kurz & knapp

aus folker #04-2022

15. April 2022

Lesezeit: 48 Minute(n)

Alice In Wonderband, Rikataka – New Balkan Rhythm (CPL-Music)

Manche füllen Marktlücken, von deren Existenz man gar nichts ahnte. So auch das serbische Duo Ana Vrabaski und Marko Dinjaski. Es präsentiert auf seinem erfrischenden Debüt Liedgut aus Ex-Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland und der Türkei fast ausschließlich mit Gesang und Body Percussion – und zwar dermaßen mitreißend, dass man weitere Instrumente überhaupt nicht vermisst.

Ines Körver

Peppe Aiello, Na Stanza Chiena ‚E’Ncienzo (Visage Music)

Der Neapolitaner schreibt Liebeslieder an seine Heimat, seine Bleibe am Rand der Stadt mit Blick auf den Berg, der einmal Feuer spie, seine Frau, Familie und Freunde. Zaira Magurano singt, Pepe Aiello spielt Kontrabass, Gitarre und Bouzouki. Hinzu kommen Akkordeon, Darbuka, Bendir und weitere Percussioninstrumente. Ein zeitloses New-Folk-Album mit starkem Bezug zu Neapel und Blick über das Mittelmeer.

Martin Steiner

10saitig & Band, Der vielsaitigsten Eine (Eigenverlag)

Überraschend rhythmisch, ja „fetzig“ (so das Vertriebsinfo) spielt das Duo Tomas Buffy (v) und Benjamin Haupt (g, voc) mit Eigenkompositionen und eigenen Texten auf. Für ihr erstes Album werden sie von Sabrina Damioni (b) und Daniel Feldmeier (perc) unterstützt, so etwa in „Viel los“ oder „Idee 1000“. Natürlich darf dabei auch ein (jüdischer) Frejlach nicht fehlen. Dieses Quartett sollte man sich merken.

Matti Goldschmidt

Antonis Antoniou, Throisma (Meredith)

Den Zyprioten Antoniou kennt man von Monsieur Doumani und dem Trio Tekke. Auf seinem zweiten Soloalbum präsentiert er eine bisweilen brachiale und meist düstere Melange aus kinderliedartigen Melodien, Retro-Synthie-Pop, psychedelischen und bisweilen anatolischen Sounds, kräftigen Hook Lines, treibenden Beats und oft verzerrten oder abgehackten, in griechischer Sprache gehaltenen Vokalpartien.

Ines Körver

Horace Andy, Midnight Scorchers (On-U Sound)

Nachdem sich Englands Reggaestar Horace Andy jüngst mit Midnight Rocker zurückgemeldet hatte, gibt es auf Midnight Scorchers eine Soundsystem- und Dubversion der Originalsessions, erstellt von Adrian Sherwood, dem Derwisch am Mischpult. Mit dieser Hochseilakrobatik des Soundmixing muss Andy verdientermaßen nicht mehr nur auf den Gastsänger bei Massive Attack reduziert werden.

Hans-Jürgen Lenhart

Pete Astor, Time On Earth (Tapete Records)

Der Englishman Pete Astor ist zurück. Angefangen hat er mit seinen Weather Prophets in den Achtzigern, und das Wetter als Thema hat ihn nie richtig losgelassen. Seine entspannten Songs rund um die elektrische Gitarre verbreiten eine angenehme Atmosphäre, selbst wenn er vom schlechten britischen Wetter singt.

Michael Freerix

Marisa Anderson, Still, Here (Thrill Jockey Records)

Wer eine Fortsetzung des Soundtracks zu Paris, Texas sucht, wird dieses Album der Gitarristin aus Portland, Oregon, lieben. Amerikanischer hat lange keine Gitarre mehr geklungen. Andersons puristischer, minimalistischer Ansatz öffnet auf magische Weise riesige Landschaften. Sie entlockt ihren Slide-, Akustik- und E-Gitarren Bilder von rauer, herber Schönheit.

Rolf Beydemüller

Barlast, Musik För Scener (Eigenverlag)

Barlast ist eine vierköpfige schwedische Band, deren Musik auf der heimischen Tradition fußt, die aber auch gern in andere Regionen schweift. Gleich das erste Stück zeigt irische Einflüsse, anderswo hören wir Big Band oder Country heraus. Alle Stück dieses reinen Instrumentalalbums stammen von Bandmitglied Philip Holm und haben wunderschöne Titel, zum Beispiel „Des Sängers Tod“.

Gabriele Haefs

Banda Blondeau, Banda Blondeau (Felmay)

Szenario: eine Straße in Sizilien. Instrumente: zwei Saxofone, Klarinette, Posaune, Tuba, Trommel. Eine ideale Besetzung für eine herkömmliche Banda. Doch Banda Blondeau sind mehr als das. Mit Akkordeon, Banjo und Gitarre kreieren sie eine Musik mit Jazz- und Folkelementen, die im Mittelmeer beheimatet ist. Oft ist ihre Musik recht ruhig. Der richtige Soundtrack für einen stimmungsvollen Film.

Martin Steiner

Batida, Neon Colonialismo (Crammed Discs)

Der in Lissabon aufgewachsene DJ und Afro-Electro-Tüftler aus Angola tut sich erneut mit vielen guten Geistern der weltweiten Lusofonie zusammen (zum Beispiel Mayra Andrade und DJ Dolores). Er wolle seine Heimatstadt nicht in Glamour, sondern natürlichem Licht vorführen, liest man im Album. Was immer das meint, glitzern die zehn Tracks doch durchaus und funktionieren auf dem Dancefloor – mit oder ohne gedanklichen Überbau.

Katrin Wilke

Thomas Andreas Beck, Ernst (Medienmanufaktur Wien)

Sehr ernst schaut der Wiener Thomas Andreas Beck vom Cover seines neuen Albums. Und ernst sind auch die Songs, die darauf versammelt sind. Doch die Musik bleibt sparsam und wirkt zart, spart Pathos aus, setzt stark darauf, dass die – wütenden –Texte wirklich wahrgenommen werden können. Und das Zuhören lohnt.

Michael Freerix

Willi Carlisle, Peculiar, Missouri (Free Dirt Records)

Die sozialkritische Auseinandersetzung mit Wasserrechten als mexikanischer Walzer; ein Talking Blues über eine Panikattacke in der Kosmetikabteilung von Walmart; Raumschiff Enterprise und Elon Musk in einer bitterbösen Abrechnung am Nomadland, die sich in ein „A-Boy-Named-Sue“-Gewand kleidet; eine queere Coming-out-Story; und so weiter. Hyperaktiver Post-Country, komplett im Modus der Ironie.

Martin Wimmer

The Black Elephant Band, Fixing Great Mistakes With Duct Tape (Eigenverlag)

Jan Bratenstein und seine Band stammen aus Nürnberg, doch ihre englischsprachigen Songs erinnern an Bob Dylan oder generell an American Folk. Vor allem die extrem quäkige Stimme könnte auch einem Hillbilly gehören. „Antifolk“ nennen sie es selbst. Wild, schräg, laut. Leider kein Booklet dabei.

