mastermind Alain Labrie aus Frankreich spielt Flamencogitarre und viele andere Saiteninstrumente, komponierte auch die neun modern anmutenden, überwiegend instrumentalen Tracks. Unter der Mitwirkung des stets neugierigen, weltoffenen Flamenco-Jazz-Pioniers Jorge Pardo an der Querflöte im Opener erfüllte sich für die Band ein alter Traum.
Katrin Wilke
Sinikka Langeland, Wind And Sun (ECM)
Sinikka Langeland, Kantelevirtuosin aus dem norwegischen Teil des Finnskogen, wendet ihren Blick diesmal dem Meer zu – und singt Texte des frisch gekürten Literaturnobelpreisträgers Jon Fosse. Vieles handelt vom Meer, es ist Symbol für alles Mögliche, und weil Startrompeter Mathias Eick mit von der Partie ist, wird es diesmal sehr jazzig, die Kantele bleibt im Hintergrund.
Gabriele Haefs
Gjermund Larsen Trio, Tøyen Sessions (Grappa Musikkforlag)
Der norwegische Teufelsgeiger diesmal mit eigenen Kompositionen, bei denen er sich an den norwegischen Traditionen orientiert – das zeigen schon die Untertitel der Stücke, „Slått“, „Walzer“, „Polska“ und „Marsch“. Und auch ein von den Vorbildern aus der Bergarbeiterstadt Røros inspirierter Pols ist dabei. Ab und zu sind irische Einflüsse herauszuhören, immer gelingt die Balance zwischen Temperament und Melancholie.
Gabriele Haefs
Leléka & Maksym Berezhniuk, Rizdvo (GLM Music)
Weihnachtsalben neigen dazu, mindestens elf Monate im Jahr in einer Schublade zu verschwinden. Das sollte nicht das Schicksal dieser Einspielung des auf traditionelle ukrainische Musik spezialisierten Berliner Quartetts und seines holzblasenden Gastes werden. Zum einen handelt es sich um ganzjährig hörbaren, gediegenen Ethnojazz, zum anderen werden die Stücke zum Niederknien schön interpretiert.
Ines Körver
Lenhardt Tapes, Dens (Glitterbeat)
Vladimir Lenhardt ist ein Soundtüftler aus Belgrad, der sich gerne mit der Unterzeile „ein Kerl, vier Walkmänner“ schmückt und, wie er sagt, „Ethno Noise“ macht. Auf seinem neuen Tonträger sind wie auch auf dem Vorgänger Duets (2021) die Sängerin, Geigerin und Musikethnologin Tijana Stanković sowie diverse weitere Gäste mit dabei. Sehr eigen, durchaus fordernd, aber stets interessant.
Ines Körver
Harold López-Nussa, Timba A La Americana (Blue Note)
Der Pianist aus der nicht enden wollenden kubanischen Talentschmiede präsentiert in seinen Stücken ständig rhythmische, klangliche und stilistische Variationen des Ausgangsmotivs. Als Gegenpol zur unbändigen Energie hört man die chromatische Mundharmonika von Grégoire Maret. Immer wieder leiten traditionelle kubanische Rhythmen die Stücke ein. Ein guter Wachmacher für Latin-Jazz-Fans.
Hans-Jürgen Lenhart
Lost And Found, All Is Not Lost (Eigenverlag)
Magie der leisen Töne: Boris Makar und Dirk Bleisinger aus dem Frankfurter Raum schreiben, singen und spielen zarte englischsprachige Songs, die direkt an der Seele anklopfen. Versunken lauscht man sanften Stimmen, Piano- und Gitarrentönen hinterher. Neun Balladen mit lyrischen Texten über das Sein und das Leben ziehen in ihren Bann. Belohnt wird man mit Gefühlen und zarten Klängen zum Träumen.
Udo Hinz
Lydia Luce, Florida Girl (Nettwerk Records)
Es ist ein – leider nur sehr kurzes – Album, bei dem es sich prima entschleunigen lässt. Lydia Luce kommt aus Fort Lauderdale in Florida und lebt mittlerweile in Nashville, Tennessee. Mit Country hat Florida Girl aber überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil, die neun Songs klingen wie weibliche Beatles in ihrer psychedelischsten Phase. Flirrende Soundeffekte liegen über einer Akustikgitarre und werden vom entrückten Gesang komplettiert. Sehr entspannend!
