Auch wenn die „Me Too“-Bewegung viel im Bewusstsein der Öffentlichkeit verändert hat, bleibt das Thema sexueller Missbrauch in der Musikbranche ein Tabu. Doch vor allem weibliche Fans fallen der Ausnutzung von Machtpositionen durch Musiker zum Opfer. Aus Mangel an Beweisen kommen die Künstler meist ungeschoren davon. Auch Konstantin Wecker konnte mit einem Gerichtsurteil gegen die Veröffentlichung eines Artikels der Süddeutschen Zeitung über seine missbräuchlichen Beziehungen zu jungen weiblichen Fans einen vorläufigen Sieg erringen. Nun hat eine dieser Frauen ihre Erfahrungen mit dem von ihr seit Kindertagen verehrten Künstler in einem kleinen Buch zusammengefasst, das auch viele Gedichte an und über den Liedermacher enthält, in denen sie ihre Gefühlswelt offenlegt. „Menschen, die ihre Machtposition ausnutzen, gab es schon immer. Nur indem wir solche Themen enttabuisieren, kann sich etwas ändern“, erläutert die 38-jährige Autorin und Inhaberin des Berliner Verlags Goldblatt ihre Motivation für die Veröffentlichung. In ihrem Buch erzählt Franz sehr nüchtern über ihre Beziehung zu Wecker, reflektiert die Fakten und beschönigt auch nicht ihr eigenes Verhalten. „Inzwischen weiß ich, dass das, was vor 20 Jahren geschehen ist, nicht richtig war und dass es mir geschadet hat – auch wenn damals nichts gegen meinen Willen passiert ist“, so Franz, die sich sowohl an Fans als auch an Künstler wendet. Sie ist neun, als sie Wecker zum ersten Mal nach einem Konzert um ein Autogramm bittet. Fünf Jahre später übergibt sie ihm auf einer Lesung persönlich einen Liebesbrief – und er schreibt zurück. Als sie siebzehn ist, lässt sie ihn auf ihrem Arm unterschreiben, und er fragt sie, ob sie nicht am nächsten Morgen in sein Hotel kommen möchte. Dort kommt Wecker dann schnell zur Sache und die beiden haben mehrmals Sex. Mit ihrer Offenheit will Franz deutlich machen, dass Fans, die einen älteren oder überhaupt einen Musiker verehren, die Situation nicht einschätzen können. Man treffe sich nicht auf Augenhöhe und verwechsle Freundlichkeit mit wirklichem Interesse, man fühle sich auserwählt. Franz: „Der Körper hätte nie eine Währung für vermeintliche Wertschätzung werden dürfen.“ Selbst als Wecker ihr nahelegt, niemandem von dem Treffen zu erzählen, findet Franz die Geheimnistuerei aufregend. Doch als Wecker in der Folgezeit zwar den Kontakt mit ihr hält, aber immer distanzierter wird, merkt die junge Frau, was die Begegnung emotional mit ihr gemacht und wie sehr diese sie in eine Depression gestürzt hat. Es soll Jahre dauern, bis sie sich das wirklich eingesteht und davon befreit. 2013 kommt es sogar noch einmal zu einem Treffen in Berlin, bei dem es Wecker wieder nur um Sex geht. Doch diesmal lässt Marie Franz sich nicht darauf ein. Musiker streben oft nach Anerkennung oder sogar Verehrung durch ihre Fans, die wiederum ihre eigenen Wünsche in die Künstler projizieren und alles für den Kontakt mit ihnen tun würden. Mit ihrem Buch macht die Autorin deutlich, dass diese Macht leicht ausgenutzt werden kann. In diesem Beziehungsverhältnis hätten zwar weibliche Fans, auch minderjährige, auf dem Papier die Möglichkeit, Nein zu sagen. In der Realität könnten sie es aber meist nicht. „Stattdessen versucht man ihnen einzureden, dass sie selbst schuld seien“, sagt Franz, die weiß, dass nicht viele Fans innerlich so stark sind, um das Geschehene hinter sich zu lassen. Ein überfälliges und wichtiges Buch. Mit ihrer Offenheit gelingt es der Autorin hervorragend, aufzuklären und einen dringend notwendigen Diskurs anzuregen.
Erik Prochnow
Marie Franz:
Auserwählt. – Berlin : Goldblatt-Verl., 2026. – 90 S.
ISBN 978-3-948676-05-6 – 22,00 EUR
Bezug: www.goldblatt.de





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