Michael A. Schmiedel

Wolfgang Buck, Visäwie (C. A. B. Records)

Der singende und liedermachende Pfarrer legt sein dreizehntes Album vor, natürlich wieder in fränkischer Mundart. Und er singt über die Liebe, das Leben und den Rest, nachdenkliche und reflektive Songs. Er spielt Gitarre, Bass und Banjo und lässt sich von einer bestens aufgelegten Band begleiten, mit rockigen Klängen und durchaus auch funkigen Bläsersätzen. Hörenswerte, sympathische Liedermachermusik.

Ulrich Joosten

Celtic Cowboys, Qualified Celtic Cowboys (Liekedeler Musikproduktionen)

Um es kurz zu fassen: Jungs, vergesst das Englische, singt euren Mix aus Country, Bluegrass und Irish Folk nur noch mit deutschen Texten – dann wird das groß. Mehr von Sachen wie „Schulden bei der Bank“ oder „Karre schieben“! Auf diese Weise freut sich auch Freddy mit Euch Hamburgern. Und wer die nicht auf dem Album enthaltene Single „Im Stau“ ergattert, hat noch ein Stückchen Spaß mehr.

Volker Dick

Jeff Cotton, The Fantasy Of Reality (Madfisch)

Slidegitarrenfans aufgepasst! Jeff Cotton war Gitarrist bei Captain Beefheart und mischt auf seinem Debütalbum Jazz und Delta Blues mit entspannten Hawaiisounds. Der auf Hawaii lebende Musiker spielt in den Songs alle Instrumente selbst, von den Gitarren über Schlagzeug bis Saxofon. Das Album ist voller großartiger Gitarrensoli und erfüllt mit positiver Stimmung – Hawaii eben.

Udo Hinz

Adax Dörsam, Luna Lacht (Timezone Records)

Der gebürtige Mannheimer Gitarrist verlässt sich hier einmal wieder ganz auf sich selbst. Und das darf er. Nichts, was Saiten hat ist vor ihm sicher, und musikalisch schreckt er eh vor keiner Berührung zurück. Vollblütiges Musizieren ist das Markenzeichen des großartigen, sensiblen und äußerst virtuosen Saitenhelden. Er hängt sich rein, ist um kreative Ideen nie verlegen und hat Witz. Eine rare Kombination.

Rolf Beydemüller

Bobby Dove, Hopeless Romantic (Must Have Music)

Aus dem kanadischen Montreal stammt die junge Singer/Songwriterin, die auf ihrem zweiten Album elf Knaller von Americana-/Countrysongs (über die universellen Themen wie unerwiderte Liebe oder das Leben on the road) präsentiert, gesungen mit einer umwerfenden, glasklaren und präsenten Stimme, begleitet von einigen der besten Musiker der kanadischen Countryszene, darunter Jim Cuddy (Blue Rodeo) und Bazil Donovan. Großartig!

Ulrich Joosten

Duo Concordes, Quatre Vents (Eigenverlag)

Die Multiinstrumentalisten Henrike Lisch und Axel Herberhold bilden das Duo ConCordes. Ihr neues Album enthält Instrumentalstücke und vertonte Gedichte, fast alles von Henrike Lisch geschrieben. Die Musik ist folkig, die Stimmung etwas schwermütig und der Gesang manchmal nur gehaucht.

Christian Rath

Elbsegler, Sommer 74 (Timezone Records)

Deutsche, lebensnahe, trotzdem auch mal zuversichtliche Texte, gesungen mit leicht rauer Stimme zu einem dynamischen, rhythmischen Sound. Der Stab wechselnder Begleitmusizierender groovt und leiht mal am Reggae an, verleitet zum Mitwippen (oder -tanzen) und überrascht durch Breaks, Tempowechsel, orchestrale Momente. Der Titel verrät das Geburtsjahr des Künstlers, aber nicht seine Herkunft: Er stammt von der Leine.

Imke Staats

Electric Vocuhila, Kiteky (Another Record)

Das französische Quartett mit elektrischer Gitarre und Bass sowie Saxofon und Schlagzeug beherrscht in beeindruckender Perfektion verschiedene Stile afrikanischer Musik. Auf ihrem vierten Album präsentieren sie hypnotische Trancemusik, die von madagassischem Tsapiky, kongolesischer Sebène und Sungura inspiriert ist. Ein einzigartiger, punkartiger, quirliger Cocktail afrikanischer Instrumentalmusik.

Christoph Schumacher

Enkel, Love Hurts (Nordic Notes)

Das dritte Album der vier Finninnen mit dem auf Deutsch irritierenden Namen. „Tradition forever“ lautet angeblich ihr Motto, aber so wie sie klingen, sagen sie das eher auf Finnisch, wobei sie gern Abstecher in andere Gefilde unternehmen. Die „Kantelepolka“ zum Beispiel klingt absolut alpin, „Pelimannin Kaikuja“ wie an Bord des Hamborger Veermasters gespielt. Jedes Stück ist für sich eine Überraschung und ein absoluter Hörgenuss.

Gabriele Haefs

Evelyn Kryger, Live At Jazz Baltica (Hey!blau Records)

Evelyn Kryger ist keine Dame, sondern ein seit vier Jahren bestehendes Quintett aus Köln, Hannover und Berlin. Es verwebt mit großer Spiel- und Improvisierfreude mal lyrisch, mal kraftvoll balkanesisch-orientalisch gefärbte Weltmusik, Jazz sowie clubtaugliche Sounds, wie diese Liveaufnahme eindrucksvoll beweist. Bei den Melodien umspielen sich meist Geigerin Rebecca Czech und Saxofonist Cito Kaling.

Ines Körver

Tiken Jah Fakoly, Braquage De Pouvoir (Chapter Two Records)

Straighter Rootsreggae des Sängers von der Elfenbeinküste ohne große Schnörkel. Gesungen wird auf Englisch und Französisch. Fakoly bemüht sich um Abwechslung. „Cava Aller“ wirkt wie ein in Reggae verwandeltes Griotlied, „Farana“ ist ein Ska und der gelungenste Titel „Don’t Worry“ ein Calypso, bei dem Amadou & Mariam mitsingen. Man sollte in Sachen Reggae eben öfter nach Afrika schauen.

Hans-Jürgen Lenhart

Massimo Ferrante, Songs – The Art Of Storytelling From Southern Italy (Felmay)

Der Kalabrese erzählt die Geschichte Süditaliens. Er singt über Migration, Landraub, einen Mafiamord auf Sizilien, aber auch über verschmähte Liebe und lullt das Kindchen in den Schlaf ein. Die Lieder entstammen unterschiedlichen Quellen. Neben Traditionals finden wir Material des Folkrevivals der Siebziger und Eigenkompositionen. Was braucht es dazu? Eine Stimme und eine Gitarre, mehr nicht.

Martin Steiner

Fiddler’S Green, Seven Holy Nights (Deaf Shepherd)

Wie wohl die fränkischen Irish-Punk-Folkrocker Weihnachten feiern? Klar: Wild, laut und feuchtfröhlich. So preisen sie ihr neues Album als Alternative zu viel Stout und Whiskey an, aber es geht auch alles zusammen. Bekannte englischsprachige Weihnachtslieder werden eingeirischt und irische und schottische Songs eingeweihnachtet. Also dann: Merry Christmas!