Wolfgang Weitzdörfer
Anna Mabo, Danke, gut (Bader Molden Recordings)
Sie strotzt vor vielseitiger Kreativität. Die österreichische Theaterregisseurin ist auch musikalisch mit einer mitreißenden Energie unterwegs. Auf ihrem dritten Album präsentiert die 27-Jährige erneut intensive Songs mit scharfzüngiger Poesie. Die dreizehn Lieder sind wie kleine Theaterstücke über die Liebe und den Alltag, die sich zwischen Pop, Neuer Deutscher Welle, Rap und Rock bewegen. Einmal reingehört, lassen sie einen nicht mehr los.
Erik Prochnow
Makatumbe, Makalicious (Eigenverlag)
Der Vokalakrobat Edgar Wendt, mit Makatumbe Preisträger des Creole Global Music Contest, zündet auf der zweiten Veröffentlichung der Formation mit insgesamt vierzehn Musikerinnen und Musikern ein akustisches Feuerwerk, das über Stilgrenzen hinweg mühelos fröhliche Brücken baut. Auch den zahlreichen musikalischen Gästen scheint kein Genre fremd zu sein. Tanzbares einer internationalen Familie.
Christoph Schumacher
Arny Margret, Dinner Alone (One Little Independent Records)
Mit jeder Veröffentlichung scheint ihre voluminöse Stimme intensiver, ausdrucksstärker, eindringlicher zu werden. Die erst 22-jährige Isländerin steht ohne Frage am Beginn einer großen Karriere. Ihr balladesker Gitarrenfolk geht unter die Haut. Es ist fast schade, dass sie aktuell nur eine EP mit vier neuen Kompositionen über die Verletzlichkeit des Lebens vorlegt. Aber diese Songs, angeführt von der Single „Waiting“, haben es in sich. Trotz einer etwas umfangreicheren Instrumentierung sind sie zart, fast zerbrechlich. Sie verschlagen einem einfach den Atem.
Erik Prochnow
Ajay Mathur, Blow My Cover (Yakketeeyak Music)
Der in Indien geborene Schweizer ließ dreizehn seiner Songs von Freunden covern: Jazzgitarrist, Streichorchesterarrangeur, Schwyzerörgelivirtuose, japanische Kotospielerin, New Yorker Cellistin, argentinische Klassikharfenistin – alle gaben sich ein Stelldichein. Das entsprechend eklektische Weltmusikalbum wird zusammengehalten vom herausragenden binauralen 3D-Klangerlebnis.
Martin Wimmer
Ana Carla Maza, Caribe (Persona Editorial)
Die gebürtige Habanera, die das Gros ihrer 28 Lebensjahre in Europa gelebt hat, erprobt ihre Kompositionen erstmals mit eigener Band. Der pan-(latein-)amerikanische Selfempowerment-Trip mit längster Verweildauer in Kuba ist charmant, aber weniger originell als ihre zwei aparten Soloalben. Nur mit Cello und Gesang hatte sich die nun auch als Produzentin aktive Künstlerin recht erfolgreich, auch international einen Namen gemacht.
Katrin Wilke
Gregor Mcewan, Going Solo (Rewind Retrack Recordings)
Das neue Album von Singer/Songwriter Gregor McEwan aus Berlin ist ein ruhiges und stilles Werk. Es besticht durch seine lakonische Art in Text und Musik – „Anthem For The Year 2020“ oder „(To You) CEO, Bitch!“ sprechen da eine deutliche Sprache. Die Stimme ist ganz nah beim hörenden Ohr abgemischt, die Gitarre liegt nur wenig mehr darüber – man sollte das etwa halbstündige Album am besten über Kopfhörer hören.
Wolfgang Weitzdörfer
Keegan Mcinroe, Agnes (Eigenverlag)
Das Album setzt mit elektrischem Blues, dröhnenden Gitarren und heftigen Vocals ein. Schon im Titelsong geht es aber fast zärtlich weiter. In diesem Rhythmus bedient der Texaner auf seinem dadurch aber auch etwas unrundem sechsten Album abwechslungsreich Genres von Talking Blues bis mexikanische Mörderballade.