Michael A. Schmiedel

Gankino Cirkus, Suomessa (Nordic Notes)

Franken und Finnland, hier treffen Welten aufeinander und verstehen sich umwerfend gut. Gankino Cirkus, deren Liebe der finnischen Musik gehört, fetzen los wie zuletzt – viel zu lange her – die Leningrad Cowboys. Sie können aber auch langsam und melancholisch, und sogar das skandinavische Einheitssaxofon haben sie im Programm. Und als Höhepunkt dann Klassik: Jean Sibelius’ hymnisches „Finlandia“.

Gabriele Haefs

Guo Gan „Swordmen“ Trio, Guo Gan „Swordmen“ Trio (Felmay)

Drei chinesische Saiteninstrumente, Erhu, Pipa und Guzheng, bestreiten ein Programm aus folkloristischen Traditionals verschiedenster Provinzen Chinas sowie Eigenkompositionen des unglaublich produktiven Kopfes des Trios, Guo Gan. Musik und Poesie aus einem zumindest in dieser Hinsicht fernen, nahezu unbekannten Land. Neben den virtuosen Instrumentals werden auch Lieder angestimmt, die auf berühmten Versen klassischer Dichtung beruhen.

Rolf Beydemüller

Peter Gallway & The Real Band, It’s Deliberate (Gallway Bay Music)

Mit seiner Partnerin Annie Gallup hat Gallway unermüdlich Jahr um Jahr Alben veröffentlicht, nun also eines ohne sie. Vom Sound her ist dieses elektrischer ausgefallen. Die Songs sind rauer und eckiger, moderner produziert, haben aber noch immer einen überaus persönlichen Touch, was seine Musik so ansprechend macht.

Michael Freerix

Ganaim, Dedicated (Eigenverlag)

Mit diesem dritten Album hat das Trio zu seiner Interpretation des Etiketts „keltisch“ gefunden, wobei das eigene Material überwiegt. Pinto von Frohsinn ist ein starker Leadsänger. Saskia Maria entwickelt an der Geige wunderschöne Melodielinien. Gitarrist Zorny Bode bringt viel Groove ein. Engagiert, gut gelaunt und eingängig.

Almut Kückelhaus

Goodbye Loona, Perfect Symmetry (Eigenverlag)

Das erfolgreiche, 2018 gegründete Trio aus Franken hat sich 2020 zum Quartett ergänzt. Dass es in allen Bereichen als eingeschworenes Team zusammenarbeitet, meint man den vier Titeln anzuhören. Sanft harmonische Balladen, bei denen sich Melancholie zu Freude wandelt, am Piano begleiteter Gesang in englischer Sprache, verstärkt durch Hintergrundchöre und etwas „Pathosgitarre“. Das ist perfekte Symmetrie.

Imke Staats

Paul Guerney, Blue Horizon (Tailgator Music)

Der Neuseeländer Paul Gurney hat mit seiner Band The DeSotos bereits einige Alben veröffentlicht, nun kommt mit Blue Horizon Solowerk Nummer zwei, angefüllt mit persönlichen Songs, die mit viel Raum produziert sind. Geprägt von der Pedal-Steel-Gitarre klingen seine Songs nach Einsamkeit und Wüste, mit einem Schuss Hoffnung.

Michael Freerix

Reiner Hiby, Große Zeiten (Courage Records)

Die eher melancholischen Gedichte Erich Kästners hat sich der Musiker Reiner Hilby aus Nürtingen ausgesucht, um sie zu vertonen. Klavier und Jazz eignen sich dafür ausgezeichnet, wenngleich einem am Ende das Herze etwas schwer wird bei so viel Herbststimmung. Zeitlose Texte über die Einsamkeit allein und zu zweit, Traurigkeit und Ängste und eine Zeit, die aus den Fugen ist und alle überrollt.

Rainer Katlewski

Joyce With Mauricio Maestro, Natureza (Far Out Recordings)

Man munkelt, das 1977 von Stararrangeur Claus Ogerman aufgenommene Album der Brasilianerin Joyce hätte ihre Weltkarriere initiieren können. Doch es wurde jetzt erst veröffentlicht. Leider wirkt es uneinheitlich und unfertig. Joyces Kollege Mauricio Maestro singt zwei Titel ohne große Beteiligung von ihr und die meisten anderen Stücke, insbesondere „Feminina“, sind zu sehr in die Länge gezogen.

Hans-Jürgen Lenhart

Nadine Khouri, Another Life (Talitres)

Nach ihrem hochgelobten Debüt überzeugt die britisch-libanesische Singer/Songwriterin auch auf ihrem Nachfolger. Ihre minimalistischen balladesken Kompositionen werden von ihrer ausdrucksstarken, tiefen Stimme geprägt. Die von John Parish (PJ Harvey, Tracy Chapman) produzierten neun genreübergreifenden Kompositionen entfalten eine tiefgehende hypnotische Kraft. Sie erzählen von Leben, die verloren sind, und der Hoffnung, in einer unsicheren Welt einen Ankerplatz zu finden.

Erik Prochnow

Stefan Koschitzki & Fabiano Pereira, Brazilian Blues Vol. II (GML Music)

Dass das musikalisch heitere Brasilien durchaus auch den Blues kann und hat, will mancher – dem Klischee erlegen – vielleicht nicht glauben. Auch das deutsche, brasilienaffine Duo setzt den Albumtitel nicht wirklich in die Tat um. Die souverän gefertigten Tracks lassen vor allem vertrauten Sambajazz hören. Wird es mal bluesig, dann klingt es nicht nach Brasilien. Für ein Volume III wäre ein treffenderes „Etikett“ gut.

Katrin Wilke

Landor, Lee Side (Eigenverlag)

Das Bozener Trio um Katharina Schwärzer (Gesang, Violine), Daniel Moser (Bassklarinette, Flöte) und Christian Troger (Akustikgitarre) verbindet keltische und alpine Einflüsse, englisch gesungene Songs und sparsam eingesetzte Elektronik zu einem fast kammermusikalischen Ganzen. Ein ruhiges Album, das an regnerischen Herbsttagen und kalten Wintertagen Wärme schenkt.

Martin Steiner

Lazy Afternoon, Just As Poor As Before (Paraply Records)

Die schwedische Americanaband wirkt relativ brav und sollte schnelle Bluegrasstitel bevorzugen, womit sie am ehesten überzeugt. Wenn man zudem eine Sängerin hat, die an Joan Baez’ klare Stimme erinnert, fragt man sich, wozu noch zwei weitere Leadsänger mitwirken. Mal folkig, mal rockig und oft vom Akkordeon gestützt kommen ihre Songs etwas leblos daher.

Hans-Jürgen Lenhart

Gavin Fairhall Lever, Gavin Fairhall Lever (Penny Fiddle Records)

Zehn Tage auf die Isle of Skye zum Komponieren, dann ins Studio in Nordirland, und fertig ist das Album. Wirklich? Vieles, was die drei Herren auf Fiddle, Kontrabass, Gitarre, Harmonium, Piano plus viermal Gesang abliefern, klingt eher unfertig, was an der improvisatorischen Art der Musik liegen mag. Muss man sich drauf einlassen. Akustischer Indiefolk mit Jazzanklängen.

Mike Kamp

Dawda Jobarteh, Do You Know A Place Called Flekkeroy? (Ajabu! Records)

Ursprünglich stammt der gambische Koraspieler Dawda Jobarteh aus einer Griotfamilie. Allerdings begann er den Zauber der 21-saitigen Harfe erst mit Anfang zwanzig nach einem Umzug nach Dänemark zu entdecken. Auf diesem Album verschmelzen skandinavische Jazztrompeten- und Schlagzeugklänge mit denen der westafrikanischen Kora und Percussion. Kulturen- und Stilverbindendes über Zeit und Raum.

Christoph Schumacher

He Jinhua, Songs Of The Naxi Of Southwest China (Smithsonian Folkways Recordings)

Das Volk der Naxi aus der südwestlichen Yunnan-Provinz in China hat eine lange musikalische Tradition. Zum ersten Mal erscheinen die Volkslieder der tibetisch-burmesischen Ethnie außerhalb Chinas auf CD. Die bekannteste Naxi-Sängerin He Jinhua präsentiert Lieder, die sie seit ihrer Kindheit gelernt hat. Dabei singt sie über die Natur wie die schneebedeckten Berge oder blühende Blumen sowie über die Freude und das Leid des landwirtschaftlichen Alltags.

Erik Prochnow

Kolinga, Legacy (Underdog Records)

Als Duo mit dem Multiinstrumentalisten Arnaud Estor 2014 in Frankreich gegründet, erklingt auf dem neuen Album Legacy nun ein Sextett. Rébecca M’Boungous Musik erzählt von Umbrüchen, Freude und Schmerz, von der Reise eines dunkelhäutigen Mädchens aus der südwestfranzösischen Provinz, das auf Französisch, Englisch und Lingala singt. Autobiografische Chansons harmonisch verpackt in Afrosoul.

Christoph Schumacher

Erika Lewis, A Walk Around The Sun (Free Dirt Records)

Getragener Folkcountry von der Songwriterin, die gern auf ihre Zeit als Straßenmusikerin in Berlin zurückblickt. „In Kreuzberg gibt es sogar ein Mural von mir!“ Elf wunderbar klassisch gehaltene Nummern, die in Pedal-Steel-Gitarren baden. Wer den Duktus ihrer New-Orleans-Jazzband Tuba Skinny erwartet, wird enttäuscht sein, wer Kitty Wells liebt, ist hier goldrichtig.

Martin Wimmer

Lissie, Carving Canyons (Lionboy Records)

Die chartserprobte Songwriterin Lissie Maurus lebt in Iowa, hat die gefühlsintensiven Melodien ihres starken sechsten Studioalbums aber in Nashville auf Hochglanz polieren lassen. An der Oberfläche ohne Dellen und Kratzer, in der Substanz bitterer Trennungsschmerz und hart erkämpfte Selbstermächtigung.

Martin Wimmer

Lera Lynn, Something More Than Love (Ruby Range Records)

Erhabenes sechstes Album der seelenvollen Songwriterin mit hohem Popappeal. Gerade Mutter geworden, setzt sich Lynn mit den körperlichen und emotionalen Folgen von Schwangerschaft und Elternschaft auseinander. Raumfüllende, atmosphärische Sounds, bewusst stark um Synthesizer gebaut, umhüllen nachdenkliche Selbstreflexionen. Bei „I’m Your Kamikaze“ wird’s passend aber auch mal garagenrockiger.

Martin Wimmer

Fiona J. Mackenzie, Tac’ An Teine – The Fireside (Greentrax Recordings)

Ein Folkloristikehepaar auf der Hebrideninsel Canna sammelte von 1932 bis etwa 1965 gälische Lieder und Geschichten. Fiona J. Mackenzie ist die Archivarin dieses Schatzes. Sie hat als gälische Sängerin mit Kollegen und Kolleginnen etliche Lieder neu eingespielt und mit dem Archivmaterial so einfühlsam und intelligent verwoben, dass eine ganz eigene und authentische Atmosphäre entstanden ist. Großartig!

Mike Kamp

Mama’s Broke, Narrow Line (Free Dirt Records)

Die beiden kanadischen Songschreiberinnen und Multiinstrumentalistinnen Amy Lou Keeler und Lisa Maria teilen sich auf ihrem zweiten Album Gitarre, Banjo, Fiddle, Mandoline, Cello und gänsehauttreibenden Harmoniegesang. Sie zelebrieren ihre wunderschönen, teils melancholischen Songs in transparenten, luftigen Folkarrangements. Eine der Entdeckungen der letzten Monate und eine unbedingte Empfehlung.

Ulrich Joosten

David Massey, Darkness At Dawn (Poetic Debris Records)

Der Songschreiber von der US-Ostküste pflegt seinen kritischen Geist auch auf dieser EP mit sieben Stücken. Das düstere Bild einer Natur im Klimawandel zeichnet der Titelsong, und auch sonst äußert Massey beißende Kritik an den Mächtigen der Welt, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Der Folk und Folkrock alter Schule bleibt unauffällig und dient eher als Transportmittel der Botschaft.

Volker Dick

Iain Matthews & The Salmon Smokers, Fake Tan (Continental Song City)

Musikalische Wiederverwertung der gelungenen Sorte. Iain Matthews hat Lieder von seinen Soloalben, von Plainsong und von Matthews Southern Comfort neu aufgenommen, diesmal mit einer erdig klingenden norwegischen Rootsrockband. Darunter sein Erfolgssong, Joni Mitchells „Woodstock“, ein neuer Song und ein Dylan-Cover. Geht richtig gut ab und klingt interessant und anders als die Originale. Ob man’s braucht? Matthews-Fans sicher!

Ulrich Joosten

Kate & Anna McGarrigle, Tant Le Monde – Live in Bremen (MIG)

Die beiden Grandes Dames der frankokanadischen Folkszene Kate (Gesang, E- und A-Gitarre, Akkordeon, Piano) und Anna McGarrigle (Gesang, A-Gitarre, Akkordeon, Piano, Banjo) traten 2005 im Sendesaal von Radio Bremen auf, unterstützt von einer exzellenten Begleitband. Knapp neunzig Minuten mit einigen ihrer erfolgreichsten Songs und Harmoniegesänge zum Dahinschmelzen lassen dieses klangtechnisch gut aufbereitete Livealbum zum Hochgenuss werden.

Ulrich Joosten

Steve McNaughton, Journeyman (Eigenverlag)

Der durchaus erfolgreiche Australier bleibt auch auf seinem vierten Album dem biederen Countrypop treu, mit gelegentlichen Ausflügen in stumpfen Schlagerbeat. Was das schablonenhafte Cover – Mann mit Gitarre auf Eisenbahngleisen – verspricht, halten die spießigen Texte. Gipfel der Abgeschmacktheit ist, wenn er „die teuflischste Droge von allen“ anklagt: den Zucker!