Martin Wimmer
Johan Meijer, Amor Forte – Bruid Van De Eem (Eigenverlag)
Das neueste Album des Niederländers knüpft allein schon durch Gestaltung und Booklet an den Vorgänger Komeet über den tschechischen Liedermacher Jaromír Nohavica an. Diesmal steht Meijers Heimatstadt Amersfoort mit ihrer Geschichte und ihren Sehenswürdigkeiten im Mittelpunkt. Ehrliche, melancholische Lieder auf Niederländisch, mit zahlreichen befreundeten Musikschaffenden. Reinhard „Pfeffi“ Ständer Headerfoto: Johan Meijer
Reinhard „Pfeffi“ Ständer
Mojo, Ringo & Blueswolf, That’s All I Want (Eigenverlag)
Die jahrzehntelange Erfahrung als Berufsmusiker hört man dem Trio an Bass, Schlagzeug und Gitarre an. Gemeinsam verarbeiten sie Songs von Duke Ellington über T-Bone Walker bis J. J. Cale. Alles bewegt sich also im Jazz, Blues und Bluesrock, ist sehr solide gespielt und handwerklich ohne Tadel. Was jetzt noch fehlt, sind eigene Kompositionen. Aber das können die drei sicherlich auch.
Achim Hennes
Jessie Monk, Continually Becoming (Popup Records)
Eine weitere Newcomerin, die in Berlin lebt. Die aus Australien stammende Indiefolkerin legt ein beeindruckendes Debüt vor. In ihrem klaren und sanften Sopran singt sie einfühlsam und mitreißend über das Erwachsenwerden, toxische Beziehungen, Reizüberflutung oder den Tod eines Obdachlosen. Die acht Songs weisen auch musikalisch eine erstaunliche Tiefe auf und bewegen sich zwischen zärtlichen Balladen und groovigen Uptempo-Stücken. Besonders herausragend ist das a cappella gesungene „Over Land And Sea“. Eine neue Stimme in der Folkszene, auf die zu achten ist.
Erik Prochnow
Muito Kaballa, Like A River (Batov Records)
Das Kölner Musikerkollektiv hat unter der Leitung des Tenorsaxofonisten und Komponisten Niklas Mündemann sein viertes Studioalbum veröffentlicht. Unterstützt vom belgisch-kongolesischen Sänger Reinel Bakolé, lädt die neunköpfige Band mit ihrem Highlife-inspirierten, atmosphärisch dichten Jazz, Soul und Afrofunk auf eine imaginäre Flussreise ein. Kopfkino für weltoffene Ohren.
Christoph Schumacher
Ndox Electrique, Tëd Ak Mame Coumba Lamba Ak Mame Coumba Mbang (Bongo Joe Records)
Auf ihrem Album haben François R. Cambuzat und Gianna Greco rituelle Gesangs- und Percussionaufnahmen der N’doëp aus dem Westen Senegals mit dröhnenden Gitarrenklängen zur bewussten Unstimmigkeit gemischt. Der pure Klang der N’döep-Rituale, die entrückten Gesänge und polyrhythmischen Trommeln lassen die tranceartige Energie erahnen, die durch die überlagerten Missklänge leider zerstört wird.
Christoph Schumacher
Máire Ní Cathasaigh, The New Strung Harp (Old Bridge Music)
Digital remasterte Ausgabe des legendären Albums der ersten irischen Harfenistin, die sich vom traditionellen O’Carolan-Repertoire zu Jigs und Reels vorwagte und schon in den Achtzigern mit ihrem rhythmischen Drive und nuancierten Detailreichtum zur Ikone für Generationen von Harfenspielenden avancierte. Dazu noch die fast gehauchte, aber ergreifende Gesangsstimme ihrer Jugend – eine wunderbare Aufnahme, ein Muss sowohl für Fans der irischen Harfe als auch für Aspirant:innen, sie zu spielen. Anspieltipps: „Hindero Horo“ und „Gander in the Pratie Hole“ – fantastisch!
Johannes Schiefner
No-No Boy, Empire Electric (Smithsonian Folkways Records)
Julian Saporiti hat sich auf eine Reise in seine Vergangenheit – und die seiner Familie – gemacht. Und diese Familie ist überaus vielfältig – europäisch, US-amerikanisch und auch asiatisch. Dementsprechend flirren die Songs zwischen Welten hin und her, wie ein Schmetterling, der durch die Luft segelt und doch an sein Ziel findet.