Martin Wimmer

Me And My Friends, Before I Saw The Sea (Split Shift)

Auf dem vierten Album der britischen Band Me and My Friends treffen entspannte Rhythmen auf bittersüße Nostalgie. Während des Lockdowns entwickelte das Quintett mit Klarinette, Cello, Gitarre, Bass und Schlagzeug intim anmutende Stücke über Sehnsucht und Veränderung mit meist zweistimmigem Gesang. Der für die Gruppe typische Afrobeatgroove dringt nur selten durch die elf eng verwobenen Balladen.

Christoph Schumacher

The Miners, Megunticook (Eigenverlag)

Gediegenen Countryrock gibt es von den Miners. Vier angegraute Herren, die gut aufgebaute Songs über die kleinen Dinge des Lebens in die Welt streuen.

Michael Freerix

Molden, Strauss, Pixner, Petrova, Randi, Oame Söö (Bader Molden Recordings)

„Ringelringelraie“ – Volksmusik aus Österreich. Aber Halt. Fröhlich mag es zugehen, aber wenn die drei endlich raus sind aus dem Kinderzimmer, „damma mit Substanzn pfuschn“. Nein, die Musiker um Ernst Molden (git, voc) sind keine Heiligen. Ab dem zweiten Stück tönt ihre Musik nach Rock, Lied und Americana. Austriana vielleicht? Jedenfalls die ideale Mischung, um Geschichten über „arme Seelen“ zu singen.

Martin Steiner

Chris Murphy, Two Rivers Crossing (Friendly Folk Records)

Nach sechzehn Soloalben und unzähligen Meriten als musikalischer Partner vieler namhafter Künstler zeigt der in Los Angeles lebende Chris Murphy auch auf dieser EP seine oft gerühmten Talente als Songschreiber, Violinist und Sänger. Prägnante Songs, eine Stimme, eine Fiddle und einen Looper, mehr braucht es nicht. So erzählt er Geschichten aus dem Leben, denen man gern zuhört.

Volker Dick

Chloe Matharu, Small Voyages (Eigenverlag)

Die Schottin war (oder ist noch?) tatsächlich Nautikerin in der Handelsmarine, und das erklärt die maritime Thematik vieler Songs. Nicht nur ein ungewöhnlicher Job, auch eine ungewöhnliche Stimme, und die Kombination Singer/Songwriterin mit Harfe ist ebenfalls nicht gängig. Penny Whistle, Akkordeon, Violine und einiges mehr kommt hinzu und ergeben eine ziemlich unorthodoxe und einzigartige Mischung.

Mike Kamp

Tim McMillan & Rachel Snow, Orbit (T3 Records)

Der australische Fingerstylegitarrist Tim McMillan und die klassisch ausgebildete Violinistin Rachel Snow schließen nahtlos an das Vorläuferalbum Reveries an, mit ausufernden instrumentalen Zwiegesprächen von großer Schönheit. In Songs mit mystisch anmutenden Texten und atmosphärischem Gesang werden beide Stimmen ineinander verwoben, mit immer wieder überraschenden Arrangements und gelegentlicher Zugabe von Keyboardklängen.

Ulrich Joosten

Felix Meyer & Projekt Île, Später noch immer (SPV Recordings)

Sehr inhaltsvolle, textreiche Lieder und stimmungsvolle Reflexionen präsentiert der ehemalige Straßenmusiker Felix Meyer aus Berlin mit seiner Band Project Île. Es ist ein Album, an dessen Zustandekommen mehrere Gäste und Freunde, zum Beispiel Max Prosa, mitgewirkt haben. Wie kommen wir durch die Welt und die Zeit, wie soll es weitergehen? Wie kommen wir damit klar, dass das Leben irgendwie immer weitergeht?

Rainer Katlewski

Mutz And The Blackeyed Banditz, Stardust (Cargo Records)

So klingen Rockhymnen: Frontmann Mutz gründete diese Band in Celle und zelebriert wuchtigen Hard- und Keltenrock genauso wie Lieder mit mächtig Country- und Südstaatenfeeling. Wer Rockpalast im Fernsehen und das Wacken-Festival verehrt, wird diese Album mögen – immerhin hat diese zupackende Band schon bei beiden Liveformaten gespielt. Hut ab!

Udo Hinz

Optur, Nordic Free Folk (Go’ Danish Folk Music)

Das dänische Quartett beruft sich auf Musiktraditionen seiner Heimat, mal mehr, mal weniger gut erkennbar, wie sich das für „Free Folk“ gehört. Sie beginnen beispielsweise mit einer Polka, improvisieren dann frei, singen zwischendurch ein paar Zeilen, leider derart wild durcheinander, dass kein Wort zu verstehen ist – doch alles in allem eine unterhaltsame Produktion.

Gabriele Haefs

Kateryna Ostrovska, Blondzhendike Lider (DaCasa)

Die jüdisch-ukrainisch-deutsche Musikerin Kateryna Ostrovska (g, perc, voc), manchen bekannt unter ihrem Pseudonym Rosa Morena, legt mit diesem, ihrem dritten Album und unter Hinzuziehung von rund zwei Dutzend Musikerinnen und Musikern ein „pseudowissenschaftliches Experiment“ (so das Begleitheft) vor, das aufzeigen möchte, in welcher Art und Weise andere Kulturen mit „Jiddischkeit“ konfrontiert werden können.

Matti Goldschmidt

Mário Pacheco Feat. Javier Limón, Jaques Morelenbaum, Gustavo Santaolalla, Livre (Qem Tem Unas/Sony Music)

Der renommierte, knapp siebzigjährige Lissaboner Fadogitarrist und bis vor Kurzem auch Betreiber eines sehr populären Fadolokals zelebriert hier seine (Instrumental-)Musik auf welt- und stiloffene, dabei doch die den Fadofans vertraute feierlich-getragene Weise. Und dazu trägt nicht nur die eingeladene internationale Prominenz, saitenmusikalische Unterstützung aus Spanien, Brasilien und Argentinien bei.

Katrin Wilke

Quintetto Basso-Valdambrini, Bossa Nova (Giotto Music)

Das aus dem Jahr 1962 stammende Album des italienischen Jazzquintetts präsentiert brasilianische und Jazzklassiker in Bossa-Nova-Arrangements. Man merkt, hier sind Könner am Werk, die manchmal sogar einen Schuss Nino Rota hinzugaben. Es waren die ersten italienischen Jazzer, die man je in die USA einlud.

Hans-Jürgen Lenhart

Rasgarasga, Helio (Fuego)

Ein Stil zwischen Pop, World, Jazz und elektronischen Einflüssen gespielt auf einer breiten Palette von vierzehn Instrumenten, der Bläser und Geige genauso vereint wie Banjo, E-Gitarre und Akkordeon. Zudem bewegt sich das exzellent harmonierende sechsköpfige Ensemble gekonnt um die neue Sängerin und Komponistin Daria Assmus in vier Sprachen. Das zweite Album der preisgekrönten Formation ist voller Energie sowie Intensität und verspricht ein großartiges Liveerlebnis.

Erik Prochnow

Alastair Savage, Tunes From The River (Woodland Records)

Der Fluss ist der Clyde, wie das Cover beweist, aber der Violinist/Fiddler Savage bezieht seine Inspirationen aus allen Ecken Schottlands wie Skye, Arran und Lewis. Einige seiner Tunes haben auch Verbindungen nach Amerika. Sieben Begleitende plus Vilma Timonen mit der Kantele machen Savages sechstes Album zu einem delikaten Hörerlebnis nicht nur für Freunde der Fiddle.

Mike Kamp

Solju, Uvjamuhota/Powder Snow (Nordic Notes)

Solju ist Samisch und bezeichnet die Silberbrosche der samischen Tracht (an solju = „Silber“ sehen wir, dass Samisch gar nicht so schwer ist). Absolut silbern und edel sind Gesang und Musik des Mutter-Tochter-Duos, Ulla Pirttijärvi und Hilda Länsman, die in ihren Liedern samische Stile und Joik mit Einflüssen aus der Popmusik verbinden. Es geht um Schwesternschaft, Zusammenhalt und den Kampf um das samische Land.

Gabriele Haefs

Mystix, Tru Vine (Eigenverlag)

Bei diesem Album spielt immerhin Luther Dickinson Sologitarre, auch wenn er nicht Teil der Band ist. Und ganz am Ende der langen Liste musikalischer Gäste taucht auch noch Spooner Oldham auf, was klarmacht, dass diese Musik tief im elektrischen Blues verankert ist, mit Blick in Richtung der mystisch anmutenden Sümpfe von Louisiana.

Michael Freerix

Dan Navarro, Horizon Line (RedHen Records)

Seelenvolle Songs gibt es vom US-amerikanischen Vagabunden Dan Navarro, die den Hauch von Fernweh und Reiselust ausströmen. Nichts Ungewöhnliches, doch schön gemacht und schon auch mit persönlicher Note.

Michael Freerix

Lucas Niggli – Matthias Loibner, Still Storm (Intakt Records)

Ein Weltklassepercussionist und -drummer sowie ein Innovator und Topinstrumentalist an der elektroakustischen Drehleier haben sich zu einer vierstündigen Improvisationsaufnahmesession getroffen, von der sechzig Minuten hier enthalten sind. Es sind akustische Gedankenspiele, und wer sich auf diese Art freier Musik einlassen kann, erlebt einen Klangkosmos von großer emotionaler Dichte mit faszinierenden Klängen, überwältigend und bildgewaltig.

Ulrich Joosten

Nobutthefrog, Rhythm Of Your Soul (Bekassine Records)

Sie sind Reisende in der Musik und im Leben. Das Folkduo aus Nürnberg reist mehr als die Hälfte des Jahres durch Europa und musiziert auf Straßen, in Kneipen und an anderen Orten. Auf ihrem Debüt erzählen Anka Slavik und René Huber ihre Geschichten von Bergen, Küsten und Begegnungen. Mit ihrem zweistimmigen Gesang, dem harmonischen Zusammenspiel von Violine und Gitarren, viel Rhythmus sowie den musikalischen Einflüssen der Welt sind sie ein Geheimtipp.

Erik Prochnow

Nik Nova, At The Crossroads (Timezone Records)

Erst denkt man an Singer/Songwriter, dann an Blues, dann an Rock und dann an Grunge. Der Kölner Sänger und Gitarrist verbindet auf seinem Debüt mit seiner Band die Genres und füllt sie mächtig mit Gefühlen und Weltschmerz. Die großartigen Songs bohren sich in ihrer emotionalen Intensität beim Hören in die Seele. Jeder der zehn Songs ist ein ganz persönliches Statement.

Udo Hinz

Charles O’Hegarty, The More I Travel (The Lollipop Shoppe)

Der Londoner Charles O’Hegarty (1937-2010) ging als Folksänger on the road . Ab 1963 lebte er in Kanada, San Francisco und New York. Die aufbereiteten 23 Aufnahmen stammen von 1964 bis 1970 und bieten überwiegend Unveröffentlichtes. Keine verschollenen Juwelen, dafür Zeitgeist pur – an Songauswahl, Fingerpicking, Arrangements und Sound.

Almut Kückelhaus

Oporto, Lowlifes (Funkloch Musik)

Bluesrock und Rock ’n’ Roll mit einer kräftigen Prise Americana und Country spielt diese Band aus Bamberg. Ihr zweites Album bietet zehn mitreißende und großartige Songs mit viel Streetfeeling. Mächtig Alarm machen die Musiker auf Schlagzeug, Kontrabass und zwei Gitarren. Die außergewöhnlich folkige Klangfarbe bringt die Geige in die Stücke. So hört man bluesigen Rootsrock selten.

Udo Hinz

Barry Oreck, Leap Year (Eigenverlag)

Ganz traditionell mit Gitarre, akustischem Bass und Geige eingespielt ist dieses Album von Barry Oreck, das vom Thema her die Zeit des Coronavirus beschreibt, aber vor allem wie ein hoffnungsvoller Pete Seeger der Gegenwart klingt.

Michael Freerix

Diane Patterson, Satchel Of Songs (Eigenverlag)

Anspruchsvolle Arrangements, die eine perkussiv-funkige Grundstimmung erzeugen, wie man sie von Ani DiFranco kennt. Diese gastiert als Sängerin, ihr Ehemann Mike Napolitano produzierte. Die Texte lassen nichts aus, die Rentiere der Samen, Krieg in Syrien, Odin und Walhalla, Sitting Bull und Ölpipelines, Interpretationen des persischen Dichters Rumi. Kann in Summe auch mal anstrengend werden.

Martin Wimmer

Jim Patton & Sherry Brokus, Going The Distance (Berkalin Records)

Etwas aus der Zeit gefallener Songwriter, der Geschichten aus dem einfachen Leben erzählt. Trotz der vielen üblichen Verdächtigen aus Austin (BettySoo, Bill Kirchen, Warren Hood, Rich Brotherton) zu belanglos.

Martin Wimmer

Herbert Pixner Projekt, Schïan! (Three Saints Records)

„Finest Handicrafted Music From The Alps“, steht auf dem Cover. Schon in der „Prélude“ wird klar, dass Alpenmusik nicht mehr das ist, was sie einmal war. Herbert Pixner schafft mit dem Klang seines Akkordeons den Alpenbezug, doch da sind die singende E-Gitarre und der E-Bass, die Erinnerungen an lange Kerzenabende mit Progrock wachrufen. Blues, Rock und Tango tun den Alpen gut.

Martin Steiner

Plainsong, Following Amelia – The 1972 Recordings & More (Cherry Red Records) 6-CD-Box, 44 S. Booklet, mit umfangreichen Liner Notes u. Fotos

118 Tracks zum fünfzigjährigen Jubiläum des legendären Albums In Search of Amelia Earhardt , das in neuer Überspielung von den originalen Mastertapes und digital neu gemastert enthalten ist. Außerdem das zweite Album, Now We Are 3 , Aufnahmen der 1972er BBC-Radiosessions und ein Livekonzert der wiedervereinigten Band aus dem Jahr 1993. Weiterhin enthält die opulente Box zahlreiche bisher unveröffentlichte Tracks (über 50 Prozent des Materials). Wenn’s nicht nervt, dass man die meisten Songs in fünf- bis sechsfacher Ausführung bekommt.