Michael Freerix
Old Californio, Metaterranea (Eigenverlag)
Leichtfüßiger Countryrock der Band um Singer/Songschreiber Woody Aplanap, die einen vollen Sound mit ausladenden Arrangements mag, vor allem Chöre! Dieses teilweise flower-powerige Gemisch wird immer wieder vom Klang einer Lap-Steel-Gitarre gekrönt.
Michael Freerix
Pierre Omer, Swing Revue (Voodoo Rhythm)
Pierre Omer lebt in seinem eigenen Universum, das er sich aus Chanson, Ragtime, Django Reinhardt und vielen anderen Ingredienzen zusammengebaut hat. Seine Musik ist nicht einzuordnen, aber eben vor allem altertümlich, mit Hang zum Eklektizismus. Er transportiert den Charme der Fünfziger in die Gegenwart.
Michael Freerix
Paris Texas, Bird In Hand (Trad Records)
Kein Soundtrack zum gleichnamigen Film, sondern Americana aus dem Nachbarland Belgien. Das Quintett um Songschreiber Gerrit Huppertz bewegt sich auf seinem zweiten Album zwischen Bluegrass und Countryrock. Perfekter Harmoniegesang, der manchmal an die Eagles erinnert, veredelt die Eigenkompositionen, die durch Authentizität und kluge Arrangements überzeugen. Spielfreude inbegriffen.
Volker Dick
Rod Picott, Starlight Tour (Eigenverlag)
Recht unbeschwert kommen die Songs von Rod Picott daher. Der fleißige Songschreiber, der unter anderem mit Alison Krauss zusammengearbeitet hat, bezieht sich auf Country, Folk, Blues und weiß doch, daraus etwas durchaus Eigenwilliges zusammenzustellen.
Michael Freerix
William Prince, Stand In The Joy (Six Shooter Records)
Der im kanadischen Peguis-First-Nation-Reservat in Manitoba aufgewachsene Singer/Songwriter mit dem samtigen Verwöhnbariton und einem Gespür für herzerweichende Melodien zu poetischen, nachdenklichen und doch lebensbejahenden Songtexten weiß auf seinem vierten, glänzend arrangierten Country/Americana-Album in jeder Hinsicht zu überzeugen.
Ulrich Joosten
Alfredo Rodriguez, Coral Way (Mack Avenue Records)
Der kubanische Pianist verbindet alles, was er in die Finger bekommt. Temporeich und knackig sind insbesondere die funkigen Bläsersätze, die an Earth, Wind & Fire erinnern. Die spanische Soulsängerin Alana Sinkëy und Hip-Hopper Cimafunk ergänzen diese Modernisierung. Am Schluss tritt Beethovens „Für Elise“ als funkiger Tango eine Reise in verschiedene kubanische Rhythmen an. Irre!
Hans-Jürgen Lenhart
Rüüt, Kiriküüt (Nordic Notes)
Aus Estland kommt das Quartett Rüüt, das sich dem Kulturerhalt verpflichtet sieht. Die Band nimmt alte Volksweisen aus ihrer baltischen Heimat und bürstet sie gegen den Strich neu. Das lebt vom Akkordeon und dem – zumindest für des Estnischen unkundige Ohren – eigentümlich klingenden Gesang. Man mag das nicht verstehen, die Musik begreifen kann man aber durchaus. Wenn man sich ein wenig Zeit nimmt.
Wolfgang Weitzdörfer
Defne Şahin, Hope (Berthold Records)
Die deutsch-türkische Jazzsängerin hatte schon immer eine Leidenschaft für Gedichte. Auf ihrem dritten Album stehen daher diesmal Texte der US-Dichterin Emily Dickinson im Fokus. Mit ihren vier eigenen Songtexten tritt die in Berlin aufgewachsene Musikerin mit der 1886 verstorbenen Amerikanerin in einen Dialog über Themen wie Leben, Tod, Liebe, Sehnsucht, Angst und vor allem Hoffnung. Ein exzellent produziertes Jazzalbum, das vor allem durch Şahins klaren und facettenreichen Gesang besticht.
Erik Prochnow
SarahBernhardt, Urlaub in Sepia (Medienmanufaktur Wien)
Im März 1923 stirbt Sarah Bernhardt, Schauspielerin und Diva der Belle Époque. Gut hundert Jahre später erscheint das zweite Album von Sarah Metzler (voc, Harfe), Bernhard Scheiblauer (voc, Saiteninstrumente) und Sigrid Horn (voc, perc), die sich nach ihr benannt haben. Musikalisch gehen sie ihren Urlaub gelassen an. Ihre Texte sind spaßig, poetisch und manchmal exzentrisch. Läuten Sarah und Bernhard eine neue Belle Époque ein?
Martin Steiner
Saitentanz, Sonne Mond Taverne (Eigenverlag)
Das dritte Album von Saitentanz entstand durch Crowdfunding. Die Band kommt aus dem Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen und bietet typische akustische Mittelalter-Tavernenmusik. Also mehrstimmig gesungene Trinklieder und historisierende Geschichten, allerdings stammen alle Texte und Melodien von ihnen selbst. Instrumental dominieren Irish Bouzouki und Geige, untermalt von Bass und einem recht dezenten Schlagzeug.
Piet Pollack
Santiano, Doggerland (Electrola)
Die letzten sieben Alben der Flensburger Erfolgsband gelangten alle auf Platz eins der Charts. Das vorliegende Werk hat ebenfalls die Voraussetzungen dafür: Massentauglichkeit durch eingängige Refrains, abwechslungsreichen und druckvoll-melodischen Sound, einprägsame Geschichten – eben Partymusik zwischen Rock, Shanty und Irish Folk. Wobei „Doggerland“ eine mystische, in der Nordsee versunkene Zivilisation meint.
Piet Pollack
Anoushka Shankar, Chapter I: Forever, For Now (Leiter)
Sitarvirtuosin Anoushka Shankar macht mit Forever, For Now den Auftakt zu einer Minialbentrilogie. Aufgenommen wurde im Leiter-Studio im Funkhaus Berlin. Labelchef Nils Frahm steuert wunderbar atmosphärische Klänge an Piano und Glasharmonika bei, als Produzentin wählte Shankar die pakistanische Sängerin und Grammy-Gewinnerin Arooj Aftab aus. Die stimmige Chemie zwischen allen Beteiligten ist hör- und spürbar.
Rolf Beydemüller
Siger, When We Fly (Trad Records)
Die Brüder Hartwin und Ward Dhoore sind bekannt vom Trio Dhoore und vielen anderen belgischen Bands. Zu zweit bilden sie das Duo Siger, das mit dem Album When We Fly wieder zarte Folktanzmusik vorgelegt hat. Die Brüder spielen Akkordeon und Mandola bzw. Gitarre. Das besondere Stück ist „Downhill Drifters“. Produzent Jeroen Geerinck steuert in der letzten Minute des Albums noch eine Flügelhornbegleitung bei, die zeigt, was möglich wäre.
Christian Rath
Slowfox, Atlas (Rent a Dog)
Der Neuseeländer Hayden Chisholm (sax), der Österreicher Philip Zoubek (p) und der Kölner Kontrabassist Sebastian Gramss feiern unter dem Namen Slowfox ihr zehnjähriges Jubiläum. Die Aufnahmen zum vorliegenden Album entstanden in Buenos Aires. Der Albumtitel Atlas ist Programm, 23 Tracks in Popsonglänge aus wirklich allen Winkeln der Erde. Traditionelle Folksongs und rituelle Musik, in großer Freiheit interpretiert. Selten so etwas Spannendes gehört!
Rolf Beydemüller
Soul Thrivers, Morning Glory (Timezone Records)
Im Kern bestehen die Soul Thrivers aus der Sängerin Dvora Davis und dem Harpspieler Adam Sikora, der auch Querflöte und Schlagzeug spielt. Weitere Musikschaffende an Gitarre, Bass und Backgroundgesang kommen hinzu, und so entsteht eine sehr charmante Mixtur, in der Elemente aus Blues, Soul und spacig-psychedelischen Einflüssen verwoben sind. Sehr kurzweilig die Version von Aretha Franklins „Chain Of Fools“.