Ulrich Joosten

Ragawerk, Ragawerk (L + R Records)

Eine einzigartige Melange aus indischen Ragas und hippen westlichen Grooves offeriert das Projekt Ragawerk der Frankfurter Musiker Max Clouth (g) und Martin Stanke (dr). Das erinnert bisweilen ans legendäre Mahavishnu Orchestra ohne dessen bisweilen brachiale Energie. Sehr feine klangliche Expeditionen, klar im Jazzrock verwurzelt, und eine musikalische Gästeliste vom indischen Subkontinent, die sich sehen lassen kann, unter anderem Sängerin Asha Putli.

Rolf Beydemüller

Courtney Hale Revia, Growing Pains (Eigenverlag)

Saftige Americana aus Osttexas, die sich in ihren besten Momenten (von denen es einige auf dem Album gibt) zu überschwänglichem Countryrock steigert. Trotz des Titels und des Nachrufs auf ihren an Corona verstorbenen Vater voller Lebenslust und Energie.

Martin Wimmer

Josh Rouse, Going Places (Yep Roc Records)

Die Coronazeit hat Josh Rouse mit seiner Familie in Spanien verbracht, sich also eine lange, geradezu urlaubsmäßige Auszeit genommen und neue Songs geschrieben. Dementsprechend leicht klingt dieses neue Album, voller Sonne und Sonnenuntergänge, gelegentlich leicht schaukelig mit Hawaiigitarre.

Michael Freerix

Sandro Roy, Discovery (Skip Records)

Die Sandro Roy Unity Band, das Quartett um das große Ausnahmetalent an der Violine Sandro Roy macht auf diesem Debüt klar, dass sie zu den vielversprechendsten Formationen auf dem Gebiet des Gypsy-Swing-Jazz zu zählen sind. Geadelt wird die exzellente Einspielung durch hochkarätige musikalische Gäste wie Bireli Lagrene und Martin Taylor. Ein echtes Feuerwerk an überschäumender Energie.

Rolf Beydemüller

Tschavolo Schmitt, Miri Chterna (Mambo Productions)

Man möchte weinen, so herzzerreißend sentimental beginnt das neue Album des französischen Gypsygitarristen Tschavolo Schmitt mit „Seul Ce soir“. Im zweiten Track „J’Attendrais“ fügt ein sparsam agierendes Streichquartett den fließenden Linien der Swinggitarre eine herrliche Wärme hinzu. Es ist schwer, aus dem Schwärmen wieder herauszukommen. Warum auch? Hier waltet ein Meister seines Faches.

Rolf Beydemüller

Paul Sies, Why Nicht (Unserallereins)

Hinter vielversprechenden Titeln wie „So romantisch, ein Penner zu sein“ oder „Deutscher Humor“ stecken sarkastische Chansons, meist als monologischer Sprechgesang serviert und ziemlich kabarettistisch. Mit provozierenden Phrasen kreisen sie zwischen Gefühlen persönlicher Zerrissenheit und Gesellschaftskritik. Der Auch-Schauspieler begleitet sich am Piano, was Gedanken an Robert Kreis oder Pigor nahelegt.

Imke Staats

Gerdo Sintrenza, Babuchas De Seda Granate (Frau Batz Records)

Der Mann, im „anderen“ Leben Gerd Knebel und die eine Hälfte des Duos Badesalz, muss Humor haben. Die spanischsprachigen natives in seiner Hörerschaft am besten auch. Ein musikalischer „Möchtegern-Spanier“, dessen Songs mal gen Pop, Rock oder Funk wandeln. Er kam – wie es heißt – ganz einfach so auf den Geschmack, seine Lebensgeschichten auf Spanisch intonieren zu wollen. Vergnügliche Heimspiele wird er damit womöglich haben.

Katrin Wilke

Shovelin Stone, Summer Honey (Eigenverlag)

Die Band betont, dass sie ihr Album tief in den Bergen der Appalachen aufgenommen hat. Tatsächlich klingt Summer Honey wie ein Feierabendprojekt von Bergarbeitern. Akzente setzen die raue Stimme des Sängers und der Banjospieler, durch den diese Band sich näher am Folk als am Rock bewegt. In den Songs geht es um zu viel Alkohol, eifersüchtige Liebe und um den Zweifel an Jesus. Wenn das keine Empfehlung ist?

Michael Freerix

Spöket I Köket, Kurbits & Flames (Gammalthea)

Der Spuk in der Küche schlägt wieder zu. Laut Info eine „nordisch-kanadische“ Gruppe, die Musik entpuppt sich jedoch alsbald als rein schwedisch. Angelehnt an traditionelle Klänge, angereichert durch Big-Band-Elemente, entsteht eine mitreißende Mischung mit ungewöhnlicher Wirkung: durch die Posaunen klingt die eine „Polska“ wie die Musik zu einem Martinszug und die andere durch Trompeten mexikanisch!

Gabriele Haefs

Ralf Steinbacher, The Last Day Of The Hunting Season (Eigenverlag)

Blues liegt in der Luft, wenn der Augsburger Sänger und Songwriter zur Gitarre singt. Im Song „The Ghost Of Robert Johnson“ singt er sogar über die Countryblueslegende. Doch dieser Musiker geht vom Blues immer wieder weit weg: zum Rock mit Schlagzeug und Hammondorgel oder zum klassischen Singer/Songwriter mit einer melancholischen Viola. Dieses inspirierende Album öffnet stilistische Türen.

Udo Hinz

Carmen Souza, Interconnectedness (Galileo-MC)

Wer dem Charisma der Wahllondoner Sängerin aus Lissabon mit kapverdischen Wurzeln verfallen ist, bleibt ihr auch auf ihrem zehnten Album treu. Nichts wird hier neu erfunden, doch klingt alles frisch und überraschungsreich. Neben Eigenkompositionen von ihr und Langzeitmusikpartner Theo Pascal gibt es wieder originelle Covers („Pata Pata“, „My Baby Just Cares For Me“), deren Schöpfer man im Booklet, warum auch immer, unterschlägt.

Katrin Wilke

Tau & The Drones of Praise, Misneach (Glitterbeat)

Die acht Tracks haben wenig mit gewohntem Irish Folk zu tun. Stampfende Beats und beschwörende Gesänge knüpfen an die Musik indigener Völker an. Die Band mit Drums, Bass und Synthesizer erinnert streckenweise an psychedelische Sounds der Hippiezeit. Dazu kommen zahlreiche Gastbeiträge. Das Zusammenfügen vieler Facetten macht dieses ungewöhnliche Album aus.