Achim Hennes
Sparklehorse, Bird Machine (ANTI- Records)
Dreizehn Jahre nach dem Tod von Mark Linkous erscheint das Album, an dem er zu der Zeit arbeitete. Liebevoll restauriert von Familienmitgliedern und etwas mehr auf der Seite des Maschinenlärms als des Vogelzwitscherns, um den Titel aufzugreifen, wird dieser emotionale Alternative Rock mit elektronischen Einsprengseln den alten Fans sicher gefallen.
Martin Wimmer
Sarah Straub, Keine Angst (Sturm & Klang)
Einen geradezu therapeutischen Ansatz verfolgen die Lieder der Psychologin Dr. Sarah Straub, die auch in der Demenzforschung arbeitet. Bei Krisen im Leben, erlebten Demütigungen, negativen Erfahrungen der Pandemie oder bei Einsamkeit möchte sie ihre mutmachenden Lieder am Klavier dagegensetzen. Sie will Lust auf das Leben machen, setzt auf Liebe und Selbstliebe, auf gegenseitige Fürsorge und Zusammenhalt.
Rainer Katlewski
Sver, Legacy (Fond for Lyd og Bildev)
Sver sind fünf Jungs, die sich der Musik des norwegisch-schwedischen Grenzgebietes Finnskogen verschrieben haben – das übrigens so heißt, weil es vor dreihundert Jahren von finnischen Familien besiedelt wurde. Weshalb dort allerlei musikalische Traditionen aufeinandertreffen. Bei Sver dominieren die Geigen, es fetzt gewaltig, vor allem, wenn sie dabei mit einem Fuß im Shanty stehen.
Gabriele Haefs
The Lasses, Near Far (Eigenverlag)
Diese Lasses stammen aus den Niederlanden, ihre Musik aber aus Schottland mit Anklängen von Bluegrass. Sophie Jannas und Margot Merahs Gesang erinnert an die Fallen Angels, die Henry Girls, aber auch an Laïs. Vor allem ihre Mehrstimmigkeit geht durch und durch. Sich selbst auf Gitarre, Ukulele, Bodhrán, Shrutibox und Harmonika begleitend, haben sie auch Stijn van Beek (Low Whistle, Uilleann Pipes) und Janos Koolen (diverse Instr.) mit dabei.
Michael A. Schmiedel
Track Dogs, Blind Summits & Hidden Dips (Mondegreen Records)
Vier Herren aus Irland, England und den USA, ansässig in Madrid, arbeiteten mit Show of Hands zusammen, und schon läuft es in England so gut wie in Spanien. Die Mischung aus Americana, Bluegrass, Folk, Latino oder RnB kommt mitreißend rüber, dafür sorgen neben vier starken Stimmen Gitarre, Bass, Cajon, Banjo, Ukulele, Mandoline sowie Trompete. Würde auf jedem Festival gut abgehen.
Mike Kamp
Tram des Balkans & Mélissa Zantam, En Cavale (Les Entêtés Production)
2002 als Klezmercombo gegründet, hat sich Tram des Balkans inzwischen mehr und mehr der osteuropäischen Volksmusik zugewandt. Obwohl alle fünf Bandmitglieder neben je mindestens einem Instrument auch den Gesang gut beherrschen, haben sie diesmal noch die Sängerin Mélissa Zantam hinzugebeten. Von innigen, rein vokalen Nummern über flotte krumme Takte bis zu mystischen Ausflügen ist alles mit dabei.
Ines Körver
Marco Tschirpke, Lapsuslieder 5 (Reptiphon)
Kurz und zackig, kurzweilig und niemals langweilig sind die Lieder von Marco Tschirpke. Auf diese Weise bekommt man 42 Shortsongs in 55 Minuten auf einem Album unter. Man wartet immer gespannt auf den nächsten Titel, welchen launigen Einfall er wohl da wieder verarbeitet, gerne auch mit einer (hinter-)listigen Pointe. Thematisch wie musikalisch sind seine Lapsuslieder ein abwechslungsreiches Hörvergnügen.