Almut Kückelhaus

Tiree, Open Arms Live (Eigenverlag)

Aus Hundsmühlen im Landkreis Oldenburg stammt die Band Tiree, benannt nach einer Hebrideninsel. Doch trotz Dudelsack ist es weniger Scottish Folk als ein Wechsel englischer, französischer und auch italienischer Borduntanzmusik sowie englischer Lieder. Ein bestens eingespieltes Ensemble. Leider keine Texte im Beiheft.

Michael A. Schmiedel

Tini Trampler & Playbackdolls, Chansons 2084 (Medienmanufaktur Wien)

Geheimnisvolle, verträumte, laszive Chansons bringt aus Wien die Schauspielerin und Texterin Tini Trampler eindrucksvoll zu Gehör. Hundert Jahre nach 1984 siedelt sie sich mit ihrer Band Playbackdolls um Stephan Sperlich an, um atmosphärisch unter anderem mit Akkordeon, Trompete und Piano das Heute einzufangen. Diese Chansons muss man auf sich einwirken lassen, sie erschließen sich nicht unmittelbar.

Rainer Katlewski

Alberto N. A. Turra/Peppe Frana, Jinn (Felmay)

Die Italiener Alberto N. A. Turra (E-Gitarre) und Peppe Frana (Oud) sind weit über ihr Heimatland für ihr facettenreiches und bei Bedarf virtuoses Spiel bekannt. Auf ihrem ersten gemeinsamen, starken Album intonieren sie sieben Titel in je sechs bis zehn Minuten. Es sind Eigenkompositionen sowie traditionelles türkisches und armenisches Liedgut – mal energetisch, mal meditativ, aber nie flach.

Ines Körver

Michael Veitch, Wachtraum (Burt Street Music)

Michael Veitch nimmt uns mit auf eine Reise durch ein Jahr: Neujahr, Valentinstag, Aprilscherze, Unabhängigkeitstag, Geburtstag, der erste Schnee, Weihnachten – alle Höhepunkte kriegen auf diesem Konzeptalbum ihren Song ab. Ungeachtet des düsteren nachtschwarzen Covers ist das eingepackt in sonnige Siebziger-Songwritermusik.

Martin Wimmer

Wally, Alles halb so wild (Sunny Bastard Record)

André „Wally“ Wahlhäuser weiß, was er will, und macht alles selbst. Den ganzen Rock will er, darin hat er viel Erfahrung als Gitarrist in anderen Bands; das Verhalten mancher Menschen will er nicht , deswegen singt er über die Unzulänglichkeiten der anderen und was systemisch so schief geht. Natürlich mit der sich geziemenden Portion Selbstironie und viel Charme.

Imke Staats

Sarah Weiss, 12 Months Of Flying (Eigenverlag)

Die Welt ist voller unentdeckter Talente. Die vielversprechende Sängerin aus Flensburg ist eines davon. Die zwölf auf der Gitarre oder dem Klavier entstandenen Songs sind nachdenklich und voller Potenzial. Sie erzählen von Liebe, Abschied, Konflikten und lebensverändernden Momenten. Sarah Weißs Musik zwischen Pop und Folk klingt dabei so reif als würde sie seit Jahren auf großen Bühnen zu Hause sein – und es wäre eine Überraschung, wenn wir sie dort nicht eines Tages treffen würden.

Erik Prochnow

Kyle Warren, Relentless (Greentrax Recordings)

Der schottische Piper sammelt Trophäen wie andere Menschen Briefmarken, was auf diesem Album aber nur bedingt hörbar ist. Die Musik geht nämlich eher in Richtung Red Hot Chilli Pipers, deren Mitglied er gar nicht so zufällig ist. Großer Unterschied allerdings: Er verarbeitet keine Rockklassiker, sondern interpretiert seine eigenen, intelligenten und eingängigen Melodien. Macht Spaß!

Mike Kamp

Chris Wenner, Maywind (Mara Records)

Mit 64 Jahren hatte der deutsche Singer/Songwriter 2020 seinen ersten Plattenvertrag. Jetzt erscheint sein zweites Album. Zwölf neue, englischsprachige Songs zeigen, dass er Lieder schreiben kann, die im Kopf, im Herz und im Ohr bleiben. Dezent instrumentiert, singt er mit seiner markanten hellen Stimme zur akustischen Gitarre. Jedes Lied erzählt von den Höhen und Tiefen des Lebens.

Udo Hinz

Matyas Wolter/Yatziv Caspi, A Journey In Sound (Eigenverlag)

Klassische nordindische Ragas sind hierzulande selten zu hören. Und was uns folkloristisch scheint, ist vielmehr indische Hochkultur, vergleichbar mit westlicher klassischer Musik, hochartifiziell und ausformuliert. Matyas Wolter hat sich als Sitar- und Surbaharspieler tief auf diese alte Kunstform eingelassen. Die Früchte dieser außergewöhnlichen Lebensarbeit sind auf A Journey in Sound zu hören. Ebenbürtiger Partner auf dieser Klangreise an Tabla und Pakhawaj ist Yatziv Caspi.

Rolf Beydemüller

World.Wide.Wig, World Wide Wig (Himpsl Records)

World.Wide.Wig ist ein Projekt von Ludwig Himpsl, einem studierten Hornisten und begeisterten Percussionisten, den man auch von Bavachôro und der Familienband Unterbiberger Hofmusiker kennt. Hier präsentiert er in Trio- bis Sextettformationen eigene Stücke. Die klingen mal nach Orient, mal nach Balkan, Afrika, Alpen oder Brasilien. Gespielt wird auf Dutzenden Instrumenten – Vierteltonmarimba inklusive.

Ines Körver

Steve Yanek, Long Overdue (Primitive Records)

Gloriose Gitarren, jubilierende Chöre, hymnische Melodien. Die ehrliche Art von Heartland Rock, für die man sich mächtige Verstärker und wuchtige Boxen angeschafft hat. Top besetzt mit Musikern wie Kenny Aronoff oder Billy Payne.

Martin Wimmer

Johanna Zeul, Feuer im Herzen (Eigenverlag)

Muntere, bunte Popmusik singt aufgekratzt Johanna Zeul aus Berlin. „Die Melodie ist gut und geht ins Ohr“ heißt es in einem Lied, und das passt. In ihren Liedern zofft sie sich gerne mit den jeweiligen, langweiligen Lebensabschnittsgefährten, heftig, witzig und deftig. Musikalisch geht es ebenso bunt wie unkonventionell zur Sache. Ein musikalischer Paradiesvogel von erfrischender unbekümmerter Direktheit.

Rainer Katlewski

Zaruk, Agua (Arco Del Valle)

Das Duo der Cellistin Iris Azquinezer und des Gitarristen Rainer Seiferth taucht auf ihrem Folgealbum zu Hagadá (2016) in das Element Wasser ein. Poetisch, verspielt und vielgestaltig begegnen sie dem lebensspendenden Stoff. Tränen, Nymphen, Schnee, Meer. Klassische Anleihen bei Tárrega und Sibelius, sephardische, galicische, portugiesische und bulgarische Lieder dienen als Grundlage für die „wässrigen“ Erkundungen. Einzelne Gäste bereichern den zarten Klangkosmos des Duos.

Rolf Beydemüller

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