Rainer Katlewski
Randi Tytingvåg Trio, Hjem (Kirkelig Kulturverksted)
Wenn ein Album „Nach Hause“ heißt, müssen die Lieder melancholisch sein und Heimweh versprühen, nach allerlei Heimaten. Eine norwegische Version des Chorals „Amazing Grace“ ist ebenso vertreten wie ein auf Deutsch gesungenes Lied über „Das Theater des Körpers“. Randi Tytingvåg singt leise, fast zaghaft, die Instrumentierung hält sich zurück, und diesmal sind die Folkelemente deutlicher als beim letzten Album.
Gabriele Haefs
Joanna Wallfisch, All In Time (Galileo MC)
Die Engländerin, Enkelin der Auschwitz-Überlebenden und Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, bezeichnet sich selbst als musikalische Abenteurerin, und das trifft es sehr gut. Stilgrenzen werden konsequent ignoriert, und ihr sechstes Album ist eine gereifte Mischung aus Jazz, Folk, Klassik, Kunstlied und Popmusik, alles vermischt in ihren textlastigen Eigenkompositionen. Nicht massentauglich, aber gut.
Mike Kamp
Rupert Wates, Elegies (Eigenverlag)
Wates ist ein Brite, den es vor beinahe zwanzig Jahren in die USA verschlagen hat. Wobei sein Fingerpickingstil sehr traditionell klingt, wie die frühen Aufnahmen eines Davy Graham oder Leo Kottke. Doch singt Wates dazu, von Elfen, von seltsamen Frauen und davon, wie es ist, über das Wasser gehen zu können.
Michael Freerix
Wayward Jane, The Flood (Eigenverlag)
Nein, das ist keine Dame, sondern ein Quartett aus Edinburgh mit drei Herren (Kontrabass, Gitarre, Holzflöte, 5-String-Banjo) und, ja, einer Dame (Fiddle), die sich der amerikanischen Old-Time Music widmen, netterweise ohne übermäßige Amerikanismen und Turbogeschwindigkeit. Und da alle vier gute Stimmen haben, sind die Songs auf dem dritten Album auch durchgängig eine Freude.
Mike Kamp
Ludwig Wright, Turn The Tides (Left Lane Records)
Der britisch-deutsche Singer/Songwriter liebt das Meer und singt auf seinem dritten Album von Ozeanen, Küsten, Wellen, Sehnsucht und einer Kindheit an den Klippen von Südwestengland. Die sparsam instrumentieren Lieder auf Englisch haben keltisches Flair und sind zugleich mitreißender Folkpop mit Mitsingrefrains. Ein wunderbares Konzeptalbum – auch zur Vorfreude auf einen Urlaub am Meer.
Udo Hinz
Jenny Owen Youngs, Avalanche (Yep Roc)
Beschwingter Indiefolk der erfolgsverwöhnten Songwriterin aus New Jersey. Äußerst persönliche Texte, mit starken, unverbrauchten Bildern. „Der Pfeil schmerzt mehr, wenn man ihn wieder rauszieht.“ Da versteht jemand was von der Liebe, in diesem Fall offen lesbischer. Detailverliebt produziert von Josh Kaufman.
Martin Wimmer
Munojat Yulchieva, Selected Pieces (Felmay)
Was Umm Kulthum für Ägypten und Fairuz für den Libanon ist, ist Munojat Yulchieva für Usbekistan: der Inbegriff der Stimmgewalt. 1994 wurde ihr in ihrer Heimat der Titel „Volkskünstlerin“ verliehen, 1997 gewann sie beim allerersten Wettbewerb Sharq Taronalari den ersten Preis. Das Album beinhaltet elf Aufnahmen von 2006 bis 2011, die meist mit großem traditionellem Instrumentarium aufgenommen wurden.
Ines Körver
Eva Zöllner, Voces, Señales (Genuin)
Für diesen Mix aus Klassik und Folklore muss man ein bisschen Zeit mitbringen. Eva Zöllner widmet sich auf ihrem Album Voces, Señales nämlich auf durchaus modernistische Weise der Akkordeonmusik Kolumbiens. Es sind Kompositionen, die aber in keiner Weise dem klassischen Songwriting entsprechen, auf die man sich einlassen muss, um ihren Zauber kennenlernen zu können.
Wolfgang Weitzdörfer
































































































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